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Ein großer Schritt in Richtung Klassenerhalt?

Werder Bremen – VfL Wolfsburg 0:3

Dank der Schützenhilfe aus Gladbach, Leverkusen und Hamburg bleibt Werders 5-Punkte-Vorsprung auf den Relegationsplatz nach dem 30. Spieltag erhalten. Dabei lieferte man selbst im Heimspiel gegen Wolfsburg eine der schlechtesten Saisonleistungen ab und verlor folgerichtig mit 0:3. Auf dem Papier ist die Abstiegsgefahr für Werder zwar gesunken (gleicher Vorsprung bei weniger verbleibenden Spielen), doch darüber sprach in Bremen nach dem Spiel zu Recht niemand.

Umstellungen und Korrekturen

Das Team wurde im Vergleich zu den letzten Spielen erneut durcheinander gewürfelt. Petersen blieb auf der Bank, dafür durfte sich Arnautovic in der Spitze versuchen. Kapitän Clemens Fritz verdrängte nach überstandener Verletzung Felix Kroos wieder auf die Bank und lief neben Bargfrede als Sechser auf. Auch in der Viererkette gab es eine Veränderung: Statt Innenverteidiger Pavlovic spielte Innenverteidiger Sokratis als Linksverteidiger, nachdem er zuletzt noch als Rechtsverteidiger aushelfen musste.

Werders Offensivtaktik ging nicht auf, das wurde recht schnell deutlich. Arnautovic wich viel auf seinen gewohnten rechten Flügel aus. Die nachrückenden De Bruyne und Junzovic wurden im Strafraum mit hohen Bällen gefüttert – gegen die Wolfsburger Innenverteidigung um Naldo keine vielversprechende Tatik. Es krankte wie so oft jedoch schon im Aufbauspiel, was auch ein Verdienst der Wolfsburger war, deren Pressing die Handschrift von Dieter Hecking langsam erkennen lässt. Werder leitete die Bälle wie gewohnt meistens auf die Außenverteidiger, denen die aufrückenden Wolfsburger konsequent die Passwege zustellten. Werder Passquote war zudem mit 75% nicht gut genug, um das Kurzpassspiel durch die Mitte erfolgreich durch zu bringen. So konnte Wolfsburg mit relativ wenig Risiko Werder vom eigenen Tor fernhalten. Auf der anderen Seite freute sich Wolfsburg über die üblichen Lücken in Werders System. Beim 0:1 reichen ein Vertikalpass von Kjaer und eine schnelle Drehung von Arnold, um in das Loch vor Werders Viererkette zu kommen. Zudem stehen die Innenverteidiger in der Situation zu weit auseinander, so dass dem Wolfsburger viel Platz für den Torabschluss bleibt. Beim 0:2 spielt Prödl in einer 3 gegen 2 Situation auf Abseits, während Lukimya versucht abzusichern. Olic startet im richtigen Moment, um dies auszunutzen.

Nach einer halben Stunde korrigierte Schaaf seine Aufstellung, brachte Petersen für Prödl und schob Sokratis und Arnautovic auf ihre gewohnten Positionen. Da war das Spiel aber schon fast entschieden, die Bremer Moral erst einmal gebrochen. Torchancen blieben Mangelware. In der zweiten Halbzeit konnte man Werder ansehen, dass man sich nicht aufgeben wollte und den VfL nun noch aggressiver und höher pressen wollte. Die Kompaktheit fehlte dabei jedoch weiterhin, was zu einem gestreckten Spiel mit vielen Räumen im Mittelfeld führte. In dieser Phase konnte man sehen, dass Wolfsburg noch lange keine Spitzenmannschaft ist, denn sie kamen kaum einmal zu guten Kontergelegenheiten. Defensiv gerieten die Wölfe jedoch kaum in Bedrängnis. Die einzige echte Chance für Werder hatte Arnautovic, der jedoch einen Meter vor dem Tor spektakulär den Ball verfehlte. Spätestens als kurz darauf der eingewechselte Yildirim Vierinha im Strafraum foulte und Diego den fälligen Elfmeter verwandelte, war Werders Widerstand gebrochen.

Bewegung in der Trainerfrage

Was bleibt festzuhalten? Werder spielt eine der schlechtesten Saisons der eigenen Bundesligageschichte. Seit Gründung der Bundesliga 1963 hatte man lediglich 1998/99 nach 30 Spielen noch weniger Punkte. Ironischerweise war das der Zeitpunkt, zu dem Thomas Schaaf verpflichtet wurde. Selbst in der Abstiegssaison 1979/80 hatte Werder nach 30 Spieltagen (auf die 3-Punkte-Regel umgerechnet) 4 Punkte mehr auf dem Konto, als heute. Damals verlor man die restlichen vier Spiele. Nach dem Spiel gegen Wolfsburg muss man befürchten, dass dies auch in dieser Saison im Bereich des Möglichen liegt. Am Wochenende hat sich zu den allgemeinen Problemen nun auch noch die befürchtete akute Krise eingestellt.

Dennoch bin ich mir nicht sicher, ob ein sofortiger Trainerwechsel weiterhelfen würde. Ohne einen geeigneten Nachfolger in der Hinterhand wäre dies wohl reiner Aktionismus. Eine Interimslösung aus den eigenen Reihen halte ich für unwahrscheinlich. Am ehesten käme wohl Viktor Skripnik in Frage, für den der Sprung aber sehr groß wäre. Soll man für die restlichen vier Spiele einen Trainer vom Typ “Retter” von außen verpflichten? Wer käme da überhaupt in Frage? Die Gerüchte, Thomas Schaaf könnte noch vor dem Spiel in Leverkusen entlassen werden, wurden denn auch schnell entkräftigt. Wie es nach einem erneuten desolaten Auftritt am kommenden Wochenende aussehen würde, ist jedoch eine andere Frage. Die Tabellenkonstellation erfordert eine sofortige Stabilisierung. Es wäre fahrlässig, den Klassenerhalt für einen einigermaßen versöhnlichen Abschied zum Saisonende aufs Spiel zu setzen. Dass dieser Abschied kommen wird, dürfte inzwischen sehr wahrscheinlich sein. Die Aussagen seitens der Geschäftsführung haben sich in den letzten Wochen deutlich geändert. Inzwischen vermeidet man es tunlichst, von der nächsten Saison zu sprechen. Man spricht Schaaf noch immer das Vertrauen aus, aber nur noch auf die Gegenwart bezogen. Alle weiteren Fragen werden abgewiegelt.

Wie auch immer die Saison 2012/13 am Ende ausgeht, sie wird als das Jahr des Wandels und des Umbruchs bei Werder in die Geschichtsbücher eingehen. Wenn auch vermutlich nicht so, wie man sich das vor der Saison erhofft hat.

Verdienter Punkt und Punktsieg

VfL Wolfsburg – Werder Bremen 1:1

Regelmäßige Leser dieses Blogs werden wissen, dass ich mit gemischten Gefühlen und einer gehörigen Portion Skepsis durch diese Saison gehe. Das Spiel gegen Wolfsburg könnte dabei in gewisser Hinsicht ein Wendepunkt gewesen sein.

Gutes Bremer Pressing hält Wolfsburg in Schach

Werder spielte gegen Wolfsburg eigentlich wie immer in dieser Saison in einem 4-3-3 / 4-1-4-1 mit breit stehenden Außenstürmern und einem flexiblen Mittelfeld, in dem diesmal de Bruyne etwas höher agierte als Hunt. Inzwischen scheint die Mannschaft eine gute Balance zwischen Pressing und tiefem Verteidigen gefunden zu haben. Im Spiel gegen Wolfsburg rückten die Achter beispielsweise häufiger und aggressiver neben Petersen ins Angriffspressing als im Spiel auf Schalke, wo man insgesamt tiefer stand. Teilweise presste Werder mit vier Spielern auf einer Linie hinter Petersen und verhinderte damit ein konstruktives Zusammenspiel zwischen Innenverteidigern, Außernverteidigern und Sechsern. Wolfsburg verstand es auch kaum, die daraus resultierenden Lücken zu nutzen. Junuzovic hatte enorm viel Raum abzudecken und ist mit seiner Laufstärke und guten Antizipation wohl der einzige im Bremer Kader, der diese Rolle so ausfüllen kann. Gegen Diego machte er ein gutes Spiel und die Flügelstürmer der Wolfsburger taten letztlich zu wenig, um den Brasilianer zu unterstützen. Werders Innenverteidiger ließen sich von Dost häufiger aus der Position ziehen, doch da Wolfsburgs Spiel nicht auf diese Lücken in der Viererkette ausgerichtet war, resultierten hieraus kaum gefährliche Situationen. Im Gegenteil konnte Werder so den Raum vor der Viererkette gut zustellen und die Luft aus den Wolfsburger Angriffen lassen.

Offensiv spielte Werder weitestgehend so, wie man es in dieser Saison kennt. In Ballbesitz ist häufig de Bruyne der tiefste Mittelfeldspieler (in diesem Spiel war es oft auch Hunt), während Junuzovic mit seinen Läufen für Überzahl sorgt. Arnautovic und Elia kleben meistens am Flügel, worunter vor allem Elia zu leiden scheint. Er wirkt teilweise wenig ins Spiel eingebunden und isoliert, wenn die Unterstützung der Achter oder des Außenverteidigers fehlt. In den letzten Spielen hat man das Problem aber anscheinend erkannt und die Außenstürmer streuen mit zunehmender Spieldauer mehr horizontale Läufe ein, wodurch sie auch immer mal wieder im Zentrum zu finden sind und sich besser ins Kombinationsspiel einbringen können. Die Führung fiel nach einem starken Dribbling von Elia, das an Marko Marin erinnerte. Bei Marin war dann jedoch häufig die Hereingabe schwach. Elia fand genau den richtigen Moment und legte den Ball zurück auf Arnautovic.

Platzverweis kippt das Spiel

Die Führung war angesichts der beiden Wolfsburger Pfostenschüsse etwas glücklich, aber vom Spielverlauf her absolut verdient. Daran änderte sich auch nach der Pause zunächst nicht viel. Im Gegenteil, die ersten 10 Minuten nach Wiederanpfiff waren Wolfsburgs schlechtesten im gesamten Spiel. Werder kam mehrfach zu guten Kontergelegenheiten, die das Team jedoch zu zögerlich anging und dann letztlich nicht mehr zu Ende spielen konnte. Die Top-Teams der Liga hätten in dieser Phase wohl das Spiel für sich entschieden.

Nach dem Platzverweis gegen Schmitz kippte das Spiel. Schon kurz vorher hatte Werder Glück, als beide Innenverteidiger aus der Position gezogen wurden und plötzlich eine riesige Lücke im Zentrum entstand, der Angriff jedoch wegen einer Abseitsstellung unterbrochen wurde. Kurz danach schlug Wolfsburg dann so zu, wie man es das ganze Spiel über gerne getan hätte. Diego hatte im Zentrum zu viel Zeit am Ball und spielte ihn in die Schnittstelle zwischen Innen- und Außenverteidiger. Elia stand in der Situation meiner Meinung nach ein Stück zu weit außen, was den Pass in Vierinhas Lauf ermöglichte. Man kann das Tor also als eine direkte Folge des Platzverweises bezeichnen. Andererseits bestand Schmitz Schwäche in der Vergangenheit auch häufig darin, dass er nicht weit genug einrückte und Vierinhas Einwechslung für den doch eher blassen Hasebe hätte wohl auch bei 11 gegen 11 für mehr Schwung in Wolfsburgs Spiel gesorgt.

Schaaf reagierte meiner Meinung nach richtig, brachte Ignjovski für Elia und später noch Fritz für Arnautovic um die Stabilität im 4-4-1 zu erhöhen. Die Unterzahl im Mittelfeld machte sich in der Folge jedoch bemerkbar, Wolfsburg war jetzt klar die dominierende Mannschaft und zeigte, dass sie in den 60 Minuten davor weit unter ihren Möglichkeiten gespielt hatte. Werder hielt vor allem kämpferisch dagegen (trotz 30 Minuten in Unterzahl ist das Team insgesamt mehr gelaufen als Wolfsburg).

Punktsieg und Lob für Schaaf

Das Unentschieden geht am Ende in Ordnung, wobei ich gerne gesehen hätte, ob Wolfsburg auch ohne den fragwürdigen Platzverweis so ins Spiel gefunden hätte. Das Trainerduell geht in diesem Fall an Schaaf, der sich entgegen meiner Befürchtungen doch weiterentwickelt hat und sein System weiter verfeinert. Spiele, in denen Werder über 90 Minuten taktisch unterlegen war, gab es in dieser Saison jedenfalls wenige (Freiburg, Mainz). Zwar können Gegner gegen Werder noch immer zu häufig mit relativ einfachen Mitteln zum Torerfolg kommen, aber insgesamt ist doch eine taktische Weiterentwicklung zu erkennen, die über die reine Umstellung auf ein System mit Flügelstürmern hinaus geht. Schaaf geht weiterhin seinen eigenen Weg und so langsam habe ich wieder etwas mehr Vertrauen darin, dass er nicht in eine Sackgasse führt.

Die nächsten Spiele werden zeigen, wie gefestigt Werder schon ist. Leverkusen ist in guter Form und wird mit seinem sehr soliden und ebenfalls Laufstarken Mittelfeld eine harte Nuss für Werder. Danach kommen zwei Auswärtsspiele, wobei das Spiel in Frankfurt ein Offensivspektakel werden könnte. Angesichts der Bremer Auswärtsbilanz in diesem Jahr gibt es eigentlich nur noch ein Spiel, in dem Werder Favorit ist: Das Heimspiel gegen Nürnberg am 17. Spieltag. Und gerade gegen Heckings Team tat sich Werder zuletzt sehr schwer und musste zwei Heimpleiten in Folge einstecken. Wenn man danach noch in Schlagdistanz zu Platz 6 liegt, darf man die Hinrunde unterm Strich als Erfolg verbuchen.

Nach Allofs

Na gut, jetzt komme ich nicht mehr drum herum, mich zu Allofs Abschied zu äußern. Dabei habe ich zum Abgang selbst gar nicht so viel zu sagen. Ich will mich hier nicht mit Stilfragen auseinander setzen, denn das haben andere schon getan. Nach einem Rückblick auf die Allofs-Ära ist mir mitten in der laufenden Saison auch nicht. Mich interessiert eigentlich nur, wie es jetzt für Werder weitergeht.

Allofs ist – trotz aller Kritik, der er sich in den letzten Jahren ausgesetzt sah – einer der Top-Manager der Liga und es greift viel zu kurz, ihn auf sein (angeblich) über die Jahre verloren gegangenes Händchen bei der Verpflichtung neuer Spieler zu reduzieren. Allofs hat unter finanziell schwierigen Bedingungen einen Verein, der sich selbst schon als graue Maus empfand, über Jahre hinweg in der Bundesligaspitze etabliert. Ihm saß dabei stets ein Aufsichtsrat im Nacken, der penibel auf die Ausgabenseite geachtet hat und Veränderungen eher kritisch gegenüber stand (man denke bspw. an den Klose-Transfer). Finanziell ist Werder mit den eigenen Möglichkeiten immer mehr ans Limit gegangen. Als die Erfolge ausblieben, bestand Allofs Aufgabe zum einen in der Konsolidierung, um die Kaderkosten an die reduzierten Einnahmen anzupassen. Zum anderen bestand sie jedoch auch darin, weiter eine wettbewerbsfähige Mannschaft zusammenzustellen. Als feststand, dass Werder auch in dieser Saison auf internationale Einnahmen verzichten muss, leitete Allofs den nötigen Umbruch ein, senkte die Gehaltskosten und verjüngte den Kader.

Im Nachhinein kann man Allofs späte Jahre durchaus kritisch sehen, denn die fehlenden Erfolge und ausbleibende Einnahmen fallen als Sportdirektor und Vorsitzender der Geschäftsführung in Personalunion ganz klar in seine Verantwortung. Egal, ob man den Niedergang nun mit dem Trainer, den Spielern oder schlechten Transfers begründet,all dies hatte letztlich Allofs zu verantworten. Dennoch sollte man die Schwierigkeit seiner Aufgabe nicht unterschätzen. Für manch andere Vereine endete im letzten Jahrzehnt die Phase des großen Erfolgs mit einem Knall, der sie an den Rand des Zusammenbruchs brachte (Kaiserslautern, Borussia Dortmund). Allofs hinterlässt hingegen trotz der sportlichen Talfahrt einen finanziell weitgehend gesunden Verein. Der 13-Millionen-Verlust des letzten Geschäftsjahrs konnte dank einer hohen Eigenkapitalquote relativ gut aufgefangen werden. Ob im kommenden Sommer weitere Einsparungen am Kader vorgenommen werden müssen, hängt vor allem vom sportlichen Abschneiden in dieser Saison ab.

Allofs Nachfolger wird es nicht nur deshalb schwer haben, weil er sich an den Erfolgen der Allofs-Ära messen lassen muss. Er wird es auch deshalb schwer haben, weil er einen sich im Umbruch befindenden Verein übernimmt, der strukturell nicht mit den großen Fischen der Liga mithalten kann, aber dennoch den Anspruch hat, an die erfolgreiche Zeit anzuknüpfen. Mittelfristig dürfte dabei für Werder kein Weg daran vorbeiführen, bei der Gewinnung von Sponsoren und sonstigen Geldgebern neue Wege zu gehen. Allofs selbst hat dies in jüngerer Vergangenheit schon häufiger angekündigt. Die größte Schwierigkeit könnte hierbei darin liegen, den eigenen Aufsichtsrat davon zu überzeugen.

Die Suche nach einem geeigneten Nachfolger gestaltet sich auch deshalb als schwierig, weil es gleich zwei Positionen zu besetzen gibt. Es gilt als wahrscheinlich, dass der neue Sportdirektor nicht gleichzeitig die Leitung der Geschäftsführung übernehmen wird. Somit bleibt die Möglichkeit, dem eher öffentlichkeitsscheuen Klaus Filbry den Vorsitz zu übergeben (Klaus Fischer kommt wegen seiner Doppelfunktion als Vereinspräsident nicht in Frage) oder die Geschäftsführung (wie bis 2009 der Fall) wieder auf vier Mitglieder zu erweitern. Der in den letzten Tagen am häufigsten genannte Name ist Dietmar Beiersdorfer, aber auch Aufsichtsratsmitglied Marco Bode sowie Chefscout Frank Baumann und Rune Bratseth werden gehandelt. Fraglich ist, ob auch namhafte externe Manager ohne “Stallgeruch” in Frage kommen. Nicht zuletzt ist es für den letzten verbliebenen starken Mann bei Werder, Willi Lemke, auch eine politische Entscheidung, um seine eigene Machtposition weiter zu stärken.

Den Zeitpunkt des Wechsels sehe ich nicht so kritisch, wie viele andere. Für einen Wechsel im Management gibt es keinen idealen Zeitpunkt. Wer auch immer Allofs Nachfolger werden, ihre Aufgabenstellung ist klar. Viel Eingewöhnungszeit gibt es angesichts der oben beschriebenen Situation ebenfalls nicht. Das wäre auch bei einem Wechsel im Winter oder zum Saisonende so gewesen. In jedem Fall bleibt der neuen Vereinsführung genügend Zeit, die kommende Saison vorzubereiten.

Zum Abschluss bleibt mir nur zu sagen: Danke Klaus Allofs für 13 überwiegend erfolgreiche Jahre! Ich hoffe die Lücke, die du hinterlässt, wird nicht so groß sein, wie ich befürchte.

Tobias Singer wechselt sofort zum VfL Wolfsburg

Der – mehr oder weniger – bekannte Blogger Tobias Singer wird den SV Werder Bremen verlassen und zum VfL Wolfsburg wechseln. Darauf einigte er sich in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch mit sich selbst. Der Vertrag, der Singer nie vorgelegt wurde, wird vorzeitig aufgelöst (in Luft). Das bestätigte Werders Aufsichtsratsvorsitzender Willi Lemke durch vielsagendes Schweigen.

„Tobias Singer hat mehr als sechs Jahre lang die Entwicklung von Werder Bremen im Internet entscheidend mit geprägt und große publizistische Erfolge gefeiert. Daher war es für uns selbstverständlich, dass wir der Bitte von Tobias Singer nachgekommen sind, über diesen Wechsel mit dem VfL Wolfsburg zu verhandeln. Wir möchten ihm ausdrücklich für seine hervorragende Arbeit danken”, sagte irgendwer am Mittwochvormittag. Über die Details der Verhandlungen mit dem Ligakonkurrenten haben beide Vereine Stillschweigen vereinbart.

Singer, der seit 2006 bei Werder die sportlichen Geschicke begleitet, und schon am Donnerstag in Wolfsburg vorgestellt werden soll, bedankte sich für das Entgegenkommen und blickt gern auf eine großartige Zeit zurück: „Mit diesem Schritt nach Wolfsburg gehen für mich 6 wichtige Jahre zu Ende. In dieser Zeit hat es immer wieder Angebote anderer Vereine gegeben, die für mich aber nie eine Rolle spielten. Jetzt aber ist der Punkt gekommen, an dem ich noch einmal eine neue Herausforderung suchen möchte.” Der ehemalige Werder-Blogger hinterlässt seinen Geschäftsbereich mit gutem Gefühl: “Ich halte Werder Bremen nach dem vollzogenen sportlichen Umbruch für sehr gut aufgestellt. Ich bin sicher, dass der Verein einer guten Zukunft entgegen geht.”

Die Suche nach dem Nachfolger für Tobias Singer hat bei Werder Bremen inzwischen begonnen: „Wir haben ein Anforderungsprofil für einen Nachfolger erstellt. Über Namen möchten wir zu diesem Zeitpunkt aber nicht sprechen. Wir sind sicher, dass wir eine gute Lösung für Werder präsentieren werden.”

Tobias Singer arbeitete seit 2006 in unverantwortlicher Position für den Bundesliga-Fußball als Werder-Blogger. Tobias Singer führte in Zusammenarbeit mit tausenden anderen Fans das Team zum Double-Sieg 2004 und anschließend sechs Mal in die Champions League und einmal in die Europa League. Zuletzt holte Werder unter der Begleitung von Tobias Singer 2009 den DFB-Pokal und erreichte im gleichen Jahr das Finale des UEFA-Cups. Seit Anfang 2012 wirkte Tobias Singer zudem als Podcaster bei www.gruenweiss.org.

10 Gründe, nach dem Sieg gegen Wolfsburg optimistisch zu sein

Normalerweise bin ich in diesem Blog bemüht, einigermaßen ausgewogen über Werder und den Fußball zu schreiben. Das gelingt mir mal mehr und mal weniger gut. Nach dem 4:1 gegen Wolfsburg lasse ich die negativen Dinge aber mal bewusst beiseite. So ist diese kleine, weihnachtlich-optimistische Liste entstanden:

1. Endlich mal wieder ein deutlicher Sieg

Früher waren deutliche Siege für Werder nichts besonderes. Heute muss man allerdings schon etwas weiter zurückdenken, um sich einen höheren Werdersieg zu erinnern. Ein 4:1 gab es zuletzt vor 14 Monaten in Gladbach. Der letzte höhere Sieg liegt sogar noch länger zurück: Im April 2010 gewann man 4:0 gegen Freiburg.

2. Werder ist eine Heimmacht

Acht Spiele, sieben Siege – nur gegen Dortmund gab es eine Niederlage. Nun sind Kaiserslautern, Freiburg, HSV, Hertha, Köln, Stuttgart und Wolfsburg sicher alle schlagbare Gegner im eigenen Stadion. Sie alle zu schlagen ist dagegen keine Selbstverständlichkeit. Als Ergebnis steht man auf Platz 1 in der Heimtabelle.

3. Werder überwintert auf einem Europacup-Platz

Wer hätte das vor der Saison gedacht: An 15 von 16 Spieltagen stand Werder unter den ersten Sechs in der Tabelle. Mehr als die Hälfte der Hinrunde sogar unter den Top Vier. Schlechter als Platz 6 wird man auch nach dem Spiel gegen Schalke nicht sein. Bei einem Sieg würde man sogar mindestens auf Platz 4 überwintern.

4. Werder kann Ausfälle kompensieren

Die Ausfälle waren nicht der Grund für Werders Absturz in der letzten Saison. Sie trugen aber viel dazu bei, die Krise zu verschärfen und Werder lange im Abstiegskampf zu halten. Gegen Wolfsburg fielen mit Marin, Hunt und Ekici die drei besten offensiven Mittelfeldspieler aus. Dennoch erspielte sich Werder eine Vielzahl hochkarätiger Torchancen. Zwei Wochen vorher schlug man Stuttgart ohne Pizarro. Werder ist nach wie vor auf gewisse Spieler angewiesen, fällt aber bei Ausfällen nicht wieder direkt in sich zusammen.

5. Naldo

Naldo habe ich vor der Hinrunde mit einem riesigen Fragezeichen versehen. Ich wäre schon zufrieden gewesen, wenn er bis zur Rückrunde wieder fit und in Bundesligaform gewesen wäre. Selbst die kühnsten Optimisten werden wohl kaum mit einer so schnellen Rückkehr gerechnet haben, vor allem aber nicht mit einer so schnellen Rückkehr zur alten Stärke. In der aktuellen Verfassung ist Naldo einer der drei besten Innenverteidiger der Bundesliga.

6. Pizarro

Werder ist abhängig von Pizarro. Man kann es auch positiv sehen: Werder hat einen Spieler wie Pizarro, der in jedem Spiel den Unterschied machen kann. Entgegen den Befürchtungen hatte Pizza bislang nur mit wenigen Verletzungssorgen zu kämpfen und trifft vorne zuverlässig. Und aller Abhängigkeit zum Trotz: Werder hat beide Saisonspiele ohne Pizarro gewonnen.

7. Rosi is back!

Gibt es einen Stürmer, der mehr von seinem Selbstbewusstsein abhängig ist? Zu Saisonbeginn war Markus Rosenberg on fire. Vor zwei Wochen schlich er mit hängenden Schultern über den Platz und wirkte so ungefährlich, dass seine Gegenspieler schon Mitleid mit ihm haben konnten. Dann das Tor gegen die Bayern und plötzlich quillt Rosi fast über vor Spielfreude. Der Zweikampf um den Platz neben Pizarro ist wieder eröffnet.

8. Das grünweiße Laufwunder

Gegen Wolfsburg hat Werder wieder einmal 125 km Laufpensum runtergespult. Drei Spieler kamen auf über 13 km Laufdistanz. Auch wenn das alleine nicht viel aussagt, die kämpferische Einstellung spiegelt sich in dieser Saison auch auf dem Papier wieder. Die vielen knappen Siege und gedrehten Rückstände sind nicht zuletzt das Ergebnis dieser Einstellung.

9. Werder bleibt Werder

Über Werders Außendarstellung lässt sich dieser Tage (und Monate) streiten. Der über die Vertragsverhandlung öffentlich ausgetragene Machtkampf zwischen Lemke und Allofs ist untypisch für den Verein. Im Vergleich zu den meisten anderen Bundesligisten, erst recht denen mit ähnlichen Ansprüchen, sticht Werder aber keineswegs negativ hervor. Insgesamt bleibt Werder ein ruhiges Pflaster für Spieler und Trainer.

10. Der beste Endspurt

Die letzten 10 Spieltage sind fast schon traditionell Werders beste, zumindest was die Ergebnisse angeht. Selbst letzte Saison gab es 16 Punkte und nur zwei Niederlagen. Im Jahr zuvor schnappte man sich noch den schon verloren geglaubten Platz 3, 2008 und 2006 wurde man jeweils im Endspurt noch Vizemeister. Wenn bloß vorher die jährliche Frühjahrskrise nicht wäre, aber wir wollen ja optimistisch bleiben.

Maurermeister Schaaf?

Bundesliga, 15. Spieltag: VfL Wolfsburg – Werder Bremen 0:0

Ein 0:0 auswärts in der Bundesliga ist für Werder in dieser Hinrunde ein gutes Ergebnis, egal gegen welchen Gegner. Man hat es schon zu sehr akzeptiert, als dass man sich über diese Tatsache noch richtig ärgern müsste. Gegen Wolfsburg war mehr als ein Punkt drin, weil Werder einen weiteren Schritt zu mehr defensiver Stabilität tat und trotzdem mehrere richtig gute Torchancen hatte. Allerdings hatte dieses Spiel eigentlich keinen Sieger – und wenn man ehrlich ist auch keine Tore – verdient.

Wolfsburg spielte über weite Strecken erschreckend schwach. Ein spielerisches Konzept konnte ich bei Steve McClarens Truppe nicht erkennen, vielmehr hieß die einzige Waffe im Offensivspiel Diego. Edin Dzekos Leistung war eine absolute Frechheit und die Wolfsburger scheinen gut darin beraten, den Ausnahmestürmer in der Winterpause für eine fürstliche Ablöse nach Madrid gehen zu lassen (falls ihm Hugo Almeida schwimmender Weise nicht zuvor kommt, har har). Wolfsburg war in den ersten 20-30 Minuten gefährlich, weil Diego gefährlich war. Danach kam nur noch sehr wenig. Das Spiel zeigte ganz gut, warum es für Werder in dieser Saison Gift wäre, Diego in der Mannschaft zu haben – auch wenn mir hierbei viele Fans widersprechen werden. Diego könnte mit seiner individuellen Klasse einige unserer strukturellen Defizite überdecken (wie auch schon zum Teil 2008/09), doch genau das wäre das Problem. Die Abhängigkeit von seinen genialen Ideen ist nichts, worum man Wolfsburg beneiden müsste. Unsere strukturellen Probleme (Spieleröffnung, Raumaufteilung) liegen momentan offener denn je und inzwischen habe ich auch das Gefühl, dass an ihnen gearbeitet wird. Ich bin mir nicht sicher, ob das mit einem Diego, der als Alibi für andere Spieler fungieren kann, auch so wäre.

Politik der kleinen Schritte

Wenn das Spiel gegen St. Pauli ein kleiner Schritt nach vorne war, kann man das Wolfsburgspiel zumindest als einen Schritt zur Seite betrachten. Und da sich momentan alles, was kein weiterer Rückschritt ist, wie ein Fortschritt anfühlt, darf das Team aus diesem Spiel auch gerne etwas Selbstvertrauen schöpfen, bevor es gegen Inter und Dortmund wieder erschüttert zu werden droht. Es gibt in diesem Jahr noch ein wichtiges Spiel und das findet am 17. Spieltag gegen Kaiserslautern statt. Heute in der Champions League geht es wie schon in London darum, das Gesicht zu wahren. Gegen Dortmund befürchte ich kein Debakel, denn dafür werden sie uns für zu leicht befinden und ihre Kräfte für die Europa League schonen. Dortmund hat übrigens 7 Punkte mehr auf dem Konto als Werder zum selben Zeitpunkt in der Doublesaison. An dieses Spiel sollte man als Fan völlig erwartungslos herangehen.

Spielerisch geht es bei Werder noch nicht wirklich vorwärts, doch das kann man in dieser Hinrunde auch nicht mehr verlangen. Die personelle Situation, die kurzen Pausen zwischen den Spielen, die zwischenzeitliche Unruhe in Mannschaft und Umfeld – da kann man sich eigentlich nur die Wunden lecken und nach der Winterpause einen Neustart versuchen. Bei aller berechtigten Kritik darf man eben auch nicht vergessen, dass da teils Spieler auf dem Platz stehen, die eigentlich nur vierte oder fünfte Wahl auf ihrer Position sind. Wie würde sich ein Sandro Wagner wohl präsentieren, wenn er bei Dortmund in der 75. Minute eingewechselt werden würde, statt bei Werder den Lückenbüßer für unsere Ausfälle im Sturm zu geben? Die Übergänge vom vielversprechenden Sturmtalent zum scheinbaren Nichtskönner sind fließend, gerade für neue Spieler.

Der dritte Mann im Zentrum

Schon allein deshalb ziehe ich meinen Hut vor Dominik Schmidt. Dank seinen soliden Leistungen als Außenverteidiger (nicht mehr und nicht weniger sind sie) haben wir Clemens Fritzs Fähigkeiten als Sechser kennengelernt. Wenn die Aufstellung vor dem Spiel (Fritz als 6er, Bargfrede als offensiver rechter Mittelfeldspieler) noch überraschte, ergab die letztliche Aufteilung auf dem Spielfeld doch mehr Sinn. Werder spielte mit drei zentralen Mittelfeldspielern, um Wolfsburgs Raute im Schach zu halten und hatte in Hunt, Marin und Arnautovic drei variable Spieler in der Offensive, die ihre Sache ordentlich machten. Ein Problem ist in dieser Zusammensetzung die fehlende Präsenz in der Sturmspitze. Arnautovic spielt raumgreifend, weicht auf die Flügel aus und bräuchte dann eine Anspielstation im Strafraum. Da Hunt und Marin dafür kaum in Frage kommen, war es einige Male Bargfrede, der an der Strafraumgrenze angespielt wurde (bin ich der Einzige, der sich für diese Situationen einen fitten Tim Borowski gewünscht hätte?). Aus einer solchen Situation entstand schließlich auch der Elfmeter für Werder.

Leider verschoss Frings zum zweiten Mal in Folge, was für Sky Grund genug war, die Interviews nach dem Spiel auf diese Tatsache auszurichten. Wer aus diesen beiden Fehlschüssen eine Tendenz herauslesen möchte – bitteschön. Ich glaube eher, dass die 20er Serie ein statistischer Zufall war, denn obwohl Frings insgesamt gute Elfmeter schießt, war da auch der eine oder andere schwache Schuss dabei, der mit Glück trotzdem ins Tor ging. Dass das nicht immer klappen kann, ist eigentlich klar. Wollen wir hoffen, dass der Lutscher das mental wegsteckt und keine Serie daraus wird, denn seine Reaktion hinterher wirkte schon ein wenig dünnhäutig.

Übergangsjacke oder Wintermantel?

Hätten Arnautovic oder Hunt ihre Großchancen kurz vor Schluss genutzt, wäre das Fazit noch etwas positiver ausgefallen. So bleibt ein weiteres Zu-Null-Spiel, auf das man sich nicht viel einbilden darf, aber das der geschundenen Verteidigerseele sicherlich gut tut. Wenn Per Mertesacker jetzt noch seinen obligatorischen Katastrophenpass in den Fuß eines Gegenspielers aus dem Repertoire streicht, sieht das doch schon wieder nach einem Nationalspieler aus. Ansonsten fragt man sich natürlich, welche Elemente aus Werders Spiel Zukunft haben. Ist Schmidt mehr als nur eine Übergangslösung? Damit verbunden: Sehen wir Fritz noch häufiger im defensiven Mittelfeld? Ist die Lösung mit dem dritten zentralen Mittelfeldspieler ein Fortschritt oder ein Rückschritt? Können nicht gerade Marin und Hunt mit ihrer Spielweise davon profitieren? Und was platzt bei Arnautovic zuerst? Der Knoten oder der Kragen? Man hat bei ihm ja so den Eindruck, dass er noch gut auf 12-15 Saisontore kommen könnte, wenn er denn mal einen Lauf bekommt. Warum nicht gleich heute gegen Inter?

VfL Wolfsburg – Werder Bremen (live)

31. Spieltag: Sky90, ein Trauerspiel

VfL Wolfsburg – Werder Bremen 2:4

Wer etwas von Freude über Platz 3 oder Angriff auf die Champions League lesen möchte, der ist hier an der falschen Adresse. Hier gibt es nichts zu sehen, bitte gehen Sie weiter. Nach der Niederlage vor zwei Wochen habe ich Werders Chancen auf die Champions League abgeschrieben. Nun steht man plötzlich – zumindest für 24 Stunden – auf Platz 3. Ich weiß nicht genau warum und momentan ist es mir auch egal. Werder macht in dieser Saison eben immer das Gegenteil von dem, was ich erwarte. Von daher gibt es von mir heute keine selbstbewusste Prognose. Zu bitter war die Erfahrung, die ich nach dem 13. Spieltag machen musste, als ich Werder gejinxt hatte. Das passiert mir kein zweites Mal in dieser Saison.

Also: Werder hat keine Chance mehr auf Platz 3. Dortmund ist viel zu stark und Leverkusens Niederlagenserie ist nun auch vorbei. Und falls nicht, kommen eben die Stuttgarter noch von hinten, da wir gegen Köln, Schalke und den HSV nur noch maximal einen Punkt holen werden. So wird es kommen, das ist meine volle Überzeugung. In der ersten Halbzeit gegen Wolfsburg gab es genügend Anhaltspunkte, die meine These untermauern. Alles andere (starke zweite Hälfte, erneut 2x einen Rückstand aufgeholt, Frings und Özil in guter Form) blende ich aus.

Deshalb zu etwas ganz anderem. Ich habe gestern nach längerer Pause mal wieder die Fußball-Talkshow Sky90 geschaut, zumindest einen Teil davon. Was im letzten Sommer äußerst vielversprechend begann, hat sich inzwischen leider sehr den Niveau des DSF-Doppelpass angenähert. Fehlt noch Product Placement, Bier und grenzdebiles Publikum. Sky-Moderator Patrick Wasserziehr hatte Matthias Sammer, Fritz von Thurn und Taxis und Johannis B. Kerner zu Gast. Als ich einschaltete wurde gerade über den FC Bayern diskutiert. Eine knappe halbe Stunde lang. Angesichts der Tabellensituation, der jüngsten Ergebnisse und der anstehenden Champions League Halbfinals ist das auch vertretbar. Es war erschreckend, wie wenig in dieser halben Stunde analysiert wurde und wie mit Worthülsen um sich geworfen wurde. Der Erfolg der Bayern wurde auf Fachmann van Gaal und “echte Typen” wie van Bommel zurückgeführt. Das war es im Prinzip schon. Stefan Effenberg durfte dann noch die Mannschaften von 2001 und heute miteinander vergleichen und tat das so, wie man es aus seiner “Expertentätigkeit” nun einmal kennt. Kaum ein Wort zum System, das van Gaal spielen lässt. Keine taktischen Analysen. Stattdessen den unbedingten Willen und die Siegermentalität als einzige Erfolgsfaktoren. Könnte also auch jeder Bezirksligist mit der richtigen Einstellung Manchester United schlagen? Es fehlte eigentlich nur noch der Kaiser, der sicher einen Satz wie “Messi ist der beste Spieler der Welt, Robben und Ribery aber auch”, beigetragen hätte.

Für einige Minuten ging es dann um Bayerns Gegner Olympique Lyon, ohne dessen Stärken/Schwächen auch nur ansatzweise zu beleutchten, und das zweite Halbfinale zwischen Mourinho und Guardiola Inter und Barcelona. Für einen Moment kommt Spannung auf, als Sammer über Xavi ins Schwärmen gerät, doch dabei bleibt es dann, keiner steigt darauf ein, führt die Diskussion vielleicht sogar zu den Spielsystemen der Mannschaften oder wenigstens den Schlüsselduellen. Negativer Höhepunkt war dann Kerners Antwort auf die Frage, ob und wie man Lionel Messi ausschalten könne: “Das kann man nicht. Haben ja schon viele versucht. Aber auch er hat mal einen schlechten Tag.” Da spricht der Experte. Gut, man kann von ihm nicht erwarten, dass er die spanische Liga im Detail kennt, aber die Spiele vor einem Jahr gegen Chelsea sind doch z.B. ein ganz guter Anhaltspunkt, wie es gehen könnte. Warum greift man dafür nicht auf Experten zurück, die sich in den Ligen auskennen?

Kaum Analysen, keine Taktiktafeln, kein Vor- und Zurücklaufenlassen einzelner Spielszenen mit reingemalten lustigen Kringeln und Pfeilen. Beim DSF heißt die Sendung treffenderweise “Fußballstammtisch”, Sky90 begann vor 9 Monaten als ernsthafte Diskussionsrunde, in der auch analysiert wird. Gestern wünschte ich mir einen Klopp. Oder von mir aus auch einen Lienen. Irgendjemanden, der das, was dort auf den Fußballplätzen passiert, auch unterhalb der Oberfläche versteht UND es einigermaßen anschaulich vermitteln kann. Sky geht es leider mehr darum, die bekannten Nasen vor die Kamera und damit den Promifaktor hoch zu halten. Dabei schalten am Sonntagabend doch hauptsächlich Fußballjunkies ein, die nichts besseres zu tun haben sich für das Spiel selbst mehr interessieren, als für die diversen Nebensächlichkeiten, die in der übrigen Berichterstattung schon zur Genüge aufgeblasen werden. Ich finde das wirklich schade, denn Sky hat ja schon gezeigt, dass sie es wesentlich besser können!

14. Spieltag: Holland

Werder Bremen – VfL Wolfsburg 2:2

Der Weltfußball hat den Niederlanden viel zu verdanken: Sie bewiesen spätestens bei der WM 1974, dass schöner Fußball nicht erfolgreich sein muss. Ein Credo, dem seitdem viele Teams gefolgt sind, etwa Bayer Leverkusen oder in den letzten Jahren auch der FC Arsenal, der dies gestern gegen den Stadtrivalen Chelsea eindrucksvoll zur Schau stellte. Voraussetzung dafür sind technisch gut geschulte Spieler, die die anspruchsvolle, auf Ballbesitz und schnelles Passpiel bedachte Spielweise umsetzen können. Allerdings verstehen es nur die wenigsten Mannschaften, diese Art Fußball mit der nötigen Präzision zu spielen, um auch gegen taktisch herausragende, tiefstehende Mannschaften erfolgreich zu sein. Gelingt dies, ist das Ergebnis ein Spektakel, wie beim FC Barcelona in der vergangenen Saison oder bei der spanischen Nationalmannschaft. Gegen eine defensiv so starke und disziplinierte Mannschaft wie den FC Chelsea ist es kaum möglich, da muss schon alles passen. Ansonsten läuft man schon mal 90 Minuten auf das gegnerische Tor an, ohne eine einzige richtige Torchance dabei heraus zu spielen.

Ähnlich ging es am Samstag Werder Bremen gegen einen defensiv überraschend starken Meister aus Wolfsburg. Die Wölfe kompensierten den Ausfall von Josué glänzend und hatten im defensiven Mittelfeld in Hasebe und Gentner genau den richtigen Bremsstoff für den zuletzt so reibungslos laufenden Bremer Mittelfeldmotor. Werder tat sich von Beginn an schwer, konnte nach der auf beiden Seiten bemühten Anfangsphase aber das Heft in die Hand nehmen. Wolfsburg reagierte darauf mit einem tief stehenden Mittelfeld, das Frings relativ frei schalten ließ, in Strafraumnähe jedoch Hunt, Özil und Marin in große Probleme brachte. War einer der drei am Ball, schafften es die Wolfsburger meist, ihn zu isolieren. Steilpässe waren kaum möglich und so verrannten sich die jungen Wilden zu häufig in fruchtlosen Dribblings an deren Ende ein Quer- oder Rückpass stand.

Mit zunehmender Spieldauer wirkten Werders Angriffe konzeptloser, zumal keinem der drei zuvor genannten die geniale Einzelaktion gelingen wolle, die es zu einer Führung gebraucht hätte. Vereinzelt versuchte man die Wolfsburger aus ihrer Lauerstellung zu locken, um etwas mehr Platz für schnelle Gegenangriffe zu haben. Leider konnte Werder aufgrund eigener Ungenauigkeiten die sich bietenden Lücken nur selten nutzen. Das tat dann aber der VfL in Gestalt von  Edin Dzeko, der sich aus eigentlich aussichtsloser Position je zweimal durch Naldo und Boenisch hindurch tankte und Tim Wiese keine Chance ließ. Die Führung schien glücklich, genau wie beim abermals von Dzeko vollstreckten 1:2 in der Schlussphase, doch unverdient war sie beide Male nicht. Sie war es deshalb nicht, weil Werder aus der Überlegenheit im Mittelfeld zu wenige Chancen herausspielte. In der Spitze wog das Fehlen Claudio Pizarros ungleich schwerer als in den Wochen zuvor. Dem Peruaner wäre vielleicht das Tor gelungen, das Almeida lange versagt blieb.

Werder verdiente sich den einen Punkt letztendlich dadurch, dass man eine zweite Waffe hatte: Die Standardsituationen. Wenn aus dem Spiel heraus kein Tor fallen will, wird deutlich wie wichtig Werders Stärke am ruhenden Ball ist. Mesut Özil darf inzwischen wohl zu Recht als bester Eckball- und Freistoßflankenschütze der Bundesliga bezeichnet werden. Auf der linken Seite ist Marko Marin noch nicht ganz so effektiv, sorgte aber mit seiner Ecke für das zwischenzeitliche 1:1. Die besten Standards wären jedoch wirkungslos ohne die richtigen Abnehmer. In Pizarros Abwesenheit sind dies die Innenverteidiger Naldo und Mertesacker, deren Kopfbälle Werder das Unentschieden retteten. Gegen Naldos – von Hunt mit der Hacke weitergeleiteten – Kopfball konnte Hasebe noch auf der Linie klären, woraufhin Almeida den Ball in die Maschen drosch. Bei Mertes Kopfball in der Nachspielzeit waren die Wolfsburger dann machtlos.

Und täglich grüßt das Murmeltier: Die Nachspielzeit in der Bundesliga ist eine Farce! Wozu drei Minuten Nachspielzeit, wenn davon netto nur 30 Sekunden gespielt werden? Da fällt noch ein Tor, da wird noch munter protestiert, da wird das Spiel noch einmal unterbrochen, um Benaglio eine gelbe Karte zu geben und dann wird trotzdem nach 2:55 abgepfiffen? Die Schlussfolgerung daraus kann nur lauten: Verhaltet euch in der Nachspielzeit so unsportlich wie möglich, um ein Ergebnis über die Zeit zu retten!

Die Wolfsburger hatten nach dem Spiel andere Sorgen. Sie beschwerten sich über ein vermeintliches Handspiel Mesut Özils unmittelbar vor dem Eckball zum 2:2. Ich kann das schon verstehen. Wenn man da ein absichtliches Handspiel sehen möchte, dann kann man das. Man kann es aber auch genau so sehen, wie der Schiedsrichter, und weiterspielen lassen. Ich konnte ebenso ein absichtliches Handspiel eines Wolfsburgers im Strafraum nach einer Boenisch-Flanke sehen: Der Wolfsburger hatte genug Zeit seinen Arm aus der Flugbahn des Balles zu nehmen, doch er tat es nicht. Dennoch wäre es albern hier Elfmeter zu fordern, denn vermutlich war meine Absicht ein Handspiel zu sehen weitaus größer als die des Wolfsburgers eines zu begehen. Vielleicht sieht das inzwischen auch Dzeko ein, der nach dem Spiel dem Schiri die alleinige Schuld am Ausgleichstor zuschob. Ich wiederhole gerne, was ich schon nach dem Papierkugel-Tor gegen Hamburg geschrieben habe: Man MUSS nach einer Ecke nicht zwangsläufig ein Tor kassieren! Umstrittene Szenen wie die von Özil gibt es in jedem Spiel dutzende und sie alle haben Einfluss auf das Spiel, das gehört zur Natur des Fußballs. Wirklich Grund sich zu beschweren haben derzeit nur, und das gebe sogar ich zu, die Hamburger.

Bei aller Freude über die gerettete Serie und die zwischenzeitliche Tabellenführung: Gegen Köln muss nun wieder ein Sieg her!