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Der ganz normale Wahnsinn

Valencia C.F. – Werder Bremen 1:1

1899 Hoffenheim – Werder Bremen 0:1

Werder Bremen – Valencia C.F. 4:4

Werder Bremen – VfL Bochum 3:2

Was haben sich die feinen Herren eigentlich dabei gedacht, als sie am 4. Februar 1899 diesen Wahnsinnsverein gründeten? Schlaflose Nächte, graue Haare, Bluthochdruck, Herzrasen, unkontrolliertes Muskelzucken, Heiserkeit – ich hätte mich wirklich vorher über die Nebenwirkungen informieren sollen, bevor ich Werderfan wurde. Was ich in den letzten Tagen durchgemacht habe, lässt sich nur noch mit football in a nutshell beschreieben. Die Nussschale ist dabei das Weserstadion, das mal wieder Zeuge eines Fußballspiels wurde, das nur am entfernt mit diesem Sport verwandt zu sein schien.

Los ging es eine Woche vorher in Valencia. Ein Wahnsinnsspiel. Werder bekommt einen Elfmeter geschenkt und steuert auf ein gutes Auswärtsergebnis zu. Valencia fährt wütende Angriffe, Werder kontert mitunter gefährlich. Dann gibt es eine rote Karte für eine Tätlichkeit abseits der Kameras. In der Folge spielt Werder in Überzahl und Valencia mit der Leidenschaft eines verliebten Teenagers und der Vehemenz eines angriffslustigen Stiers. Die Bremer verlieren die Bälle nach spätestens drei Stationen wieder, bekommen den Ball nur durch hohe Bälle aus der eigenen Hälfte. Die Kontergelegenheiten werden so hilflos hergeschenkt, als wüsste man nicht über die eigenen Defensivschwächen. In dieser Phase servierte man Valencia das Weiterkommen auf dem Silbertablett, doch die Spanier griffen nicht zu. Am Ende kam Werder ohne blaues Auge davon, hatte ein sehr akzeptables 1:1 im Gepäck, das man zuhause verteidigen durfte. “Verteidigen” – man hätte es da schon wissen müssen.

Am Wochenende zwischen Valencia spielte Werder gegen die ebenfalls 1899 gegründete, aber erst ein Jahrhundert später entdeckte TSG Hoffenheim. Eigentlich konnte man es sich nicht leisten, hier Kräfte zu schonen und Punkte herzuschenken. Ersteres tat man trotzdem, während man letzteres vermeiden konnte. Ein biederes, von Taktik geprägtes Spiel. Völlig untypisch für Werder. Es erinnerte ein wenig an die letzte Rückrunde, als man diese Spiele ähnlich anging, dann aber meistens nichts entgegenzusetzen hatte, wenn der Gegner ernst machte. Zum Glück machte Hoffenheim nicht ernst, spielte nur eine Handvoll Chancen heraus, die allesamt das Ziel verfehlten. So musste Tim Wiese keinen einzigen Schuss abwehren und durfte beobachten, wie Werder es in der Schlussphase besser machte. Claudio Pizarro. Wer sonst?

1:0 gewonnen, beste Auswärtsmannschaft der Liga, nun also volle Konzentration auf Valencia. Musste ja kein Spektakel werden. Auf ein 0:0 durfte man kaum hoffen (“auf ein 0:0 hoffen” ist ein Gedankengang, der den meisten Nicht-Werderfans wohl ohnehin völlig fremd sein dürfte), aber vielleicht ein schönes 2:1. Bloß nicht zu viel riskieren am Anfang. Lieber nur mit einem Stürmer auflaufen, Almeida dann als Joker rein und hoffen, dass Frings und Borowski mal ein gutes Spiel zusammen vor der Abwehr abliefern. Und bevor der Gedankengang zu Ende geführt wurde, stand es auch schon 0:1. In den folgenden 20 Minuten suchte ich unser zentrales Mittelfeld vergeblich. Der Raum vor der Abwehr war völlig verwaist, 6 Spieler ständig in des Gegners Hälfte, die anderen 4 formierten sich bei Bedarf zur Viererkette, über deren Wirkungslosigkeit man die Spieler ruhig mal aufklären dürfte, wenn eben jenes besagte defensive Mittelfeld fehlt. Hunt, Marin und Özil sind tolle Spieler mit außergewöhnlichen Fähigkeiten, allerdings auch mit außergewöhnlichen Schwächen. Sobald der Ball nicht mehr in den eigenen Reihen ist, stellen sie den Spielbetrieb komplett ein, folgen Laufwegen, die so beliebig wirken, dass man Angst haben muss, sie könnten sich auf dem Spielfeld verlaufen und den Weg zurück in die Kabine nicht finden. Wie sollen die defensiven Mittelfeldspieler ihren Aufgaben im Spielaufbau nachkommen, wenn sich keiner der genannten genötigt sieht, mal ein paar Sekunden für sie abzusichern? Werder überspielte diese Fehler eine Zeit lang mit guten, aber erfolglosen Angriffen. Sah doch eigentlich ganz gut aus und noch war auch nichts verloren. Und schon stand es 0:2.

Es dauerte nur 20 Minuten bis Schaaf einsehen musste, dass mit dieser Formation heute kein Blumentopf zu gewinnen war. Doch was tun? Bargfrede gesperrt, Niemeyer verletzt und eigentlich auch schon viel zu spät, um defensiv noch etwas zu retten. Nein, der Trainer ging lieber zum totalen Angriff über. Wenn schon untergehen, dann richtig! Lieber 3:6 als 0:3! Almeida kam für den bedienten Borowski, der somit gleich zweimal in diesem Spiel zum Opfer der Bremer Taktik wurde. Es dauerte keine 5 Minuten bis sich der Wechsel im Ergebnis bemerkbar machte und Almeida auf 1:2 verkürzte. Den Chancen nach war dieses Ergebnis schon zu diesem Zeitpunkt ein Hohn, doch das interessierte den Ball nicht, der bekanntermaßen nur dann ins Tor fliegt, wenn von einem der Sportskameraden dorthin befördert wird. Ein wahrer Experte in dieser Disziplin ist David Villa, der von Werder kurz vor dem Pausenbier erneut eingeladen wurde, seine Künste zu präsentieren. Den besten Platz hatte sich Mesut Özil gesichert, der aus nächster Nähe gebannt zuschaute, wie Villa Silvas Hereingabe verwertete. Überhaupt David Silva. Hatte den Bremern niemand erzählt, dass dieser kleine Mann gut mit dem Ball umgehen kann und ihn auch gerne mal seinen Mitspielern in den Lauf passt? Im Nachhinein betrachtet war es keine tolle Idee, ihn da in der Zone zwischen Mittellinie und Strafraum einfach mal machen zu lassen was er wollte. So bändigt man keinen spanischen Nationalspieler.

Der Bremer Weg schien direkt in den Untergang zu führen. Nach der Pause zeigte Werder jedoch, dass man dorthin wenigstens mit fliegenden Fahnen reiten laufen wollte. Das Bremer Stehaufmännchen kennen wir aus den entscheidenden Spielen dieser und der letzten Saison zur Genüge. Meistens wurde es belohnt. Viel fehlte dazu auch gegen Valencia nicht. Die zweite Hälfte war eine Orgie des bedingungslosen Angriffsfußballs – also eine nahtlose Fortsetzung der ersten Hälfte. Auf die 60 Meter in der Mitte des Spielfelds hätte man bei der Verlegung des neuen Rasens vor diesem Spiel getrost verzichten dürfen. Das Resultat waren wieder Torchancen im Minutentakt, doch nun fast nur noch für Werder. Im Gegensatz zur ersten Hälfte belohnte sich Werder dafür. 2:3 durch einen von Frings verwandelten Elfmeter. 3:3 durch eine Bauernfinte von Özil und Marin. Wieder einmal einen doppelten Rückstand aufgeholt, wie schon in der Liga gegen Nürnberg, Wolfsburg, Leverkusen und Stuttgart. Doch erstens reichte das an diesem Tag nicht und zweitens wartete man diesmal nicht bis in die Schlussminuten, sodass Villa aus Abseitsposition einen aus einer Bremer Ecke resultierenden Konter zum 3:4 vollenden durfte. Das durfte doch nicht wahr sein! Da hatten sich Valencias Spieler ab der 46. Minute darauf beschränkt, den Ball möglichst lange aus dem Spiel zu halten und nun das. Das war so ungerecht, so… typisch Werder!

Wer zuhause vier Tore kassiert, kann einfach nicht weiterkommen. Das geht eben nicht! Doch Werder weigerte sich beharrlich, diese bittere Wahrheit einzusehen. Die Einstellung dieser Mannschaft ist schon Wahnsinn. Was man in der Rückwärtsbewegung nicht an Metern zu laufen bereit ist, macht man in der Vorwärtsbewegung um das Dreifache wieder gut. Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht? Sollen doch die anderen den starren Regeln der Fußballlehre folgen, wir machen lieber Spektakel. Allen voran Marko Marin, der in dieser Rückrunde der bessere Özil ist und immer effektiver wird. Unglaublich, was der Junge am Ball alles kann! Unermüdlich kurbelte er Werders Angriffe an, verlor kaum Bälle, obwohl er volles Risiko ging. Es zahlt sich nun aus, dass Schaaf ihn in der Hinrunde behutsam aufbaute und ihn selten länger als 70 Minuten spielen ließ. Bei Mesut Özil ist das Gegenteil der Fall. Ihm muss man einfach zugestehen, dass er seit 1 1/2 Jahren quasi ohne Pause in drei Wettbewerben plus A- und U21-Nationalmannschaft spielt und momentan kräftemäßig nicht mehr drin ist. Sonst wäre er womöglich der Spieler gewesen, der nach Pizarros erneutem Ausgleich den Unterschied ausgemacht hätte. Verzwiefelt rannte Werder an, den unerschütterlichen Glauben an das Fußballwunder im Gepäck. Das erlösende 5:4 wollte gegen die spanischen Bodenturner aber einfach nicht gelingen. So schied diese Mannschaft, die sich bis in die 5. Minute der Nachspielzeit nicht mit ihrem Schicksal abfinden wollte, aus dem Wettbewerb aus und ließ trotzdem ein Stadion voller stolzer und glücklicher Menschen zurück.

Dieses Spiel will erstmal verdaut werden. Offensiv ist das europäische Spitzenklasse, defensiv Amateurklasse, doch diese beiden Tatsachen lassen sich nicht trennen, sie bedingen einander. Und auf Dauer gesehen verzichtet man als Fan (als Spieler sowieso) lieber auf einen Teil des Spektakels, wenn man dafür nicht immer wieder aussichtslosen Rückständen hinterher laufen muss. Die Mannschaft hat sich Respekt verdient, die Fans in Ekstase versetzt und  für einen weiteren besonderen Abend im Weserstadion gesorgt. Doch obwohl ich wirklich stolz auf diese Mannschaft bin, die mit besserer Chancenverwertung auch 5-8 Tore hätte schießen können, würde ich doch gegen ein langweiliges 0:0 und das damit verbundene Weiterkommen tauschen. Zwei Herzen schlagen uswusf.

Es dauerte nur zwei Tage, bis Werder demonstrierte, dass man wenig bis gar nichts aus dem Spiel gegen Valencia gelernt hatte und ich einsehen musste, dass mir das eigentlich ganz recht ist. Mit einer stark veränderten Mannschaft spielte Werder 45 Minuten lang Fußball zum Abgewöhnen. Der VfL Bochum war zu Gast und war nicht gewillt, den Bremern Spalier zu stehen. Prokoph nutzte eine der vielen Unachtsamkeiten in der Defensive zu einem perfekt getimeten Pass auf Werderschreck Sestak, der Wiese keine Chance ließ und das 0:1 erzielte. Eingeladen hatten zu diesem Pass Naldo und Prödl, die so schlecht sortiert standen, dass Prokoph den sich bietenden Raum einfach nutzen musste. Hinten also alles wie gewohnt. Nach vorne ging ohne Özil, Hunt und Pizarro wenig bis gar nichts. Rosenberg ist momentan einer der schlechtesten Stürmer der Bundesliga und tat auch gestern wieder einiges dafür, diesen Ruf zu untermauern. Es tut mir wirklich Leid für ihn, denn eigentlich kann er es ja viel besser, aber bei Werder hat er nun genügend Chancen verstreichen lassen und sollte zum Saisonende woanders sein Glück suchen. Auch sonst lief wenig zusammen und so gab es zur Halbzeit Pfiffe, wo die Fans zwei Tage zuvor noch elektrisiert waren.

Es war die zweite Halbzeit in der Werder dann endlich sein ganzes Repertoire zeigte. Naldo mit hohem Ball in den Strafraum, den Pizarro volley so sicher vollstreckte, wie er es bei hundertprozentigen Einschussmöglichkeiten nur selten vermag. Dann das obligatorische Einreißen des Erreichten mit dem Hintern, als man einen Konter der Bochumer in drei Zweikämpfen nicht entscheidend behindern konnte und Dedic frei vor Wiese die erneute Führung erzielte. Wir kennen das: 0:1 und 1:2 gegen Wolfsburg und Leverkusen hinten, 0:2 gegen Nürnberg und Stuttgart hinten und jedesmal am Ende noch 2:2 gespielt. Diesmal dauerte es nur zwei Minuten, bis Werder den Fehler ausbügelte. Marin mit einer großartigen Einzelaktion. Perfektes Timing, technisch eine Augenweide und endlich auch mit dem unbedingten Zug zum Tor. Wieder mal 2:2. Und diesmal sollte es endlich auch gelingen, mehr als einen Punkt aus so einem Spiel mitzunehmen. “Joker” Torsten Frings, der für den stark blutendenen Tim Borowski spät ins Spiel gekommen war, fasste sich ein Herz, knallte den Ball aus 30 Metern volley aufs Tor und profitierte von einem Bochumer Abwehrspieler, der den Schuss unhaltbar ins eigene Tor abfälschte. Richtigerweise spielte Werder die Führung dann nicht souverän über die Zeit, sondern gab Tim Wiese noch zwei Gelegenheiten, sich in höchster Not auszuzeichnen. Am Ende war es Rückkehrer Sebastian Boenisch, der den letzten Bochumer Angriff auf der Torlinie abblockte und Werder den Sieg rettete.

So schön diese unwahrscheinlichen Comebacks auch sind, so sehr sie einen an diesen Verein fesseln und so wenig ich mit dem erfolgreichen 1:0-Fußball der Schalker tauschen möchte – würde man einfach auf die katastrophalen Aussetzer verzichten, stünde Werder nun im Viertelfinale der Europa League und wäre auch in der Bundesliga noch im Kampf um die Meisterschaft vertreten. Aber man kann eben nicht alles haben. Und so bleibt das bekannte Gefühl, dieses Mittelding aus Ärger und Freude über unseren so außergewöhnlichen Verein, der mit unseren Gefühlen in einem Spiel mehr Karussel fährt, als andere Vereine mit denen ihrer Fans in einer ganzen Saison. Und mit etwas Distanz betrachtet könnte genau dies der Grund dafür sein, dass es so unglaublich geil ist, ein Werderfan zu sein.

10. Spieltag: For the Record: No Record!

(Anmerkung: Ich hatte in den letzten Tagen einige Problem mit dem Blog. Es sollte nun endlich wieder alles normal funktionieren, aber mir sind leider einige Einträge und Kommentare flöten gegangen. Die Einträge habe ich zum Teil schon wiederhergestellt, der Rest folgt morgen, aber bei den Kommentaren geht das leider nicht. Also nicht wundern, falls dein Kommentar verschwunden ist!)

VfL Bochum – Werder Bremen 1:4

Puh! Achtunddreißig Sekunden dauerte es, bis das Gerede vom Rekord verstummt war. 619 Minuten war Tim Wiese in der Bundesliga ohne Gegentor geblieben – mehr wurden es nicht. Werder leistete sich einen kapitalen Fehler, wurde durch einen Steilpass durch die Mitte ausgehebelt und lag plötzlich hinten. Noch bevor die Spieler realisiert hatten, was eigentlich los war, hätte dieses Spiel schon vorbei sein können. Pfosten und Latte hielten Werder im Spiel und auf der anderen Seite nutzte Hunt ebenfalls gleich die erste Chance zum Ausgleich. Das bekannte Stilmittel Standardsituation Özil – Kopfball Pizarro führte wieder einmal zum Erfolg.

Das 1:1 war zu diesem Zeitpunkt äußerst glücklich, brachte Werder aber endlich ein Stück Sicherheit. Die Abstimmung in der Viererkette wurde in der Folge Schritt für Schritt besser. Bochum konnte nur noch selten so für Verwirrung sorgen, wie es in den ersten zehn Minuten. Die Spielweise der vergangenen Wochen kam wieder zum Vorschein: Konzentrierte Arbeit gegen den Ball, bei eigenem Ballbesitz ein Wechselspiel von träge wirkendem Aufbauspiel und blitzartigen Angriffen. Die Kombinationen zwischen Özil, Hunt und Marin liefen flüssig und letzterer belohnte sich endlich auch mal selbst. Die Halbzeitführung war somit trotz der katastrophalen Anfangsphase nicht unverdient.

Nach dem Wechsel wollte Werder die Fehler der ersten Hälfte nicht wiederholen und begann hochkonzentriert. Man drückte auf das Tempo und versuchte, das Spiel schnell zu entscheiden. Als dies nicht gelang, stellte man sich tiefer hinten rein, ließ Bochum im Mittelfeld etwas mehr Platz und setzte auf Konter. Bochum nutzte den Platz jedoch in dieser Phase clever aus und setzte Werder unter Druck. Entlastung durch gefährliche Konter gab es nur noch selten. In der 76. Minute kam dann aber einer, der die Bochumer Schachmatt setzte: Torsten Frings führte einen Freistoß schnell aus und schickte den durchgestarteten Borowski steil. Der ließ sich die Chance nicht entgehen und schob den Ball an Heerwagen vorbei ins Tor. Man kann darüber streiten, ob sich der Ball beim Freitstoß noch um einige Zentimeter bewegt, aber einen Vorteil hat Werder daraus nicht gezogen. Getrumpft ist der Ball jedenfalls nicht mehr und einen Vorteil zog Werder lediglich aus der Bochumer Unaufmerksamkeit.

Danach war das Spiel gelaufen. Werder brachte den Sieg über die Zeit und erhöhte in der letzten Minute durch Özil noch zum 4:1. Ein wunderschönes Tor, mit dem Außenrist aus spitzem Winkel erzielt. Die Bedenken, die ich nach der Schlussphase in Wien und den ersten 10 Minuten heute hatte, sind nach diesem Spiel wieder weniger geworden. Auch wenn Bochum nicht der stärkstmögliche Gegner ist, haben mich die Entschlossenheit und die Ruhe, mit der Werder nach dem Rückstand das Spiel drehte, beeidruckt. Der Glaube an die eigene Stärke ist also nicht verloren gegangen. Und warum sollte er auch? Nur noch ein Punkt trennt Werder nun von der Tabellenspitze. Mit der wiedergewonnenen Auswärtsstärke, die in der vergangenen Saison völlig verloren gegangen war, kann man sich berechtigte Hoffnungen machen, bis zum Schluss um die Champions League Plätze mitspielen zu können.

Für Tim Wiese dürfte es zu verschmerzen sein, dass er Recks Rekord nicht geknackt hat. Erstens erscheint es nicht unmöglich mit dieser Mannschaft eine neue Serie zu starten und zweitens hat die wichtigere Serie weiterhin Bestand: Seit nunmehr 15 Spielen ist Werder ungeschlagen. Respekt!

29. Spieltag: Rotieren geht über Verlieren

Werder Bremen – VfL Bochum 3:2

Es ist so ein Sache mit diesen Spielen zwischen den Spielen. Für Werder ging es gegen den VfL Bochum nicht mehr um viel. Nach dem Kraft raubenden Spiel gegen den HSV am Donnerstag und vor dem wichtigen Spiel gegen den HSV am kommenden Donnerstag stand für Werder in erster Linie Regeneration im Vordergrund. Doch abschenken kann man die Liga auch nicht, will man nicht in den Ruf der Schiebung geraten – immerhin spielt man noch gegen die Meisterschaftskandidaten aus Hamburg und Wolfsburg.

Werders Auftreten gegen Bochum zeigte lange diese Zwiespältigkeit. Einerseits war man überlegen und spielte nach vorne, andererseits war man nicht konsequent genug um etwas daraus zu machen. An die Unkonzentriertheiten, die zu den Gegentoren führten, hat man sich als Werderfan ja schon fast gewöhnt. Das 0:2 zur Pause erwies sich dann aber gleich doppelt als Glücksfall für Werder:

Erstens zeigte sich die Mannschaft in ihrer Ehre gekränkt und drehte in Halbzeit zwei endlich auf. Es war völlig legitim, einige Stammspieler zu schonen, das machen andere Mannschaften auch und zumeist noch viel konsequenter. Die Mannschaft, die Werder zu Beginn aufbot, war schlagkräftig. Doch Spieler wie Özil und Pizarro bringen halt doch noch eine andere Qualität mit. Ihre Einwechslungen zahlten sich aus. Özil belebte das Werderspiel ungemein und trieb so auch Diego zu einer ganz starken Leistung in der Schlussphase.

Zweitens ist ein 3:2 nach 0:2 Rückstand sicher gut fürs Selbstvertrauen. Das sollte nach dem starken Auftritt in Hamburg ohnehin vorhanden sein, doch es ist wichtig, nicht sofort wieder einen Rückschlag hinnehmen zu müssen. In dieser Hinsicht war das 3:2 auch besser als z.B. ein lockeres 2:0. Es darf sich nicht wieder das Gefühl einschleichen, es gehe schon alles von alleine. Die Mannschaft ist noch immer anfällig für Anflüge von Überheblichkeit. Und Überheblichkeit kann sie sich in dieser Saison gegen keinen Gegner erlauben.

Der einzige Nachteil könnte der erneute Kräfteverschleiß sein, doch das dürfte eigentlich kein großes Problem darstellen. Fünf Tage hat man Zeit bis zum UEFA-Cup-Spiel, Spieler wie Frings, Özil, Pizarro und Fritz spielten 45 Minuten oder weniger und das Spieltempo gegen Bochum war insgesamt doch moderat.

Richtig wütend macht mich die Leistung von Dusko Tosic. Man konnte mal wieder sehen, dass Tosic ein wirklich guter Linker Verteidiger sein könnte. Er schlägt die mit Abstand besten Flanken unserer Außenverteidiger und bringt eigentlich alles mit, was man für die Position braucht. Doch statt sich einen Stammplatz zu erspielen, hat Tosic in seinen zwei Jahren bei Werder so ziemlich alles falsch gemacht, was man falsch machen kann. Zuletzt stellte Schaaf sogar lieber Fritz auf die linke Seite als Tosic. Trotz nicht gerade übermächtiger Konkurrenz steht er, der im Gegensatz zu etwa Boenisch als gestandener Spieler nach Bremen kam, nun auf dem Abstellgleis, nachdem er es schaffte innerhalb kurzer Zeit Fans, Mitspieler und Trainer mit seinen Aussagen und seiner Trainingsfaulheit zu verärgern. Sebastian Boenisch mag noch so manche Schwäche haben, doch man sieht ihm in jeder Minute des Spiels an, dass er mit vollem Herzblut dabei ist. Und das ist mir tausendmal lieber als ein Spieler, der sein Potenzial so sinnlos verschwendet.

29. Spieltag: Spielbericht

Werder Bremen – VfL Bochum

(Spielbericht erstellt aus meinem Live-Blog bei Twitter.)

Vor dem Spiel

Werder also heute gegen Bochum. Wichtigstes Spiel des Jahres: Vor dem zweiten Nordderby bloß nicht den Rasen kaputt treten. Werder schont
ganz überraschend die halbe Startelf vom Mittwoch. Ist das Schiebung
beim Kampf um Platz 13? Um Hannover eins auszuwischen?
Werder haut Bochum zuhause traditionell die Hütte voll. Bis auf letzte Saison, wo Bochum das Abseitstor des Jahrzehnts erzielte. Das Premiere Expertenduo kommt zum Schluss, dass am 29. Spieltag doch recht viele Mannschaften gewinnen müssen. Sensationell.

Aufstellungen

Werder: Wiese – Prödl, Merte, Naldo, Tosic (!) – Frings, Tziolis, Niemeyer, Diego – Almeida, Rosenberg

Bochum: Fernandes – Concha, Maltritz, Mavraj, Yahia – Imhof, Pfertzel – Freier, Dabrowski, Bönig – Sestak

Das Spiel

1' Spiel läuft und Diego bleibt gleich mal am Mittelkreis liegen nachdem er den Ball vertändelt hatte. Özil macht sich warm.

4' Erste Ecke Werder nach abgefälschtem Almeida-Schuss. Bringt nichts ein. Diego scheint wieder rund zu laufen.

7' Diego führt einen Freistoß schnell per Hacke auf Almeida aus, aber von Schiri Perl zurückgepfiffen. Schade.

9' Erste gute
Chance Werder: Diego schickt Tosic, der mit guter Flanke auf Rosenberg.
Der Schwede bekommt den Ball aber nicht aufs Tor.

12' Ausrichtung
ist klar: Werder spielt nach vorne, der VfL steht hinten drin und
wartet auf Kontermöglichkeiten. Bislang vergeblich.

16' Werder – Bochum 0:1, Sestak. Joah, kann man so machen. Steilpass von Pfertzel auf Sestak, der frei durch ist und Wiese tunnelt.

18' Man kann nun
wirklich nicht sagen,dass sich das Tor angekündigt hätte. Bochum nahm
bislang nicht am Spiel teil. Dann aber gleich richtig.

21' Frings flankt
aus dem Rückraum auf Almeida, der per Kopf vom 11m-Punkt abtropfen
lässt. Rosenberg trifft jedoch den Ball nicht richtig.

23' Diego dribbelt durchs Mittelfeld, findet keine Anspielmöglichkeit und versucht es mal selbst. Ungefährlicher Schuss.

25' Wenigstens
sind wir nicht die einzigen, die trotz klarer Überlegenheit
zurückliegen. In diesem Sinne schöne Grüße nach München.

27' Die Oskurve singt "Scheiß HSV" und "Über Hamburg fahr'n wir nach Berlin". Auch das zeigt die Wichtigkeit dieses Spiels.

32' Beste Chance
Werder. Naldo und Almeida mit Kopfballverlängerung, Rosenberg nimmt gut
mit, aber bolzt dann 25m drüber. Oh man.

33' Frings holt
sich die 5. Gelbe und darf in Köln zuschauen. Freistoß Bochum aus 20m
Sestak knapp rechts vorbei. 2. Chance Bochum.

37' Also Bochum
macht das schon geschickt, bis 35m vor dem Tor lässt man Werder freie
Bahn und macht dann die 15m vor dem Strafraum ganz eng.

39' Frings mit
ganz starker Vorarbeit auf Rosenberg, der wartet lange auf die Lücke
gegen Fernandes, aber scheitert dann aus spitzem Winkel.

43' Tziolis und Niemeyer sehr aktiv im Spielaufbau, aber erwartungsgemäß ohne kreative Geistesblitze.

44' Werder – Bochum 0:2, Sestak. Zweiter Konter – zweites Gegentor. Wieder Sestak. Auf einer Naivitätsskala von 1-10 liegt Werder heute bei 13.

45' Kurz vor dem
Tor war Diego zu eigensinnig. Statt auf den neben ihm völlig freien
Almeida abzuspielen schießt er selbst drauf.

Halbzeit: Werder
– Bochum 0:2.
Auch die Fans haben gemerkt, dass es noch nicht gegen den HSV
geht und quittieren die Leistung mit Pfiffen.
Ich fühle mich gerade ganz stark an die Rückrunden '07 und '08 erinnert. Ecke für Werder, der Gegner macht das Tor. Sind bei über 20
Grad im Schatten Sprints vom gegnerischem Strafraum zurück zum Eigenen
für einen Fußballprofi überhaupt zumutbar?

Zur Strafe schaue ich jetzt im ZDF dem Lichter beim Kochen zu.

46' Wir spielen weiter. Özil jetzt im Spiel für Frings. Prödl sieht Gelb.

52' Diego sieht
Gelb. Kommentator Lindemann: "Die Bochumer haben schon ihren Ruppsack
dabei." Nein, hat er gar nicht gesagt: "Rucksack"!

55' Werder –
Bochum 1:2, Almeida.
TOOOOOOOOOORRRRRRR!!!!! Özil schickt Rosenberg steil, der legt vor dem Tor
quer auf Almeida. Endlich mal ein richtig guter Spielzug.

60' Özil geht bis zur Grundlinie durch und spielt flach scharf an den langen Pfosten, doch da steht niemand.

62' Pizarro kommt für Rosenberg. Bochum wirkt etwas mutiger, dadurch aber auch mehr Platz für Werder.

65' Pfertzel muss nach einem Foul von Prödl verletzt runter. Für ihn kommt Epallé, der Mann mit der Maske.

69' Letzter Wechsel bei Werder. Clemens Fritz kommt für Prödl.

70' Werder – Bochum 2:2, Naldo. TOOOOOOOOOORRRRR!!!!!! Na also, geht doch. Özil legt auf für Naldo, der von der Strafraumgrenze ins lange Eck schießt.

72' Und Özil fast
mit dem 3:2. Klasse Balleroberung von Almeida, dann Pass von Diego auf
Özil, der per Schlenzer an Fernandes scheitert.

75' Ganz
komisches Spiel. Werder drängt auf das Siegtor, aber insgesamt wirkt
das Spiel sehr bedächtig und langsam. Als wärs ein Sommerkick.

78' Diego mit Traumpass auf Özil, der in den Strafraum zieht, wieder schlenzt und wieder an Fernandes scheitert.

79' Werder –
Bochum 3:2, Diego.
TOOOOOOOOOOORRRRRR!!!!!! Ein Klärungsversuch von Fritz landet im Strafraum
auf Diegos Schlappen. Der trifft ins rechte obere Eck.

82' Bin mir nicht
ganz sicher, wie so ein Ball 6 Meter vor dem Tor vom hünenhaften Diego
ohne Gegenwehr angenommen werden konnte…

84' Freistoß Werder aus 17 Metern nach Foul an Pizzaro. Diego an den Pfosten!

85' Und nochmal Diego mit einem Hammer aus 16 Metern! Gehalten von Fernandes. Werder mit 30:8 Torschüssen.

87' Diego packt
jetzt sein ganzes Repertoire aus. Man of the Match ist für mich aber
Özil, der Werders Spiel in Halbzeit 2 sehr belebt hat.

89' Bochum versucht zumindest noch einen Punkt zu holen, aber eine Schlussoffensive sieht anders aus. La Ola im Stadion.

90+1' Gibt noch eine Ecke für Bochum und… Abseitstor! Puhhh!

Endstand: Werder – Bochum 3:2. Torwart Fernandes erzielte das Tor in der letzten Minute, stand aber wohl knapp im Abseits. Werder dreht dank einer starken zweiten Halbzeit ein 0:2 in einen 3:2 Sieg. Wichtig, dass man hier nicht untergegangen ist! Vor allem die
Einwechslung Özils zur Halbzeit belebte Werders Spiel. Sieg ist
insgesamt verdient, wenn auch durch eigene Fehler erschwert.

"Die Meisterschaft ist nicht das Ziel aller Träume." Ach Franz…