Schlagwort-Archiv: Viktor Skripnik

Class of ’00

Kaum war der Klassenerhalt fix, wurden die ersten personellen Konsequenzen gezogen. Die Verträge von Claudio Pizarro und Philipp Bargfrede wurden um je ein Jahr verlängert und etwas überraschend, aber letztlich doch nicht ganz unerwartet wurde Thomas Eichin seines Amtes enthoben.

Der Reformer Eichin: Gescheitert oder vollendet?

Thomas Eichin war keine einfache Persönlichkeit und galt als schwer vermittelbar im beschaulichen Bremen. Sein Umgangston war schroff und bisweilen respektlos – das hörte man vielfach von Mitarbeitern aus allen Bereichen. Durch seine harte Linie bei Personalentscheidungen (insbesondere Nachwuchs und Scouting) machte er sich etliche Feinde im Verein.

Dennoch zeigen die vielen negativen Reaktionen auf seinen Rauswurf, dass man Eichin in Werders Umfeld sehr wohl verstand. Seine Transferbilanz ist nicht ohne Makel, doch er hat das schwere Erbe, das er nach einigen Jahren der Misswirtschaft und Transferpleiten antrat, gut bewältigt. Er hat den Konsolidierungskurs mitgetragen und trotzdem einen zuletzt wieder konkurrenzfähigen Kader zusammengestellt. Sein Pragmatismus war nicht immer leicht zu verdauen, doch im Großen und Ganzen hatte er ein gutes Gespür für die richtigen Entscheidungen.

Mich persönlich störte an Eichin vor allem das Fehlen einer klaren Linie bei der Kaderplanung. Es war zu viel Gelegenheitsshopping dabei und zu wenig Ausrichtung am eigenen Bedarf. Die Fehler des letzten Sommers wurden diesen Winter zwar ausgebügelt, doch der Schlingerkurs bei der Einbindung des Nachwuchses und das Übersehen der Kaderlücken im Mittelfeld, während nahezu das gesamte Transferbudget in den Angriff investiert wurde, bleiben hängen. Nicht zu vergessen war es (bei aller Kritik) Skripniks beste Personalentscheidung der Saison, die Werders Problem im Mittelfeldzentrum zumindest vorerst löste: Die Versetzung von Florian Grillitsch auf die 6er-Position.

Vermutlich hat man es bei Werder ähnlich gesehen und Eichin als eine Übergangslösung betrachtet. Als Aufsichtsratschef Bode von Eichin bei dessen Vertragsverhandlungen letztes Jahr düpiert worden war, hatte er noch zähneknirschend zu seinem Geschäftsführer gehalten. Nun, da die Konsolidierung nach Ansicht der Verantwortlichen abgeschlossen ist, braucht man den Mann fürs Grobe nicht mehr. Dass Eichin eine Veränderung auf der Trainerbank nicht erst zum Saisonende wollte, war bekannt. Die Lesart, dass sich der Aufsichtsrat nun für Skripnik entschieden hat und deshalb Eichin entlassen hat, ist deshalb naheliegend.

Die Werder-Familie schlägt zurück

Ich glaube jedoch nicht, dass die Personalie Skripnik der ausschlaggebende Punkt war. Es dürfte vielmehr um die Entscheidungshoheit im Verein gegangen sein. Als Geschäftsführer Sport sah Eichin die Beantwortung der Trainerfrage als sein Hoheitsgebiet an. Schon im Winter war jedoch bekannt geworden, dass Skripnik ohne die Zustimmung des Aufsichtsrats nicht entlassen werden darf und Bode seinen früheren Mitspieler stützte. Wenn die Charakterbeschreibungen Eichins auch nur ansatzweise stimmen, ist es schwer vorstellbar, dass er diesen Eingriff in seine Souveränität einfach hingenommen hat. Auf der anderen Seite fühlten sich die verbliebenen Mitglieder der “Werder-Familie” durch Eichins Reformkurs zunehmend bedroht und befremdet.

Bereits Anfang letzter Woche war durchgesickert, dass es zum Wochenende einen Versuch von Teilen des Aufsichtsrats geben würde, Eichin zu entmachten. Welche Seite letztlich die Informationen an die Medien gesteckt hat, die zu den “Es kann nur einen geben”-Schlagzeilen über Eichin und Skripnik geführt haben, ist unerheblich. Die Zuspitzung war letztlich unvermeidlich und nur eine Frage des Zeitpunkts. Dass Eichin einen Machtkampf mit Bode nicht würde gewinnen können, überrascht ebenfalls nicht.

Altes, neues Werder

Die Frage lautet also: was nun? und sie ist mit Baumanns Berufung als Nachfolger alles andere als beantwortet. Die wichtigsten Positionen im Verein sind nun wieder mit Werder-Legenden besetzt: Bode, Baumann, Skripnik. Keiner von ihnen hat sich jedoch seine Sporen in der Position verdient, die er nun bekleidet. Man könnte daher vom Anfang einer Ära sprechen. Die neue Generation der Werder-Familie drängt nach vorne. Wohin sie den Verein steuern will, bleibt jedoch offen. Eichin stand nicht für die glorreiche Vergangenheit oder eine ebenso glorreiche Zukunft, sondern für Realismus und Pragmatismus in der Gegenwart. Wenn es bei seiner Entlassung tatsächlich um mehr als persönliche Machtspiele ging, müsste es nun auch inhaltlich einen Kurswechsel geben.

Gut möglich, dass im Verein die heile Welt aus vergangenen Zeiten wiederhergestellt werden soll: Weniger Ich, mehr Wir. Die Werder-Familie als Gegenentwurf zum Haifischbecken Bundesliga mit den freundlichen Gesichtern Bode und Baumann an der Spitze. Wenn man schon faktisch keine Kontinuität mehr hat im sportlichen Bereich, wird diese durch bekannte Gesichter zumindest gekonnt simuliert.

Wie es sich für eine gute Familie gehört, wird hinter den Kulissen fleißig intrigiert. Der Disput mit Eichin ist dabei nur die Spitze des Eisbergs. Aus der hinteren Reihe melden sich die ehemaligen Macher Lemke, Fischer und Born in schöner Regelmäßigkeit zu Wort. Was sie off the record sagen, ist dabei weitaus interessanter. Quintessenz: Außer mir kann es eigentlich keiner. Es ließe sich eine hervorragende Seifenoper daraus machen, doch nach außen hin hält sich die Familie weitestgehend an die Omertà.

Das Bremer mia san mia

Wie ist der Umstand zu bewerten, dass Bode, Baumann, Skripnik, Frings, Pizarro und auch der womöglich bald hinzukommende Borowski einst alle zusammenspielten? Ein Argument gegen Erfolg ist es nicht, das beweist ausgerechnet das Dreigestirn Hoeneß, Rummenigge, Beckenbauer. Bei Werder hat es mit Schaaf und Allofs ebenfalls geklappt. Die Personalentscheidungen machen deutlich, dass man diesem Ideal weiterhin nacheifert. Mit den Namen Schaaf und Allofs ist jedoch nicht nur die Entstehung sondern auch der Untergang der letzten Erfolgsära des Vereins verbunden. Zu viel Schmoren im eigenen Saft, zu wenig Reflektion und äußere Einflüsse. Ob man mit Eichin, Schröder und Dutt die richtigen Leute gewählt hat, um die Außenperspektive in den Verein zu holen, kann jeder selbst bewerten.

Die Zeit der externen Einflüsse ist in Bremen mit Baumanns Berufung jedenfalls erstmal abgelaufen. Sie waren Mittel zum Zweck und der Zweck hat sich nach Bodes Einschätzung erledigt. Hier zeigt sich eine Parallele zum ungeliebten Rivalen aus München: Das Bremer mia san mia gibt sich weniger aggressiv, doch läuft letztlich auf dasselbe hinaus: Der Eindringling von außen passt sich entweder an oder wird wieder abgestoßen. Erfolg berechtigt nur vorübergehend zum Verbleib. Anders als in Bremen ist es beim FC Bayern jedoch schwer vorstellbar, dass Stallgeruch vor den Konsequenzen von Misserfolg schützt.

Rückendeckung oder Säge für Skripnik?

Damit kommen wir zur noch offenen Trainerfrage. Der eigentlich kaum mehr tragbare Skripnik bräuchte dringend ein klares Bekenntnis seiner Vorgesetzten. Dass weder Bode noch Baumann bislang dem Trainer ihr Vertrauen aussprachen, macht die schwierige Situation, in der sie sich befinden, deutlich. Warum man Skripnik nach über 1 1/2 Jahren noch mehr Zeit geben sollte, die bekannten Mängel in seiner Arbeit abzustellen, ist selbst für seine Fürsprecher schwer zu beantworten. Andererseits würde es nicht zum nun eingeschlagenen Kurs passen, als nächstes den ewigtreuen Skripnik zu entlassen. Das wäre so typisch… Eichin?

Es deutet sich daher ein Kompromiss an, der einerseits sehr spannend, andererseits aber auch etwas halbgar wäre: Assistenztrainer Florian Kohfeldt könnte zum Cheftrainer befördert werden. Somit hätte man auch auf der Trainerposition eine gewisse Kontinuität mit Stallgeruch (Kohfeldt ist seit 2001 im Verein), könnte aber gleichzeitig Skripnik aus der schwierigen Situation herauskomplimentieren. Kohfeldt hat seinen Trainerlehrgang als Jahrgangsbester abgeschlossen, gilt als taktisch gewieft und in der Mannschaft beliebt. Wie groß sein Einfluss im derzeitigen Trainerteam ist, lässt sich von außen schwer ausmachen. Welchen Stellenwert er als Cheftrainer zwischen den Werderlegenden Pizarro und Fritz auf sowie Bode und Baumann neben dem Platz haben würde, ist ebenfalls fraglich.

Fazit: It’s complicated!

Das Schöne am Fußball ist: Aus dem Chaos kann etwas Neues, Großes entstehen. Der Optimist in mir möchte daran glauben, dass unter Marco Bode, der sich mit Eichins Entlassung als Machthaber im Verein etabliert hat, tatsächlich etwas Großes entstehen kann. Der Realist zweifelt hingegen an Baumanns Eignung und den richtungsweisenden Entscheidungen im Verein. Der Pessimist hält Bodes Außendarstellung in der letzten Pressekonferenz für eine Farce und hat sich außerdem vor ein paar Tagen schon hier geäußert.

Auch wenn es mangels einer erkenntlichen Neuausrichtung noch schwierig zu bewerten ist, sehe ich Eichins Entlassung zum jetzigen Zeitpunkt als Fehler an. Zu viele Fragezeichen stehen hinter dem Namen Baumann, zu wenig Erfahrung bringt die sportliche Leitung (zu der ich Bode trotz seine eigentlich anderen Funktion zähle) mit, zu schlecht ist der Beigeschmack der Seilschaften zwischen den Beteiligten. In einem halben Jahr wird man schlauer (und meine Zweifel hoffentlich widerlegt) sein.

6. Spieltag: Es bröckelt

Darmstadt 98 – Werder Bremen 2:1 (1:1)

Mit der völlig verdienten Niederlage in Darmstadt ist Werder nach der von Pizarros Rückkehr ausgelösten Euphorie wieder auf dem Boden der Tatsachen gelandet. In einer fußballerisch grauenhaften Partie enttäuschten Mannschaft und Trainer auf ganzer Linie.

Skripnik verzichtet aufs Mittelfeld

Viktor Skripnik reagierte auf die Ausfälle von Bargfrede und Ulisses Garcia nicht wie erwartet und ließ Ersatzsechser Kroos wie auch Nachwuchssechser Fröde auf der Bank. Stattdessen durfte Galvez auf der ungeliebten Position vor der Abwehr ran und Sternberg rutschte für Garcia links ins Mittelfeld. Der fast vollständige Verzicht auf (gelernte) Mittelfeldspieler in der Startelf machte sich auch in Werders Spiel bemerkbar, wobei dies keine neue Entwicklung ist. Gegen die spielerisch ganz sicher schwächste Mannschaft der Bundesliga überspielte Werder das Mittelfeld noch rigoroser als zuletzt und suchte in der ersten Halbzeit sein Heil in langen Bällen auf Ujah und Johannsson.

In der ersten halben Stunde musste man froh sein, die Teams durch ihre Trikotfarben eindeutig identifizieren zu können, denn sonst hätte man Werder sicherlich für Darmstadt gehalten. Die Taktik, nach Ballgewinn direkt den Konter mit einem langen Ball in die Spitze zu suchen, kannte man sonst eher von den Gastgebern, die jedoch selten so hoch standen, dass ihnen dies Probleme bereiten konnte. Der Aufsteiger zeigte in der ersten Halbzeit fußballerisch die vielleicht beste Leistung der Saison, ohne jedoch wirklich zu überzeugen. Werder bekam im Pressing keinen Zugriff, lief viel hinterher und brachte den Ball kaum einmal kontrolliert aus dem ersten Drittel heraus. Dadurch ergaben sich auch kaum Möglichkeiten zum Aufrücken. Die Bälle kamen postwendend zurück in Werders Hälfte und das Spiel begann von neuem.

Verbesserte Spielkontrolle, fehlende Kreativität

Die zweite Halbzeit war in einigen Belangen besser. Werder hatte mehr Ballbesitz und konnte etwas Sicherheit gewinnen, ohne jedoch offensiv Gefahr zu erzeugen. Die Stürmer blieben häufig vom Mittelfeld isoliert und konnten so – abgesehen von den langen Bällen – kaum ins Spiel eingebunden werden. Ujah scheint für diese Art Fußball weitaus besser gemacht zu sein als Johannsson, der jedoch bei jeder Gelegenheit den Torabschluss suchte und somit trotzdem Werders gefährlichster Spieler war. Die Einwechslung des angeschlagenen Junuzovic und die Umstellung auf die Raute verpufften weitgehend und Pizarro kam in zehn Minuten Spielzeit je nach Datenquelle auf ein oder zwei Ballkontakte.

Wie schon gegen Ingolstadt waren es am Ende individuelle Fehler, die die Niederlage herbeiführten. Felix Wiedwald hatte einen schlimmen Abend und machte auch abgesehen von den beiden Gegentoren ein schwaches Spiel. Für Werder war die entscheidende Phase jedoch eher zwischen der 45. und der 70. Minute, als man aus der eigenen Feldüberlegenheit viel zu wenig Offensivgefahr entfachte. Eine Schlussoffensive fand nach dem 1:2 und dem Platzverweis gegen Bartels nicht mehr statt, dafür fehlten Werder einerseits die spielerischen Mittel und andererseits am Ende auch die Kraft für die Brechstange.

Viele Fragen an den Trainer

Nach einem solchen Spiel muss sich nicht nur die Mannschaft hinterfragen. Die Leistung erinnerte doch in weiten Teilen an das, was Werder vor gut einem Jahr unter Robin Dutt auf den Rasen brachte – ohne die Gesamtsituation mit damals vergleichen zu wollen. Viktor Skripnik war sein Amt auch mit der Absicht angetreten, sein Team fußballerisch zu verbessern. Davon ist in dieser Saison bislang nicht viel zu sehen, auch wenn die Punkteausbeute nach sechs Spielen durchaus im Rahmen ist. Werder spielt größtenteils reinen Ergebnisfußball mit viel Kampf und Krampf. Stimmen die Ergebnisse nicht, bleibt auf der Habenseite nicht viel übrig. Derzeit entscheidet sich Skripnik in Personalfragen meist gegen die spielerisch bessere Lösung (Lukimya statt Galvez, Galvez statt Kroos, Bartels statt Eggestein). Das ist natürlich legitim und er wird seine Gründe haben. Es spricht aber gerade in einem Spiel gegen ein Team wie Darmstadt nicht unbedingt für großes Vertrauen in die fußballerische Qualität seiner Mannschaft.

Über den richtigen Wechselzeitpunkt und die Tauglichkeit der Optionen auf der Bank kann man streiten. Wenn jedoch schon in den ersten 10 Minuten eines Spiels deutlich wird, dass die eigene Taktik nicht aufgeht, wäre eine Anpassung wünschenswert. Das flache 4-4-2 funktionierte gegen Darmstadt überhaupt nicht, daran änderte auch ein glücklicher Führungstreffer nichts. In der zweiten Halbzeit, als Werder das Spiel besser kontrollierte und mehr Ballbesitz hatte, wären ein bis zwei Umstellungen im Mittelfeld hin zu mehr Kreativität angebracht gewesen. Es verwundert doch sehr, dass Skripnik sich dieses Spiel stoisch mit ansah, bis die verbleibende Zeit kurz genug war, um die nicht vollständig fitten Edeljoker Pizarro und Junuzovic zu bringen.

Auch vom einstigen Mut, junge Spieler nicht nur kurz anzutesten, sondern wirklich einzubinden, ist nicht mehr viel übrig geblieben. Im Sommer sah es so aus, als wären Eggestein und Grillitsch auf dem Sprung in die erste Elf und Zander nicht weit davon entfernt. Nun kommen die drei zusammen auf zwei Einsätze und weniger als 90 Minuten Einsatzzeit in der Bundesliga. In allen drei Fällen gibt es Gründe, die gegen einen sofortigen Einbau in der ersten Elf sprechen, doch die gibt es bei Nachwuchsspielern fast immer. Es erstaunt mich sehr, dass Werder mit einem (wenn man nur die gestandenen Bundesligaspieler zählt) Rumpfkader in die Saison geht, mit der Prämisse, voll und ganz auf die Jugend setzen zu müssen (Stichwort „alternativlos“), das Trainerteam sich nun aber augenscheinlich nicht traut, dies auch in die Tat umzusetzen.

Natürlich ist es ärgerlich, wenn mit Bargfrede und Junuzovic zwei Drittel der gewünschten Achse im Mittelfeld ausfallen. Gerade bei Bargfrede musste man jedoch damit rechnen (wenn auch nicht durch eine Rotsperre). Dass Galvez im Mittelfeld nicht die Antwort ist, hat die letzte Saison gezeigt und war einer der ersten Missstände, die Skripnik damals behoben hat. Wenn Kroos und Fröde nicht gut genug sind, um Bargfrede in solchen Spielen zu ersetzen, warum hat man dann im Sommer nicht Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um einen Sechser zu verpflichten?

Ein Fehler namens Pizarro?

Stattdessen holte man Pizarro zurück. Ich mache mich damit wahrscheinlich bei einem Großteil der Werderfans unbeliebt, aber ich halte das für einen Fehler. Natürlich kann ich verstehen, warum Werder ihn verpflichtet hat. Allein die Begeisterung, die seine Rückkehr ausgelöst hat, war für den Verein viel wert. Zusätzlich verkaufte Trikots, Zuschüsse von Sponsoren, mediale Aufmerksamkeit – alles gut für den Verein. Ich glaube auch, dass Pizarro selbst mit seinen 36 Jahren noch ab und zu den Unterschied machen kann und für Werder sportlich zumindest teilweise wertvoll ist, von seiner positiven Ausstrahlung aufs Team ganz abgesehen. Dennoch ist die Verpflichtung in erster Linie Balsam für die geschundene Werderseele und fällt für mich in eine Kategorie mit den Abschiedsspielen für Frings und Ailton: Man kann noch mal schön in Erinnerungen schwelgen an Zeiten, in denen Werder noch ein großer Name war. Nüchtern betrachtet hat man sich einen sehr alten und sehr teuren Ergänzungsspieler geholt, der eine Saison lang eventuell noch ab und an mannschaftliche Mängel mit individueller Klasse überdecken kann.

Für sich gesehen könnte ich durchaus damit leben, doch bindet Pizarro trotz Zuschuss von Wiesenhof Gehaltsbudget, das an anderer Stelle meiner Meinung nach sinnvoller und zukunftsorientierter hätte eingesetzt werden können. Werders Mittelfeld ist sträflich unterbesetzt, die Ausfälle bei Bargfrede werden leider auch nach Ende seiner Rotsperre kommen und bei Clemens Fritz würde ich auch nicht davon ausgehen, dass es für 30-34 Spiele reicht. Die Risiken lagen und liegen auf der Hand. Werder ist sie eingegangen und muss nun mit den Konsequenzen leben.

Back to square one: Mut zum Fußball

Umso wichtiger, dass Skripnik und sein Team sich jetzt auf ihre Stärken besinnen, die Werder in der letzten Saison vor dem Abstieg gerettet haben. Ich bin weit davon entfernt, Skripniks Ablösung zu fordern. Seine Bilanz ist insgesamt immer noch sehr gut und Werder steht sportlich nicht dort, wo man in der Endphase unter Dutt stand. Was die fußballerische Entwicklung angeht, habe ich jedoch große Zweifel, dass Werder derzeit auf dem richtigen Weg ist. Ich wünsche mir mehr Mut und mehr Konsequenz auf dem Weg, der Werder auch spielerisch voran bringen soll.

Ich könnte weitaus besser mit Niederlagen gegen Teams wie Ingolstadt und Darmstadt leben, wenn sie Konsequenz einer noch nicht ausgereiften fußballerischen Entwicklung wären. Diese muss nicht unbedingt auf ausgeprägtem Ballbesitzfußball beruhen, eine Weiterentwicklung der Pressing- und Konterstrategie der letzten Rückrunde würde mir auch genügen. Stattdessen wirkt diese Saison auf mich bislang so, als wäre alles, was man sich in der Sommerpause vorgenommen hatte, mit Di Santos Abgang hinfällig gewesen und nun wurschtelt man ohne richtigen Plan vor sich hin. Selbst nach der Partie gegen Darmstadt scheint man sich nicht einig zu sein, ob das jetzt zu viel oder zu wenig Fußball war. Derzeit ist Werder nur eines der Teams, die auf eigenes Spiel weitgehend verzichten und mit Physis, langen Bällen und Standards ihr Glück versuchen. Das kann für den Klassenerhalt reichen, macht aber wenig Hoffnung auf mehr.

1. Spieltag: Ernüchterung mit Lichtblicken

Werder Bremen – FC Schalke 04 0:3 (0:1)

Ein 0:3 Heimniederlage zum Auftakt gegen Schalke kann man wohl nur als Fehlstart bezeichnen. Am Ende siegte ein nicht gerade überzeugende Schalker Mannschaft zu deutlich, aber verdient in Bremen.

Werder Bremen vs FC Schalke 04 Aufstellung

Alibi-Pressing und Scheindominanz

Etwas überraschend setzte Skripnik auf Levin Öztunali als zweiten Stürmer neben Ujah und zog Bartels dafür ins Mittelfeld zurück. Eggestein und Grillitsch rutschten dafür aus dem Team. Ansonsten begann Werder so wie erwartet, mit einem 4-4-2, das in Ballbesitz als Raute, gegen den Ball jedoch meistens als flache Vier im Mittelfeld ausgelegt wurde. Bartels gab somit häufig einen zweiten Sechser neben Bargfrede.

Schalke spielte ebenfalls in einem 4-4-2 mit einer Doppelspitze aus Di Santo und Huntelaar sowie einem Flügelfokus mit den offensivstarken Choupo-Moting und Draxler als äußere Mittelfeldspieler. Im Aufbau ließ sich Geis tief zwischen die Innenverteidiger fallen und verteilte von dort die Bälle. Die Außenverteidger rückten weit vor und es ergab sich eine Art 3-5-2/3-3-2-2.

Insgesamt war das Pressing auf beiden Seiten eher alibimäßig. Werder wollte Geis nicht zu viel Zeit am Ball geben und die beiden Stürmer liefen ihn früh an. Dahinter war der Abstand zum Mittelfeld jedoch recht groß weshalb es selten zu Balleroberungen direkt aus dem Angriffspressing kam. Auf der anderen Seite war es noch extremer. Während Geis durch seine tiefe Positionierung meist vor Ujah und Öztunali aufbaute, konnte Bargfrede häufig im Rücken der Schalker Stürmer angespielt werden. Die Bremer Innenverteidiger hatten mit Wiedwald und häufig auch mit dem zurückfallenden Ulisses Garcia genügend Optionen, um das Pressing von Di Santo und Huntelaar zu umspielen.

Dies sorgte für relativ viel Platz für Bargfrede, der häufig einige Schritte am Ball aufs Schalker Mittelfeld zu machen konnte, bevor er das Spiel verlagerte. Mit der Raute hatte Werder im Mittelfeld personelle Überzahl und kontrollierte diesen Raum ganz gut, ohne jedoch offensiv viel daraus zu machen. Häufig wurde der direkte Weg in die Spitze gesucht, indem ein scharfer Vertikalpass in den Rücken der Schalker Abwehr weitergeleitet wurde. Die Außenverteidiger wurden ebenfalls oft eingebunden, vor allem Garcia, der seine Stärke im Kombinationsspiel zeigen konnte.

Starker Matip entscheidet das Spiel

Torchancen sprangen für Werder jedoch kaum heraus, da Schalke im und am Strafraum sehr gut verteidigte und kaum Fehler beging. Dafür hatten die Schalker einige gute Kontergelegenheiten, bei denen Werder erst im letzten Moment klären konnte. Werder beging zu viele Fehler im Aufbau (Fritz!) und hatte daher etwas Glück, nicht früher in Rückstand zu geraten. Auch wenn Schalke in dieser Phase spielerisch keine Bäume ausriss, lag die Führung für die Gäste immer in der Luft.

Das 0:1 war ein Tor aus der Abteilung Slapstick, doch in seiner Entstehung zeigte sich, was an diesem Tag den Unterschied ausmachen sollte. Mit zunehmender Spielzeit waren es immer häufiger die Innenverteidiger, die mit aufrückten, um so Lücken in den gegnerischen Defensivverbund zu reißen. Auf Werders Seite war dies meistens Vestergaard, der einige kluge Verlagerungen spielte. Auf Schalkes Seite war es Joel Matip, der beste Spieler auf dem Platz. Defensiv spielte er nach meiner Erinnerung fehlerfrei und offensiv war er der entscheidende Faktor bei den ersten beiden Toren.

Man kann sich über mangelndes Rückwärtspressing der Stürmer beschweren, doch auch aus dem Mittelfeld fühlte sich niemand berufen, Matip 30 Meter vor dem Tor unter Druck zu setzen, so dass er unbedrängt zwei präzise Pässe in die Spitze spielen konnte, die das Spiel entschieden. Das Kontertor in der Schlussphase machte das Ergebnis für Werder zu einer ekeligen Angelegenheit, obwohl das Spiel eigentlich keinen solchen Leistungsunterschied zwischen den Teams hergab. Schalke siegte insgesamt verdient, weil das Team individuell stärker ist und in den entscheidenden Details besser war.

Da waren sie wieder, meine drei Probleme

Zu Beginn der zweiten Halbzeit hatte Werder die wohl stärkste Phase des Spiels und durch Bartels auch die beste Chance. Ansonsten bemühte man sich, den Ball in Richtung Spitze zu spielen, hatte aber offensiv wenig gute Ideen. Mit Ballbesitz kommt Werder weiterhin nicht gut klar, betreibt sehr viel Aufwand, der die Unzulänglichkeiten nur teilweise kaschieren kann. Auch individuell hatte Werders Offensive keinen guten Tag. Ujah wurde von Matip völlig aus dem Spiel genommen und Öztunali beendete nahezu alle seine Ballaktionen mit überhasteten Abspielen oder Abschlüssen.

Bartels steckt in einer Formkrise, ist für diese Art des Ballbesitzfußballs aber auch nicht gemacht. Seine (und auch Werders) Stärken konnte er kaum einmal ausspielen, denn Konter und Gegenpressing gab es nur vereinzelt zu sehen. Das restliche Mittelfeld zeigte sich gewohnt unkreativ und wenig passsicher. Es geht noch immer (zu) viel über Laufstärke und Kampf. Dabei kann man den Spielern nicht den Einsatz absprechen, mit dem sie sich in die nach dem 0:2 fast unlösbare Aufgabe geworfen haben.

Personell und taktisch muss sich das Trainerteam ein paar Fragen gefallen lassen. Warum mussten Grillitsch und Eggestein auf die Bank, obwohl sie in der Vorbereitung deutlich näher an einem Stammplatz waren, als Öztunali? Eggestein spielte zuletzt nicht überzeugend, doch Bartels war in diesem Spiel ein denkbar ungeeigneter Zehner. Warum wird Grillitsch dort nicht getestet? Warum stellte man taktisch auf ein flaches 4-4-2 gegen den Ball um, was in der Vorbereitung so nicht zu sehen war? Das Pressing wirkte in diesem System schlecht koordiniert. Der große Abstand zwischen Angriff und Mittelfeld war nicht nur hier ein Problem, sondern begünstigte auch die Entstehung der ersten beiden Tore.

Mut oder kalte Füße?

Nach dem ersten Spieltag müssen aber keine (neuen) Grundsatzfragen gestellt werden. Die Probleme sind bekannt, die Abhängigkeit von einzelnen Spielern auch. Sich hinter der der mangelnden Erfahrung des Teams zu verstecken, ist nach diesem Spiel nicht angebracht, da lediglich zwei Spieler unter 23 auf dem Platz standen und Schalkes Team im Schnitt sogar jünger war. Es war jedoch der unerfahrenste Spieler auf dem Platz, der den größten Mut bewies und dessen Leistung Hoffnung auf mehr machte, auch wenn Garcia am Ende für sein hohes Tempo bezahlen musste und in den letzten 15 Minuten deutlich nachließ.

Gegen Hertha wünsche ich mir wieder etwas mehr Mut seitens der Trainer und eine Ausrichtung, die mehr an die Stärken des Teams angepasst ist. Mit Ballbesitzfußball wird Werder nach heutigem Stand und in der aktuellen Besetzung nicht zum Erfolg kommen.

 

17 Spiele Skripnik – eine Zwischenbilanz

Der späte Ausgleichstreffer der Kölner war ernüchternd, denn ansonsten wäre der 26. ein perfekter Spieltag gewesen. Von Platz 5 bis 8 hat kein Team gewonnen, sodass man sich im Kampf um die Europa League Plätze einen Vorteil hätte erarbeiten können. Dass man überhaupt wieder vom internationalen Wettbewerb sprechen kann, verdankt Werder vor allem einem Mann: Viktor Skripnik.

Platz 4 in der “Skripnik-Tabelle”

Seitdem Skripnik und sein Trainerteam das Kommando übernommen haben, läuft es bei Werder richtig gut. Für diese Erkenntnis genügt bereits ein Blick auf die ominöse “Skripnik-Tabelle”, also der Tabelle ab dem 10. Spieltag. Am Anfang noch eine Spielerei, gibt sie nun Aufschluss über die Erfolge aus Skripniks erster kompletter Halbserie. Nachdem gegen jeden Gegner einmal gespielt wurde, scheiden Faktoren wie “günstiger Spielplan” oder “glückliche Serie” aus. Jeder hat einmal gegen jeden gespielt und Werder hat aus diesen Spielen mehr Punkte geholt, als 14 andere Bundesligisten. Werder hatte – rein punktemäßig – unter Skripnik Champions League Niveau.

Das sollte man, bei allen Diskussionen um aktuelle Themen, nicht vergessen: Ein Trainerteam ohne jede Bundesligaerfahrung holte mit einem Kader, der landauf, landab für nicht bundesligatauglich erklärt wurde, 30 Punkte aus 17 Spielen. 10 mehr als Hoffenheim, 8 mehr als Frankfurt, 4 mehr als Augsburg, 2 mehr als Schalke, 1 mehr als Leverkusen und genauso viele wie Bayern-Bezwinger Gladbach.

Skripniks Trainerlaufbahn – der Bremer Weg?

Wie hat Skripnik diesen Aufschwung geschafft? Diese Frage stellt sich vermutlich die halbe Bundesliga. Die Liste der möglichen Erklärungen ist lang, doch vielerorts begnügt man sich mit der Begründung, dass Skripnik nun mal ein echter Werderaner ist und bemüht die Parallelen zu Thomas Schaaf: Beim Karriereende bereits den Einstieg in den Trainerberuf hinter sich gehabt, viel Erfahrung und Erfolge mit den Jugendteams gesammelt und schließlich in großer Not das Ruder bei den Profis übernommen. Doch es ist keineswegs so, dass dieser Weg bei Werder Tradition hätte, auch wenn man es inzwischen gerne so hinstellt. Vielmehr war Schaafs Werdegang bis vor kurzem ein absoluter Einzelfall. Andere Ex-Spieler, die sich als Trainer im Nachwuchs versuchten, wie etwa Mirko Votava oder Thomas Wolter, hatten weitaus weniger Erfolg und genießen nicht unbedingt die beste Reputation in der Branche.

Skripnik hingegen ragte mit seiner U17 schnell aus der Nachwuchsabteilung heraus, welche in dem Ruf stand, eher die körperlichen Frühentwickler als die fußballerisch vielversprechendsten Talente zu fördern. Skripniks Nachwuchsmannschaften zeichneten sich hingegen durch eine gepflegte Spielkultur und technisch anspruchsvollen Angriffsfußball aus. In der letzten Saison gelang es ihm, seine Spielidee auch mit der U23 in der Regionalliga erfolgreich umzusetzen. Unter Wolters Führung war diese ebenfalls nicht gerade für ansprechenden Fußball oder gar als Talentschmiede für die Profis bekannt. Verständlich also, dass Skripnik und sein Trainerteam als einzige echte Alternativen aus den eigenen Reihen galten, als sich die Trennung von Robin Dutt andeutete. Die Parallelen zu Thomas Schaaf sind ein schöner Nebenaspekt. Ich hoffe trotzdem inständig, dass Skripniks Fähigkeiten als Trainer für die Entscheidung der Vereinsführung maßgeblich waren und nicht sein “Stallgeruch”.

Ganz davon ab ist es natürlich Unsinn, dass man nur als Bremer Urgestein Erfolge auf Werders Trainerbank feiern kann. Wer daran zweifelt, sollte sich Otto Rehhagels Werdegang vielleicht noch mal etwas genauer anschauen.

Skripnik, der Talente-Förderer

Immer wieder betont wird, wie gut Skripnik die Nachwuchsspieler kenne, die für den Aufschwung mitverantwortlich seien. Mit einigen seiner Schützlinge arbeitet Skripnik tatsächlich schon seit vielen Jahren zusammen. Von diesen hat bislang allerdings nur Levent Aycicek sichtbare Spuren in der Bundesliga hinterlassen. Mit Luca Zander und Julian von Haacke sind zwei weitere große Talente durch langwierige Verletzungen vorübergehend gestoppt worden. Marnon Busch spielt seit Skripniks Amtsantritt hingegen wieder in der U 23. Die anderen Spieler, die in dieser Saison ihren Durchbruch im Profiteam schafften (namentlich Davie Selke, Melvyn Lorenzen und Jannek Sternberg), haben hingegen in der Jugend nicht bei Werder gespielt und befinden sich erst seit der letzten Saison in Skripniks Obhut. Selke und Lorenzen wurden zudem bereits unter Dutt an die Profis herangeführt.

Mit dieser Auflistung möchte ich nicht Skripniks Verdienste um Werders Jugendarbeit in Frage stellen. Die Behauptung, Skripnik verfolge eine völlig andere Personalpolitik als sein Vorgänger, ist allerdings sehr fragwürdig. Skripnik geht dabei zweifellos mutiger vor, hat andere personelle Vorlieben (bspw. die Personalien Busch und Aycicek) und auch etwas Glück (Selkes Entwicklung nach Di Santos Verletzung). Der Kern des Teams ist jedoch unter Skripnik der gleich geblieben wie schon unter Dutt. Junuzovics Standards und Di Santos individuelle Klasse sind weiterhin Werders wichtigste Erfolgsfaktoren. Ein Jugendwahn ist bei Werder hingegen nicht ausgebrochen. Mit Selke und Sternberg kommt auch Skripnik “nur” auf 1 1/2 Stammplätze für den eigenen Nachwuchs (der wiederum genau genommen gar nicht der eigene Nachwuchs ist).

Während man Dutt gegen Ende seiner Amtszeit einiges vorwerfen konnte, gehören die Verletzungen von Selassie und Bargfrede nun wirklich nicht dazu. Dennoch werden die Kommentatoren auf Sky nicht müde zu betonen, dass beide unter Dutt kaum noch eine Roll gespielt hätten. Zu dieser Unterstellung gehört schon eine gehörige Portion Frechheit oder Unwissen. Unbestritten ist hingegen, dass Werder als Kollektiv seit Skripniks Amtsantritt ungleich besser funktioniert und viele Spieler auch individuell zugelegt haben. Skripniks initiale Umstellungen tun dem Team bis heute gut. Fritz ist im Mittelfeld noch einmal aufgeblüht (mehr dazu unten) und Gálvez zeigt in der Innenverteidigung starke Leistungen (aber hätte Dutt ihn überhaupt im Mittelfeld aufgestellt, wenn Bargfrede sich nicht verletzt hätte?).

Wie gut ist Werder wirklich?

Werder hat unter Skripnik deutliche spielerische Fortschritte gemacht. Unterhält man sich allerdings mit Kennern der Bremer Nachwuchsabteilungen, wird schnell deutlich, dass Werder derzeit keineswegs so spielt, wie man es von Skripniks U23 oder U17 gewohnt war. Das Ideal, das Skripnik mit seinen Mannschaften anstrebte, war ein dominantes und technisch anspruchsvolles Kurzpassspiel gepaart mit einer offensiven Grundausrichtung und flexiblem Positionsspiel (manche sagen, er habe Schaafs System fit für das aktuelle Jahrzehnt gemacht). Davon ist Werders Profimannschaft eindeutig noch weit entfernt. Zwar ist eine klare spielerische Verbesserung seit letztem Oktober zu erkennen, doch letztlich agiert Werder noch immer sehr vertikal, setzt auf schnelles Umschaltspiel und hat nur selten mehr Ballbesitz als der Gegner. Es ist zweifellos clever, dass Skripnik seinem Team keine komplett neue Marschroute verordnet hat, sondern die unter Dutt gebildeten Strukturen (ja, die gibt es tatsächlich) aufgegriffen und verfeinert hat. Fraglich ist jedoch, wie er sich die weitere Entwicklung seines Teams vorstellt.

Einerseits sprechen die Erfolge dieser Saison durchaus dafür, den eingeschlagenen Weg fortzusetzen. Es würde mich trotzdem überraschen, wenn sich Skripnik damit begnügen würde. Bei aller Freude über die 30 Punkte wird er nämlich nicht übersehen haben, dass sein Team noch in vielen Bereichen Nachholbedarf hat. Denn auch, wenn die Mannschaft inzwischen gefestigt wirkt und nur noch selten größere Ausschläge nach unten in der Leistungskurve aufweist, ist Werder in vielen Belangen noch keine Top-Mannschaft. Einen Hinweis darauf, dass die 30 Punkte ein Stück weit über den eigentlichen Fähigkeiten liegen, erhält man beim Blick aufs Torverhältnis: 31:31 Tore stehen dort zu Buche, trotz einem Sieg-Niederlagen-Verhältnis von 9:5. Die Siege werden derzeit eher knapp eingefahren. Den einzigen hohen Sieg feierte man beim 4:0 gegen Paderborn, sechsmal gewann man mit nur einem Tor Vorsprung, während man bei den Niederlagen immer mindestens mit zwei Toren Rückstand verlor. Damit will ich nicht anzweifeln, dass Werder die 30 Punkte verdient hat, aber es wird deutlich, dass sich eine leichte Formschwankung nach unten stärker auswirken würde, als eine leichte Formschwankung nach oben. Mit anderen Worten: Die Punkteausbeute ist besser, als man es bei der Torverteilung erwarten würde.

Das hohe Niveau, das die Punktzahl suggeriert, kann Werder noch nicht konstant auf den Platz bringen. Dies zeigt sich zumeist schon im Laufe einzelner Spiele, in denen Werder selten 90 Minuten auf hohem Niveau durchhält. Auffällig ist, wie häufig Werder einen guten Start hinlegt, insbesondere im Offensivspiel, dann jedoch auf eine ausgeprägte Defensivtaktik umstellen muss, um knappe Führungen über die Zeit zu schaukeln. Manchmal geht dies gut, manchmal nicht. In den meisten Fällen geht es aber sehr zu Lasten der offensiven Schlagfähigkeit. Teilweise verzichtet Werder in der Schlussphase fast vollständig auf das eigene Angriffsspiel und konzentriert sich komplett auf die Verteidigung des eigenen Tores. Dafür gibt es gute Gründe: Die Anzahl der Gegentore hat sich unter Skripnik zwar verringert (von 2,55 auf 1,82 pro Spiel), doch noch immer gehört Werder zu den Teams, die die meisten Treffer kassieren. Auch seit Skripniks Amtsübernahme mussten mit Paderborn und Frankfurt nur zwei Mannschaften mehr Gegentore hinnehmen.

Durchlaufstation auf dem Weg zum “Skripnik-Ball”?

Das alles ist zum aktuellen Zeitpunkt weder schlimm, noch wäre es anders zu erwarten gewesen. Für die neue Saison wird man sich dennoch einige Änderungen vorgenommen haben, auf taktischer wie personeller Ebene. Ob dies tatsächlich in Richtung eines dominanten Ballbesitzfußballs geht, ist allerdings fraglich. Denkbar wäre auch ein weiterhin reaktiver Ansatz mit verbesserten Defensivabläufen. Die bisherige Personalpolitik lässt durchaus beide Vermutungen zu. Dennoch wird jede Personalentscheidung für die Zukunft unter dem Aspekt der Tauglichkeit des Spielers für Skripniks Fußball bewertet. Dies führt häufig zu einer Schwarz-Weiß-Betrachtung, die die weiteren Zusammenhänge im Mannschaftsgefüge außer Acht lässt (Aycicek-Verlängerung und Profivertrag für Maxi Eggestein gut, Junuzovic-Verlängerung und Verhandlungen mit Fritz und Prödl schlecht). Auch mir fällt es schwer, mich davon bei der Bewertung frei zu machen.

Einer sich abzeichnenden Verlängerung mit Clemens Fritz stehe ich beispielsweise trotz des Formanstiegs seit der Rückversetzung ins Mittelfeld kritisch gegenüber. Eine Besetzung der Halbpositionen der Raute mit Fritz und Junuzovic ist aus meiner Sicht nicht geeignet, um dominanten Ballbesitzfußball zu spielen – sie steht einer spielerischen Entwicklung im Mittelfeld sogar entgegen. Doch wenn Skripnik selbst sich so sehr für den Verbleib des Kapitäns einsetzt, wird er seine Gründe dafür haben. Möglicherweise liegen diese nicht im spielerischen Bereich, sondern nur in seinen Führungsqualitäten und der Eigenschaft als Integrationsfigur. Angesichts eines sich ebenfalls abzeichnenden Abgangs Sebastian Prödls wäre diese Überlegung allemal verständlich (wenngleich sie mir persönlich nicht ausreicht).

Neue, alte Rahmenbedingungen

Ein Stück weit wird man sich von der Überlegung lösen müssen, dass Werder im kommenden Herbst schon auf einem Niveau angelangt sein wird, auf dem man mit einem Mittelfeld aus von Haacke, Eggestein, Öztunali und Aycicek die Gegner schwindelig kombinieren kann. An eine (langsamere) spielerische Weiterentwicklung in der kommenden Saison glaube ich aber durchaus. Durch den Selke-Wechsel hat sich die sportliche Leitung die gröbsten finanziellen Nöte vorerst vom Leib geschafft und den Handlungsspielraum für den Sommer vergrößert. Es ist auch ein Signal, dass in Bremen wieder Werte geschaffen und nicht nur vernichtet werden. Man wird aber auch damit leben müssen, dass dies Begehrlichkeiten bei anderen Vereinen weckt und man vermutlich jedes Jahr Leistungsträger ersetzen muss. Dies sind die Rahmenbedingungen, unter denen Werder schon in der Vergangenheit nach oben und schließlich auch wieder nach unten geklettert ist.

Für Skripnik wird der Umgang damit die größte Herausforderung als Trainer bei Werder Bremen. Thomas Schaaf ist letztlich daran gescheitert, immer neue und unpassendere Spieler das Korsett seines Systems pressen zu wollen und müssen. Damit es Skripnik nicht ähnlich ergeht, wird er sich immer wieder anpassen und flexibel bleiben müssen. Bislang gibt es jedoch keinerlei Grund zum Zweifel daran, dass er für diese Aufgaben genau der richtige Trainer ist.

21. Spieltag: Der Guardiola der Ukraine

Werder Bremen – FC Augsburg 3:2 (3:1)

Vor nicht allzu langer Zeit wäre Werder selbst zuhause als Außenseiter in das Spiel gegen den FC Augsburg gegangen. Nach der jüngsten Erfolgsserie durfte sich Werder aber auch gegen das Überraschungsteam (kann man es überhaupt noch so nennen?) der Saison gute Chancen ausrechnen.

Pressing und Umschaltspiel auf hohem Niveau

 

Augsburg spielte zwar auf dem Papier ein 4-1-4-1, das durch Hojbergs tiefe und Altintops hohe Positionierung im Aufbau jedoch eher zum 4-2-3-1 wurde. Werder presste im inzwischen bekannten 4-3-3, wobei sich die beiden Stürmer auf Augsburgs Innenverteidiger und Bartels auf den einrückenden Sechser konzentrierten. Anders als etwa gegen Hertha und Hoffenheim wurde der gegnerische Torwart nicht angelaufen. Manninger wurden lediglich alle Anspielstationen genommen. Die zweite Dreierreihe postierte sich erst ein gutes Stück dahinter auf Höhe der Mittellinie, sodass es zwar einen recht großen Raum hinter zwischen den beiden Linien gab, in den der Torwart jedoch selten per Flachpass kam, sondern lange Bälle schlagen musste, die im Seitenaus oder auf Vestergaards Kopf landeten. So zogen sich die Augsburger Innenverteidiger nach einer Viertelstunde im Aufbau extrem weit zurück und standen nur noch fünf Meter vor der Torauslinie, um Anspielstationen für den sichtlich überforderten Manninger zu schaffen, was nur selten gelang.

Viktor Skripnik wird nicht zuletzt dafür gelobt, dass Werder unter seiner Führung spielerisch enorme Fortschritte gemacht hat. Doch auch im Umschaltspiel hat sein Team in den letzten Monaten eine gute Entwicklung genommen. Nach der Balleroberung geht es häufig mit geradlinigem Passspiel direkt nach vorne. Die vorderen drei Spieler harmonieren dabei enorm gut, unabhängig von der Zusammensetzung. Bartels ist im Aufspüren von Räumen zwischen den Linien herausragend. Mit Selke und Di Santo hatte Werder zudem auch häufig Abnehmer für lange Vertikalpässe in die Schnittstellen der Viererkette. Leider wurden die Konter diesmal nicht so konsequent zu Ende gespielt, wie in den Spielen zuvor, sodass Werder zu weniger klaren Torchancen kam, als im Spielverlauf möglich gewesen wären.

Schwache Augsburger, gute Standards

Der Erfolg kam somit wieder einmal über die eigenen Standardsituationen. Zwei Kopfballtore nach Freistößen von Junuzovic sowie ein Elfmetertor von Di Santo reichten letztlich für den Sieg. Eine Schwächephase der Augsburger nach dem Seitenwechsel nutzte Werder leider nicht zur vorzeitigen Entscheidung, sodass es am Ende sogar noch einmal eng wurde. Aufgrund der Chancenverteilung war dies unnötig. Augsburg brachte offensiv wenig zustande, kam in der ersten Halbzeit aus dem Spiel heraus nur zu einem Fernschuss durch Bobadilla. Werder war spielerisch und auch taktisch überlegen, überzeugte auch jenseits der ersten Pressinglinie in der Arbeit gegen den Ball. Eröffnete Augsburg über die Außen, schob der Spieler auf der ballnahen Halbposition sofort auf den Flügel und das Team rückte konsequent nach. Versuchte es Augsburg durchs Zentrum auf die zurückfallenden Ji oder Altintop, rückten Werders Innenverteidger aggressiv heraus. Dies war zwar etwas riskant, wurde aber selten gefährlich, da Augsburg den Ball nicht in den Raum dahinter bekam – nicht zuletzt, weil Vestergaard und Lukimya mit ihrem Herausrücken häufig den Ball gewannen.

Werder Bremens Pressing im 4-3-3 gegen den FC Augsburg

Kam der Ball tatsächlich einmal in die markierte Zone, spielten Werders Stürmer gutes Rückwärtspressing

So gut Werder taktisch auf den Gegner eingestellt war, so schwach präsentierte sich Augsburg im Weserstadion. Daniel Baier mühte sich in der Zentrale darum, das Spiel seines Teams zu ordnen, doch letztlich war Augsburg auf allen Offensivpositionen unterlegen. Selassie hatte Werner gut im Griff und Garcia war gegen das Kraftpaket Bobadilla die passende Wahl hinten links. Auch sonst erwiesen sich Skripniks Personalentscheidungen als richtig. Gálvez-Vertreter Lukimya machte ein weitgehend fehlerfreies Spiel, brachte seine Stärken gut ein und traf zum 1:0. Felix Kroos lieferte als Sechser ebenfalls eine starke Partie ab, vielleicht sogar seine beste der Saison.

Momentaufnahme mit Potential

Mit dem Sieg gegen Augsburg ist das Thema Klassenerhalt endgültig abgeschlossen. Die Europa League ist nicht mehr nur ein Hirngespinst irgendwelcher Überoptimisten, sondern ein durchaus realistisches – wenn auch nicht das wahrscheinlichste – Szenario. Skripnik und seinem Team gelingt es immer besser, Werders Spieler auf den Gegner einzustellen, Schwachpunkte und Schwächephasen auszunutzen und eigene Spielfreude mit taktischer Disziplin zu verbinden. Die aktuelle Serie von fünf Siegen in Folge muss man zwar realistisch einschätzen (vier Heimspiele, teils formschwache Gegner), doch ist sie kein Zufallsprodukt. Sie ist das Ergebnis akribischer und durchdachter Arbeit.

“Wir haben als Trainerteam nicht so viel Erfahrung gehabt in der Bundesliga, aber jetzt wissen wir, wo es langgeht.”

- Viktor Skripnik, nach der Niederlage in Gladbach, vor fünf Siegen in Folge

In den nächsten Wochen warten nun noch härtere Brocken auf Werder. Auf Schalke hat man die Gelegenheit, ganz dicht an die internationalen Plätze heranzurücken. Die Schalker sind unter Di Matteo nicht unbedingt durch attraktiven oder spielerisch hochwertigen Fußball aufgefallen. In der Defensivorganisation hat die Mannschaft jedoch große Fortschritte gemacht und ist, bis auf die unglückliche Niederlage in Frankfurt, erfolgreich in die Rückrunde gestartet. Für Werder könnte es ungeachtet der phänomenalen Heimbilanz unter Skripnik ein Vorteil sein, gegen Schalke auswärts anzutreten. Zum einen muss Werder nicht das Spiel machen und kann das Risiko minimieren, in Schalker Gegenstöße zu laufen. Zum anderen liegt Schalke die Spielgestaltung nicht unbedingt. Je nach Ausgang des Champions League Spiels gegen Real Madrid könnten auch die nicht für ihre große Geduld bekannten Schalker Fans ein Faktor werden, wenn Werder lange das 0:0 hält oder in Führung geht.

Winterpausengedanken

1. Testspiele

Drei Siege und eine deftige Niederlage – so sieht die Bilanz bisher aus. Gesehen habe ich nur das Testspiel in Duisburg, und das war grauenvoll. Ergebnisse aus Testspielen sind mir zwar relativ egal und zur Einordnung der Leistungen muss man die Trainingsumstände mit einbeziehen (Wurde vor dem Spiel noch trainiert? Gab es eine Vorbereitung wie bei einem Pflichtspiel? Was waren die Maßgaben des Trainers?). Unabhängig davon kann man aber festhalten, dass Werder gegen den Drittligisten nicht den Hauch einer Chance hatte, defensiv so trottelig wie eh und je agierte, sowie insgesamt den Eindruck erweckte, nicht sonderlich an diesem Spiel interessiert zu sein. Laufbereitschaft? Kompaktes Verschieben? Einstudierte Offensivaktionen? Alles Fehlanzeige. Man sollte meinen, dass knapp zwei Wochen vor Beginn der Rückrunde jede Chance gesucht wird, sich dem Trainer auf seiner Position aufzudrängen. Allerdings macht es dem Trainer die Auswahl auch nicht leichter, wenn keiner der in Frage kommenden Spieler eine ansprechende Leistung zeigt. Am ehesten wusste noch Aycicek zu überzeugen, da er zumindest einige gute Ideen in der Offensive hatte, aber es war, um es deutlich zu sagen, keineswegs eine Leistung, mit der man in einer Bundesligamannschaft positiv herausstechen sollte.

Zu hoch hängen sollte man das Spiel jedoch nicht. Schon die Testspiele zuvor haben gezeigt, dass defensiv noch viel Arbeit vor dem Team liegt. Skripnik sprach denn auch von einer “gesunden Niederlage”, weil den Spielern nun die Defiziten deutlicher gemacht werden könnten. Das war hoffentlich eine Standardfloskel, denn wenn das Team ernsthaft Spiele wie in Duisburg bräuchte, um auf die tiefgreifenden Probleme im Defensivspiel aufmerksam gemacht zu werden, könnte man die Hoffnung auf den Klassenerhalt wohl schon jetzt begraben.

2. Abgänge

Weiß endlich wo’s lang geht: Eljero Elia

Drei Spieler wurden in der Winterpause abgegeben und bei allen Dreien war es sowohl absehbar, als auch vernünftig. Ludovic Obraniak hatte zwar eine neue Chance bekommen unter Viktor Skripnik, war jedoch schnell wieder aus der erweiterten Stammelf gerutscht und stand zuletzt nicht nur hinter Nachwuchshoffnung Aycicek, sondern auch hinter dem Siebzehnjährigen Eggestein. Eine Trennung war somit unausweichlich. Nils Petersens Wechsel zu Freiburg überraschte nur insofern, als dass man damit einen direkten Konkurrenten vermeintlich stärkte (wobei auch der Witz die Runde machte, dass man die Freiburger damit gezielt schwächen wollte). Bei Petersen kamen zwei Dinge zusammen, die ihn bei Werders aufs Abstellgleis beförderten: 1.) Ein anhaltendes Formtief, gepaart mit langen Durststrecken ohne Treffer, was – wie bei Stürmern üblich – zu einem Verlust des Selbstbewusstseins führte. 2.) Generelle Vorbehalte gegen seine Tauglichkeit, da seine Schwächen (Technik, Ballbehauptung, Spiel mit dem Rücken zum Tor) auch in guten Phasen allzu deutlich sichtbar waren. Die erstarkte Konkurrenz mit Selke und Lorenzen bedeutete letztlich Petersens Aus in Bremen.

Etwas anders gelagert ist der Fall bei Eljero Elia. Nachdem er die letzte Saison mit recht ansprechenden Leistungen als zweiter Stürmer neben Di Santo beendete, wurde er im Laufe der Hinrunde wieder zum Pflegefall auf zwei Beinen. An Elias sportlichem Potential bestanden nie Zweifel, doch es gibt gute Gründe dafür, dass er in der Bundesliga auf seiner Position nie zu einem überdurchschnittlichen Spieler wurde – und erst recht nicht zu einem Leistungsträger, der seinen qua Gehalt herausragenden Status im Kader rechtfertigen würde. Einerseits zählt Elia zu den Spielern, deren einziger Treibstoff das Selbstbewusstsein ist. Das wurde immer dann deutlich, wenn er eines seiner spärlichen Erfolgserlebnisse hatte und in der Folge sichtlich aufblühte. Andererseits scheint Elia kaum zur kritischen Selbstreflexion fähig. Das wurde immer dann deutlich, wenn Kritik an ihm aufkam oder er nicht berücksichtigt wurde. Weder konnte er aus diesen Rückschlägen irgendwelche Lehren ziehen, noch die Kritik in positive Energie umwandeln. Die Diskrepanz zwischen dem Bild, das er in der Öffentlichkeit gerne von sich zeichnen wollte (“bester Linksaußen Europas”) und seinen überdeutlichen Selbstzweifeln auf dem Platz, die nach jeder schlechten Szene zu wachsen schienen, könnte größer kaum sein. Elia wäre gerne ein Künstler, lässt aber das einfache Handwerk vermissen. Das kann sich ein Verein wie Werder in der aktuellen Situation nicht leisten. Bei Southampton, einem gut eingespielten Kollektiv mit der besten Defensive der Premier League, mag das anders aussehen. Ob Elia dort jedoch mit den unweigerlich kommenden Rückschlägen besser fertig wird, steht auf einem anderen Blatt.

3. Zugänge

Alle drei Abgänge spielten unter Skripnik keine Rolle mehr im Team. Sie müssen somit nicht direkt ersetzt werden. Die Forderung nach Neuzugängen ist daher auch losgelöst von diesen Transfers. Die Schlagrichtung hat sich dabei in den letzten Monaten jedoch ein Stück weit geändert. Zwar fordern Teile der Fans immer noch einen Großeinkauf und “dass der Verein endlich mal richtig ins Risiko geht”. Eine grundlegende Änderung der Einkaufspolitik hat es trotzdem nicht gegeben. Das dürfte zu einem nicht unwesentlichen Teil an der gelungenen Integration mehrerer Nachwuchsspieler unter Viktor Skripnik liegen. Der als “alternativlos” bezeichnete Weg der Einbindung eigener Talente wird nun auch gegangen, nicht nur ausgemalt. Ohne Neuzugänge dürfte es dennoch schwierig werden, die Klasse zu halten. Dabei stehen nun nicht mehr offensive Hoffnungsträger wie Bryan Ruiz im Mittelpunkt des Interesses, sondern erfahrene Spieler auf den wichtigsten Defensivpositionen: Torwart (siehe unten), Innenverteidigung und defensives Mittelfeld.

Wird entweder der der neue Micoud oder der neue Diego: Levin Öztunali

In der Innenverteidigung stehen theoretisch vier erfahrene Spieler zur Verfügung, doch durch Prödls Verletzung (und schwierige Vertragssituation) und Caldirolas tiefes Formloch ist die Position, die im Sommer noch tief genug besetzt schien, zum großen Problem geworden. Nachwuchsmann Hüsing scheint mir noch nicht weit genug zu sein und Lukimya sollte in einer Bundesligamannschaft nicht mehr als ein Ergänzungsspieler sein. Bleibt lediglich Gálvez als Konstante, der bislang aber auch nur an Prödls Seite wirklich überzeugen konnte. Ein weiterer Innenverteidiger wäre wünschenswert, ergibt aber nur bei einem gleichzeitigen Abgang Sinn. Einziger Kandidat dafür wäre Caldirola (Lukimyas Vertrag wurde erst verlängert und wer kauft schon einen verletzten Prödl, der im Sommer ablösefrei zu haben ist?). Ob man die Hoffnung in den Italiener aber schon vollständig aufgegeben hat, weiß ich nicht. Mehr als ein weiteres Leihgeschäft kann ich mir dennoch nicht vorstellen.

Die Problematik im defensiven Mittelfeld besteht schon so lange, dass ich schon nicht mehr damit gerechnet habe, dass man sie bei Werder noch bemerkt. Es ist mir unbegreiflich, dass seit Baumanns Karriereende, also seit fünfeinhalb Jahren bzw. elf Transferphasen, nie Geld für einen richtig guten Sechser in die Hand genommen wurde (Makiadi lasse ich nicht gelten, denn bei ihm war vorher klar, dass er kein eigentlicher Sechser ist, sondern wahlweise Achter/Box-to-Box-/Verbindungsspieler). Wahlweise setzte man auf den Nachwuchs (Bargfrede), holte unerfahrene Talente (Trybull) oder schulte Spieler um (Kroos, Gálvez). Wie konnte ein Verein, der soviel auf seine Tradition mit der Raute im Mittelfeld gibt, nur die Bedeutung einer solch wichtigen Position so massiv unterschätzen? Doch auch die lokale Presse träumt noch immer von einem neuen Johan Micoud, statt sich die Konkurrenz anzuschauen und einen Daniel Baier zu fordern. Neuzugang Levin Öztunali ist für mich daher eher eine “Zugabe”, ein Spieler für die Breite in der Offensive, der im Sommer für ein Jahr die Nachfolge Junuzovics antreten könnte.

Auf der Sechserposition ist der Bedarf im Kader meiner Meinung nach am Größten (siehe Punkt 5). Im Winter wird es doppelt schwer, dieses Versäumnis nachzuholen. Gesucht wird kein reines Kampfschwein oder Zweikampfgott, sondern ein intelligenter und technisch starker Spieler vor der Abwehr, der gutes Positionsspiel, Passicherheit und strategische Fähigkeiten mitbringt. Kein leichtes Anforderungsprofil, aber andere Vereine haben bewiesen, dass man keinen dicken Geldbeutel braucht, um dort fündig zu werden.

4. Torwartdiskussion

Die dritte kritische Position ist die des Torwarts. Hier ist Eichin alles andere als clever vorgegangen, hat sich sehr früh weit aus dem Fenster gelehnt und somit dazu beigetragen, dass Werder in diesem Winter ein großes Torwartproblem hat. In erster Linie liegt der Grund dafür natürlich in Wolfs Leistungen. Leider konnte er sich nach seiner soliden Rückrunde nicht weiterentwickeln, sondern ließ genau die Mängel erkennen, die ihm seine Kritiker schon lange vorhalten: Probleme bei der Strafraumbeherrschung, Antizipation und Spieleröffnung. Wolf geht wenige Risiken ein und schießt daher auch nur selten richtige (offensichtliche) Böcke. Mit seiner passiven Art hat er dennoch seinen Anteil an Werders wackliger Defensive. Ob er in der Hinrunde der schwächste oder nur einer der schwächsten Stammtorhüter der Liga war, möchte ich nicht beurteilen. Festhalten kann man aber, dass er mit den gezeigten Leistungen nicht die unumstrittene Nummer 1 sein sollte.

Doch keine Konkurrenten: Richard Strebinger und Raphael Wolf

Durch Eichins Äußerungen wurde dieses Problem jedoch nach außen getragen und inzwischen zeigen sich alle Beteiligten so genervt von der Situation, dass jedes noch so überzeugend vorgetragene Bekenntnis zu Wolf nicht mehr glaubwürdig ist. Die Diskussion soll mit aller Macht beendet werden. Wie aber soll das gehen, wenn offensichtlich wurde, dass Werders Vereantwortliche Strebinger und Husic für (noch?) nicht bundesligatauglich halten und aus dem Wunsch Felix Wiedwald als Herausforderer für Wolf zu verpflichten, nie einen Hehl machten? Wie könnten sie auch mit dem Status Quo zufrieden sein, dass die Nummer 1 schwächelt und niemand da ist, der (analog zu Wolf/Mielitz letzte Saison) die Situation nutzen könnte? Die nun gefundene Übergangslösung mit Casteels als Leihgabe bis Saisonende ist zumindest aus vertraglicher Sicht sinnvoll (sofern man mit Wiedwald bereits einig ist, wovon ich ausgehe). Sportlich sind jedoch gewisse Zweifel angebracht. Es ist nicht optimal, angesichts der Situation nur eine vorgebliche Nummer 2 zu verpflichten, doch zumindest hat Skripnik nun zwei Torhüter mit Bundesligaerfahrung im Kader und einen größeren Konkurrenzkampf auf der Position.

5. Gegentorflut

39 Gegentore setzte es in der Hinrunde, so viele wie noch nie in Werders Bundesligageschichte. Das ist überaus besorgniserregend und der Schlüssel zum Klassenerhalt wird sein, diese Flut an Gegentoren einzudämmen. Nur wie? Sowohl Schaaf (Rückrunde 2013) als auch Dutt (2013/14) haben dieses Problem nur zeitweise und unter weitgehendem Verzicht auf eigene Offensivbemühungen in den Griff bekommen. Bislang deutet wenig darauf hin, dass sich dies unter Skripnik ändert. Zwar ist Werder im Vergleich zum desaströsen ersten Saisonviertel etwas stabiler geworden, doch auch unter Skripnik setzte es im Schnitt zwei Gegentore pro Bundesligaspiel.

Die größte Stärke, die die Rautenformation in der Defensive hat, ist die 4-3-Stellung in Abwehr und Mittelfeld, mit der sich die Schnittstellen im Zentrum (zumindest in der Theorie) gut verschließen lassen. Diese Stärke muss Werder nutzen. Ich bin kein Fan davon, möglichst viele Offensivspieler in die Raute zu integrieren. Viel wichtiger ist die richtige Balance der hinteren drei Rautenspieler, zumal die Viererkette dahinter alles andere als sattelfest ist. Da Junuzovic auf der linken Halbposition gesetzt sein dürfte, sollte die rechte Halbposition meiner Meinung nach standardmäßig defensiver besetzt werden. Dies war in der Hinrunde der Fall, als Clemens Fritz von Skripnik dorthin versetzt wurde. Der in die Jahre gekommene Fritz hat jedoch bei allen verbliebenen Qualitäten deutliche Schwächen und funktioniert meiner Meinung nach nur vor einem deutlich überdurchschnittlichen Sechser. Ich sehe Bargfrede potentiell immer noch als solchen, aber mangels konstantem Aufbauspiel und strategischem Geschick nicht in einer Raute. Felix Kroos hingegen ist in diesen Bereichen stärker und an guten Tagen ein geeigneter Spieler für diese Position. Allerdings ist er zu unkonstant und zweikampfschwach, braucht somit zwingend einen zuverlässigen Ausputzer an seiner Seite – einen wie Bargfrede.

Vieles spricht also dafür, Kroos und Bargfrede neben Junuzovic spielen zu lassen, doch damit schafft man sich ein neues Problem: Wohin mit Clemens Fritz? So oder so sind es nur Notlösungen, die Werder mit dem aktuellen Kader aufbieten kann. Versucht Skripnik also die Flucht nach vorne, wie gegen Duisburg? Oder wird Werder doch noch auf dem Transfermarkt tätig?

6. Prognose

Die “Skripnik-Bilanz”, nach der Werder seit dem Trainerwechsel auf Platz 5 der Tabelle liegt, macht in der Tat Hoffnung, dass Werder in der Rückrunde mehr Punkte holen könnte, als in der Hinrunde. Vor allem in den Heimspielen hinterließ Werder einen guten Eindruck und holte 10 von 12 möglichen Punkten. Da man zum Rückrundenauftakt in den ersten vier Spielen dreimal im Weserstadion antreten darf, liegt der Gedanke nahe, dass Werder sich schon nach dem 21. Spieltag vom Tabellenende abgesetzt haben könnte. Da die Gegner jedoch Hertha, Leverkusen und Augsburg heißen, glaube ich nicht daran, dass dies so eintreten wird. Auch einen anhaltenden Aufwärtstrend erwarte ich nicht in der Rückrunde. Ich rechne mit einem Kampf um den Klassenerhalt bis zum Saisonende.

Torsten Frings und Viktor Skripnik: Hütchen- oder Hoffnungsträger?

Die Hypothek von vier Punkten aus den ersten neun Spielen wiegt noch immer schwer. Nichtsdestotrotz besteht bei der jungen Mannschaft die Chance, im Laufe der Rückrunde das Spielniveau zu steigern. Wenn es wider erwarten gelingt, die Defensive zu stabilisieren und Werder von Verletzungen verschont bleibt, möchte ich nicht ausschließen, dass das Team die guten Ergebnisse unter Skripnik fortsetzt und sich im Mittelfeld der Liga etabliert. Es gibt etliche Spieler im Kader, von denen man einen Formanstieg (Garcia, Caldirola, Kroos) bzw. eine Weiterentwicklung (Aycicek, Öztunali, Selke, Lorenzen, Zander) erwarten kann. Doch Entwicklungen verlaufen im Fußball selten linear. Gleichzeitig ist nicht sicher, ob Junuzovic, Di Santo und Bartels ihre Form aus der Hinrunde konservieren können.

Letztlich sind es vor allem die vielen Variablen in Werders Erfolgsformel, die mich an einem Leistungsschub zweifeln lassen. Solange die defensiven Probleme im Zentrum nicht gelöst sind – und hierzu zähle ich ausdrücklich Verstärkungen auf der Sechs und in der Innenverteidigung – zählt Werder für mich daher zu den vier bis fünf wahrscheinlichsten Abstiegskandidaten. Vom Potential her braucht es aber nicht viele Anpassungen, um aus dem Kader wieder ein Team fürs gesicherte Mittelfeld zu machen. Dies war – man erinnere sich – auch das vor der Saison ausgegebene Ziel. Noch ist es möglich, dies zu erreichen, aber durch das dünne Eis unter den Füßen schimmert weiterhin bedrohlich der Abgrund der zweiten Liga.

10. Spieltag: Wackeliger Befreiungsschlag

1. FSV Mainz 05 – Werder Bremen 1:2 (1:1)

Zwanzig Minuten lang führt Mainz den Tabellenletzten am Nasenring durch die Manege – es scheint nur eine Frage der Höhe des Sieges zu sein. Am Ende gelingt aber Werder der erste Saisonsieg, und das nicht mal ganz unverdient.

Mainz überrennt Werder

Selten sieht man vom Anpfiff an solch einen großen Leistungsunterschied in einem Bundesligaspiel. Bei den Mainzern, die auf ihre Fünferkette zugunsten eines konventionellen 4-2-3-1 verzichteten, klappte in der Anfangsphase des Spiels nahezu alles. Das Pressing war gut und führte zu etlichen Ballgewinnen in der Bremer Hälfte. Mit schnellen Verlagerungen auf die Flügel, teils hinter die aufgerückten Außenverteidiger, nahmen sie die vermeintliche Schwachstelle der Bremer Raute ins Visier. Werder hingegen hatte große Probleme, den Ball über mehr als zwei Stationen zu halten. Prödls Befreiungsschläge waren zehn Minuten lang die einzigen erfolgreichen Versuche, den Ball aus der eigenen Hälfte zu klären. Die Befürworter der Dutt’schen Theorie, die spielerische Qualität des Kaders reiche nicht für gepflegten Spielaufbau, durften sich bestätigt fühlen. Lediglich der fehlenden Mainzer Konsequenz vor dem Tor und einer starken Parade von Wolf war es zu verdanken, dass Werder nach der Anfangsphase nicht bereits aussichtlos im Rückstand lag (wenngleich ein sehr guter Torwart das Tor von Okazaki – auch wenn der Schuss verdeckt war – wohl verhindert hätte).

Als Werder kurz vor der Pause einen umstrittenen (meiner Meinung nach aber korrekten) Elfmeter zugesprochen bekam, wäre wohl niemand auf die Idee gekommen, den folgenden Ausgleich als gerechtes Ergebnis zu bezeichnen. Zu groß war die Mainzer Dominanz, zu gering die Gefahr, die Werder seinerseits vor dem gegnerischen Tor entfachte. Dennoch war bereits ab der 20 Minute eine leichte Veränderung der Spieldynamik erkennbar. Die erste Welle des Mainzer Pressings ebbte ab und Werder gewann langsam etwas Sicherheit im eigenen Ballbesitz. Ein guter Angriff über Obraniak und Di Santo, dessen Hereingabe Bartels knapp verpasste, zeigte zum ersten Mal die Erfolgsformel für Werders Offensivspiel auf: Schnelles und direktes Passspiel durchs Zentrum in die Spitze. Hier zeigte sich der Mainzer Defensivverbund durchaus anfällig, wie Junuzovic mit seinem Schnittstellenpass auf Bartels kurz darauf unter Beweis stellte.

Werder fängt sich und dreht das Spiel

In der zweiten Halbzeit war das Spiel geprägt von der veränderten Ausgangsposition nach Di Santos frühem Führungstor. Skripnik reagierte früh auf die Führung, indem er Obraniak aus dem Spiel nahm und auf ein 4-4-1-1 umstellte. Werder stand fortan defensiv etwas besser, während sich die Mainzer mit dem unglücklichen Spielverlauf haderten und nicht wieder zu ihrer spielerischen Linie der ersten Halbzeit fanden. Hinzu kam die nachlassende Kraft, weshalb das extreme Pressing der ersten 20 Minuten nicht reaktiviert werden konnte. Mit klugen Wechseln sicherte Werder den Sieg in der Schlussphase ab, verpasste es jedoch, die sich ergebenden Kontergelegenheiten zur Entscheidung zu nutzen.

Herausheben muss man die Einzelleistung Di Santos, der sich in den letzten 10 Monaten von einem Ergänzungsspieler zu Werders mit Abstand besten Stürmer gemausert hat. Es kommt ihm meiner Meinung nach zu Gute, wenn er einen spielerisch starken Akteur wie Bartels oder Hajrovic neben sich hat, statt einem zweiten Stoßstürmer. Das zweite Tor war technisch hochwertig erzielt, um es norddeutsch-unterkühlt, wenn nicht sogar maßlos untertrieben, auszudrücken. In der aktuellen Form darf man Di Santo wohl zu den 8-10 besten Mittelstürmern der Liga zählen.

Die Leistung seines Vorlagengebers Felix Kroos ist ebenfalls eine genauere Betrachtung wert, war sie doch eine Art Barometer des Spiels seiner Mannschaft. In den ersten 15 Minuten machte er alles falsch, was ein Rauten-Sechser falsch machen kann. Höhepunkt war sein schlecht getimter Pressingvorstoß, der ihn zu einem eigentlich überflüssigen Foul inklusive gelber Karte zwang. Mit zunehmender Spielzeit fing er sich jedoch und fand mit einfachem, aber sicherem Kurzpassspiel im Mittelfeld langsam in die Partie. Der Pass auf Di Santo war wunderbar gespielt, und zeigte, mit welch einfachen Mitteln die Mainzer Viererkette letztlich zu knacken war.

Traumstart und viel Arbeit

Der Sieg ist insgesamt glücklich für Werder, geht angesichts der Leistungssteigerung in der zweiten Halbzeit aber durchaus in Ordnung. Mainz war zwar insgesamt die bessere Mannschaft, zeigte in der Defensive jedoch auch Schwächen, die Werder ausnutzte, und fand nach dem Rückstand nicht mehr zurück zum druckvollen Spiel der ersten Halbzeit. Zwar bleibt Werder vorerst am Tabellenende, kann sich in den anstehenden direkten Duellen gegen Stuttgart und den HSV jedoch selbst aus den Abstiegsrängen schießen.

Für Viktor Skripnik war es ein optimaler Start. Seine Umstellungen vor dem Spiel und während der Partie waren allesamt nachvollziehbar, ebenso seine Systemumstellungen auf 4-4-1-1 und später 4-5-1. Er hat nicht den (über-)ambitionierten Versuch unternommen, Werders Spiel von Grund auf umzukrempeln, sondern einige naheliegende Umstellungen vorgenommen (Galvez in die Innenverteidigung, Obraniak und Aycicek in den Kader bzw. auf die 10). Leichte Verbesserungen im spielerischen Bereich sind zu erkennen, auch wenn das Aufbauspiel selbstverständlich noch deutliche Mängel aufweist. Hier besteht Skripniks Aufgabe zunächst darin, die Spieler zum Kombinationsspiel zu ermutigen. Ein System vom Reißbrett dürfte derzeit kaum funktionieren. Inhaltlicher Schwerpunkt der Trainingsarbeit sollte dagegen die Defensivorganisation sein, denn die Anfangsphase gegen Mainz zeigte wieder einmal deutlich, dass Werder auf diesem Gebiet massive Probleme hat.

Mutmacher

Chemnitzer FC – Werder Bremen 0:2 (0:1)

Nach neun Spielen ohne Sieg schlägt Werder den Drittligisten aus Chemnitz und sorgt für ein wenig Erleichterung an der Weser. Viktor Skripniks kleinen, aber effizienten Maßnahmen gaben dem Team genügend Sicherheit für einen am Ende verdienten Auswärtssieg.

Nur zwei Tage hatte Skripnik zur Verfügung, um den am Boden liegenden Tabellenletzten der Bundesliga wieder aufzubauen. Die begrenzte Zeit wurde wohl vor allem dafür genutzt, den Spielern etwas Mut zu machen. Selbstvertrauen, das sagte Skripnik nach dem Spiel richtigerweise, bekommt man im Fußball nur durch Siege. Dem Trainer blieb daher nur die Möglichkeit, seine Spieler zu ermutigen, wirklich Fußball zu spielen und an ihre eigene Stärke zu glauben. Manchmal kann es im Fußball so einfach sein. Es war definitiv eine andere Mannschaft, die am Dienstag auf dem Rasen stand, als noch am Freitag gegen Köln, und das lag nicht (primär) an der Aufstellung.

Personell hielten sich Skripniks Umstellungen in Grenzen. Außer dem erkrankten Marnon Busch wurde nur Cedric Makiadi aus dem 18er-Kader des letzten Spiels gestrichen. Dafür rückten die beiden von Dutt verschmähten Zehner Ludovic Obraniak und Levent Aycicek nach. Wer sich vom neuen Coach Tabula Rasa im Team erwartet hat, sah sich getäuscht. Stattdessen stellte Skripnik punktuell um, zog Galvez auf seine angestammte Position in die Innenverteidigung zurück, ließ stattdessen Kroos als Sechser von Beginn an ran und tauschte etwas überraschend die Positionen von Fritz und Gebre Selassie. Das große Thema war jedoch das Startelfdebüt von Aycicek, der den Vorzug gegenüber Obraniak bekam.

Ich war besonders gespannt darauf, wie das Team das “System Skripnik” ohne echte Vorlaufzeit umsetzen würde. Die Vermutung lag schließlich nahe, dass die Mannschaft spielerisch schlicht nicht in der Lage sein würde, quasi auf Knopfdruck vom System der hohen Bälle auf ein gepflegtes Kurzpassspiel umzuschalten. Wie sich herausstellte gelang ihr das – wohlgemerkt gegen einen Drittligisten – recht passabel. Es wirkte fast so, als hätte man einen großen Ballast von den Schultern der Spieler genommen. Die unter Dutt obligatorischen langen Bälle aus der Abwehr und das Überladen der linke Seite waren nicht mehr zu sehen – jedenfalls nicht als geplantes Stilmittel. Stattdessen bildeten sich einige recht ansehnliche, wenn auch improvisierte Flachpassstaffetten im Mittelfeld heraus. Am auffälligsten war ein Spielzug, bei dem zunächst mit 2-3 Pässen die erste gegnerische Pressinglinie im Mittelfeld überspielt wurde und dann ein vertikaler Pass ins Zentrum direkt auf den Flügel abgelegt wurde, wo der jeweilige Außenverteidiger mit Tempo aufrückte.

Auch wenn über die genaue Bewertung der Leistung Ayciceks keine Einigkeit herrschte, hat sich dessen Aufstellung schon alleine deshalb gelohnt, weil er mit seiner guten Ballverarbeitung und Handlungsschnelligkeit das Tempo des Spiels variieren konnte. Nach langen Jahren, in denen man technisch hoch veranlagten Tempoverschleppern und limitierten Außenbahndribblern zuschauen musste, ist es eine wahre Wohltat, Aycicek endlich bei den Profis zu sehen. Er wird in der Bundesliga seine Eingewöhnungszeit brauchen, aber er bringt alles mit, um dort schnell seine Spuren zu hinterlassen. An der Entstehung der beiden Tore gegen Chemnitz war er jedenfalls schon einmal beteiligt (Bonuspunkte für das bogenförmige Anlaufen des gegnerischen Torwarts, bevor dieser den Fehlpass auf Fritz spielte).

Es soll an dieser Stelle nicht der Eindruck entstehen, Werder hätte in Chemnitz ein tolles Spiel hingelegt. Die Defensive wackelte in der starken Anfangsphase der Gäste einige Male und insgesamt wurden noch zu viele einfache Fehlpässe in gefährlichen Zonen gespielt. Auffällig war jedoch, dass die Mannschaft insgesamt kohärenter wirkte und Gefallen daran zu finden schien, dass die Suche nach einer spielerischen Lösung zumindest gewünscht ist. Ob dies in der Bundesliga auch auf Anhieb so funktioniert, wird sich gegen Mainz zeigen. Letztlich erzielte Werder die Tore in wichtigen Phasen (kurz nach dem Chemnitzer Pfostentreffer und nachdem Werder in Halbzeit zwei nicht so richtig ins Spiel fand) und profitierte dann von den entstehenden Dynamiken.

Was bleibt, ist ein gelungenes Debüt des neuen Trainerteams, ein dringend benötigtes Erfolgserlebnis für die Mannschaft und das Überwintern im DFB-Pokal. Das ist doch schon mal was. Ob aus dem Beckham der Ukraine zeitnah der Lobanowskyj von der Weser wird, bleibt hingegen abzuwarten.