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11. Spieltag: Details

Werder Bremen – VfB Stuttgart 2:0 (1:0)

Werder bezwingt Stuttgart mit einer engagierten und gut organisierten Leistung. Skripniks taktische Ideen neutralisieren das Stuttgarter Offensivspiel über weite Strecken. Zwei Ecken sorgen für die Entscheidung zugunsten Werders.

Die Rautenevolution geht weiter

Es hatte sich an den Tagen vor dem Spiel bereits angedeutet, dass Skripnik in seiner Heimpremiere ohne Obraniak und Aycicek beginnen würde. Stattdessen kehrte der zuvor aussortierte Elia zurück ins Team (was heißt eigentlich “Fingerspitzengefühl” auf Ukrainisch?). Was so manchem Fan Schweißperlen auf die Stirn trieb, stellte sich als cleverer Schachzug heraus, denn Skripnik setzte taktisch dort an, wo er in der zweiten Halbzeit gegen Mainz aufgehört hatte. Er hob die “Pseudo-Raute”, die Spielverlagerung letzte Woche erkannte, sozusagen auf die nächste Stufe.

Werder Bremen defensiv

Werder im 4-4-1-1 / 4-3-2-1 Zwitter gegen den Stuttgarter Spielaufbau

Gegen den Ball spielte Werder meist ein 4-4-1-1, mit Elia in einer passiven Rolle zwischen Stoßstürmer Di Santo und einer Viererkette aus Bartels, Fritz, Kroos und Junuzovic. Auf Angriffspressing verzichtete Werder über weite Strecken des Spiels, lediglich Di Santo lief ab und zu die gegnerischen Innenverteidiger an. Elia hingegen begnügte sich damit, die Passwege halblinks vor den beiden Viererketten zuzustellen und rückte manchmal sogar weit mit ein. Auf der rechten Seite gab es ein sehr interessantes Wechselspiel zwischen Fritz und Bartels, die häufiger die Positionen tauschten (was unter anderem mit Bartels Offensivrolle zusammenhing, doch dazu später mehr) und abwechselnd aus der Kette herausrückten. So ergaben sich immer wieder 4-3-2-1 Formationen, die schon gegen Mainz zu erkennen waren. Alles in allem war das Defensivspiel darauf ausgelegt, das Zentrum dicht zu machen und den Stuttgarter Aufbau auf den Flügel zu lenken.

Werder offensiv: Die Formation kippt zur Raute

Werder offensiv: Die Formation kippt mit vielen Diagonalbewegungen zur Raute

Bei eigenem Ballbesitz formierte sich Werders Mittelfeld auf recht interessante Weise um. Bartels übernahm die Rolle des Zehners, der in dieser Variante der Raute jedoch keinen Spielgestalter gab, sondern sich als Durchlaufstation hinter den beiden Spitzen postierte, teilweise sogar zu ihnen aufschloss. Elia spielte wie erwartet sehr linkslastig und ging auch offensiv häufig auf den linken Flügel. Junuzovic rückte als linker Rautenspieler ebenfalls weit mit auf. Die unter Dutt zu beobachtenden Linkslastigkeit war also immer noch präsent, wenn auch in etwas anderer Form. Allein durch diese unterschiedliche Positions- und Rollenverteilung in Defensive und Offensive ergaben sich einige interessante Rochaden im Mittelfeld, auf die sich der VfB einstellen musste. Werder bespielte nach Balleroberung im Mittelfeld die Lücken in der Stuttgarter Defensive mit direkten Vertikalpässen und kam einige Male gut durch die Halbräume an den Strafraum (so etwa bei den beiden Chancen durch Junuzovic).

Zwei Ecken entscheiden unterdurchschnittliches Spiel

Insgesamt war Werders Offensivspiel jedoch weiterhin geprägt von vielen Ungenauigkeiten im Passspiel, teils schwacher Ballverarbeitung und individuellen Fehlern bei der Entscheidungsfindung (Elia!). Letztlich war man daher aus dem Spiel heraus kaum gefährlich. Gerade das eigene Aufbauspiel weist noch viele Schwächen auf. Zum Glück für Werder hat der VfB ein massives Problem beim Verteidigen von Freistößen und Eckbällen, das im Duell zweier unterdurchschnittlicher Teams letztlich entscheidend war. Prödls Kopfballtor ist schwer zu verteidigen und fällt für mich in die Kategorie “kann mal passieren” (ein halber Scorerpunkt geht an Di Santo für sein Blockieren). Das Tor von Bartels darf hingegen aus Stuttgarter Sicht niemals fallen, so schön es auch in der Umsetzung war. Wie man als raumdeckendes Team eine flache Ecke an den Elfmeterpunkt zulassen kann, wird wohl ein Geheimnis des VfB bleiben – Armin Veh war jedenfalls sehr verärgert nach dem Spiel.

Der Bremer Sieg ist aufgrund dieser Schwäche des Gegners verdient, wenngleich Werder in der ersten Halbzeit auch etwas Glück hatte, als zunächst Gentner frei vor dem Tor eine Hereingabe mit dem Kopf nicht richtig erwischte und kurz darauf Wolf mit starker Parade gegen Harnik rettete. Nach dem 2:0 schien der Widerstand des VfB jedoch gebrochen. Wie schon in Mainz gelang es Werder mit zunehmendem Selbstvertrauen immer besser, die eigene Ordnung und den Gegner fern vom Tor zu halten. So hatte Stuttgart zwar über die kompletten 90 Minuten mehr vom Ball, verbrachte aber erhebliche Zeit damit, denselbigen durch die Abwehrreihe laufen zu lassen. Gefährliche Zuspiele an den Strafraum waren nur selten zu sehen, auch wenn in der ersten Halbzeit einige gute Diagonalbälle von links in den Strafraum gespielt wurden.

Nordderby und ein Nordlicht

Es lässt sich darüber streiten, ob die Länderspielpause für Werder zur Unzeit oder genau rechtzeitig kommt. Für die erstgenannte Theorie spricht das Momentum, jenes wunderbare Phänomen, das sich seit dem Trainerwechsel zu Werders Gunsten gedreht zu haben scheint. Dagegen sprechen die zahlreichen spielerischen Mängel in Werders Spiel, an denen in den zwei Wochen vor dem Nordderby gearbeitet werden kann. Während sich Skripniks Handschrift bislang nur auf einige wenige, aber durchaus wichtige, Umstellungen sowie eine stark veränderte Ansprache beschränkt, könnte beim Spiel in Hamburg bereits ein größerer Fortschritt im spielerischen Bereich erkennbar sein.

Nachdem Elia erneut nicht überzeugt hat, könnte Dutt Skripnik wieder auf einen seiner beiden Spielmacher in der Startelf setzen. Fin Bartels – dessen Rolle gegen Stuttgart zum Interessantesten gehörte, was Werder in dieser Saison taktisch zu bieten hatte – dürfte dann wieder neben (bzw. hinter) Di Santo rücken. Als intelligenter und konterstarker Spieler ist Bartels für Werder derzeit viel wichtiger, als ihm viele vor der Saison zugetraut hätten. In einer Zeit, in der Werder häufig im Zusammenhang mit verbranntem Kapital und Transferflops genannt wird, ist das eine willkommene Abwechslung.

25. Spieltag: Unentschieden mit Fragezeichen

Werder Bremen – VfB Stuttgart 1:1 (0:0)

Mit einem glücklichen Punkt gegen Stuttgart setzt Werder die positive Serie im Abstiegskampf fort und hält sich einen weiteren Konkurrenten vom Leib. Stuttgart dominierte die zweite Halbzeit, aber Werder hatte mit Hunts Freistoß die passende Antwort parat.

Mittelfeldvermeidung

Robin Dutt ließ sein Team im Vergleich zum Auswärtssieg in Nürnberg unverändert und vertraute erneut auf eine Mittelfeldraute. Huub Stevens stellte sein Team wie erwartet etwas defensiver auf als zuletzt und ließ sein Team recht tief verteidigen. Wer den VfB unter dem neuen, für Defensivkünste bekannten Trainer jedoch mit einer abwartenden Herangehensweise in der Anfangsphase erwartet hatte, wurde überrascht. Stuttgart übernahm wenn möglich selbst das Kommando und versuchte den ebenfalls tief stehenden Gegner über lange Pässe auf die Flügel unter Druck zu setzen. Werder blieb nicht ganz so passiv wie in den letzten Spielen und wurde durch Stuttgarts weitgehenden Verzicht auf Angriffspressing zu einem langsamen Spielaufbau gezwungen. Wie gehabt resultierte dies in Querpässen und langen Bällen, die meistens auf die Flügel gespielt wurden, um Kopfballduellen mit Niedermeier und Rüdiger zu entgehen. Auch Stuttgart war darauf bedacht, das Mittelfeld schnell zu um- bzw. überspielen, um die eigenen Schwächen im Spielaufbau nicht zum Tragen kommen zu lassen.

Insgesamt spielten beide Mannschaften viel über die Flügel (auf beiden Seiten kamen nur je 19% aller Angriffe durchs Zentrum) und tendierten dabei jeweils zu ihrer linken Angriffsseite. Dadurch, dass Werder öfter und weiter aufrückte als zuletzt, ergaben sich oft Räume zwischen Mittelfeld und Abwehrkette, in denen besonders Traoré häufig anspielbar war. Auch deshalb hatte Werders Raute in diesem Spiel früher Probleme mit dem breit angelegten Stuttgarter Spiel. Bargfrede musste in der Defensive häufig auf die Außenbahn hinausschieben (vor allem nach rechts). Da Obraniak erneut etwas höher und flügellastiger agierte, als Junuzovic auf der anderen Seite, taten sich Lücken im Zentrum auf, die der VfB jedoch nur unzureichend nutzte.

Dutt wartet, Niedermeier trifft

Zur Pause hatte ich fest mit einer Umstellung bei Werder gerechnet, doch Dutt behielt die Raute zunächst bei, was vielleicht auch an der relativen Ungefährlichkeit der Stuttgarter beim Abschluss lag. Trotz Elfmeters hatte der VfB bis zur Pause keinen einzigen Schuss aufs Tor. Nach dem Wechsel war Stuttgart jedoch präsenter und bespielte noch gezielter die Lücken in Werders Formation. Es ist erstaunlich wie ballsicher die Gäste dabei phasenweise agierten, während sie ansonsten doch massive Probleme im Passspiel offenbarten. Werder gelang es in dieser Phase nicht mehr, den Stuttgarter Druck vom Strafraum fernzuhalten. Das Führungstor fiel dennoch nach einer Standardsituation, als sich Prödl bei einer Flanke verschätzte und Niedermeier so frei vor Wolf an den Ball kam. Gibt es in der Situation eine Möglichkeit für den Torwart den Ball zu antizipieren und wegzufausten?

Dutt reagierte auf den Rückstand mit der Einwechslung Kobylanskis für den erneut schwachen Petersen. Es blieb zunächst bei der Raute, doch schon nach kurzer Zeit wechselte Kobylanski auf die rechte Außenbahn und Werder verteidigte fortan im flachen 4-4-2. Mit der Einwechslung von Elia für den ebenfalls schwachen Obraniak sollte der Druck über die Außenbahnen erhöht werden. Zwischen der 60. und 75. Minute hätte Stuttgart das Spiel entscheiden müssen, vergab aber die beste Chance durch Sakai. Für Werder ergaben sich auf der anderen Seite nur wenige gute Gelegenheiten. Somit war es wenig überraschend eine weitere Standardsituation, die das Spiel ausglich. Das Tor war wohl in erster Linie Lukimyas Verdienst.  Hunt gab nach dem Spiel zu, den Ball eigentlich über die Mauer zu spielen versucht zu haben.

Hunts Ausgleich kaschiert die Defizite

Nach dem Ausgleich schien das Momentum in Werder Richtung zu kippen, doch letztlich blieben die Angriffe zu ungefährlich, um den Sieg noch zu erzwingen. Unterm Strich bleibt ein etwas glücklicher Punkt in einem schwachen Spiel gegen einen VfB Stuttgart, der nicht wirklich überzeugte, jedoch die gegnerischen Schwächen besser auszunutzen wusste. Mit dem Punkt kann Werder gut leben, mit dem Spielverlauf weniger. Zwei Erkenntnisse sollten Dutt zu denken geben: Verteidigt der Gegner seinerseits tief, hat Werder nur wenige Mittel, um offensiv Druck zu machen. Hohe Bälle an die Seitenlinie sind als prägnantester Spielzug im Aufbau nicht überzeugend. Auf der anderen Seite zeigte Stuttgart immer wieder auf, wie Werders Raute verwundbar ist: Mit schnellem Spiel über die Flügel, sobald Werder etwas aufgerückt ist. Geht die Kompaktheit der Raute verloren, ist es nur eine Frage der Zeit, bis die individuellen Schwächen in Werders Abwehr wieder aufgedeckt werden. Gegen die spielstarken Gegner, die in der Schlussphase der Saison warten, wird sich Dutt wohl etwas anderes einfallen lassen müssen.

Spielerisch gab es leichte Fortschritte zu sehen, wie sich auch an Ballbesitz und Passquote erkennen lässt. Das Angriffsspiel bleibt jedoch sehr von Aaron Hunt abhängig. Auch mit einer Doppelspitze gelingt es nur selten, die Bälle in der Angriffsreihe zu kontrollieren und zu halten, bis das Mittelfeld nachrückt. Kobylanski überzeugte nicht vollständig, wäre jedoch eine Option, wenn Petersen weiterhin so wenig zu Werders Spiel beiträgt. Mit acht Punkten aus den ersten vier Spielen gegen die direkten Konkurrenten liegt Werder weiterhin im Soll. In Freiburg sollte tunlichst gewonnen werden, will man bei einem eventuellen Lauf des HSV oder Stuttgart (im schlimmsten Fall von Beiden) nicht mehr zurück in den Abstiegskampf gezogen werden.

8. Spieltag: Keine Geschenke zur Wasen

VfB Stuttgart – Werder Bremen 1:1 (1:1)

Werder holt einen hart erkämpften Punkt in Stuttgart. Nach einer starken Anfangsphase der Stuttgarter bekommt Werder das Spiel in den Griff, wird aber in der zweiten Halbzeit immer mehr hinten rein gedrängt.

Anfangsdruck und Gegenwehr

Dutt musste vor dem Spiel verletzungsbedingt umstellen und Kroos für Makiadi sowie Prödl für Lukimya einsetzen. Ansonsten setzte er auf die gleiche Mannschaft wie vor einer Woche gegen Nürnberg. Bei Stuttgart stand Ex-Bremer und zwischenzeitlicher Werder-Schreck Harnik in der Startelf. Der VfB begann mit viel Tempo und direktem Offensivspiel. Bei Werder positionierten sich die beiden Viererketten sehr tief und mit geringem Abstand zueinander. Junuzovic und Kroos spielten zudem sehr umsichtig und waren darauf bedacht, wenig Raum zwischen den Linien zuzulassen. Trotzdem fand Stuttgart in den ersten 15 Minuten den Weg in den Strafraum, indem sie die Außenbahnen clever nutzten. Traore spielte seinen Schnelligkeitsvorteil gegenüber Fritz aus und auf der anderen Seite nutzte Stuttgart die hohe Stellung (mit Ball) bzw. das frühe Herausrücken (ohne Ball) von Garcia, um Pässe in seinem Rücken zu spielen. So kam man einige Male zur Grundlinie durch, was Dutt nach dem Spiel zurecht als Problem bezeichnete.

Nach dem Rückstand fand Werder jedoch langsam ins Spiel. Fritz fing sich nach der schwachen Anfangsphase und stellte sich besser auf Traores Tempoläufe ein. Zudem war Caldirola sehr aufmerksam und rückte häufig auf die linke Seite heraus, wenn Garcia herausgerückt war. Dieser rückte dann diagonal nach hinten ein, so dass die beiden zwischenzeitlich die Position tauschten. Stuttgart kam nun nicht mehr so einfach über die Flügel durch und schon bekam das Spiel eine andere Färbung. Sie bauten im Zentrum recht langsam auf und probierten es früher mit Flanken, die von Prödl und Caldirola meist geklärt werden konnten. Werder kam unterdessen zu ersten eigenen Angriffen, bei denen Garcias Offensivpräsenz auf der linken Seite gut genutzt wurde.

Dominanz und Scheindominanz

Sah es einige Zeit noch so aus, als würde Stuttgart die Führung einigermaßen souverän verwalten, hatte Werder spätestens ab der 30. Minute einen Fuß im Spiel. Aus der tatsächlichen wurde eine Scheindominanz, die Werder ab und an durchbrechen konnte. Der Ausgleich fiel dennoch etwas überraschend und wurde mehr erkämpft als erspielt: Nach einer gegrätschten Weiterleitung von Garcia erläuft Junuzovic seinen abgeblockten Flankenversuch knapp vor der Torauslinie und bringt ihn flach und hart vor das Tor, wo Petersen den Fuß hinhält. Eine gewisse Ironie kann man der Tatsache entnehmen, dass Werder durch das Stilmittel zum Torerfolg kam, das Stuttgart in der Anfangsphase so gefährlich machte.

Zur Pause war das Unentschieden trotz Stuttgarts starkem Auftakt nicht unverdient. Die defensive Stabilität war nach dem Rückfall in der zweiten Halbzeit gegen Nürnberg wiederhergestellt. Nach dem Seitenwechsel wurde diese auf eine harte Probe gestellt. In den ersten 10 Minuten konnte Werder noch mithalten und hatte 2-3 im Ansatz gefährliche Kontersituationen. In der Folge überließ man Stuttgart jedoch das gesamte Mittelfeld und verteidigte noch tiefer als in Halbzeit 1. Die eigenen Bälle gingen meist schon verloren, bevor Werder überhaupt umschalten konnte. Das eigene Aufbauspiel wurde schließlich komplett eingestellt, um keine Ballverluste in gefährlichen Situationen zu riskieren.

Glück und Geschick

Stuttgart war hingegen ballsicher und sichtlich bemüht, die Überlegenheit in Torchancen umzumünzen. Werders Verteidigung im und um den Strafraum erinnerte nun wieder stark an die ersten Saisonspiele: Keineswegs souverän, aber in den entscheidenden Momenten meistens noch ein Fuß oder Kopf dazwischen. Stuttgart hatte etliche Halbchancen, doch klare Torgelegenheiten blieben Mangelware – auch, weil Werder wenig herschenkte. Das Team zeigte große Leidenschaft beim Verteidigen. Dies hinterließ Spuren beim Gegner. Stuttgart wirkte in der Schlussphase nicht mehr so überzeugt und so konnte Werder diese unbeschadet überstehen.

Am Ende ist es für Werder ein gewonnener Punkt. Der VfB war das Team, das das Spiel in der zweiten Halbzeit gewinnen wollte und den Sieg auch verdient gehabt hätte. Werder hatte in den ersten 15 Minuten und in der zweiten Halbzeit eine gute Portion Glück, blieb nach der Pause im Mittelfeld sehr passiv, hielt aber auch mit einer kämpferischen Leistung und guter Moral das Unentschieden. So kann man einen weiteren Teilerfolg mit in die Länderspielpause nehmen und steht mit elf Punkten aus acht Spielen gut im Soll.

VfB Stuttgart vs. Werder Bremen Live-Blog

Nach längerer Zeit gibt es heute mal wieder ein Live-Blog von mir zum Spiel VfB Stuttgart gegen Werder Bremen. Ab 20 Uhr geht’s los:

Krise oder Spitzengruppe?

Ich habe das Spiel gegen Gladbach nur in der Konferenz gesehen, was gleichbedeutend damit ist, es nicht gesehen zu haben. (Die Faszination der Konferenzschaltung erschließt sich mir einfach nicht. Man bekommt von keinem Spiel einen wirklichen Eindruck und der bei entsprechendem Spielverlauf entstehenden Tororgie kann ich auch nicht viel abgewinnen. Für mich ist diese Art Fußball zu schauen eine Qual.)

Die Lehren aus dem Gladbachspiel

Was bei der Torentstehung auffiel, war die Leichtigkeit, mit der sich die Gladbacher Offensivspieler durch Werders Abwehrreihen spielen konnten. Es wäre sicherlich falsch, das nur auf die systemische Anfälligkeit bei Kontern über die Außen zu reduzieren. Laufbereitschaft und Zweikampfstärke waren ebenfalls nicht vorhanden und so bekamen wir zum ersten Mal in dieser Saison zu Gesicht, wie Werders Spiele derzeit enden, wenn nicht durch eine kämpferische Überlegenheit eine spieltaktische Unterlegenheit ausgebügelt werden kann. Gegen Gladbach gelang es zum ersten Mal in dieser Saison nicht ansatzweise, die frühen Versäumnisse im Laufe des Spiels zu beheben. Unterm Strich bleibt die mit Abstand höchste Saisonniederlage.

Die relative Laufschwäche Werders mag teilweise mit dem frühen, hoffnungslos hohen Rückstand zu tun haben – sie ist aber auch Beweis dafür, dass nicht 34 Spiele lang mit einer solch hohen Intensität gespielt werden kann. Erst recht nicht dann, wenn beim geringsten Nachlassen die Nackenschläge nicht lange auf sich warten lassen. Gladbachs beeindruckende Stärke sollte dabei aber nicht unter den Tisch fallen. In dieser Form sind sie ein klarer Kandidat für die Champions-League-Plätze, die für Werder nun wieder in weiter Ferne erscheinen.

Gegen Stuttgart: Krise abwenden

Man ist im Angesicht einer solch derben Klatsche immer versucht, laut nach Konsequenzen zu rufen. Doch wie könnten solche Konsequenzen derzeit überhaupt aussehen? Auf der Zielgerade der Hinrunde das System zu verändern halte ich – gerade im Hinblick auf das taktische Chaos der letzten Hinrunde – für falsch. Personelle Änderungen wären ebenfalls schwierig umzusetzen. Es gab in den letzten Wochen ohnehin genügend Wackelkandidaten: Ekici oder Marin auf der 10? Bargfrede oder Ignjovski auf der 6? Wolf oder Prödl in der Innenverteidigung? Das Gerüst der Mannschaft ist auch ohne weitere Eingriffe fragil genug – zumal Sokratis‘ Rotsperre und der wahrscheinliche Ausfall Pizarros  weitere Baustellen für Thomas Schaaf eröffnen.

So bleibt in erster Linie die (zugegeben naive) Hoffnung, dass Werders Selbstbewusstsein durch das 0:5 keinen zu großen Schaden genommen hat. Gegen Stuttgart wird es ein langer Weg, um sich die Sicherheit im Spiel wieder anzueignen, mit der man bspw. die Überzahl gegen Köln ausspielte. Im spielerischen Bereich bleiben dem Trainer nur die kleinen Stellschrauben, mit denen er gegen die Probleme im Defensivverhalten und im Spielaufbau vorgehen kann. Während ich in den letzten Wochen immer die (vergebliche) Hoffnung hatte, hier eine sukzessive Verbesserung sehen zu können, wäre ich gegen Stuttgart schon froh, wenn man einigermaßen solide gegen den Ball agierte und ein erneutes Debakel abwenden könnte. Ein Champions-League-Kandidat hätte andere Sorgen.

Weichenstellung in der Winterpause

Im Winter bleiben Thomas Schaaf und seinem Team ein paar Wochen Zeit, um die Weichen für die Zukunft neu zu justieren. Die Dringlichkeit, mit der dann Änderungen von Nöten sein werden, wird auch von den verbleibenden Spielen der Hinrunde abhängen. Die Saison hat gezeigt, dass Schaafs System in der Bundesliga zunehmend schwieriger umzusetzen ist. Das liegt nach meinem Dafürhalten weniger an der Raute an sich, als an dem Anspruch, mit dieser Formation das Spiel aktiv bestimmen zu wollen. Der läuferische Aufwand wurde in dieser Saison erhöht und die Außenbahnen durch Neuverpflichtungen stabilisiert. Zu Saisonbeginn waren sehr vielversprechende Automatismen zu erkennen, gerade auch was das Spiel in den gegnerischen Strafraum angeht. Hätte man diese im Laufe der Saison weiter verfeinern können, wäre die Abhängigkeit von Claudio Pizarro weitaus geringer. Stattdessen verlagerten sich Werders Probleme immer mehr ins Mittelfeld, dem es trotz des hohen Aufwands immer weniger gelang, ein spielerisches Übergewicht zu entwickeln. Pizarros tiefe Rolle ist denn auch weniger als „falsche Neun“, denn als Aushilfszehner zu bezeichnen.

Thomas Schaaf muss sich entscheiden, ob er einen erneuten Versuch unternimmt, seiner Mannschaft das in der Bundesliga bevorzugte 4-2-3-1 beizubringen, oder ob er den Versuch fortsetzt, sein bevorzugtes System den Gegebenheiten anzupassen. Ich halte eine Abkehr von der Raute und einen Wechsel zu einem System mit Doppelsechs und nur einer Spitze keineswegs für unausweichlich und sehe das 4-2-3-1 auch nicht unbedingt als überlegenes Spielsystem. Außerhalb der Bundesliga gibt es mehrere Gegenbeispiele. Gerade in puncto Pressing und Flügelspiel wird Thomas Schaaf jedoch nicht umher kommen, sich etwas neues einfallen zu lassen (dazu demnächst mehr an dieser Stelle).

Tage voller Frust

Bundesliga, 11. Spieltag: VfB Stuttgart – Werder Bremen 6:0

Puh. Was soll man über ein Spiel schreiben, das die eigene Mannschaft mit 6:0 verloren hat? Dass es jetzt langsam mal reicht und man sofort alle Spieler bzw. den Trainer bzw. die Vereinsführung rauswerfen soll? Das passiert gerade bei den üblichen Verdächtigen schon genug. Die Fehler im Detail analysieren und aufdecken? Zu schmerzhaft, da ich dazu das Spiel noch einmal anschauen müsste. Die verbliebenen positiven Dinge betonen und zum Schluss kommen, dass nicht alles schlecht ist? Nach Schönreden ist mir ebenfalls nicht zumute. Was nützen uns 63% Ballbesitz, die sich schon allein daraus erklären, dass Werder 80 Minuten lang im Rückstand lag? Was nützt ein ausgeglichenes Zweikampfverhältnis, wenn die entscheidenden Zweikämpfe nunmal verloren werden? Was nützen 85% Passgenauigkeit, wenn nur wenige von ihnen in die gefährliche Zone des Gegners gespielt werden und es diesem bei den 15% Fehlpässen viel zu leicht gemacht wird, seine Konter auszuspielen?

Wie behebt man unser Kopfproblem?

Es gibt nichts schönzureden an dieser Niederlage. Das Spiel zeigte auf, dass es nicht in erster Linie an der spielerischen Qualität hapert, sondern unsere Spieler ein Kopfproblem haben. Man ist nicht von Anfang an hoffnungslos unterlegen und man wird auch nicht vom Gegner an die Wand gespielt. Die Mannschaft bricht vielmehr regelmäßig nach den ersten Rückschlägen zusammen. Dass es diese Rückschläge dank Werders defensiver Fragilität nunmal gibt, ist nicht gerade neu und sicherlich ein Punkt, den es immer wieder zu kritisieren gilt. Doch früher (sprich: vor wenigen Monaten) konnte Werder viele Spiele dank toller Moral und einem fast unglaublichen Kampfgeist noch drehen oder zumindest einen Punkt herausholen. Nun kann man quasi dabei zuschauen, wie aus Werders Spiel mit dem ersten Rückschlag die Luft rausgelassen wird. Gegen die Bayern war nach dem 1:2 Feierabend, gegen Nürnberg ebenfalls. Gegen Stuttgart kam der Rückschlag schon nach 10 Minuten und wurde von einem blendend aufspielenden Gegner konsequent abgestraft.

Was die ständigen taktischen und personellen Umstellungen angeht: Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass Thomas Schaaf taktisch so naiv geworden sein soll. Auf mich macht es vielmehr den Eindruck, dass er immer wieder versucht, seine Spieler wachzurütteln. Dabei greift er auf Maßnahmen zurück, die nicht gerade zur Stabilisierung einer Mannschaft beitragen. Es scheint ihm derzeit nicht um Stabilität zu gehen, sondern um eine Reaktion seitens seiner Spieler, die bislang ausgeblieben ist. Es ist bekannt, dass Schaaf Spieler nicht gerne und schon gar nicht verfrüht aufgibt. Momentan scheint mir dieser Weg jedoch der Falsche zu sein. Einen Arnautovic in ein funktionierendes Team einzubauen ist schon schwer genug. Ein solches ist Werder in diesem Herbst allerdings nicht und langsam muss sich der Trainer – zumindest für den Rest dieser Hinrunde – entscheiden, welchen Spielern er vertraut. Die vielen Verletzungen und Formkrisen machen es schwer, hier die richtige Entscheidung zu treffen, doch sie muss trotzdem getroffen werden. Die Vorschläge aus dem Worum-Blog wären zum Beispiel ein guter Ansatz.

Weil es sein muss: Medienschelte

Was sind unsere Journalisten eigentlich für kleine Würstchen? Nicht, dass man von den Lokalmedien in Bremen und umzu sonderlich viel erwarten sollte, aber wie sie nun aus ihren Löchern gekrochen kommen und versuchen, ihren Teil vom großen Drauf-hau-Kuchen abzubekommen, ist einfach widerlich. Es geht in den meisten dieser Fälle nicht um eine sachliche Kritik (wie man das macht, könnten sie sich mal bei Johan abschauen), sondern um die medienüblichen Reflexe und nicht zuletzt auch um verletzte Eitelkeiten. Der Stimmungsumschwung kam nicht nach dem 0:6 gegen Stuttgart zustande, sondern nach Schaafs Fan- und Medienschelte. Von Trainern und Spielern wird erwartet, das sie stets kritikfähig sind, am besten schon eine Minute nach Abpfiff (zuletzt gesehen bei Jörg Dahlmanns Interview mit Louis “beratungsresistent” van Gaal). Wird aber die Arbeit der Journalisten in Frage gestellt, sucht man Selbstkritik meist vergeblich. Stattdessen greifen die üblichen Selbstverteidigungsmechanismen. Kritik am Trainer oder am Sportdirektor ist ja richtig und wichtig, aber wo sind die Argumente, die über bloße Spielergebnisse und Schmuddelgeschichten aus dem Umfeld hinaus gehen? Wo werden die Dinge in Relation zu dem gesetzt, was bei Werder in den letzten Monaten und Jahren passiert ist?

In Johans Beitrag kam klar zum Ausdruck, dass es ihm nicht um eine kurzfristige Niederlagenserie geht (ich hätte es besser gefunden, wenn der Blogpost vor zwei oder drei Wochen gekommen wäre, als Werder noch eine kleine Siegesserie hatte). In den Lokalmedien wird die Geschichte von der anderen Seite aufgerollt: Werder verliert, also muss es am Trainer liegen. Die Gründe werden dann ausgerechnet in den Dingen gesucht, für die Werder jahrelang gelobt wurde. Schuld seien der ruhige Standort, die Harmonie, die fehlenden Einflüsse von außerhalb. Werder habe es sich bequem gemacht und bekomme nun die Quittung dafür. Diese Argumente sind heute genau so richtig oder falsch, wie vor einem Jahr oder vor sechs Jahren. Damals hätten sie nur leider nicht in die vorherrschende Stimmung gepasst. Ich möchte eigentlich nicht das “Blogs vs. Zeitungen”-Fass aufmachen, aber in den letzten Tagen gab es eine ganze Reihe an Blogeinträgen (neben den bereits erwähnten z.B. hier, hier und hier), die auf unterschiedliche Weise die Probleme bei Werder analysieren und dabei auch zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Dabei gibt es jedoch eine Gemeinsamkeit: Sie sind auf der Suche nach Erklärungen und nicht geleitet von Sensationslust und Opportunismus. Das sucht man in den Bremer Medien derzeit leider vergeblich.

VfB Stuttgart – Werder Bremen (live)

“Es wird auch dieses Mal kein Unentschieden geben”

Es ist März und auf Werder wartet ein hartes Programm. Sieben Spiele stehen in den nächsten 21 Tagen an, die Werders Kader ordentlich auf die Probe stellen werden. Reichen die Kräfte, um in drei Wettbewerben weiterhin eine Rolle zu spielen? Wir werden sehen. Den Auftakt macht morgen das Heimspiel gegen den VfB Stuttgart, zu dem mich ja eine ganz besondere Verbindung habe. Trotzdem steht ein Heimsieg gegen die Schwaben momentan ganz oben auf meinem Wunschzettel.

Als kleine Einstimmung auf das Spiel habe ich mal wieder ein Interview geführt. Marcel, aka hirngabel, schreibt in seinem überaus lesenswerten Blog Brustring über den VfB Stuttgart und hat mir freundlicherweise ein paar Fragen beantwortet.

Hallo Marcel, ich weiß ehrlich gesagt nicht genau, ob ich Dir zu Eurem Spiel gegen Barcelona gratulieren soll oder nicht. Was überwiegt bei Dir, die Freude über die tolle Leistung gegen die beste Mannschaft der Welt oder der Ärger über die vergebene Chance, eine richtig gute Ausgangsposition fürs Rückspiel herauszuholen?

Die Gefühle haben bei mir ehrlich gesagt geschwankt bei mir im Nachklapp des Spiels. Während des Spiels hat man sich zwar einerseits erfreut, gerade in der ersten Halbzeit, an der beeindruckenden Leistung, aber natürlich auch ein wenig gehadert mit der Chancenauswertung. Direkt ach dem Spiel war dann die Freude eigentlich größer, am nächsten Morgen wiederum nagte die Enttäuschung doch etwas, aber irgendwann habe ich mich doch damit anfreunden können. Schließlich hatten die Kollegen aus Nordösterreich (die, die vor einem Jahr im Hinspiel 0:4 untergegangen sind) uns ja schon vorab beerdigt – und nicht nur die.

Im Rückspiel in Barcelona traut Euch nach dem 1:1 nun niemand mehr ein Weiterkommen zu. Ist genau das Stuttgarts Chance oder könnten sie sich die Reise eigentlich sparen?

Ich glaube, eine Reise ins Camp Nou lohnt sich immer, oder nicht? =) Direkt nach dem Spiel war ich Teil einer Diskussion, in der ich genau das behauptet habe, dass vielleicht das 1:1 sogar besser ist als ein 1:0 oder 2:1-Sieg. Denn so haben sie einerseits nicht ihr “Gesicht verloren” und andererseits wirkt es wie eine recht komfortable Ausgangsposition. Dementsprechend *könnte* es also durchaus sein, dass es Barca nicht so ganz ernsthaft angehen wird, der VfB wieder mit vollem Elan attackieren wird und mit murrendem Heimpublikum könnte dann vielleicht sogar der große FC Barcelona wieder nervös werden. Denn es war ja nicht so, dass Barcelona gegen Stuttgart einfach nur lässig aufgetreten wäre, sondern es ist dem VfB in der ersten Halbzeit perfekt gelungen den Spaniern richtig den Schneid abzukaufen und sie wirklich zu verunsichern. Aber gut, das wird ein neues Spiel und es muss, realistisch betrachtet, schon einiges zusammenlaufen, dass wir es tatsächlich schaffen, weiterzukommen. Immerhin, die Chance ist da.

Bei Werder ärgert man sich seit Jahren, dass man nach guten bis sehr guten Hinrunden in der Rückrunde regelmäßig – zumindest phasenweise – einbricht. Beim VfB scheint es andersherum zu sein. Purer Zufall oder hast Du eine andere Erklärung dafür?

Puh. Ich glaube, wenn ich darauf eine wirkliche Antwort hätte, dann würde ich mich umgehend beim VfB melden und mir ein fürstliches Beraterhonorar aushandeln. Es ist natürlich schon so, dass sich gewisse Dinge wiederholen. Eher so mittelprächtige Erfolgsbilanzen auf dem Transfermarkt in der Sommerpause und ein gewisser Schlendrian, der sich gerne nach halbwegs erfolgreichen Halbserien einzustellen scheint. Gerade letzteres stimmt mich auch immer ein wenig nachdenklich bezüglich des Charakters der Mannschaft, da es dann tatsächlich immer wieder ein neuer Trainer richten muss. Andererseits schafft es die Mannschaft dann aber auch wiederum sich wieder am Riemen zu reissen. Naja, wie Du siehst, ich bin da selbst ein wenig ratlos. Immerhin gibt es ein halbwegs gutes Gefühl zu wissen, dass dieser Verlauf schon etwas Tradition hat und man sich mehr oder weniger drauf “verlassen” kann, dass es am Ende schon irgendwie gut geht. Und, ganz ehrlich, mir ist es fast lieber, wenn es hinten raus besser wird, als andersrum. Da kann man dann wenigstens mit einem guten Gefühl aus der Saison herausgehen.
Achja, und, weils mich doch immer ein bisschen wurmt: In unserer Meistersaison sind wir zwar schwach gestartet, waren aber schon im November 2006 Tabellenführer. Das wird beim “Zufallsmeister”-Gerede ja gerne mal vergessen.

Seit dem Trainerwechsel läuft es beim VfB wieder richtig gut. Was macht Christian Gross anders als sein Vorgänger? Und daran anknüpfend: vor einem Jahr gab es genau die gleiche Situation als Babbel Euren Meistertrainer Armin Veh ablöste. Bist Du zuversichtlich, dass sich diesmal ein langfristiger Erfolg einstellen wird?

Kurz nachdem Gross verpflichtet wurde habe ich im Scherz mal gesagt, dass Gross ja dann auf jeden Fall schon mal schön planen kann, was er ab November/Dezember 2010 machen will. Aber natürlich habe ich die Hoffnung, dass es jetzt endlich mal wieder etwas langfristiger wird. Die andauernde Wechselei auf der Trainerposition ist schon etwas nervig auf Dauer und da schaut man dann schon mal neidisch auf Euch in Bremen beispielsweise, wo Kontinuität ja scheinbar Gesetz ist. Bei Gross selbst habe ich eigentlich schon einen guten Eindruck. Was er im Training großartig anders macht, kann ich aus der Distanz natürlich nicht beurteilen, aber von dem was man so mitbekommt, ist er halt einfach ein wesentlich autoritärer Trainer, wohingegen Babbel scheinbar (vielleicht auch bedingt durch diese unsägliche Trainerlehrgangsgeschichte) den Kontakt zur und den Respekt bei der Mannschaft verloren hatte.

Der wichtigste Unterschied allerdings ist, dass Gross sich sehr schnell auf eine Stammelf festgelegt hat und dieser sehr klar sein Vertrauen geschenkt hat. Diese Elf wurde eigentlich nur dann verändert, wenn es aufgrund von Verletzungen oder Sperren notwendig war. Bei Babbel in der Hinrunde war das ja schon teilweise extrem anders mit einer teilweise doch etwas planlos wirkenden Rotation.

Thomas Hitzlsperger ist in dieser Saison vom Kapitän und Leistungsträger aufs Abstellgleis geraten und wurde im Winter abgegeben. War er wirklich zu schlecht, um bei einer Mannschaft aus dem unteren Tabellendrittel regelmäßig eingesetzt zu werden? Wo siehst Du die Gründe für seinen rasanten Abstieg?

Okay, das wird jetzt vermutlich etwas länger. Ich habe ja oben schon von der teilweise planlos anmutenden Rotation von Babbel gesprochen, und Hitzlsperger war natürlich das prominenteste Opfer dieser Wechselspiele. Hitz kam halt schon mies in die Saison rein, mit einem schwachen Auftritt gegen Wolfsburg, nach dem er danach erstmal auf der Bank Platz nehmen musste. Dann spielte er wieder, erst ziemlich gut (gegen Dortmund), dann wieder schwach gegen Nürnberg – ergo wieder Bank. Dann kam er wieder zurück mit einem starken Spiel gegen Frankfurt, gefolgt von schwachen Auftritten und der erneuten Bankplatzierung. So ging das dann wieder weiter und irgendwann verselbständigte sich die Diskussion um seine Person immer mehr mit dem Höhepunkt der “Entmachtung” durch Babbel – bei der ich allerdings nach wie vor glaube, dass Babbel ihm damit wirklich einen Gefallen tun wollte.

Spätestens bei Babbels Entlassung war Hitzlsperger dann wirklich in einer echten Formkrise und zu allem Überfluss auch noch dank einer Oberschenkelverletzung in den ersten Spielen ausser Gefecht gesetzt. Zeitgleich kehrte Khedira aus seiner Verletzungspause zurück, spielte gut, ebenso der von Gross favorisierte Träsch – und dann war da immer noch Kuzmanovic, der als einer der wenigen in der Hinrunde noch ein Lichtblick war (nur momentan eben ein Opfer des Systems ist, bzw. eine Art Edeljoker). Dementsprechend waren dann plötzlich drei Leute da, die die Nase vorne hatten und zudem alle deutlich jünger sind als Hitzlsperger selbst. In Anbetracht dessen, dass auch noch Lanig (25 BL-Einsätze in der Saison 08/09) in absehbarer Zeit zurückkehren würde, war es für mich dann zu Beginn des Jahres eigentlich klar, dass Hitzlsperger auf jeden Fall gehen musste, um irgendwo anders Spielpraxis für die WM zu erhalten.

Daher kann man, glaube ich, auch nicht davon reden, dass er “zu schlecht” ist, da ich schon tippe, dass er ohne WM womöglich geblieben wäre und sich im Laufe der Saison vielleicht sogar wieder an die Startelf rangespielt hätte. Aber gut, das ist Spekulation, schwer genug wäre es geworden und im Sommer wäre sein Vertrag angesichts der starken und eben jungen Konkurrenz wohl ohnehin nicht verlängert worden. Ich hoffe für ihn, den ich wirklich sehr schätze und dem ich sehr dankbar für viele tolle Leistungen bin, dass er die Kurve bei Lazio noch kriegt – aber ich befürchte, nach diesem Katastrophenstart wird das wohl nichts mehr. Vielleicht gehts dann im Sommer wieder zurück nach England.

Tschuldigung, das war jetzt wirklich ausführlich – aber es war halt einfach ein ganz unglücklicher Mix aus Dumm gelaufen und “Hasse Scheisse am Fuss, hasse Scheisse am Fuss”.

Dem VfB Stuttgart wird allgemein eine sehr gute Jugendarbeit nachgesagt. Es schaffen auch immer wieder junge Spieler den Sprung ins Profiteam und in die Nationalmannschaft. Manche sagen, Joachim Löw bevorzuge Stuttgarter Spieler bei seinen Nominierungen. Alles Quatsch oder ist da etwas dran?

Du stellst aber auch nur Fragen, auf die man wirklich ausführlich antworten müsste… =)

Daher fasse ich mich diesmal kurz und bleibe bei den einzelnen Personalien: Khedira gehört in die Nationalmannschaft, ohne wenn und aber. Über Tasci kann man gerne diskutieren – wobei man da auch sagen muss, dass die Konkurrenz sich bisher nicht so aufgedrängt hat, als dass seine Nominierung zumindest für den Kader an sich völlig unverständlich wäre. Wobei ich sehr gerne auch Hummels im Kader sehen würde. Bei Träsch glaube ich, dass er für die WM noch keine wirkliche Rolle spielen wird, aber mittelfristig wird man um ihn, wie um Khedira nicht umhin kommen. Die beiden haben einfach herausragendes Potential.

Wer ist dieser neue Torjäger beim VfB und was hat er mit Cacau gemacht?

Hehe! Von dieser Leistungsexplosion unseres “Helmuts” sind wir selbst (oder gerade?) als VfB-Fans doch auch ziemlich überrascht worden. Wobei, andererseits, der geschätzte Kollege heinzkamke hat zum “Comeback-Kid” Cacau einen wirklich schönen und passenden Text geschrieben.

Zudem ist er gerade ein perfektes Beispiel dafür, wie unfassbar wichtig der Faktor “Momentum” gerade für einen Stürmer ist. Da machst Du dann eben auch so Tore wie das 2:1 gegen Frankfurt. Und auch sein Kurzauftritt gegen Argentinien zeigte deutlich das getankte Selbstvertrauen. Klar ist aber auch, dass er diese Leistungen halbwegs konstant abrufen muss in der Rückrunde, will er eine ernsthafte Alternative für die Nationalelf werden. Für den VfB würde ich mir das natürlich auch erhoffen, da wir nach dem Abgang von Gomez doch mit leichten Problemen auf dieser Position gestraft sind. Zumindest bei Pogrebnyak habe ich da aber eigentlich noch Hoffnung.

In den vergangenen drei Saisons war das Duell zwischen unseren beiden Teams eigentlich immer ein Toregarant mit mindestens 4, meistens sogar 5 Toren und i.d.R. einem klaren Sieg für die jeweilige Heimmannschaft. Einzige Ausnahme war das Hinspiel diese Saison, wo wir 2:0 in Stuttgart gewinnen konnten. Wird es am Samstag wieder Tore hageln? Wie lautet Dein Tipp?

Das einzige wo ich mir halbwegs sicher bin ist, dass es auch dieses Mal kein Unentschieden geben wird, so wie es in den letzten Jahren ohnehin nur in der Saison 2005/06 der Fall war. Dazu sind unsere beiden Teams einfach zu sehr auf Hop oder Top eingestellt. Ich hoffe natürlich, dass wir die Scharte aus dem Hinspiel wieder auswetzen können und glaube auch definitiv, dass dies möglich ist, da Eure Abwehr nun nicht die sattelfesteste ist. Gerade Abdennour könnte erhebliche Probleme mit dem wuseligen Gebhart bekommen und wenn dann Pizarro mal wieder einen eher durchschnittlichen Tag erwischt, dann dürfte es für Euch schwierig werden. Aber es wird auf jeden Fall sehr von der Tagesform abhängen, denke ich – bei beiden Teams. Daher tippe ich einfach mal 3:1 – ich hoffe für uns, aber für Euch wäre eben genauso möglich.

Vielen Dank, Marcel!

Im Gegenzug hat auch Marcel mir einige Fragen zum einzig- wie großartigen SV Werder gestellt, die ich natürlich gerne beantwortet habe.

8. Spieltag: Aus der Krise hilft nur Grün-Weiß

VfB Stuttgart – Werder Bremen 0:2

Viele Jahre lang hat sich Werder Bremen als dankbarer Aufbaugegner für Mannschaften aus den Niederungen der Tabelle bekannt gemacht. Vor allem bei den eigenen Fans. Auch wenn man das Fallobst reihenweise mit 4-6 Toren nach Hause schickte (bzw. ihm die Tore sogar vor der eigenen Haustür servierte), blieben doch die 0:1, 1:2 oder auch 0:2 Niederlagen gegen Bielefeld, Frankfurt oder Bochum mehr im Gedächtnis. Der erste Spieltag dieser Saison bestätigte all jene, die sich in den Nächten vor den “einfachen Spielen” unruhig in den Laken wälzen, aus Angst vor Arthur Wichniarek. Inzwischen lässt sich allenfalls noch das 0:0 gegen Hanover 96 in die Kategorie verpasste Großchance einordnen. Das restliche Programm wurde mehr oder weniger souverän heruntergespult, allerdings ohne irgend jemandem 4-6 Tore einzuschenken.

Dem VfB Stuttgart, jüngeren Ergebnissen zur Folge auf der Suche nach einem dankbaren Aufbaugegner, gab man gestern wenig Gelegenheit, die Pessimisten, zu denen ich mich selbst nur manchmal zähle, zu bestätigen. Werder spielte so, wie man es aus den letzten Wochen kennt: Souverän, kontrolliert, abgeklärt (mehr abgedroschene Schlagwörter aus dem Fußballvokabular fallen mir gerade nicht ein). Man hatte das Gefühl, dass dort eine Mannschaft auf dem Platz stand, die weiß, dass und wie sie ihren Gegner schlagen wird. Natürlich lässt sich nach einem so frühen Führungstor immer ganz hervorragend über die Hätte, Wäre und Wenns Diskutieren. Wenn Stuttgart gleich die erste Chance genutzt hätte, wäre alles anders gekommen. Isses aber nicht. Das wissen selbst die Fanta 4 und die kommen bekanntlich aus Stuttgart.

Nicht aus Stuttgart kommt Jens Lehmann, der aus reiner Nächstenliebe und Freude am Fußball jedoch gelegentlich mit dem Heli vorbeigeflogen kommt und mitunter auch noch hält, wie einer, der mal zu den besten Torhütern der Welt gehörte. Inzwischen hält ihn wohl kaum noch jemand (außer Lehmann selbst, natürlich) für einen der besten Torhüter der Welt, was ihn nicht daran hindert, sich auf dem Platz zu benehmen, wie Oliver Kahn (ausgerechnet!) auf Speed. Gegen Lehmann wirkt selbst Tim Wiese wie ein braves Schwiegersöhnchen. Nein, es kann unmöglich Wieses Verhalten sein, das seine Nationalmannschaftskarriere behindert. Ich hatte immer sehr viel Respekt vor Lehmann und insbesondere zu seiner Arsenal-Zeit auch Sympathie für ihn, die ewige Nummer 2. Neben dem Platz mag Lehmann ein netter Kerl sein oder auch nicht, ich weiß es nicht – auf dem Platz (inklusive seiner Interviews vor, zwischen und nach den Spielen) ist er ein unerträglicher, besserwisserischer, selbstgerechter und leider auch unfairer Sportler geworden. Das ist nicht nur schade sondern für seinen Arbeitgeber inzwischen auch schädlich.

Warum die Bremer Fans die Schweigeminute für Rolf Rüssmann nicht respektierten ist mir ein Rätsel. In jedem Fall eine unschöne Sache, wobei ich hier keine böse Absicht unterstelle. Unbedarftheit? Probleme mit den Ohren? Die Antwort kennt wohl nur der liebe Gott. Und Jens Lehmann, natürlich.