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WM 2010: Deutschland – Serbien

Deutschland – Serbien 0:1

Eine Niederlage gegen Serbien und man fragt sich warum. Waren die Serben jetzt wirklich so stark? Abgesehen von einer guten defensiven Organisation und dem naheliegenden Wechsel zu einer 4-5-1-Formation habe ich nicht viel Beeindruckendes gesehen auf Seiten des Gegners. Zigic ist durch seine Größe eine imposante Erscheinung und sorgte auch einige Male im Spiel für Gefahr (zumal wiederholt gegen Lahm im Kopfballduell!!!). Ansonsten klemmte es mächtig im Offensivspiel der Serben. Dass Badstuber gegen einen wuseligen Außenspieler Probleme bekommen würde, war schon vor der WM klar. Er bekam Krasic nicht in den Griff, was ich eher auf seine Unzulänglichkeiten, denn auf eine herausragende Leistung des Serben zurückführe. Einiges hätte hier für eine Einwechslung Aogos gesprochen.

Deutschland hatte die eigene Defensive bis zum Platzverweis ebenso gut im Griff, war nach vorne aktiver, tat sich aber enorm schwer, gegen die drei defensiv ausgerichteten Mittelfeldspieler Durchschlagkraft zu entwickeln. Der Schiedsrichter trug mit seiner kleinlichen Linie und seinen unsinnigen Verwarnungen dazu bei, das eigentlich faire Spiel in eine unschöne Richtung zu lenken. Die gelb-rote Karte gegen Klose war meiner Meinung nach deutlich zu hart, vor allem die erste Gelbe ein schlechter Witz. Ein erfahrener Spieler sollte sich vielleicht besser im Griff haben, wenn er schon verwarnt ist, aber wie soll die Lehre bei solch einem Schiedsrichter aussehen? Bloß den Zweikampf meiden, damit es mich nicht erwischt? Etwas weiter gedacht, können die gelben Karten für das Achtelfinale – sofern man es erreicht – bitter werden. Im Alles-oder-nichts-Spiel gegen Ghana könnte man sich leicht eine weitere Gelbe und damit ein Spiel Sperre einfangen. Auch wenn der Platzverweis das Spiel zweifellos entscheidend beeinflusst hat, gab es für das deutsche Team genügend Möglichkeiten, mehr aus dem Spiel herauszuholen.

Beim 10 gegen 11 hielt Löw lange an der ursprünglichen Formation fest, mit Özil an vorderster Front und den Flügelspielern Müller und Podolski, die bei Ballbesitz die diagonalen Wege in die Spitze suchen sollten. Damit entging Özil zwar etwas der direkten Bewachung durch Stankovic, was sich in einer auffälligeren Leistung in Halbzeit 2 bemerkbar machte, doch es fehlten die Anspielstationen vor ihm. Lediglich Podolski zog mit seinen Sprints immer wieder an Ivanovic vorbei Richtung Strafraum und hatte so Anteil an Özils beiden besten Szenen um die 60. Minute herum. Leider zeigte sich Podolski nicht sonderlich zielsicher und verfehlte mit seinen Abschlüssen ein ums andere Mal das Tor. Der einzige Schuss, der das Ziel traf, war der Elfmeter, der leider weder hart geschossen noch sonderlich schwer für den Torhüter zu erahnen war. Die Enttäuschung war ihm im weiteren Spielverlauf deutlich anzumerken.

Umso ratloser machen mich daher Löws Auswechslungen. Anstatt spätestens jetzt auf 4-3-2 umzustellen, beließ es Löw beim 4-2-3/4-4-1-System und brachte Cacau für Özil.* Damit war der Spieler, der die durchstartenden Flügelspieler mit Abstand am besten in Szene setzen kann, draußen und das Kreativspiel weitgehend eingestellt. Özil hatte nicht annähernd so viele lichte Momente, wie gegen Australien, aber in seiner Position kann man das gegen gut organisierte Gegner auch nicht erwarten. Der lange Flachpass auf Podolski war die beste deutsche Offensivaktion und der kam von Özil. Im Nachhinein ist man natürlich immer schlauer und zu der taktisch fragwürdigen Entscheidung kamen ein Totalausfall von Cacau und viel zu wenige Läufe zur Grundlinie des eingewechselten Marin hinzu. Die späte Umstellung auf eine Dreierkette hinten und Gomez Einwechslung für Badstuber konnten am Ende auch nichts mehr bewirken, zumal sich Marin und Podolski links auf den Füßen standen, während rechts Lahm allein auf weiter Feld und Flur war.

Was nimmt man aus dieser Niederlage mit? Zum Glück kam sie im zweiten Spiel, wo man noch Lehren aus ziehen kann und nicht schon im Flieger nach Hause sitzt. Zum einen weiß man spätestens jetzt, wie taktisch naiv Australien agiert hat und dass dies sicher keinem weiteren Gegner bei diesem Turnier passieren wird. Offensiv hat Deutschland vieles gut gemacht, Podolski hat gute Laufwege, muss seine Abschlüsse aber aufs Tor bringen. Das Turnier hat gezeigt, dass auch vermeintlich haltbare Bälle die Torhüter vor Probleme stellen. Özil wird wenig Platz bekommen, was die Rolle von Sami Khedira als Verbindungsmann zwischen Defensive und Offensive aufwertet. Mit seinen Vorstößen kann er für Überraschungsmomente sorgen und vielleicht auch Özil den nötigen Raum (und damit die nötige Zeit) verschaffen, damit dieser sich drehen und den entscheidenden Pass spielen kann. In Kloses Abwesenheit gegen Ghana muss sich zudem Cacau im Vergleich zu heute deutlich steigern, dann behält er den Platz vielleicht bis zum Ende der WM.

Ein wirklicher Test für die deutsche Defensive steht noch an, da war auch Serbien kein Gradmesser. Auch wenn das Turnier bislang keine Sternstunde des Angriffsfußballs war, werden im Laufe des Turniers noch Gegner kommen, die sich in der Offensive nicht nur auf die (Körper-)Größe ihres Mittelstürmers und die Schwäche des gegnerischen linken Verteidigers verlassen. Zunächst ist es jedoch erst einmal wichtig, das Weiterkommen gegen Ghana sicherzustellen. Dafür reicht vermutlich ein Unentschieden, mit einem Sieg sollte man mit großer Wahrscheinlichkeit Gruppensieger werden. Ghana ist entgegen des europäischen Klischees eine disziplinierte und taktisch hervorragend eingestellte Mannschaft. Falls Ghana morgen keinen Kantersieg gegen Australien herausschießt, werden sie gegen Deutschlanf einen Sieg brauchen, um weiterzukommen. Das sollte den Deutschen in die Hände spielen. Allerdings hatte man das vor dem Spiel gegen Serbien auch gedacht.

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*Ich hätte es bevorzugt, wenn Özil auf seiner Position als offensiver Mittelfeldspieler geblieben wäre, und dafür Podolski und Müller in etwas zentralere und offensivere Positionen gerückt wären. Die zusätzliche Laufarbeit bei Vorstößen der  gegnerischen Außenverteidiger hätte ich den beiden zugetraut (bzw. sie hätte ggf. später durch Auswechslungen aufgefangen werden können). Dafür hätte man im Angriffsspiel mehr Präsenz gezeigt und die Viererkette der Serben richtig unter Druck setzen können. Zudem wäre man im Mittelfeld nicht in Unterzahl geraten und hätte so Schweinsteiger und Khedira den Spielaufbau erleichtert. Das ist allerdings keinesfalls als Generalkritik an Löw zu verstehen, denn hinterher und vor dem Fernseher analysiert sich ein Spiel immer leichter, als in der Hitze des Gefechts.

Update: Bin offenbar nicht der Einzige, der dass so sieht.

WM 2010: Deutschland – Australien

Deutschland – Australien 4:0

Ein bisschen verwundert habe ich mir schon die Augen gerieben. Ich hatte zwar damit gerechnet, dass Deutschland in der Offensive einen Gegner wie Australien ziemlich auseinander nehmen könnte, aber ich war schon überrascht, dass es gleich so ein überragender Auftakt wurde. Australien hat fünf Minuten lang mitgehalten, dann riss die deutsche Mannschaft erst die Ballkontrolle und wenig später das gesamte Spiel an sich. Das 4:0 war am Ende fast noch ein bisschen schmeichelhaft für die biederen Australier.

Genügend Sorgenkinder hatte es im Vorfeld des Spiels noch gegeben. Den in der Vorbereitung schwachen Klose, die Wundertüte Podolski und die unklare Besetzung des rechten Flügels. Die letztliche Startaufstellung hatte sich in der zweiten Halbzeit des Bosnien-Spiels herauskristallisiert. Wie erhofft konnten gestern tatsächlich alle Wackelkandidaten ein Ausrufezeichen setzen und ihre Nominierung rechtfertigen. Ein Sieg gegen Australien war im Vorfeld erwartet worden und alles andere wäre eine große Enttäuschung gewesen. Gegen solche Defensivbollwerke kann man sich aber auch ganz schön die Zähne ausbeißen und mir fallen spontan nicht viele Teams der deutschen WM-Geschichte ein, die Australien so spielend leicht zerlegt hätten.

Von den bisherigen WM-Teilnehmern hat keiner das 4-2-3-1 so variabel und offensiv eingesetzt, wie die deutsche Mannschaft. Klose ließ sich immer wieder fallen, um die Viererkette auseinander zu ziehen. Özil ging konsequent mit in die Spitze, spielte phasenweise vor Klose und die Flügelzange mit Podolski und Müller habe ich in dieser Form noch nie bei einer deutschen Nationalmannschaft gesehen. Beide mit grandiosen Leistungen, viel Zug zum Tor und darüber hinaus auch mit mehr als passablem Defensivpensum. Dazu kam noch ein Sami Khedira, der zwischendurch Sprints in die Sturmspitze einlegte und so die australische Defensive völlig überforderte. Es stimmte einfach alles. Auch das ruhige Aufbauspiel mit viel Ballgeschiebe innerhalb der Viererkette trug seinen Teil dazu bei, den Gegner zu verwirren, weil es sich mit Tempofußball im Angriffsdrittel abwechselte.

Die Defensivleistung mag man ob der australischen Ungefährlichkeit gar nicht richtig bewerten. Wie sicher ist die linke Seite mit Badstuber wirklich? Wie kommen Mertesacker und Friedrich mit technisch beschlagenen Stürmern klar? Wie sieht es um Podolskis taktische Disziplin gegen hoch aufrückende Außenverteidiger aus (um Müller mache ich mir da keine Sorgen)? Kann sich das zentrale Mittelfeld auch gegen Weltklasseteams behaupten? Die wirklichen Prüfungen werden noch kommen. Für den Moment freuen wir uns lieber über dieses Fußballfest und das Ausrufezeichen, dass die deutsche Mannschaft gesetzt hat.

Für Nebengeräusche sorgte ZDF-Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein, die in der Halbzeitpause davon sprach, dass Kloses Tor “ein innerer Reichsparteitag” für ihn gewesen sei. Ich habe davon nur über Twitter erfahren, da ich das Spiel bei Sky geschaut habe. Die Formulierung mag nicht sonderlich klug gewählt sein*, aber den Vorwurf der Nutzung von “Nazi-Jargon” finde ich dann doch übertrieben. Da sollte eine einfache Erklärung der Moderatorin ausreichen (falls sie das nicht sowieso schon getan hat). Wegen der Äußerung ihre Entlassung zu fordern ist way over the line.

* Allein die Tatsache, dass etwas eine “geläufige Redewendung” ist, macht es noch lange nicht zu gutem Stil. Mir fallen spontan 3-4 “Redewendungen” ein, die ich niemals nutzen würde, weil sie rassistisch sind.