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Meine EM: England mauert sich zum nächsten Elfmetertrauma

England – Italien 0:0 (2:4 i.E.)

Wer hätte gedacht, dass England in einem Elfmeterschießen verliert? Offenbar nicht die Engländer, denn die taten abgesehen von den ersten 15 Minuten nur sehr wenig, um ein Tor zu schießen. So war das Elfmeterschießen die einzige Option für Hodgsons Team, dieses Spiel zu gewinnen.

Italien trat wieder im 4-3-1-2 an, England im gewohnten 4-4-2 mit zwei tief stehenden Viererketten gegen den Ball. Die Italiener dominierten wie erwartet das Zentrum. Beeindruckend, wie die beiden Spieler auf den Halbpositionen Andrea Pirlo abschirmen, der als Sechser das Spiel vor sich hat und die Bälle mit bekannter Präzision verteilt. England konnte den numerischen Vorteil auf den Flügeln nur selten ausnutzen, weil man zu langsam umschaltete und kaum einmal mit Tempo hinter die Außenverteidiger kam.

Roy Hodgson hat dem englichen Team binnen kurzer Zeit Disziplin und eine schnörkellose Kontertaktik beigebracht. Dafür gebührt ihm Respekt, viel mehr war sicherlich bis zu diesem Turnier nicht möglich. Ich habe allerdings Probleme, mich mit einem rein defensiv ausgerichteten System anzufreunden, wenn es eine Vielzahl an Torchancen des Gegners zulässt. Das war schon bei Chelsea in der Champions League so und es geht mir bei dieser EM genauso. Italien hatte 4-5 glasklare Torchancen und hätte das Spiel nach 90 Minuten gewinnen müssen. Die einzige Hoffnung, die man mit diesem System hat, ist das Versagen des Gegners. Das hat bei Chelsea ausgereicht und es brachte England immerhin bis ins Elfmeterschießen. Ziel einer Defensivtaktik sollte es sein, hochkarätige Torchancen des Gegners zu verhindern, was England gegen Italien nicht gut gelungen ist.

Was mich beim englischen Ansatz außerdem stutzig gemacht hat, ist die Zeit, die man Andrea Pirlo am Ball ließ. In einem flachen 4-4-2 muss gegen eine Raute mit einem so starken Sechser einer der Stürmer Druck auf diesen ausüben. Wayne Rooney als hängende Spitze schlich jedoch derartig demotiviert über den Platz, dass man sich schon fragen musste, ob er nicht gedanklich bereits im Sommerurlaub war. Für mich eine der schwächsten individuellen Leistungen bei diesem Turnier. So hatte Pirlo leichtes Spiel und war uneingeschränkter Chef auf dem Platz. Ein guter Anschauungsunterricht für die deutsche Mannschaft.

Das Spiel verlor nach gut einer Stunde an Fahrt und schleppte sich in eine Verlängerung, die an den Standfußball früherer Jahrzehnte erinnerte. Erstaunlich, wie schnell bei diesen warmen Temperaturen der Akku bei den Spielern leer ist. England holzte den Ball bei jeder Gelegenheit von ganz hinten nach ganz vorne auf der Suche nach Carrolls Kopf. Der Schlusspfiff kam als Erlösung für Spieler und Zuschauer. Danach bestätigten sich die alten Klischees und die englische Elfmetergeschichte ist um ein Kapitel reicher.

Italien ist sicher der stärkere Gegner im Halbfinale und ich bin gespannt, ob Prandelli wieder auf ein 3-5-2 umstellt, um Özil besser im Griff zu haben und Pirlo abzusichern. Italien mag individuell nicht mit Deutschland mithalten können, doch schon das Spiel gegen Spanien hat gezeigt, dass die Mannschaft sich taktisch hervorragend auf ihren Gegner einstellen kann. Ein Selbstläufer, wie von vielen Deutschlandfans vermutet, wird das Spiel sicher nicht. Eine gute Chance jedoch, das deutsche Trauma von 2006 zu überwinden.

Meine EM: Blancs gescheiterte Evolution

Spanien – Frankreich 2:0

Man wollte den Schatten von 2010 loswerden. Nun steht Frankreich nach vier Spielen bei dieser EM vor einem Scherbenhaufen. Die Reaktionen nach dem Ausscheiden zeigten, dass die Entwicklung in den letzten zwei Jahren nicht so viel wert waren, wie erhofft. Der Stachel sitzt noch immer tief.

Laurent Blanc versuchte es gegen Spanien mit einem sehr defensiven, asymmetrischen 4-5-1, bei dem auf der rechten Seite quasi ein zweiter Rechtsverteidiger spielte, der Jordi Albas Vorstöße eindämmen sollte. Links spielte Ribery deutlich höher. Von ihm erhoffte man sich die nötige Kreativität und Zuspiele für Karim Benzema. Der enttäuschende Nasri saß auf der Bank. Spanien spielte wie gewohnt im 4-3-3, diesmal wieder ohne echten Stürmer, dafür mit Fabregas als falscher Neun.

Über weite Strecken ließ das Spiel die Spannung vermissen. Spanien zeigte sich wie gewohnt ballsicher und war nicht gewillt, gegen einen in den ersten 45 Minuten harmlosen Gegner großes Risiko einzugehen. Nach der frühen Führung durch Xabi Alonso hielt man den Ball in den eigenen Reihen und in Frankreichs Hälfte, ohne die letzte Entschlossenheit auf dem Weg zum Tor. Es kamen Erinnerungen an 2010 hoch. Das spanische Tiki-Taka ist nicht zuletzt auch ein Defensivsystem, dem Frankreich wenig entgegen zu setzen hat.

In der zweiten Halbzeit wurde Frankreich etwas stärker, kam über die linke Seite zu einigen Chancen, von denen die meisten jedoch nicht wirklich gefährlich für Cassilas wurden. Ich hatte nie den Eindruck, dass Frankreich dieses Spiel gewinnen könnte. Spanien lässt den Esprit vermissen, den man beispielsweise vor vier Jahren ausstrahlte. Man verwaltet eher den Status als Nummer 1, als das man versucht, an den begeisternden Fußball der Jahre 2007 bis 2010 anzuknüpfen. Solange die Gegner dem so wenig entgegen zu setzen haben wie Frankreich, kann man an diesem Ansatz nicht viel kritisieren. Unterm Strich war es ein verdienter Sieg, der in Frankreich eine hitzige Diskussion um Spieler und Trainer auslöste.

Blanc wirkt angezählt, muss um seine Vertragsverlängerung bangen. Seine Taktik gegen Spanien ging nicht auf, das 0:1 fiel ausgerechnet über die rechte Abwehrseite, die Blanc mit seiner Aufstellung stärken wollte. Doch vor allem die Spieler, die schon 2010 in der Kritik standen, werden es in den nächsten Monaten nicht leicht haben. Die Disziplin in der Mannschaft ist schlecht und was einzelne Spieler im Turnier ablieferten, ist eine Frechheit. Samir Nasri bewies wieder einmal, dass er kein Mann für große Spiele ist und glänzte nach seiner Einwechslung mit einer fassungslosen Nicht-Leistung. Auch Malouda war sichtlich neben der Spur. Ribery spielte über weite Strecken mit sich selbst, hatte eine katastrophale Fehlpassquote und vorne verhungerte Karim Benzema, wenn er sich nicht weit mit nach hinten fallen ließ.

Alles in allem war der französische Ansatz in diesem Turnier interessant, aber er zahlte sich letztlich nicht aus. Die Mannschaft zerfällt unter Druck in ihre Einzelteile und wirkt nicht wie eine Einheit. Es wird wohl noch etwas dauern, bis Frankreich aus seinen hochklassigen, aber zerstrittenen Einzelspielern wieder ein Kollektiv macht und bei den großen Turnieren wieder etwas mitzureden hat. Bei dieser EM waren sie unterm Strich enttäuschend und fahren verdient nach Hause.

Meine EM: Özils Durchbruch

Deutschland – Griechenland 4:2

Vor dem Turnier wurde immer wieder die Tiefe im Deutschen Kader betont, als einer der größten Unterschiede zur WM vor zwei Jahren. Gegen Griechenland hat man sie zum ersten Mal richtig zu sehen bekommen. Es war eine mutige Entscheidung Löws seine Offensivabteilung auszutauschen. Und eine richtige. Reus und Schürrle waren von Beginn an sehr aktiv auf den Außen und  schafften es immer wieder, die griechischen Außenverteidiger aus den Positionen zu ziehen. Klose erfüllte alle Erwartungen, die seine Befürworter an ihn hatten. Die Fluidität im deutschen Offensivspiel war bewundernswert und bezweifle, dass dies mit Gomez in diesem Maße möglich gewesen wäre.

Mehr Bewegung, mehr Tempo, mehr Özil

Vor ein paar Tagen habe ich Özil noch leicht kritisiert. Ich finde ihn inzwischen selbst an schwächeren Tagen unverzichtbar, aber man hat zu Beginn des Turniers doch gemerkt, dass ihm ein wenig die Frische fehlte. Es war allerdings eine Entwicklung erkennbar und gegen Griechenland hatte Özil seinen Durchbruch bei diesem Turnier. Nach 90 Sekunden hatte er schon zwei großartige Pässe gespielt, zeigte sich danach ungeheuer beweglich und lauffreudig. Neben seinen gewohnten Läufen auf die Außenpositionen zog er sich auch immer wieder aus der schmalen Zone zwischen Abwehr- und Mittelfeldkette der Griechen zurück. Dadurch war er häufiger anspielbar als zuletzt. Trotzdem fand er – wie die gesamte deutsche Offensivabteilung – immer wieder Platz zwischen den Linien, trotz Griechenlands Versuchen, diese Räume klein zu halten.

Doch es war bei weitem keine One-Man-Show. Deutschland zeigte eine großartige Teamleistung und der einzige Vorwurf, den man sich gefallen lassen muss, ist die Ineffizienz in den ersten 45 Minuten. Man hätte dieses Spiel innerhalb von 25 Minuten entscheiden können, doch Griechenland blieb über eine Stunde lang im Spiel, da beste Chancen vergeben wurden. Nach der Pause leistete man sich 10 schwächere, unkonzentrierte Minuten, in denen man gut sehen konnte, dass man den Griechen keine  Gelegenheiten geben darf, ins Spiel zurück zu kommen. Wieder einmal wechselte Santos in der Halbzeit und seine Wechsel zahlten sich erneut aus. Der Konter zum 1:1 war stark gespielt, wenn auch das deutsche Defensivverhalten viel dazu beitrug. Es war eine der ganz wenigen gelungenen Offensivaktionen der Griechen.

Mehr Effizienz führt zum deutlichen Sieg

Nach dem Ausgleich zog Deutschland das Tempo wieder an und nutzte in der Folge die sich bietenden Chancen wesentlich effizienter. Griechenland machte das gesamte Spiel über zu viele Fehler. Die extreme Defensive war vermutlich die einzige taktische Marschrichtung, mit der man überhaupt eine kleine Chance hatte, doch man hätte schon sehr viel Glück gebraucht, um dem Druck über 90 Minuten standzuhalten. Die deutschen Spieler waren extrem ballsicher, wechselten immer wieder das Tempo, rissen Lücken und ließen auch nach dem 4:1 keinen Zweifel aufkommen, dass sie die Spielkontrolle nicht wieder abgeben würden.

Die bislang so starke deutsche Abwehr wurde in diesem Spiel kaum gefordert. Der gefährlichste Spieler war in dieser Hinsicht Bastian Schweinsteiger, der eine für seine Verhältnisse desolate Fehlerquote hatte. (Gerade auch deshalb ist Sami Khediras Weltklasseleistung in diesem Spiele besonders zu würdigen.) Dennoch konnte man das große Selbstbewusstsein der Hintermannschaft erkennen. Die ganze Klasse von Mats Hummels zeigte sich nach 84 Minuten, als er nach einer erfolgreichen Grätsche sichtlich unzufrieden und kopfschüttelnd durch den Strafraum trabte. Andere Verteidiger putschen sich mit solchen Szenen auf. Hummels ärgerte sich, dass es überhaupt dazu gekommen war, denn eine Grätsche ist das letzte Mittel und im Strafraum nicht ohne Risiko. Er weiß, dass er die Situation schon vorher besser lösen muss. Er weiß aber auch, dass er es besser kann. Im Halbfinale gegen Italien oder England dürfte mehr Arbeit auf ihn zukommen.

So sehr ich mich über diese deutsche Mannschaft freue, so sehr geht mir das Drumherum auf die Nerven. Allein schon, wenn ich die unsäglichen “Sieg!”-Rufe aus dem deutschen Fanblock höre, wünsche ich mir fast, das Turnier möge für Deutschland so schnell wie möglich vorbei sein. Es ist noch nicht lange her, dass ein Teil der Fans im deutschen Fanblock auf diesen Ausruf mit “Heil!” antworteten. Es ist ein gefährlicher Irrtum zu glauben, man könne den neuen, angeblich weltoffenen Party-Nationalismus der Eventfans sauber vom Nationalismus am rechten Rand der Gesellschaft trennen. Aber das ist einen eigenen Beitrag wert, zu dem ich in den nächsten Tagen hoffentlich noch kommen werde.

Meine EM: Ronaldo erlegt kollabierende Tschechen

Tschechien – Portugal 0:1

Eine Halbzeit lang hatte Portugal nicht viel zu bieten, was eine Qualifikation fürs Halbfinale rechtfertigen würde. In der zweiten Halbzeit zeigte das Team jedoch eine Leistungssteigerung, die zu einem klaren, wenn auch hart erarbeiteten Sieg reichte. Tschechien enttäuschte hingegen offensiv und hatte außer der Aussicht auf ein Elfmeterschießen nicht viel zu bieten.

Tschechische Manndeckung, rochierende Portugiesen

Tschechiens Ansatz war eine Art Zwitter aus Mann- und Raumdeckung in der Defensive, mit der Portugal lange Probleme hatte. Die Außenverteidiger verfolgten Ronaldo und Nani fast über den ganzen Platz. Dadurch kam der schwache Spielaufbau der Portugiesen über die Holzfüße Pepe und Bruno Alves noch mehr zum Vorschein. Nach und nach bekam man aber einen Dreh in das Spiel. Moutinho überzeugte als Ballverteiler in der Zentrale und Ronaldo versetzte die tschechische Abwehr mit ständigen Positionswechseln in Panik. Nani hielt dagegen die Außenbahn und sorgte für Breite im Spiel, wechselte dabei aber gelegentlich auf den linken Flügel, was Gebre Selassie vor Probleme stellte.

Nach vorne ging bei Tschechien wenig bis gar nichts. Torchancen waren Mangelware und es war überhaupt nur selten ein Ansatz zu erkennen, wie man es bis vors portugiesische Tor schaffen könnte. Rosickys Fehlen machte sich an allen Ecken und Enden bemerkbar. Sein Stellvertreter Darida blieb offensiv völlig wirkungslos und die einsame Spitze Baros durfte gelegentlich mal einem langen Ball hinterher jagen oder ein hohes Anspiel zurücklegen – mehr nicht. Auf der linken Seite sorgte Pilar sporadisch für Gefahr, doch auch er war meistens zu sehr in defensive Aufgaben eingebunden, um wirklich zum Problem für Portugal zu werden.

Portugal erhöht den Druck, Ronaldo gewinnt das Duell mit dem Pfosten

Konnte man bis zur Pause immerhin von einer starken Defensivleistung der Tschechen sprechen, die Portugal weitgehend neutralisierte, verlor man in der zweiten Halbzeit sukzessive den Zugriff auf die portugiesischen Stürmer. Nach der Einwechslung von Hugo Almeida hatte man im Zentrum einen Spieler für hohe Anspiele, was sich nicht gut mit der tschechischen Taktik vertrug, das Spiel der Portugiesen auf die Flügel zu lenken. So hielt man Portugal zwar von Schnittstellenpässen in den Strafraum ab, sah sich aber einer zunehmenden Gefahr nach Flanken ausgesetzt. Als Ronaldo zwölf Minuten vor dem Ende zum 1:0 traf, war der Treffer längst überfällig.

Bei allem Lob, das man für die portugiesische Leistungssteigerung aussprechen muss, fällt es schwer, die Mängel im Spielaufbau wegzureden. Die Defensivabteilung wurde gegen Tschechien zudem kaum gefordert, aber ich sehe Portugal nicht unbedingt als unüberwindbares Abwehrbollwerk. Gegen Spanien (oder Frankreich?) kommt nun der echte Einstufungstest. Werden sie dort so diszipliniert und abwartend spielen, wie über weite Strecken gegen Deutschland? Dort ging es auf Kosten der Offensivkraft. Das Mittelfeld der Portugiesen gefällt mir hingegen immer besser, neben dem starken Veloso vor allem auch Moutinho, der sich von Spiel zu Spiel steigerte. Zwar fehlt ohne Danny im offensiven Mittelfeld noch immer ein Spieler für die Zwischenräume, aber immerhin klappt nun die Ballverteilung aus dem zentralen Mittelfeld. Dadurch ist man nicht mehr so abhängig von den Flügeln und Ronaldos individueller Klasse – auch wenn diese hier spielentscheidend war.

Tschechien war mit dem Gruppensieg schon mehr als gut bedient und scheidet zu Recht aus dem Turnier aus.

WM 2010: Deutschland – Argentinien

Deutschland – Argentinien 4:0

Unwirklich. Ein 4:0 gegen das Argentinien von Messi, Higuain, Tevez, Mascherano in einem WM-Viertelfinale ist unwirklich. Zum Glück ist es auch das Argentinien von Demichelis, Otamendi, Romero und so ist es wiederum nicht mehr ganz so unwirklich. Und es ist das Argentinien des Diego Maradona, der gestern unter Beweis gestellt hat, dass er kein Taktik-Genie ist.

Wie erwartet spielte Argentinien im 4-4-2 mit Raute, wobei Rodriguez und di Maria auf den Halbpositionen nie so ganz glücklich wirkten. Die offensivschwachen Außenverteidiger Otamendi und Heinze kamen nur wenig mit nach vorne und so waren die argentinischen Außenpositionen in der deutschen Hälfte praktisch unbesetzt. Die beiden Stürmer standen sich und Messi auf den Füßen und machten es den beiden deutschen Viererketten in der Defensive relativ einfach, ihre Angriffe abzufangen. Das eigentlich erstaunliche war, dass Bastian Schweinsteiger neben seiner nicht gerade einfachen Aufgabe Messi zu bewachen, auch noch Zeit und Muße hatte das deutsche Offensivspiel zu beleben.

Überhaupt Schweinsteiger! Vor einem Jahr schien er bei Bayern keinen Platz mehr in der ersten Elf zu haben und nun ist er einer der besten Spieler auf seiner Position weltweit. Mit Mascherano auf Özils Füßen (der eine gelungene Schachzug von Diego) fiel mehr Verantwortung auf Schweinsteiger auch kreativ tätig zu werden. Das lässt sich in der Statistik ablesen: Während Özil eine sehr gute Passquote hatte, war Schweinsteigers deutlich unter seinem Durchschnitt. Dies ist ein Resultat der vertauschten Rollen, bei dem Özil die Bälle unter Bewachung quer auf die Flügel spielte, während sich Schweinsteiger an riskanteren Pässen in die Spitze versuchte. Für den freien Raum im Zentrum darf er sich bei Maradona bedanken. Selbst Argentinien kann es sich nicht erlauben, gleich drei Spieler von Defensivaufgaben zu entbinden. Sobald Lahm und/oder Boateng die Mittellinie überschritten, hatte Deutschland Überzahlspiel im Mittelfeld und setzte sich immer wieder gefährlich über die Außen durch. Gleich dreimal war es in der zweiten Halbzeit die linke deutsche Seite, von der Tore vorbereitet wurden. Am Ende wirkte es fast wie ein Trainingsspiel. Allein das sagt viel über die beiden Mannschaften.

Nun geht es im Halbfinale gegen Spanien, das nicht so dominant auftritt, wie man es nach den letzten Jahren erwarten durfte. Ein Freifahrtschein ist das jedoch bei weitem nicht. Gegen Paraguay gab es zwar wenig zu sehen, das Löw große Sorgen bereiten müsste, aber allein die Selbstverständlichkeit, mir der die Spanier ihre Spiele gewinnen, gibt ihnen alle Chancen sich gegen das junge deutsche Team durchzusetzen. Kurios waren die drei Elfmeter. Zuerst verschießt Paraguay, dann trifft Spanien, doch der Schiedsrichter lässt wiederholen. Dabei hätte auch der Elfmeter der Südamerikaner wiederholt werden müssen. Der dritte Elfmeter wird dann wieder gehalten und eigentlich hätte es direkt danach einen Vierten geben müssen. Unglaubliche Szenen, die über das etwas statische Spiel hinwegtrösteten. Von einer südamerikanischen Dominanz ist damit bei dieser WM nicht mehr viel übrig geblieben. Im Halbfinale stehen zwei Ex-Weltmeister und zwei Teams, die das Scheitern auf hohem Niveau perfektioniert haben. Die Rollen scheinen dabei vor allem bei Deutschland und den Niederlanden vertauscht. Schon allein deshalb könnte ich einer Neuauflage des Finals von ’74 viel abgewinnen.

WM 2010: Vor dem Viertelfinale

Die Geschichte des England-Spiels ist inzwischen mehr als durch, dazu brauche ich nichts mehr schreiben außer: Glückwunsch an das Team und den Trainer! Langsam bildet sich eine Achse heraus, bestehend aus Friedrich, Schweinsteiger, Özil und tatsächlich auch Klose. Inzwischen dürfte auch jeder Werderfan gesehen haben, warum Frings nicht Teil dieser Mannschaft ist. Nicht, weil er zu schlecht ist, sondern weil er weder die Rolle von Khedira, noch die von Schweinsteiger spielen könnte. Einen Platz auf der Bank hätte ich ihm trotzdem gegönnt.

Nun gibt es also die Revanche von 2006. Deutschland trifft auf Argentinien und bei mir kommen die Erinnerungen an Argentiniens Kombinationsfußball, Riquelmes viel zu frühe Auswechslung, Kloses Ausgleich, Lehmanns Zettel im Stutzen und die Handgreiflichkeiten nach dem Spiel wieder hoch. Auch Bastian Schweinsteiger scheint sich bestens an das Spiel zu erinnern und gießt mit ein paar verallgemeinernden Aussagen über die argentinische Mentalität noch einmal etwas Öl ins Feuer. Der argentinische Fan nimmt also anderen im Stadion den Sitzplatz weg. Ungeheuerlich! Zum Glück verhalten sich die Fans unserer Mannschaft immer und überall völlig anständig, man frage mal bei Herrn Nivel nach. Das spielt für TAFKAS (The artist formerly known as Schweini) und seine Aussagen natürlich keine Rolle, denn hier geht es um gezielte Provokation vor einem Fußballspiel und nicht um Kulturanthropologie.

Viel interessanter als das verbale Vorgeplänkel ist ein Blick auf die beiden Teams, die ihre jeweiligen Achtelfinalbegegnungen (jeweils begünstigt durch eine grobe Fehlentscheidung des Schiedsrichters) souverän gewonnen haben. Während Deutschland gegen England ein spielerisches Feuerwerk abbrannte und nur kurzzeitig vor und nach der Pause ins Wanken geriet, hatte Argentinien gegen Mexiko eine härtere Nuss zu knacken. Das 3:1 am Ende spiegelte kaum die gezeigten Leistungen wider, doch die Mexikaner taten sich unglaublich schwer damit, gute Angriffen in veritable Torchancen umzuwandeln. Argentinien kann im Angriff dagegen auf eine hervorragende Auswahl an Spielern zurückgreifen, die allesamt vor dem Tor eiskalt sind. Da ist es selbst zu verschmerzen, dass Lionel Messi bislang nicht getroffen hat.

Wer nun am Samstag ein Offensivspektakel erwartet, dürfte wieder einmal enttäuscht werden. Denn auch wenn beide Mannschaften sich kaum ganz auf ihre Defensive verlassen können, werden sie sich hüten, dem Gegner auch nur annähernd so viel Platz zu lassen, wie England es beispielsweise gegen Deutschland tat. Gegen Australien, England und auch teilweise gegen Ghana ging Löws Taktik bislang auf. Bei den verbleibenden Gegnern kann ich mir kaum vorstellen, dass noch ein Team Mesut Özil so vernachlässigen wird. Bei Argentinien wird er in Mascherano einen unbequemen Gegenspieler finden. Wenigstens nicht Cambiasso, mag man denken. Özil wird also wie gegen England viel rotieren müssen, um seinen Gegenspieler von seiner Position wegzulocken. Im Zusammenspiel mit Müller war das eine tötliche Waffe gegen die Engländer. Dazu hat man vorne endlich wieder einen Klose in Topform. Gegen England war das schon wieder sehr nah an dem Niveau, mit dem er 2006 Torschützenkönig wurde.

Auf Schweinsteiger und Khedira kommt der bislang schwerste Test bei dieser WM zu. Die Schlüsselfrage dabei wird sein: Wer kümmert sich um Messi? Bislang war Schweinsteiger der Defensivere der beiden, doch er ist mehr ein Lenker als ein Zerstörer. Es könnte auch sein, dass Löw Khedira defensiver spielen lässt, damit Schweinsteiger sich mehr um das Aufbauspiel kümmern kann. Dann fehlen Khediras Läufe in die Spitze jedoch als Überraschungsmoment. Nach dem Spiel gegen einen richtig guten offensiven Mittelfeldspieler wird man wissen, ob Deutschlands Defensivduo im Mittelfeld wirklich so gut ist, wie es bislang erscheint. Argentinien spielte in den letzten Spielen ein 4-4-2 mit Raute, bei dem Messi die offensivste Position einnimmt. Diese Formation – für Werderanhänger nichts neues – ist auf ein Übergewicht im zentralen Mittelfeld ausgerichtet. Das hat zur Folge, dass die argentinischen Außenverteidiger eigentlich weit aufrücken müssten, um im Angriffsdrittel für die nötige Breite zu sorgen. Das tun sie jedoch nur sehr selten. Für Müller und Podolski bedeutet dies einerseits, dass sie nicht viel Platz für ihre Flügelläufe bekommen werden und andererseits, dass weniger Defensivarbeit auf sie zu kommt. Die Deutschen Außenverteidiger haben bei diesem System keine direkten Gegenspieler, werden aber immer wieder von Messi auf die Probe gestellt werden, der gerne über die Flügel ausweicht. Um Phillipp Lahms Offensivdrang wird sich Carlos Tevez kümmern, der sich nicht scheut weite Wege mit nach hinten zu gehen. Jerome Boateng könnte hingegen mehr Platz haben, doch es ist fraglich, ob er sich häufiger mit nach vorne traut.

Kann Deutschland diesen Gegner schlagen? Mit schnellem, direktem Offensivspiel kann man der argentinischen Defensive sicher besser beikommen, als mit hohen Bällen und physischer Härte. Solange Özil sich nicht komplett aus dem Spiel nehmen lässt, sollte es zu einigen guten Chancen reichen. Lässt man sich von den Argentiniern zu sehr hinten rein drängen, ist es nur eine Frage der Zeit, bis die individuelle Klasse der Offensivspieler zum Torerfolg führt. Dafür ist die deutsche Viererkette zu behäbig. Auch wenn Mertesacker sich gegen England deutlich gesteigert hat, wirkt er immer noch verunsichert und allein diesen Umstand werden die Argentinier ausnutzen. Andersherum kann man das aber auch von Martin Demichelis in der argentinischen Innenverteidigung sagen. Trotzdem ist Argentinien insgesamt die etwas bessere Mannschaft und vor allem in der Offensive mit absoluten Weltklassespielern besetzt. Ich traue der deutschen Mannschaft dennoch einen Sieg zu, wenn sie sich defensiv weiter festigen und offensiv die bisher gezeigten Stärken erneut ausspielen kann.

Faszinierend dürfte das Spiel sowohl aus taktischer wie auch aus spielerischer Hinsicht werden, wenn beide Teams an die eigene Stärke glauben. Es könnte jedoch auch sein, dass beide Mannschaften aus Angst vor eigenen Fehlern und fehlendem Vertrauen in die Defensive nur wenig riskieren und wir ein Spiel mit angezogener Handbremse erleben. Letztlich sind sich beide Mannschaften in den jeweiligen Mannschaftsteilen sehr ähnlich. Als einziger größerer Unterschied ist das Flügelspiel zu nennen, wo bei Deutschland Müller und Podolski von den Außen nach innen ziehen, während bei den Argentiniern keine nominellen Außenstürmer im Kader sind und dafür Tevez und Messi auf die Flügel ausweichen. Mein Tipp: 3:2 für Argentinien. Don’t jinx it!

Phantomschmerz

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, sagt man. In dieser Woche spüre ich das besonders: Es ist die erste Europacup-Runde seit Mai 2008, in der Werder nicht mitspielt. Gut, man kann nach dem Thriller gegen Valencia auch irgendwie ganz froh sein, dass die Nerven nun ein bisschen geschont werden. Werders Ligaspiele reichen schließlich aus, um den Puls konstant auf einem erhöhten Level zu halten. Der Ärger über die absurde Sperre gegen Torsten Frings kommt noch dazu. Eigentlich also kein Problem. Eigentlich.

Trotzdem ist da eine Leere. So ein Gefühl “da müssten wir dabei sein”, wenn es in die entscheidende Phase der europäischen Wettbewerbe geht. Die Champions League findet zu diesem Zeitpunkt immer ohne uns statt, aber in der Europa League, da sollten wir eigentlich noch mitspielen. Da gehören wir hin. Wolfsburg und der HSV sind ja schließlich auch noch drin und dazu gab es die Chance, ein Endspiel in Hamburg zu erreichen. Man sollte nicht mehr drüber nachdenken, es ist immer noch viel zu ärgerlich. So beschäftige ich mich stattdessen lieber mit den Spielen der anderen.

Bayern München – Manchester United 2:1

Ganz schön überraschend, was sich am Dienstag in München abspielte. Es dauerte nur 64 Sekunden, bis der Favorit in Führung ging. Ein Freistoß wurde von van Bommel abgefälscht und Rooney hatte in der Mitte alle Zeit der Welt, um den Ball zu verwerten, weil Demichelis wegrutschte. Bei vielen Bayernfans läuteten nun wohl die Alarmglocken und die Angst vor einem Debakel wie in Barcelona kam auf. Schon bald zeigte sich aber, dass diese Angst unbegründet war. Die Bayern investierten in der Folge mehr in das Spiel, wie man so schön sagt, während United seine Abgeklärtheit zur Schau stellte und nur sporadisch am Spiel teilnahm, dann aber sehr gefährlich wurde. Zur Pause hatte die knappe Führung bestand und sie war nicht unverdient, wenngleich die Leistung der Bayern nicht schlecht war. In der zweiten Hälfte legten die Bayern ein wenig zu und brachten Manchester immer wieder in Bedrängnis. Edwin van der Sar hielt seinen Kasten vorerst jedoch sauber, ohne wirklich geprüft zu werden, da Bayerns Torabschlüsse eher harmlos waren. Auf der anderen Seite fehlte Manchester die Präzision bei den Pässen in die Spitze auf Rooney. Auf den Außen bekamen Badstuber und Lahm ihre Gegenspieler Nani und Park immer besser in den Griff, so dass Alex Ferguson eine taktische Umstellung vornahm, um die Bälle besser zu halten. Der in den letzten Wochen sehr starke Berbatov und Routinier Giggs kamen ins Spiel. Dafür opferte Sir Alex mit Carrick einen zentralen Mittelfeldspieler und änderte das System von 4-5-1 auf 4-2-3-1. Genau in dieser Phase fiel der Ausgleichstreffer für die Bayern: Ein Freistoß von Ribery wurde von Rooney unhaltbar ins Tor abgefälscht. Glückliches Zustandekommen, aber insgesamt zu diesem Zeitpunkt absolut verdient. Nach dem Ausgleich bekam Manchester das Spiel wieder besser in den Griff und konnte den Ball länger vom eigenen Tor weghalten. Vidic köpfte an die Latte und man hatte nicht den Eindruck, die Bayern könnten noch etwas entgegensetzen. Van Gaal hatte ebenfalls offensiv gewechselt und mit Klose und Gomez zwei weitere Stürmer gebracht. Letzterer hatte die beste Chance für Bayern auf dem Fuß, schloss jedoch aus nicht idealer Position ab und van der Sar hielt den Ball. Als keiner mehr mit einem Tor rechnete, beging Evra einen Fehler, als er einen Ball im eigenen Strafraum unaufmerksam stoppte und den hinter ihm anrennenden Olic nicht bemerkte. Der nahm ihm den Ball vom Fuß, verlud van der Sar und sorgte in der letzten Sekunde des Spiels für den Siegtreffer.

Insgesamt geht das Ergebnis so in Ordnung. Manchester wirkte nicht so, als wollten sie dieses Spiel unbedingt gewinnen. Nach dem frühen Auswärtstor verwaltete man zu viel und schenkte vor allem auf den Außen zu viel her. Das Ergebnis lässt das Rückspiel völlig offen. Die Ausgangssituation hat sich durch das Olic-Tor allerdings verändert: Nun muss United in jedem Fall treffen und gewinnen, dürfte das Spiel im Old Trafford daher ganz anders angehen als in München. Für die Bayern ist der Sieg in jedem Fall ein Achtungserfolg. Ein kleines Ausrufezeichen, dem man nächste Woche gerne ein großes folgen lassen würde. Die Chancen dafür würde ich auf etwa 40% einstufen. Robben und Schweinsteiger sind dann wieder mit von der Partie, deren Fehlen im Hinspiel nicht wirklich auffiel, was hauptsächlich an der starken Leistung von Altintop und dem Formanstieg bei Pranjic und Müller lag. Lahm gefällt mir auf rechts inzwischen richtig gut, schlägt auch gefährliche Flanken, die meistens flach an den Fünfmeterraum kommen. Demichelis war der einzige Spieler, der deutlich abfiel. Man könnte fast sagen, Bayern hat trotz seines Mitwirkens gewonnen. Manchester wirkt vor allem auf den Außen anfällig, Evra ist nicht mehr in der Form der vergangenen Jahre und Neville wirkte gegen Ribery mehrfach überfordert (sein Handspiel führte auch zum Ausgleich). Sollte Rooney ausfallen, könnte es ein sehr unangenehmes Spiel für United werden. Andererseits müssen die Bayern noch zeigen, dass der Sieg mehr war, als ein kleiner Ausreißer nach oben.

Arsenal FC – FC Barcelona 2:2

Vor dem Spiel schwärmten die Freunde des gepflegten Fußballspiels vom Duell der Puristen unter den europäischen Topclubs. Nur eine Mannschaft präsentierte sich dann so, dass sie den hohen Ansprüchen gerecht wurde: Der FC Barcelona. Barca hatte von der ersten Minute an die Zügel in der Hand und setzte Arsenal derart unter Druck, dass man fast Mitleid bekommen musste. Arsenal kam nur selten in Ballbesitz und verlor diesen dann meist schon vor der Mittellinie wieder. Die Balleroberer um Keita und Busquets (man ist der gut!) leisteten fast perfekte Arbeit, rückten früh auf die Gegenspieler auf. Da auch Barcelonas Offensivkräfte jedem Ball hinterhergingen, wurden Arsenals Spieler stetig in der eigenen Hälfte gedoppelt und wussten nicht viel mit den Bällen anzufangen. Wenger war mit hohem Risiko in das Spiel gegangen, hatte die angeschlagenen Fabregas und Gallas in die Anfangsformation berufen. Besonders Fabregas, der aus Barcelonas Jugendabteilung kommt, merkte man die körperlichen Probleme noch deutlich an. Gallas hielt eine knappe Halbzeit lang durch, musste dann jedoch ausgewechselt werden, dazu kam eine weitere Verletzung bei Arshavin. Wenger stellte Mittelfeldspieler Song in die Innenverteidigung, wohl auch, weil er dem alternden Campbell nicht zumuten wollte, gegen die quirligen Messi und Pedro zu spielen und brachte dafür Denilson im Mittelfeld, während Arshavin durch den defensivstärkeren Eboué ersetzt wurde. Es war einer gehörigen Portion Glück und einer bärenstarken Leistung von Torhüter Almunia zu verdanken, dass es zu diesem Zeitpunkt noch 0:0 stand. Barcelona kontrollierte das Spiel nach Belieben und kam immer wieder gefährlich vor das Tor der Gunners. Messi, der immer wieder die Seiten tauschte, hauptsächlich aber in der Mitte hinter Ibrahimovic agierte, war eine ständige Gefahr, konnte von den defensiven Mittelfeldspielern Song und Diaby nur selten gestellt werden und war immer wieder im Raum zwischen Viererkette und Mittelfeld anspielbar. Xavi zog dahinter in bekannter Manier die Fäden. Das Fehlen von Iniesta machte sich kaum bemerkbar. Das größte Problem bereiteten den Gunners aus meiner Sicht die Außenverteidiger Alves und Maxwell, die so offensiv agierten, dass die Bezeichnung “Viererkette” ad absurdum geführt wurde, und die von Arshavin und Nasri nur wenig dabei gestört wurden. Häufig konnten sie 40 Meter mit dem Ball die Linie entlang laufen und wurden erst kurz vor dem Strafraum von Arsenals Außenverteidigern in Empfang genommen. Den Platz, der sich dadurch in Barcelonas Hintermannschaft bot, konnte Arsenal kaum nutzen. Dennoch gelang es Barcelona nicht, die Überlegenheit vor der Pause in Tore umzumünzen und es ging mit einem 0:0 in die Pause. Almunias Leistung in den ersten 45 Minuten war nach Aussage seines ehemaligen Konkurrenten Jens Lehmann “die beste Torwartleistung, die ich seit langer Zeit gesehen habe.”

Es dauerte nur wenige Sekunden, bis sich dieses Urteil relativieren sollte. Ein langer Ball auf Ibrahimovic brachte diesen frei vors Tor, allerdings weit auf der rechten Seite. Anstatt bloß den Winkel zu verkürzen kam Almunia überhastet aus dem Tor gelaufen, zögerte dann kurz und wurde überlupft. Ein sehr einfaches Tor für Ibrahimovic, das in krassem Gegensatz zu den vielen herausgespielten Chancen der ersten Halbzeit steht. Vielleicht macht aber auch gerade das die Stärke Barcelonas in diesem Jahr aus: Eine größere Variabilität. Arsenal bekam daraufhin das Spiel besser in den Griff als über weite Strecken der ersten Hälfte, doch diese Phase war nur von kurzer Dauer. Barca nahm wieder Fahrt auf und drückte auf das 2:0. Trotz vieler schneller Passstaffetten und schneller Angriffszüge war es erneut ein hoher langer Ball, der zum Erfolg führte. Song, der kurz zuvor noch durch eine tolle Rettungsaktion aufgefallen war, darf sich diesen Gegentreffer ankreiden, wobei Almunia bei Ibrahimovics Schuss erneut keine wirklich gute Figur machte und zu früh abtauchte. Es ist jedoch fraglich, ob er an diesen Ball sonst herangekommen wäre. Durch das 0:2 schien nicht nur dieses Spiel, sondern auch das Viertelfinale entschieden. Arsène Wenger hatte jedoch noch einen Trumph im Ärmel, den er nun ausspielte. Er brachte den pfeilschnellen Walcott für Sagna, dessen Position von Eboué eingenommen wurde. Walcott agierte vor ihm auf der rechten Seite und stellte Maxwell endlich defensiv vor Probleme. Ihm blieb dann auch der Anschlusstreffer vorbehalten. Von Bendtner bedient schob er den Ball an Valdes vorbei. Auch in diesem Fall keine gute Aktion des Torhüters, denn der Ball war weder hart noch platziert geschossen. Nun entwickelte sich ein Schlagabtausch, den viele von vornherein erhofft hatten. Arsenal konnte sich immer wieder über die rechte Seite durchsetzen und phasenweise auch Barcas Passspiel im Mittelfeld unterbinden. Guardiola brachte Henry für Ibrahimovic und setzte fortan mehr auf Konter. In der 87. Minute kam es dann zu einer folgenschweren Situation für dieses Duell: Puyol foulte im Strafraum Fabregas, der erneut von Bendtner klasse bedient worden war. Elfmeter für Arsenal und Platzverweis für Kapitän Puyol, der damit ebenso wie sein Nebenmann Pique und sein Gegenstück Fabregas im Rückspiel fehlen wird. Fabregas verwandelte den Elfmeter, verletzte sich dabei jedoch erneut. Da das Wechselkontingent bereits aufgebraucht war, humpelte der Kapitän die letzten fünf Minuten über das Spielfeld. Am Ende war es Arsenal, das sogar noch auf das Siegtor drängte.

Dennoch ist das 2:2 ein glückliches Resultat für die Gunners und entspricht nicht dem Spielverlauf. Durch die starke kämpferische Leistung verdienten sie sich das Ergebnis zumindest ein Stück weit. Im Rückspiel wird auch spielerisch und vor allem taktisch eine bessere Leistung notwendig sein, wenn man eine Chance auf ein Weiterkommen haben möchte. Insgesamt war es ein sehr gutes Fußballspiel, sicher eines der besten dieser Saison, was die Kombination aus spielerischer Klasse, Tempo und Dramatik angeht. Arsenal gebe ich nur geringe Chancen für das Rückspiel. Es muss wohl ein Sieg im Camp Nou her und dazu müsste schon ein mittleres Fußballwunder passieren. Um die Abwesenheit Barcelonas Stamm-Innenverteidiger auszunutzen, muss erst einmal Barcas Dominanz am Ball ein Stück weit durchbrochen werden (oder eben über 90 Minuten konzentriert gegen die ballführenden Spieler gearbeitet werden, siehe Chelsea letztes Jahr, was aber überhaupt nicht Arsenals Ding ist). 65%-35% Ballbesitz, 533-265 erfolgreiche Pässe und 23-6 Torschüsse aus dem Hinspiel sprechen da eine eindeutige Sprache zu Ungunsten der Gunners. Ganz nebenbei sind die Ersatzleute Millito und Marquez ja auch keine Laufkundschaft. Ich schätze Arsenals Chancen auf ein Weiterkommen auf maximal 20%.

UEFA-Cup Viertelfinale, Rückspiel: One Man Show

Udinese Calcio – Werder Bremen 3:3

Werder bleibt sich treu, in jeglicher Hinsicht: Sechstes Unentschieden im sechsten Auswärtsspiel in dieser Europapokalsaison, defensiv gerät man noch immer schnell ins Schwimmen, auch wenn die Gegentore weniger werden und den Unterschied macht vor allem ein Mann: Diego.

Wenn man sich immer noch darüber ärgern will, dass Diego das Spiel nicht schnell genug macht und sich zu oft in sinnlose Dribblings im Mittelfeld verrennt, dann kann man das nach wie vor tun. Doch was Diego in dieser Rückrunde leistet ist einfach großartig. Obwohl er am Donnerstag ganz offensichtlich nicht 100%ig fit war und das Spiel nicht wie gewohnt an sich riss, war er in den entscheidenden Situationen da und führte Werder ins Halbfinale. Es gibt nicht viele Spieler, die ein Tor wie das zum 1:1 schießen können. Gleiches gilt für das 2:0 im Hinspiel. 5 Tore hat Diego in seinen letzten 3 Spielen gemacht und dabei sogar noch 2 Elfmeter verschossen.

Diego geht mit Leistung voran und reißt dadurch die Mannschaft in dieser wichtigen Saisonphase mit. In allen wichtigen Spielen dieser Rückrunde hat er überzeugt, was für mich eine ganz wichtige Eigenschaft eines Führungsspielers ist. Es bleibt zu hoffen, dass er diese Form und diesen Killerinstinkt mit in die nächsten Spiele retten kann. Gegen den HSV wird man auf seine Genialität angewiesen sein, denn Hamburg wirkt vor allem mental sehr stark und wird darauf brennen, endlich wieder einmal ein wichtiges Spiel gegen Werder zu gewinnen.

Nun sehen wir also vier Nordderbys in den nächsten drei Wochen. Vier Chancen, die Vorherrschaft im Norden doch noch zu verteidigen, aber auch viermal die Gefahr, ausgerechnet gegen den großen Lokalrivalen die eigenen Saisonziele endgültig zu verspielen. Werder kommt diese Konstellation entgegen: In den Pokalwettbewerben hat die Mannschaft gezeigt, wozu sie fähig ist, wenn es ums Überleben geht und die Einstellung stimmt. In einem Nordderby wird es keiner der Spieler wagen, sich auch nur eine Sekunde lang hängen zu lassen (I'm looking at you, Hugo!). Auch würde sich niemand für die Halbfinalteilnahmen auf die Schulter klopfen lassen, wenn man ausgerechnet dem HSV den Weg in die Finals geebnet hätte. Das kann für Werder nur gut sein.

Am Mittwoch geht es los und ich freue mich auf drei spannende und hoffentlich erfolgreiche Wochen.

Das Leben der Anderen (4): CL Viertelfinale

Bayern München – FC Barcelona 1:1 / 0:4

Wie Barca im Hinspiel gegen chancenlose Bayern aufspielte, war nicht nur demütigend für den deutschen Rekordmeister, sondern auch eine Offenbarung für jeden Fußballfan. Kann Fußball wirklich so schön und erfolgreich sein? So ganz traue ich dem Braten noch nicht, wenngleich Barcelona in dieser Saison einfach phänomenal gut spielt. Bevor sie jedoch gegen eine der englischen Top 4 gespielt haben, lässt sich ihre Leistung nicht endgültig einordnen. Doch egal, wie der Rest der Saison verläuft, über Spieler wie Xavi, Iniesta und Messi wird man in 50 Jahren Gedichte schreiben.

FC Chelsea – FC Liverpool 4:4 / 3:1

7:5 nach zwei Spielen. Ich bin bestimmt nicht der Einzige, der sich darüber freut, dass Spiele zwischen den beiden Teams nicht mehr durch das erste Tor entschieden werden. Was war das für eine Schlacht am Dienstagabend in London? Nach Chelseas 3:1 Auswärtssieg konnte man nicht mehr unbedingt damit rechnen, ein spannendes Fußballspiel zu Gesicht zu bekommen. Und dann das. Chelsea mit einer ersten Halbzeit wie eine verunsicherte Schülermannschaft. Torwartfehler auf beiden Seiten. Plötzlich dreht Chelsea die Partie und Liverpool zeigt, warum man in den letzten Jahren die erfolgreichste Mannschaft in der Champions League war. Mit so viel Herz spielt kein anderes Team. Beim Stand von 2:2 habe ich aus Scherz zu einem Freund gesagt: Chelsea macht das 3:2 und am Ende gewinnt Liverpool 5:3. Keine 10 Minuten später stand es 3:4. Lampards Tor brachte dann die Entscheidung. Die Blues schmeißen zum zweiten Mal in Folge die Reds aus der Champions League und zeigen sich zum Ende der Saison wieder in ganz starker Form.

FC Arsenal – FC Villareal 3:0 / 1:1

Von den englischen Mannschafte in der Champions League machte Arsenal in dieser Saison den verletzlichsten Eindruck. Dabei ist man nun seit fast einem halben Jahr ungeschlagen. Sehr erfreulich, wie junge Leute wie Gibbs, Walcott und Fabianski gestern Abend aufspielten. Fabregas nähert sich seiner Bestform und auch ohne Gallas, Clichy, Sagna und Almunia steht die Null hinten. Von den verbleibenden Mannschaften ist Arsenal sicher Außenseiter, doch das scheint ihnen in der Champions League besser zu liegen als zu hohe Erwartungen (siehe 2006). Wenn diese lange enttäuschende Saison für Arsenal ein Happy End finden sollte, bauen sie Wenger endgültig ein Denkmal in Nord-London. Villareal musste indes feststellen, dass man ohne Senna nur die Hälfte wert ist.

FC Porto – Manchester United 0:1 / 2:2

Vor einigen Wochen galt Manchester noch als die derzeit wohl stärkste Mannschaft Europas. Der Titelverteidiger drehte in der Liga einsam seine Runden und ist auch in der Champions League seit knapp 2 Jahren ohne Niederlage. Dann folgte eine Schwächephase, die in einer 1:4 Heimklatsche gegen Liverpool kulminierte. Zuletzt fand man in die Erfolgsspur zurück, doch die Souveränität, die die Mannschaft ausstrahlte, ist verloren gegangen. Das 2:2 aus dem Hinspiel war eine schwere Bürde für United und Porto erwies sich als starker Gegner. Am Ende setzten sich individuelle Klasse und Erfahrung durch. Cristiano Ronaldos Tor aus 35 Metern war ein Hingucker. Ein Schuss wie von einem Präzisionsgewehr. Ob es zur Titelverteidigung reicht? Ich glaube eher nicht.

Vorschau auf den UEFA-Cup

Heute dürfen die letzten im Europapokal vertretenen deutschen Mannschaften ran. Sowohl Werder Bremen als auch der HSV müssen auswärts ein 3:1 verteidigen. Bei Werder fällt möglicherweise Diego aus, was die Chancen auf ein Weiterkommen senken würde. Das Gegentor aus dem Hinspiel war sehr ärgerlich. Dennoch sollte man in der Lage sein, auch in Udine zu bestehen. Der zweite Halbfinaleinzug innerhalb von 3 Jahren wäre einer der größten internationalen Erfolge der Vereinsgeschichte, auch wenn es sich noch nicht so anfühlt. Die Hamburger bekommen es in Manchester mit einer harten Nuss zu tun. Zuhause ist ManCity ein ganz anderer Gegner als auswärts. Der HSV wird eine ähnlich gute Leistung wie im Hinspiel benötigen, um sich dort durchzusetzen. 

In den letzten Jahren stand immer eine deutsche Mannschaft im UEFA-Cup Halbfinale (Schalke 2006, Werder 2007, Bayern 2008), um dann sang- und klanglos auszuscheiden. Sollten Werder und Hamburg weiterkommen, wäre auf jeden Fall eine deutsche Mannschaft im Finale. Zum ersten Mal seit 2002. Allein das müsste schon als Erfolg verbucht werden, wie ich überhaupt finde, dass sich der deutsche Fußball wieder im Aufwärtstrend befindet. Nicht im absoluten Spitzenniveau, doch in der Breite scheint es mehr international wettbewerbsfähige Teams zu geben.

UEFA-Cup Viertelfinale, Hinspiel: Das böse Wort mit K

Werder Bremen – Udinese Calcio 3:1

Der erste Schritt auf dem Weg zum Nordderby im Halbfinale ist gemacht. Werder siegt gegen eine taktisch wie erwartet starke Mannschaft aus Udine, macht sich aber eine beruhigende 3:0 Führung durch eine sehr unkonzentrierte Schlussphase etwas kaputt. Trotzdem hat man ein gutes Ergebnis erzielt, das die Chancen auf ein Weiterkommen sicher nicht gemindert hat. Vielleicht hat das Gegentor ja auch einen positiven Effekt und wird als Warnschuss fürs Rückspiel ernst genommen. Thomas Schaaf bezifferte die Chancen auf ein Weiterkommen nach dem Spiel auf 50:50. Eine gesunde Einstellung, die er hoffentlich auf die Mannschaft übertragen kann.

Erfreulich war bei Werder vor allem die Chancenverwertung. Obwohl das Offensivspiel lange hakte und die Fehlpassquote wie schon gegen Hannover hoch war, nutzte man die wenigen guten Angriffe aus und zeigte ungewohnte Vollstreckerqualitäten. Diego unterstrich mal wieder, wie wichtig er für Werder in dieser Rückrunde ist und noch werden kann. In den Spielen, in denen es drauf ankam, zeigte er stets hohen Einsatz und exzellente Leistungen. Nachlässigkeiten wie in den letzten 10 Minuten wird sich Werder in Udine jedoch kaum erlauben können. Ein 1:3 ist schnell aufgeholt und wer Udines Chancen gesehen hat, der weiß, dass es durchaus zu mehr als einem Tor hätte reichen können. Werders Auswärtsbilanz im Europapokal macht jedoch Mut: Man hat in dieser Saison noch nicht verloren (5 Spiele, 5 Unentschieden).

In den Tagen vor dem Spiel sorgte vor allem ein Name für Aufregung in Bremen: Kevin Kuranyi. Vor ein paar Wochen sagte ich bereits seinen Wechsel nach Bremen voraus. Naja, sowas ähnliches jedenfalls. Wie realistisch diese Spekulationen sind, kann ich nicht beurteilen. Ich glaube eigentlich nicht, dass der Name ganz oben auf Allofs Liste steht, schon allein aus Kostengründen. Ich bin ehrlich gesagt überrascht, dass es neben den erwarteten empörten Protesten seitens gar nicht so weniger Fans auch positive Reaktionen gab: Kuranyi? Warum nicht?

Ja, warum eigentlich nicht? Abgesehen von persönlichen Sympathien (bzw. Antipathien) gibt es nicht vieles, das gegen Kuranyi spricht. Damit will ich nicht sagen, dass der Kevin keine Schwächen hat, ganz im Gegenteil. Man kennt seine Schwächen nur zu genau, werden sie doch Woche für Woche, Monat für Monat in den Medien wiedergekäut. Genau das ist das Problem: Der Name Kuranyi verleitet nicht zum träumen. Man weiß genau, was man bekommt, nämlich einen torgefährlichen, kampf- und kopfballstarken Stürmer der gehobenen Klasse, der technische Mängel aufweist, lispelt und selten etwas kluges sagt. Ein Brasilianer wie Fred, den nur wenige Fans mehr als dreimal live spielen gesehen haben, taugt dagegen besser als Objekt der Begierde. Er könnte sich ja zum Weltklassespieler entwickeln.

Um es kurz zu machen: Ich könnte mir Kuranyi als Sturmpartner für Pizarro gut vorstellen, weil ich glaube, dass sie sich gut ergänzen würden. Als Pizarro-Ersatz hingegen nicht wirklich. Allerdings muss ich schon sagen, dass ich mich mit einem Kuranyi im Werdertrikot aus menschlicher Sicht sehr schwer tun würde. Wer jedoch ernsthafte Zweifel an Kuranyis Klasse hat, dem  empfehle ich, sich nochmal einige der letzten Werderspiele gegen Schalke anzuschauen.