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Wie viel Veränderung vor dem Nordderby?

Wer dachte, dass man bei Werder nach dem 0:5 gegen Borussia Dortmund wie sonst üblich zur Tagesordnung übergehen würde, sieht sich dieser Tage getäuscht. Vor dem Nordderby am Sonntag in Hamburg steht noch so manches Fragezeichen über Werders Aufstellung wie taktischer Ausrichtung.

Drohende Ausfälle und Wackelkandidaten

Mit Aaron Hunt und Marko Arnautovic drohten zwei gesetzte Spieler für die Partie gegen den HSV auszufallen. Zwar stehen beide letztlich im Kader, aber ob es für die Startelf reicht bleibt abzuwarten. Eine Wiederholung des 4-2-4-0-Experiments ist dennoch sehr unwahrscheinlich, wurde es doch nach dem Spiel in den Medien für die Niederlage gegen den BVB verantwortlich gemacht. Im Training wurden unter der Woche verschiedene Formationen mit unterschiedlichen Aufstellungen getestet, darunter auch ein 4-4-2 mit einer Doppelspitze Akpala/Petersen. Eine Rückkehr zum 4-1-4-1 halte ich dennoch für wahrscheinlich. Veränderungen sind eher in personeller Hinsicht zu erwarten.

Neben dem oben erwähnten angeschlagenen Duo gibt es noch einige weitere Wackelkandidaten. Da wäre zum einen Sebastian Prödl, im Dortmund-Spiel nach dem 0:3 ausgewechselt und schon in der Hinrunde keineswegs unumstritten. Lukimya war bereits einige Mal dicht dran, ihn aus der Startelf zu verdrängen. In Hamburg könnte er eine Chance von Anfang an erhalten. Ebenfalls auf der Kippe steht Eljero Elia, mit dem Schaaf langsam die Geduld verliert. Zumindest wurde dies durch die Blume so an die Öffentlichkeit kommuniziert (“Er bringt auf dem Platz nicht zu Ende, was er vorbereitet” = fehlende Effektivität). Es ist allerdings kaum denkbar, dass drei der fünf etatmäßigen Offensivkräfte am Sonntag nicht in der Startelf stehen. Somit dürfte Elias Aufstellung auch von Hunt und Arnautovic abhängen. Zu den heißesten Ersatzkandidaten zählt (neben Özkan Yildirim) plötzlich auch wieder Mehmet Ekici, der in der Hinrunde kaum eine Rolle spielte, im Training aber zuletzt in der A-Mannschaft stand.

Ein dritter Wackelkandidat ist etwas überraschend Theodor Gebre Selassie, der gegen Dortmund nicht gut aussah, jedoch in der Sollbruchstelle des asymmetrischen 4-2-4-0-Systems agierte, wo er wenig Unterstützung bekam. Da es auf seiner Position keinen direkten Ersatz gibt, könnte Allrounder Aleksandar Ignjovski für ihn auflaufen. Nicht zur Diskussion steht offenbar Kapitän Clemens Fritz, obwohl er bislang eine enttäuschende Saison spielt. Er könnte gegen den HSV auf seine vor der Saison vorgesehene Position im defensiven Mittelfeld zurückkehren, falls Junuzovic weiter vorne benötigt wird.

Got a little Captain in you?

Es ist interessant zu sehen, dass Schaaf bereits nach einem absolvierten Rückrundenspiel personelle Konsequenzen zieht. Er will offenbar nicht die Fehler der Vergangenheit wiederholen, als er allzu oft so lange wie möglich an formschwachen Spielern festhielt, in der Hoffnung sie mögen sein Vertrauen später belohnen. Die alte Rehhagel-Schule. Seinen Kapitän lässt er dabei jedoch noch außen vor, was einerseits verständlich ist, zumal die Alternativen im Mittelfeld durch die möglichen Ausfälle rar sind. Andererseits wiederholt er damit vielleicht einen anderen Fehler, der ihm in der Vergangenheit vorgeworfen wurde, nämlich zu lange an seinen Führungsspielern festzuhalten, wenn sie ihren Zenit überschritten haben.

Nun ist Fritz weder uralt, noch sollte man seine wichtige integrative Rolle in der jungen Mannschaft herunterspielen. Doch er zeigte sich auf dem Platz in dieser Saison bislang nur selten als ein Spieler, an dem sich die Mitspieler aufrichten können. Zu wenige Impulse konnte er Werders Spiel geben, zu viele Probleme hatte er in seinem eigenen Spiel. Auch wenn seine Qualitäten als Mittelfeldspieler häufig unterschätzt wurden, steht Fritz derzeit an einem Punkt, an dem man darüber diskutieren muss, ob seine Präsenz auf dem Platz der Mannschaft mehr schadet als hilft. Er scheint mir nicht der Spielertyp zu sein, der bei einem Verlust seines Stammplatzes die Stimmung in der Mannschaft runterziehen würde. Hoffentlich zahlt sich Schaafs Vertrauen aus und er steigert sich in der Rückrunde noch einmal zu der Form, die er in der Hinrunde der vergangenen Saison hatte.

Der HSV – vom Abstiegskandidaten zur Mittelklassemannschaft

Mit dem HSV trifft Werder auf einen Gegner, der eigentlich mit genügend eigenen Problemen zu kämpfen hat. Vor der Saison musste man sich in Hamburg ernsthafte Sorgen darum machen, in diesem Jahr die Klasse halten zu können. Der Kader wirkte unausgeglichen, der Saisonauftakt ging daneben und auch der Trainer strahlte eine gewisse Ratlosigkeit aus. Mit ein paar Last-Minute-Einkäufen verstärkte man sich kurz vor Ende der Transferperiode noch einmal und was zunächst wie ein Panikkauf wirkte, hat dem HSV wohl die Saison gerettet. Besonders der Kauf von Milan Badelj ist hier hervorzuheben. Der Kroate spielt einen mehr als soliden Part im defensiven Mittelfeld und sorgt für die nötige Balance im Team. Somit konnte man sich früh aller Abstiegssorgen entledigen und darf mit einem Auge vorsichtig in Richtung internationalem Wettbewerb schauen.

Eigentlich wäre der HSV damit genau das, was man Werder gerne vorwirft: Eine graue Maus. Oder etwas positiver formuliert: Eine Mittelklassemannschaft mit Luft nach oben, die sich gerade in der Phase eines Umbruchs befindet. Eigentlich. Wäre da nicht Rafael van der Vaart, der außerhalb des Spielfelds wie gewohnt für Schlagzeilen in der Hamburger Medienlandschaft sorgt und auf dem Platz für gelegentliche Geniestreiche verantwortlich ist. Ich glaube nicht, dass van der Vaart dem HSV langfristig weiterhelfen wird, seine Verpflichtung war mindestens ebenso PR-Gag eines Hamburger Unternehmers wie eine sportlich sinnvolle Entscheidung. Seine Qualitäten will ich dem Holländer nicht absprechen, er machte in der Hinrunde in einigen Spielen den Unterschied, aber er passt meiner Ansicht nach nicht mehr so richtig in das Gesamtgefüge.

Trainer Thorsten Fink hat in dieser Saison hingegen eine Entwicklung genommen, die ihm viele nicht mehr zugetraut hätten. Lange Zeit sah es so aus, als wolle er sein präferiertes System bis zum Ende durchziehen, auch wenn es immer weniger Ertrag brachte und seiner Mannschaft nicht ganz zu behagen schien. Inzwischen hat er sein System den vorhandenen Spielern angepasst. Das Spiel des HSV wirkt seitdem viel harmonischer vom Aufbau bis zum Abschluss. Ich würde die Hamburger derzeit genau in die Kategorie der Mannschaften einordnen, die auf Werders Augenhöhe sind und an denen man sich messen sollte. Von daher ist das Ergebnis heute – Derby hin oder her – für mich wichtiger, als das gegen Dortmund.

Nachtrag zum “spanischen System”

Was mich in der Nachbetrachtung immer noch ärgert, ist dieser ständige Vergleich von Werders Taktik mit der Spaniens bei der Europameisterschaft. Nicht nur weil sie ziemlich sinnlos ist (es gibt kaum Parallelen zwischen den Teams und ihrer Ausrichtung), sondern weil sie den Eindruck erweckt, als müsse eine Mannschaft zwingend spielerisch überlegen sein, um ein System ohne Mittelstürmer spielen zu können. Dabei war der Gedanke hinter der stürmerlosen Spielweise zunächst ein anderer und das spanische System 2012 keineswegs dessen Erfindung.

Interessanterweise wurde das System beim AS Rom eher aus der Not heraus geboren, weil alle Mittelstürmer ausgefallen sind. Die Vorteile des Systems in der sich ändernden Fußballwelt führten aber schnell dazu, dass andere Trainer das System übernahmen oder in Erwägung zogen. Der Grund ohne Mittelstürmer zu spielen, lag in erster Linie darin, aus dem Mittelfeld überfallartig angreifen zu können und den Innenverteidigern dabei den Zugriff zu nehmen. Bei Manchester Uniteds Champions League Sieg 2008 standen mit Ronaldo, Rooney und Teves zwar drei Spieler auf dem Platz, die als Spitze agieren können, von denen sich jedoch keiner konstant im Sturmzentrum aufhielt. Daher ist es vielleicht – wie bei Werder am letzten Samstag – falsch, von einem “stürmerlosen System” zu sprechen. Mit Petersen stand ein Stürmer auf dem Platz, wenn auch in einer ungewöhnlichen Rolle. Bei den Spaniern hingegen war bei der EM oftmals kein echter Stürmer auf dem Feld, obwohl es in der Formation eine Mittelstürmerposition gab. Das beste Spiel machte Spanien im Finale, als Fabregas (siehe Zitat unten) mehr wie ein klassischer Mittelstürmer agierte.

Ein paar Lesetipps zum Thema:

AS Roms 4-6-0-System von 2007, vorgestellt bei Zonal Marking

Blick in die Zukunft des 4-6-0 von Jonathan Wilson (2008)

Daran angelehnt: Ein Text von Christoph Biermann zur EM 2008 im Spiegel

Spielbericht zum EM-Finale 2012 bei Zonal Marking, Money Quote: “[Fabregas is] clearly not a natural forward, but it might actually be inappropriate to label him a false nine here – his positioning was that of a classic centre-forward, his runs were that of a classic centre-forward, and he rarely dropped deep into the midfield zone.”

Bremer Scheuklappen

Kaum eine Mannschaft wird in Bremen so gerne unterschätzt, wie Hannover 96. Es ist bitter zu akzeptieren, dass der gefühlt immer noch kleine Nordrivale in den letzten beiden Jahren an Werder vorbeigezogen ist. Am Anfang konnte man Hannover noch wegen des wenig attraktiven Spielstils belächeln und die starke Saison 2010/11 als Ausreißer nach oben herunterspielen. Inzwischen hat sich Hannover jedoch in der erweiterten Bundesligaspitze etabliert und fußballerisch ungemein an Klasse hinzugewonnen.

Hannover auf dem Weg zur Spitzenmannschaft

Wer 96 heute immer noch als rein defensiv ausgerichtete Kontermannschaft ohne fußballerisches Können sieht, hat entweder lange kein Spiel mehr von ihnen gesehen oder eine grünweiße Brille mit Scheuklappen auf. Dennoch hört und liest man weiterhin viele Behauptungen von Werder-Fans, die in diese Richtung gehen. Es ist richtig, dass Hannovers größte Stärke noch immer im Umschaltspiel liegt. Zwischen Ballgewinn und Torabschluss liegen häufig nur wenige Sekunden. Mit reinem Konterfußball hat das jedoch nur noch wenig zu tun. Hannover hat das kompakte Spiel gegen den Ball sehr gut verinnerlicht und variiert geschickt zwischen abwartendem Verteidigen und Angriffspressing. Aber auch in Ballbesitz gehört Hannover mittlerweile zu den besseren Bundesligamannschaften. In den letzten zwei Jahren hat sich das Passspiel verbessert, der Spielaufbau ist variabler geworden und die Laufwege der Offensivspieler sind gut abgestimmt. Schlüsselspieler ist dabei Jan Schlaudraff, der den Raum zwischen Abwehr und Mittelfeld des Gegners so gut ausnutzt, wie kaum ein anderer Bundesligaspieler.

Das mag für manchen Werderfan wie eine Liebeserklärung klingen, aber ich bin weit davon entfernt, Hannover 96 zu mögen oder auch nur sympathisch zu finden. Dennoch ist es bemerkenswert, was man dort seit Mirko Slomkas Amtsantritt aufgebaut hat. Zwar kann man als Bremer zu Recht darauf verweisen, dass 96 im Vergleich zu Werders Erfolgen der letzten 10 Jahre noch nicht viel erreicht hat, doch es wäre naiv zu glauben, dass sich die scheinbar natürliche Rangordnung im Norden automatisch wieder einstellen wird. Derzeit ist Werder in Hannover trotz des ansprechenden Saisonstarts jedenfalls nicht der Favorit. Zu gut ist die Form der Niedersachsen, zu gravierend noch die Mängel in Werders Spiel.

Werders Probleme mit der Kompaktheit

Nun mag man einwenden, dass Werder den letzten direkten Vergleich im Weserstadion mit 3:0 gewonnen hat, aber das Spiel taugt kaum als Beleg für eine spielerische Überlegenheit der Grünweißen, die mancher Fan noch immer sehen will. Es zeigte jedoch, dass Hannover trotz aller Stärken kein übermächtiger Gegner ist. Die individuelle Klasse der einzelnen Spieler ist bei Werder auch nach dem Umbruch noch etwas höher anzusiedeln. Ein Ausfall Schlaudraffs, schlechte Chancenverwertung und effiziente Bremer Standards können da schon ausreichen, um Hannover zu besiegen. Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass die Spielanlage auch in jenem Spiel deutlich für die Roten sprach und Hannover bis zur Halbzeit das Spiel bereits hätte entscheiden können.

Bei aller Freude über die positiven neuen Aspekte in Werders Spiel sollte man nicht übersehen, dass längst nicht alle Probleme der Vorjahre behoben sind. Die auffälligste (und gegen Hannover möglicherweise entscheidende) Schwachstelle war bislang die fehlende Kompaktheit, die vor allem zwischen Abwehrkette und Mittelfeld zu großen Lücken führte. Hannover wird genau diese Lücken suchen, um mit der zurückfallenden zweiten Spitze Schlaudraff und dem nach innen ziehenden Huszti hineinzustoßen. Thomas Schaafs Hauptsorge sollte vor dem Spiel also sein, wie er sein Team darauf einstellt. In der Vergangenheit hieß die Antwort häufig: überhaupt nicht. Der Glaube an die eigenen Stärken war so groß, dass man im Zweifel auch 2-3 Gegentore in Kauf nahm. Die Einladung nahm der Gegner dankend an. Allein aus den letzten beiden Duellen der Teams in Hannover hätte man ein Lehrvideo über modernes Umschaltspiel zusammenschneiden können.

Wie man Schlaudraff und Hannover stark macht

Jan Schlaudraff ist momentan wohl einer der besten “Lochspieler” der Liga. Er lässt sich aus seiner Position im Angriff immer wieder zurückfallen, weicht auf den Flügel aus und stößt dann in die Räume zwischen den Abwehrlinien. In seiner derzeitigen Form ist er sehr schwer zu verteidigen. In jedem Fall sollte man versuchen, die Räume zwischen den Linien gering zu halten und kompakt zu verschieben. Beides zählt nicht unbedingt zu Werders Stärken, aber die 4-1-4-1 Formation, die man in dieser Saison gegen den Ball einnimmt, eignet sich zumindest theoretisch gut dafür.

Hier ist Werders Formation aus dem Spiel gegen den HSV hypothetisch der Formation Hannovers aus dem Spiel gegen Wolfsburg gegenübergestellt:

Aufstellung Hannover 96 vs. Werder Bremen

Hannover im 4-4-2 mit Schlaudraff als hängender Spitze, Werder im 4-3-3 / 4-1-4-1

Auf dem Papier hat Werder eine 3-vs-2 Überzahl im Zentrum, die jedoch durch Schlaudraffs Bewegungsradius fast egalisiert wird.

Werders Pressingansatz aus dem Spiel gegen den HSV bestand darin, beide Achter mit nach vorne zu schieben, um die Aufbauspieler (inkl. des gelegentlich zurückfallenden Sechsers) unter Druck zu setzen und die Passwege in die Mitte zuzustellen. Die offensiven Flügelspieler agierten sehr mannorientiert und ließen sich gegen die aufrückenden Innenverteidiger weit mit nach hinten fallen. Im defensiven Zentrum klaffte deshalb ein Loch, das der HSV jedoch kaum ausnutzte:

Werders Pressing gegen den HSV

Ein Hamburger Sechser lässt sich nach hinten fallen (blauer Pfeil), beide Bremer Achter schieben nach vorne (weiße Pfeile), hinter ihnen klafft ein Loch (helle Fläche)

Gegen Hannover dürfte dieser Ansatz zu großen Problemen führen. Hannovers Spielaufbau ist darauf ausgelegt, diese Pressinglinie mit Hilfe von Dreiecken zu überspielen und den Ball zu einem der Sechser zu bringen. Dabei verschieben sie im Mittelfeld relativ weit auf die ballnahe Seite, um viele Passoptionen zu schaffen:

Hannovers Aufbauspiel gegen Werders Pressing

Hannovers Innenverteidiger, Außenverteidiger und Sechser bilden Dreiecke im Spielaufbau, um die gegnerische Pressinglinie zu umspielen

Wann immer der Ball hinter Werders Pressinglinie ins Zentrum kommt, steht der Sechser alleine in einem großen Raum. Er muss sich entscheiden, ob er den ballführenden Spieler unter Druck setzt und damit den Raum hinter sich öffnet oder riskiert, dass der Ball ungestört in die Schnittstelle gepasst wird. Schlaudraff und Huszti suchen gezielt diese Räume hinter dem gegnerischen Mittelfeld:

Angriff Hannover durchs Zentrum

Dilemma für Werders Sechser: Rückt er vor, lässt er Raum für die einrückenden Angreifer, hält er Kontakt zur Viererkette, kann der ballführende Spieler ungestört passen

Wie Werders Antwort aussehen könnte

Wie sollte Werders Defensivstrategie also aussehen? Mit einer kompakteren und etwas abwartenderen Spielweise könnte man es Hannover zumindest schwer machen, aus dem eigenen Aufbau zum Torabschluss zu kommen. Dazu müsste das Angriffspressing zurückgefahren werden und die beiden Achter müssten sich hauptsächlich darauf konzentrieren, Hannovers Mittelfeld keinen Raum zu geben. Die beiden Viererketten sollten dabei in geringem Abstand voneinander stehen, so dass der Sechser vornehmlich als Lochstopfer zwischen ihnen agieren kann. Die Flügelstürmer sollten nicht so sehr an den Außenlinien kleben und kompakt mitverschieben, wenn der Ball auf der gegenüberliegenden Seite ist:

Kompaktes Verschieben gegen den Ball

Vorsichtiges Angriffspressing erschwert es Hannover den Ball ins Mittelfeld zu einem der Sechser zu spielen, maximal einer der Achter geht ins Pressing

Werder mit kompaktem Zentrum

Durch geringere Abstände zwischen den Linien und kompakteres Verschieben (auch) der Flügelspieler wird der Raum im Zentrum eng gemacht

Gegen Hannovers größte Stärke, das schnelle Umschalten nach Ballgewinn in der gegnerischen Hälfte, hilft dies allerdings nicht. Individuelle Fehler im Spielaufbau, wie beispielsweise von Josué vor dem 0:2 am letzten Spieltag, bestraft Hannover konsequent. Deshalb ist es wichtig, dass Werder im Spielaufbau variabel agiert, das schnelle Spiel über die Außen sucht und auch im Ballbesitz das Zentrum kompakt hält. Die Qualität in Werders Umschaltspiel sollte inzwischen ausreichen, um auch mit dieser Spielweise ein Tor zu erzielen.

Leider befürchte ich, dass man es dem Gegner wieder zu leicht machen wird und sich mit viel Kampf und Aufwand gegen eine erneute Niederlage im nicht mehr ganz so kleinen Nordderby stemmen muss.

Meine EM: Schweden wie immer, aber anders

Wann immer ein großes Turnier ansteht und man sich die schwedische Mannschaft anschaut könnte man zu dem Schluss kommen, dass man es mit dem Otto Normalverbaucher unter den Fußballmannschaften zu tun hat. Das Wort “Durchschnitt” ist im Fußball negativ behaftet, aber auf die Schweden trifft es dennoch zu. Wo Schweden ist, ist die Mitte.

Offensiver als früher

Das soll nicht heißen, dass Schweden langweiligen Fußall spielte oder eine langweilige Mannschaft hätte. Dafür sorgt schon allein Zlatan Ibrahimovic mit seinem großen Ego und seiner ebenso großen individuellen Klasse. In der Nationalmannschaft spielt er eine tiefere Rolle, als im Verein. Er agiert mehr als falsche Neun, teils sogar als echter Zehner. Vor ihm kommt mit Elmander bzw. Toivonen ein weiterer Mittelstürmer zum Einsatz. Markus Rosenberg hat nur Außenseiterchancen. Das Spiel der Schweden wird durch die starke Zentrierung auf Ibrahimovic leicht ausrechenbar, profitiert aber auch von seiner stärkeren Einbindung ins Spiel. Interessanterweise ist Schwedens Bilanz ohne Ibrahimovic besser als mit ihm. Dennoch hebt er die offensive Klasse durch seine Anwesenheit um ein paar Prozentpunkte.

Ein anderer Aspekt, der Schweden 2012 interessant macht ist der neue Trainer. Lars Lagerbäck betreute Schweden 18 Jahre lang, feierte mit dem dritten Platz bei der WM 1994 einen der größten Erfolge der nationalen Fußballgeschichte, verpasste aber die WM 2010. Mit Erik Hamrem übernahm ein Trainer das Kommando, der Schweden einen moderneren und offensiveren Fußball spielen lässt – bislang mit Erfolg. Das Mittelfeld ist offensiv ausgerichtet. Die Flügelspieler pressen nach vorne und auch Kim Kallström als nomineller Teil einer Doppelsechs rückt häufig mit nach vorne. Der eher statische Fußball unter Lagerbäck gehört der Vergangenheit an.

Probleme in der Defensive und im Spielaufbau

Das Problem der Schweden ist jedoch ihre Defensive. Hier hat man in Olof Mellberg immer noch den besten Verteidiger im Kader. Mit seinen 34 Jahren ist er nicht mehr auf dem absoluten Topniveau. Neben ihm fehlt es den Schweden an großer Klasse in der Abwehrreihe. Durch den stärkeren Fokus auf die Offensive und das Nachrücken des Mittelfeldes sowie der Außenverteidiger sind die Schweden hinten anfälliger geworden, als man es von ihnen gewohnt ist. Gegen Frankreich, aber auch gegen England dürfte man Probleme bekommen, wenn der Ball schnell in die Lücken hinter den Außenverteidigern gespielt werden. Die Niederlande haben dies in der Qualifikation gut offengelegt.

Auch die Spieleröffnung der Schweden ist nicht auf höchstem Niveau bei diesem Turnier. Mellbergs Stärke ist nicht der öffnende Pass und auch sonst überlässt man den Spielaufbau lieber dem Mittelfeld. Von dort aus richtet sich das Spiel sehr stark auf Ibrahimovic aus, der den Ball hält, während das Mittelfeld nachrückt. So bleibt Schweden letztlich eine Kontermannschaft, die defensiv dafür eigentlich nicht sattelfest genug ist. Der Spielplan der Gruppe D dürfte ihnen jedoch entgegen kommen. Mit einem Auftaktsieg gegen die schwachen Ukrainer hätte man für ein dann vielleicht schon entscheidendes Spiel gegen England eine gute Ausgangsposition.

Meine Prognose: Schweden ist defensiv zu anfällig und offensiv zu abhängig von Ibrahimovic, um bei diesem Turnier zu überraschen. Sie sind zwar nicht chancenlos, aber ich rechne mit einem Vorrundenaus.

Schwedens Vorrundengegner

Ukraine
Frankreich
England

Meine EM: Englands Angst vor dem Vorrundenaus

In kaum einem anderen europäischen Land liegen Erwartungshaltung und Ertrag so weit auseinander, wie in England. Alle zwei Jahre fährt man (sofern einem die Kroaten keinen Strich durch die Rechnung  machen) mit hohen Erwartungen zum Turnier, wähnt sich als Mitfavorit und fährt dann enttäuscht nach Hause. Dieses Jahr dürfte es kaum anders werden, wenngleich die Erwartungshaltung nicht ganz so hoch ist wie sonst.

Mind the gap

Es sind keine Welten die England von der Weltspitze trennen. Man weigert sich – Kritiker außen vor – jedoch beharrlich, die richtigen Schlüsse zu ziehen und anschließend die richtigen Maßnahmen zu treffen. Der britische Fußball leidet nicht an einer Armut an Talenten. Er leidet jedoch an einem Interessenkonflikt zwischen der starken Premier League und der Nationalmannschaft. Während letztere dringend auf junge Talente angewiesen ist, können erstere dank riesiger Finanzkraft mangelnde Qualität im eigenen Nachwuchs durch Zukäufe ausgleichen. Zudem spielt die Nationalität der Nachwuchsspieler für die Vereine im modernen Fußball eine untergeordnete Rolle. Es wäre also dringend ein nationales Jugendförderungsprogramm notwendig, das einheimische Talent systematisch entdeckt und ausbildet. Andere Länder haben dies schon vor längerer Zeit erkannt – wenn auch meist erst nach herben Enttäuschungen. In England setzt sich die Erkenntnis erst allmählich durch, dass man hier den Anschluss verloren hat.

Vielleicht hat man zu lange auf den Durchbruch der “goldenen Generation” gehofft, die noch in Bruchstücken im aktuellen Kader vertreten ist. Jeder Teilerfolg, jeder Sieg gegen einen großen Gegner lässt diese Hoffnung wieder aufflammen. Dabei wird übersehen, dass diese Siege meistens in unwichtigen Freundschafts-, maximal in Qualifikationsspielen eingefahren werden. Wenn es darauf ankommt werden den Engländern die Grenzen aufgezeigt. Auffällig ist dann auch die Diskrepanz zwischen den Leistungen der Starspieler auf Vereinsebene und im Nationaltrikot. Doch in den Vereinen sind diese Spieler Teil eines internationalen Starkollektivs. Sie können auch deshalb herausragen, weil sie von ihren Mitspielern getragen werden. In der Nationalmannschaft bürdet man Spielern wie Lampard, Gerrard oder Rooney regelmäßig zuviel auf. Die Fallhöhe wird durch die heimische Regenbogenpresse vor den Turnieren durch unrealistische Einschätzungen noch künstlich erhöht. Hinterher ist dann die Verwunderung groß und die Kritik unverhältnismäßig hart.

Weder Fisch noch Chips

Der neue Trainer Roy Hodgson hat nun die undankbare Aufgabe, nach Fabio Capellos überraschendem Rücktritt in kürzester Zeit aus einem fragmentierten Kader ein Team zu formen. Die Causa John Terry vs. Rio Ferdinand wurde auf die vermutlich einzig mögliche Art gelöst. Ich denke jedoch, dass man mit Terry auf das falsche Pferd gesetzt hat. Nach dem Ausfall von Gary Cahill dürfte Joleon Lescott neben ihm verteidigen. Ashley Cole und Glen Johnson als Außenverteidiger sind ebenfalls gesetzt. Das Team ist insgesamt erfahren und hat auch einige talentierte Nachwuchsspieler in seinen Reihen, wie etwa Alex Oxlade-Chamberlain. Dennoch ist die Mischung nicht die beste. Einige Schlüsselspieler sind über ihren Zenit und von den ehemaligen Hoffnungsträgern hat sich nur Wayne Rooney konstant auf höchstem Niveau bewährt.

Milner und Walcott sind als Flügelzange nicht die ganz große internationale Klasse, aber sicherlich gut genug für dieses Turnier. Von Milner kann man keine herausragenden Dinge erwarten, aber er ist ein cleverer Spieler, der seine Aufgabe erfüllt. Um Walcotts Geschwindigkeit optimal einzusetzen braucht man allerdings eine sehr gute Feinabstimmung. An der mangelt es den Engländern jedoch und so bleibt diese Waffe zu häufig stumpf. Ernste Probleme hat England hingegen im zentralen Mittelfeld. Wo man früher zu viele Optionen hatte und es ständig Diskussionen gab, wer mit wem warum nicht zusammenspielen kann, herrscht nun ein Loch. Durch die Verletzung von Barry scheint es auf das Duo Steven Gerrard und Scott Parker herauszulaufen. Individuell sind beide gut, doch als Doppelsechs sehe ich sie nicht auf dem benötigten Niveau. Besonders schlimm wiegt hier der Ausfall von Jack Wilshere, dem spielerisch besten englischen Mittelfeldspieler. Der Verzicht auf ballsichere Akteure wie Carrick oder auch Scholes legt nahe, dass man gar nicht erst versuchen wird, den Ball lange zu halten.

Umso wichtiger wäre die Durchschlagskraft vorne, wo Rooney die ersten beiden Spiele gesperrt ausfallen wird. Bis dahin könnte es für England bereits zu spät sein. Zudem hat es sich in der Vergangenheit nicht als förderlich erwiesen, zu hohe Hoffnungen in einen Einzelspieler zu setzen. Man sollte von England keinen dominanten oder technisch hochwertigen Fußball erwarten. Hodgson weiß, dass sein Kader limitiert und die Zeit seit seiner Inthronisierung viel zu kurz ist, um spielerisch große Fortschritte zu machen. Es dürfte ein sehr “englischer” Stil sein, den seine Mannschaft an den Tag legt. Mit hohen Bällen wird man jedoch nur dann primär arbeiten, wenn Andy Carroll auf dem Platz steht. Schnelle, direkte Angriffe über die Flügel und vertikale Pässe in den Lauf der beweglichen Stürmer Welbeck und Young bieten sich als Angriffsoptionen an. Ob sie als reine Kontermannschaft weit in diesem Turnier kommen werden, ist fraglich.

Meine Prognose: Mehr als das Viertelfinale traue ich England nicht zu. Selbst das wird schwer zu erreichen, wobei zwei der drei Gruppengegner mit eigenen Problemen zu kämpfen haben.

Englands Gruppengegner

Ukraine
Frankreich
Schweden

 

Meine EM: Frankreich hat wieder eine Mannschaft

Fußball ist ein schnelllebiges Geschäft. Gestern noch der undisziplinierte Sauhaufen der WM 2010, der sich auf alten Lorbeeren ausgeruht und die Erneuerung des Kaders verschlafen hat. Heute schon einer der gar nicht mehr so geheimen Favoriten auf den EM-Sieg. Frankreich ist unter dem neuen Trainer Laurent Blanc seit nunmehr 21 Spielen ungeschlagen und geht mit viel Selbstvertrauen in das Turnier.

Die Spuren des Laurent Blanc

So richtig gravierend waren die personellen Probleme der Franzosen denn auch nicht. Zumindest die Klasse der einzelnen Akteure stand nur selten zur Diskussion. Problematischer war schon die Zusammensetzung in menschlicher wie taktischer Hinsicht. Ex-Trainer Raymond Domenech hatte sich dabei einen höchst zweifelhaften Ruf erarbeitet. Statt auf statistisch belegbare Daten und Fachkompetenz verließ er sich bei seiner Mannschaftsauswahl lieber auf metaphysische Aspekte wie die Sternzeichen der Spieler. Nicht wenige halten ihn daher für einen Scharlatan, der 2006 riesiges Glück (bzw. Zidane / Ribery / Henry) hatte und in der Folge vier weitere fruchtlose Jahre auf dem Trainerstuhl der Equipe Tircolore verbringen durfte. Zwei Turniere inkl. Vorrundenaus und Meuterei in Südafrika bedurfte es, um einen Trainerwechsel herbeizuführen.

Nachfolger Laurent Blanc ist aus einem anderen Holz geschnitzt. Der Ex-Weltklassespieler feierte mit Girondins Bordeaux große Erfolge, bevor er vor zwei Jahren das Ruder bei der französischen Nationalmannschaft übernahm. Unter seiner Führung kehrten sportliche Vernunft und Disziplin zurück ins Team. Die Qualifikation für die EM verlief holprig, doch am Ende setzte man sich als Gruppenerster durch und zeigte sich seitdem in den Freundschaftsspielen deutlich verbessert. Siege gegen Brasilien, Deutschland und Gruppengegner England taten dem gebeutelten Selbstvertrauen gut. Langsam zeigt sich auch eine spielerische Verbesserung. Während man über weite Strecken der Jahre 2010 und 2011 selten attraktiven Fußball spielte, kann man immer mehr positive Elemente im Offensivspiel der Franzosen entdecken. Angesichts des Potenzials der Angriffsspieler sollte dies keine Überraschung sein, doch der Weg dorthin war nach den Querelen der Vergangenheit steinig.

Noch immer ein Weltklassekader

Im Gegensatz zu etwa Deutschland oder England hatte Frankreich in den letzten 10 Jahren nicht mit einem strukturellen Problem zu kämpfen. Der Vorsprung in der Jugendförderung ist zwar weggeschmolzen, doch das liegt weniger an Versäumnissen der Franzosen als an früheren Versäumnissen der Konkurrenz, die nun beseitigt wurden. Der französische Fußball bringt in schöner Regelmäßigkeit große Talente hervor. Der Trainer hat die Qual der Wahl, daraus ein funktionierendes Team zusammenzustellen. Dies scheint Blanc hervorragend gelungen zu sein. Das Prunkstück der Franzosen ist sicherlich das Mittelfeld. In der Dreierreihe hinter der beweglichen Spitze Benzema hat man in Ribery einen Weltklassespieler, der mit dem technisch begabten Nasri das Offensivspiel lenkt. Auf der rechten Seite stehen mehrere starke Flügelspieler zur Auswahl, die unterschiedliche Qualitäten mit ins Team bringen würden. Valbuena, Malouda oder auch Menez heißen hier die Kandidaten. Eine taktische Alternative wäre es, Malouda ins Zentrum zu ziehen und Nasri auf den rechten Flügel zu schieben.

Im zentralen Mittelfeld bangt man derzeit noch um M’Vila und Alou Diarra, die sich Verletzungen zugezogen haben. So ist Yohan Cabaye der einzige sichere Starter in der Doppelsechs. In der Abwehr setzt Blanc auf Erfahrung, bevorzugt hinten links Wadenbeißer Patrice Evra, wohl auch, weil Ribery noch immer nicht als fleißigster Spieler gilt, was die Defensivarbeit angeht. Auf der rechten Seite ist Blanc mutiger und setzt auf den offensivfreudigen Debuchy. Auch in der Innenverteidigung herrscht Aufgabenteilung. Mexes ist ein Verteidiger der humorlosen Sorte, während Partner Rami und Ersatzmann Koscielny für den moderneren, aufbaustarken Typus stehen. So ist Frankreich hinten trotz langsamer Innenverteidiger schwer zu knacken und mit der leicht asymmetrischen Formation auch offensiv schwer zu verteidigen.

Blancs Frankreich zählt wegen der Entwicklung der letzten 12 Monate, der individuellen Klasse der Spieler und die Erfahrung auf internationalem Niveau zu den Favoriten auf den Gesamtsieg. Doch während das Turnier für Spanien ein Jahr zu spät kommt, kommt es für Frankreich vielleicht ein Jahr zu früh. Viele Spielzüge und Abläufe sind noch nicht so verfestigt, wie bei den Niederlanden, Deutschland oder Spanien, weshalb ich Frankreich eine Stufe unter diesen Teams ansiedeln würde. Wenn bei den Franzosen alles läuft wie geplant, haben sie ernsthafte Chancen auf den Titel. Bei großen Turnieren läuft aber nur selten alles nach Plan und die Mannschaft wirkt auf mich noch nicht so gefestigt, dass sie gut damit umgehen könnte.

Meine Prognose: Frankreich wird Gruppensieger und qualifiziert sich für das Halbfinale. Dort scheidet man jedoch aus.

Frankreichs Gruppengegner:

Ukraine
England
Schweden

 

Meine EM: Ukraine hofft auf den Heimvorteil

Wenn man es nicht gut mit dem Co-Gastgeber meint könnte man sagen: Bis auf den Heimvorteil bleibt der Ukraine nichts. In den Wochen vor dem Turnier präsentiert sich das Team von Trainer Oleg Blokhin noch nicht in der Form, die es für ein erfolgreiches Turnier benötigen wird. Die verlorenen Testspiele gegen Österreich und die Türkei machen nicht eben Mut für die herbeigesehnte Europameisterschaft.

Schwacher Kader, reaktive Taktik

Mit Dmytro Chygrynskiy fehlt der Mannschaft mehr als nur einige willkürlich aneinander gereihte Konsonanten. Der Ex-Barcelona Innenverteidiger ist einer der wichtigsten Spieler einer Mannschaft, die Ausfälle dieses Kalibers nur schwer kompensieren kann. Anatoliy Tymoshchuk als Schlüsselspieler im Mittelfeld wird damit umso wichtiger. Er interpretiert seine Rolle als Sechser sehr tief und stopft die Löcher vor und wenn es sein muss auch in der Viererkette. Yevhen Konoplyanka auf dem rechten Flügel ist die nach meiner Einschätzung gefährlichste Offensivkraft der Ukrainer. Seine Schnelligkeit hat er im Testspiel gegen Deutschland eindrucksvoll gezeigt. Auch Voronin als hängende Spitze wird für eine gewisse Torgefahr sorgen. Die Rolle des alternden Shevchenkos ist dagegen unklar. Ihm soll wohl mit ein paar Einsätzen ein würdiger Abschied aus der Nationalmannschaft beschert werden.

Ansonsten muss ich gestehen, dass ich von vielen Spielern der Ukraine nicht mehr weiß, als ich in den letzten Testspielen an Eindrücken gewinnen konnte, und das war wenig erbaulich. Die Ukraine spielt einen recht negativen Fußball, der sich mangels eigener ausgeprägter Stärken vor allem am jeweiligen Gegner orientiert. Sobald man selbst etwas fürs Spiel tun muss, ist man überfordert und wirkt viel zu langsam, als das man dem Gegner ernsthaften Schaden zufügen könnte. Bei der EM wird man aber der Außenseiter sein und selten in diese Verlegenheit kommen. Hierin könnte die Chance für die Ukraine liegen. Unterstützt von einem frenetischen Publikum, das jede gelungene Aktion bejubelt könnte man mannschaftlich über sich hinauswachsen. Das wird man auch müssen, um die mangelnde individuelle Klasse wettzumachen. Ansonsten ist die Ukraine ein sicherer Kandidat für eine Vorrundenaus.

Meine Prognose: Die Ukraine wird einen gewaltigen Kraftakt benötigen, um bei der Heim-EM nicht in der Vorrunde auszuscheiden.

Ukraines Gruppengegner

Frankreich
England
Schweden

Meine EM: Kroatien auf dem absteigenden Ast

Es ist noch nicht lange her, da schien Kroatien der Schritt vom Fußballschwellenland zur großen Fußballnation gelungen zu sein. Bei der letzten Europameisterschaft sah die kroatische Zukunft mehr als rosig aus. Erst warf man England mit einem überzeugenden Sieg schon in der Qualifikation aus dem Wettbewerb. Dann fügte man Deutschland in der Gruppenphase eine empfindliche Niederlage zu. Im Viertelfinale stand man nach einem Last Minute Tor in der Verlängerung ganz kurz vor dem größten Erfolg seit 1998, doch dann kam alles anders. Das Gegentor in der 121. Minute, das Aus im Elfmeterschießen und irgendwie scheint es, als hätte sich der kroatische Fußball davon noch nicht wieder erholt.

Die fetten Jahre sind vorbei

Vier Jahre später zählt kaum jemand Kroatien noch zu den (Geheim-)Favoriten. Zu schwach waren die Leistungen in den letzten Jahren, zu wenig Optimismus versprüht der Kader. Nachdem man zunächst die Rache der Engländer in Form einer 1:4 Heim- und einer 1:5 Auswärtsniederlage zu spüren bekam und die Qualifikation zur WM 2010 verpasste, hatte man auch auf dem Weg zu dieser Europameisterschaft so seine Probleme. Griechenland erwies sich in der Gruppe als zu stark und erst im Play-Off gegen die Türkei konnte Kroatien zu alter Stärke zurückfinden. Die Testspiele waren dann eher durchwachsen. Die schwachen Esten waren kein ernsthafter Gegner und gegen Norwegen glänzte man mit einem schmucklosen Remis.

Personell ist es um die Kroaten nicht zum Besten bestellt, was sich vor allem in der Offensivabteilung zeigt. Die Altstars Klasnic und Petric wurden nicht mehr berücksichtigt, während Ivica Olic mit einer Verletzung ausfällt. Eduardo da Silva ist nach seiner schweren Verletzung nie so ganz zu alter Stärke zurückgekehrt. So ruht viel Hoffnung und Verantwortung auf dem Wolfsburger Mario Mandzukic. Das Herzstück des kroatischen Spiels ist jedoch Luka Modric, der im zentralen defensiven Mittelfeld die Fäden zieht und eine beachtliche Entwicklung genommen hat. Ansonsten besteht der kroatische Kader aus vielen Spielern, die über genügend technische und taktische Klasse verfügen, aber nicht wirklich herausragend sind. Zudem ist die Altersstruktur etwas fragwürdig. Waren die Kroaten früher eine Mischung aus alten Haudegen und jungen Talenten, besteht heute fast der komplette Kader aus Spielern im mittleren Fußballeralter. Im kroatischen Team findet sich kein einziger Spieler unter 23. Einen neuen Modric oder Eduardo sucht man daher vergeblich.

Maximal Außenseiterchancen

Dennoch ist der kroatische Kader zweifellos stark genug, um eine schlagkräftige Mannschaft aus ihr zu formen. Um aus spielern wie Ivan Rakitic oder Ivan Perisic das Optimum herauszuholen braucht es jedoch eine stimmige Taktik. Das negieren der gegnerischen Stärken und das Ausnutzen der daraus resultierenden Fehler gehörte unter Slaven Bilic lange zu den Hauptqualitäten. Inzwischen ist Kroatien die dafür notwendige, einhundertprozentige Konzentration etwas abhanden gekommen. Dazu ist die Mannschaft defensiv nicht mehr so hochkarätig besetzt, wie noch vor einigen Jahren. Josip Simunic ist noch immer unumstrittener Abwehrchef und man sucht vergeblich nach jüngeren Spielern seines Kalibers. Auch die Außenverteidiger genügen nicht mehr höheren Ansprüchen.

So ist Kroatien ein eher mittelmäßiges Team bei dieser Europameisterschaft. Zu gut, um sang- und klanglos unterzugehen. Nicht gut genug, dass man ihnen gegen Spanien und Italien das Weiterkommen zutrauen würde. Vielleicht kommt es Bilic und seiner Mannschaft entgegen, dass sie nicht mehr die Bürde des Geheimfavoriten zu tragen haben. Es würde mich jedoch wundern, wenn sie bei dieser Europameisterschaft ein Comeback in der internationalen Spitze feierten. Gegen Irland könnte es bei einer entsprechend vorsichtigen Herangehensweise noch reichen. Danach werden sie ihre Grenzen aufgezeigt bekommen.

Meine Prognose: Kroatien punktet nur gegen Irland und fährt nach der Gruppenphase nach Hause.

Kroatiens Gruppengegner:

Spanien
Italien
Irland

Meine EM: Irland kann die Großen ärgern

Ein kleines Fußballland mit einem in der Vergangenheit überaus erfolgreichen, aber auch ziemlich alten Trainer. Was kann dabei schon rauskommen? Diese Frage beantwortete Griechenland vor acht Jahren eindrucksvoll. Giovanni Trapattonis Iren könnten durchaus in diese Fußstapfen treten, zeigen sie doch deutliche Parallelen zum vorletzten Europameister.

Kompakt, defensiv, konterstark

Auf den ersten Blick sieht der irische Kader alles andere als furchteinflößend aus. Das Team besteht aus überwiegend erfahrenen, soliden Spielern, wobei niemand mit besonderer Klasse herausragt. Die bekannteren Namen (Keane, Duff, O’Shea, Given) haben ihre besten Jahre eher schon hinter sich. Trainer Trapattoni gilt mit seinen 72 Jahren als Relikt einer vergangenen Fußballära. Dennoch sollte man nicht den Fehler machen, Irland bei dieser Europameisterschaft zu unterschätzen. Trapattoni mag keine innovativen Konzepte vorzuweisen haben, aber sein altes Handwerk beherrscht er nach wie vor. Seiner Mannschaft trichterte er ein sehr defensiv ausgerichtetes 4-4-2 ein, bei dem sich – wie heute im Weltfußball üblich – einer der Stürmer häufig ins Mittelfeld fallen lässt.

Insgesamt steht Irland sehr kompakt, die Abstände und Abläufe zwischen den einzelnen Positionen sind sehr gut abgestimmt. Hier macht es sich bezahlt, dass Trapattoni auf einen festen Stamm an Spielern gebaut hat. So muss Irland gar nicht so tief verteidigen, wie andere Teams ähnlicher Leistungsstärke. Durch die aufgerückten Viererketten macht man das Spiel im Mittelfeld unglaublich eng für den Gegner. Es dürfte spannend sein, wie die Teams aus Gruppe C damit zurechtkommen, allen voran die ballbesitzorientierten Spanier. Neben der Raumverknappung hat das System einen weiteren Vorteil: Die Bälle werden oft schon relativ hoch gewonnen. Durch schnelles Umschalten lassen sich so gute Kontersituationen erzwingen, die das Team dann im Rahmen der eigenen Möglichkeiten effizient ausnutzt.

Stolperstein ohne Plan B

Schwieriger dürfte es hingegen werden, wenn der Gegner nicht gezwungen ist, nach vorne zu spielen. Nicht umsonst blickt man den Spielen gegen Spanien und Italien optimistischer entgegen als der ersten Partie gegen Kroatien. Die Kroaten werden die Iren beobachtet haben und eher abwartend ins Spiel gehen. Ab dem 2. Gruppenspiel wird Irland jedoch voll auf den Außenseiterstatus hoffen. Wenn Spanien und Italien einen Weg durch das irische Abwehrdickicht finden und in Führung gehen, wird sich die Beschränktheit des Systems offenbaren. Konstruktives Spiel nach vorne ist nicht Sache der Iren. Gut möglich jedoch, dass man sich von den übermächtigen Gegnern zwar hinten rein drücken lässt, die Torchancen jedoch minimiert. Die Spiele von Chelsea in der Champions League sind noch in den Köpfen präsent und Irland traue ich am ehesten eine ähnliche Spielweise zu.

Attraktiven Fußball werden wir von Irland kaum sehen. Die letzten Testspiele (1:0 gegen Bosnien-Herzigowina, 0:0 gegen Ungarn) deuten nicht auf prickelnde Spiele hin. Faszinierend könnten die Spiele dennoch werden und es wäre keine Sensation, wenn man am zweiten Spieltag zum Stolperstein für Spanien werden würde. Ob es jedoch für einen Coup im Stile der Griechen 2004 reichen könnte ist höchst fragwürdig. Andererseits wäre es auch kein wirklicher Coup, wenn man schon vorher damit rechnete.

Prognose: Irland ist durchaus eine Überraschung zuzutrauen. Ich glaube dennoch, dass Spanien und Italien Mittel gegen sie finden werden, weshalb sie knapp ausscheiden.

Irlands Gruppengegner

Spanien
Italien
Kroatien

Meine EM: Italien gegen den Rest der Welt

Es gibt wohl keine andere Fußballnation, gegen die in Deutschland so viele Vorurteile verbreitet sind, wie gegen Italien. Diese Vorurteile mögen alle ihren wahren Kern haben, doch die meisten von ihnen werden hierzulande gerne deutlich überzogen. Zwei dieser Vorurteile betreffen direkt die italienische Mannschaft bei dieser EM – und beide werden großen Einfluss auf das Abschneiden des Teams von Cesare Prandelli haben.

Offensive italienische Raute

Eines der größten Vorurteile, die es gegen die Italiener gibt, ist, dass sie nur defensiven Fußball spielen können. Der Catenaccio ist noch immer das erste Spielsystem, das vielen einfällt, wenn sie an den italienischen Fußball denken. Bezeichnender Weise hat Italien keinen seiner vier WM-Titel mit Catenaccio gewonnen. Dass Italien im Halbfinale der WM 2006 gegen Deutschland die offensivere Mannschaft war, wird hier ebenso gerne verdrängt, wie die Art und Weise, wie Deutschland über Jahrzehnte hinweg zu seinen Erfolgen gekommen ist. Da hilft es auch nicht, dass der AC Milan Ende der 80er Jahre mit offensivem Spiel den Fußball revolutionierte und die Serie A heute vor allem von Teams geprägt wird, die eher offensiv ausgerichtet sind.

Auch die Italienische Nationalmannschaft pflegt dieser Tage einen offensiven Stil. Den Italienern bleibt auch kaum eine andere Wahl, denn ihre Defensivabteilung hat in den vergangenen Jahren deutlich an Qualität eingebüßt. Die rekordverdächtigen zwei Gegentore, die man in zehn Qualifikationsspielen kassierte, sollten nicht darüber hinweg täuschen. Beim jüngsten 0:3 gegen Russland wurde wieder einmal deutlich, dass die Viererkette alles andere als sattelfest und immer mal für einen individuellen Fehler gut ist. Dennoch (oder vielleicht gerade deshalb) ist Italien eine der interessantesten Mannschaften in diesem Turnier. Das liegt auch daran, dass Prandelli ein typisch italienisches System spielen lässt, nämlich ein 4-3-1-2 (in Bremen in leichter Variation auch als Rautensystem bekannt).

Vor der Abwehr lenkt der großartige Andrea Pirlo, der bei Juve in dieser Saison seinen dritten Frühling erlebte, das Spiel der Italiener. Links und rechts wird er von lauf- und spielstarken Allroundern unterstützt. De Rossi, Marchisio, Motta und Nocerino stehen dafür zur Auswahl – allesamt keine vorwiegend destruktive Spieler, so dass die Dreifachsechs nur auf dem Papier für eine defensive Spielweise steht. Davor kommt mit Montolivo voraussichtlich ein eher klassischer Zehner zum Einsatz (ich werde hier jetzt nicht erklären, was ein Trequartista ist und was ihn vom Spielmacher wie wir ihn kennen unterscheidet). Im Angriff steht mit di Natale ein sehr erfahrener Spieler zur Verfügung, der seinen Zenit schon ein Stück weit überschritten hat. Deshalb ist es wahrscheinlicher, dass die beiden Stürmer zum Einsatz kommen, die sich darum streiten, wer das größere enfante terrible ist: Antonio Cassano und Mario Balotelli. Neben ihrem großen Ego eint beide jedoch auch herausragendes fußballerisches Können und es wird interessant zu sehen, wie die beiden als Doppelspitze harmonieren.

Ein Hauch von 2006

Das zweite Vorurteil, mit dem der Calcio zu kämpfen hat, ist die Korruption der seiner Protagonisten. Diesem wird durch immer neue Skandale weiterer Nährboden gegeben. Seit dem Calciopoli-Skandal vor sechs Jahren ist der italienische Fußball nachhaltig ins Wanken geraten. Die Serie A hat sich noch immer nicht davon erholt und gilt längst nicht mehr als das Maß aller Dinge. Das Aufbrechen der Dominanz von Juventus und Milan hat aber auch dazu geführt, dass andere Mannschaften mit interessanten Ansätzen und Systemen Erfolge feiern konnten (man denke etwa an Palermo, Neapel oder Udine). Die unmittelbare italienische Reaktion auf den Skandal sah aber so aus: Weltmeistertitel für die Squadra Azzurra und ein Jahr später der Champions League Sieg für den AC Milan.

Skandale schweißen die italienische Nationalmannschaft traditionsgemäß besonders eng zusammen. Aus dem gemeinsamen Gefühl des an den Pranger gestellt Werdens entsteht eine besondere Siegermentalität, die sie außerhalb Italiens nicht eben beliebt macht. Italien ist immer dann besonders stark, wenn der Rest der Welt sich gegen sie verschworen zu haben scheint. Schon 1982 wurde man nach einem Skandal Europameister. Nicht wenige Italiener sehen den neuerlichen Wettskandal im Vorfeld der EM daher als gutes Omen für das Turnier.

Dies ist jedoch nicht nur moralisch fragwürdig, sondern hat Prandellis Team auch personell geschwächt: Mit Domenico Criscito muss er wegen des Skandals auf seinen besten Linksverteidiger verzichten. Mit Balzaretti und Maggio (oder aber dessen Ersatzmann Abate) setzt der Trainer vorzugsweise auf offensivstarke Außenverteidiger. Angesichts der Probleme in der Innenverteidigung, wo nun auch noch Barzagli und Chiellini verletzt sind, hätte der defensivstärkere Criscito dem Team sicherlich gut getan.

So ist Italien zwar ein ernstzunehmender Kontrahent mit einer sehr talentierten Offensivabteilung, aber insgesamt wohl nicht stark genug, um gegen die Top-Favoriten zu bestehen. Auch die italienische Version des miasanmia wird vermutlich nicht ausreichen, um die Defizite zu überdecken. Italien geht mit einer deutlich verjüngten Mannschaft in das Turnier, nachdem die Altersstruktur in der Vergangenheit kritisiert worden war. Passender Weise geht es direkt zum Auftakt gegen den Gegner, der die alter Weltmeistermannschaft vor vier Jahren aus der Erfolgsspur kickte: Spanien. Auch wenn Italien nach dem Umbruch noch nicht wieder bei alter Stärke angelangt ist, befindet sich das Team auf einem guten Weg. In Zukunft wird mit Italien wieder zu rechnen sein.

Meine Prognose: Für den großen Coup ist die Abwehr nicht gut genug. Ich denke aber, dass sich die Italiener zusammenreißen und zumindest ins Viertelfinale kommen.

Italiens Gruppengegner

Spanien
Irland
Kroatien

Meine EM: Spanien ist noch nicht satt

Ein Mannschaft, die in den letzten vier Jahren alles gewonnen hat, was man als Nationalmannschaft gewinnen kann, noch dazu gespickt mit Spielern, die im selben Zeitraum auch auf Vereinsebene alle bedeutende Titel abräumten – was soll die noch zu Höchstleistungen motivieren? Erfolg ist eine Droge, das wissen wir nicht erst seit Oliver Kahn. Wer glaubt, dass Spanien nicht mit höchster Motivation in dieses Turnier gehen wird, dürfte ein böses Erwachen erleben. Zudem hat Spanien immer noch die Spieler, einem solchen Turnier seinen Stempel aufzudrücken. Die Mannschaft ist daher zu den Top-Favoriten auf den Turniersieg zu zählen, auch wenn sie einige Problemzonen hat.

Die Aura der Unbesiegbarkeit ist weg

Seit dem WM-Triumph verlor man ganze fünf Spiele, allesamt gegen starke Gegner in Freundschaftsspielen. Rückschlüsse auf ein Turnier sind daher schwer zu ziehen. Dennoch ist der psychologische Effekt auf die Gegner nicht zu unterschätzen. Man weiß nun: auch gegen die Spanier geht etwas. So verkündete der irische Co-Trainer vor wenigen Tagen, dass seine Mannschaft Spanien schlagen werde. Auch Gruppengegner Italien wird sich im ersten Spiel Chancen ausrechnen, zumal man letztes Jahr schon einen Sieg gegen Spanien feierte.

Auch personell ist bei den Spaniern nicht alles optimal vor der Europameisterschaft. Mit Carles Puyol und David Villa fallen zwei wichtige Spieler aus. Während es im Zentrum fast schon zu viele Weltklasseoptionen gibt, sieht es auf der Außenbahn nicht so rosig aus. Sollte Sergio Ramos aufgrund der Verletzung von Puyol in der Innenverteidigung spielen, hätte man in Arbeloa einen sehr vorsichtig agierenden und nach vorne beschränkten Rechtsverteidiger. Auf der linken Seite verkörpert Jordi Alba hingegen den modernen Außenverteidigertypus, den Spanien für die eher eng angelegte Spielweise benötigt.

Wer soll für die Breite sorgen?

Eine Reihe weiter vorne gibt es zwar nominell genügend Alternativen für die Flügel, doch eine Idealbesetzung lässt sich hier schwer identifizieren. David Silva, Juan Mata und Andres Iniesta haben ihre Stärken eher in der Mitte und halten nicht unbedingt die Position an der Seitenlinie. Wegen ihrer überragenden Qualitäten werden aber vermutlich zumindest zwei von ihnen in der Startformation stehen. Ähnlich wie beim FC Barcelona ergibt sich dadurch eine sehr enge Spielweise der vordersten Reihe im 4-3-3. Da man jedoch keinen Dani Alves in den Reihen hat, sollte zumindest auf der rechten Seite ein offensiver Spieler auch für Breite sorgen. Ideal geeignet wäre dafür Barcelonas Pedro Rodriguez, der jedoch keine gute Saison gespielt hat und nicht unbedingt in der Startformation zu erwarten ist. Jesus Navas und vor allem Santi Cazorla haben dadurch gute Chancen, in die Startformation zu rücken. Letzterer hat eine überragende Saison in Malaga gespielt und stand bislang in jedem Testspiel in der Anfangself.

Technisch ist Spanien noch immer das Maß aller Dinge und es ist davon auszugehen, dass der Weg zum Titel nur über die Iberer führen kann. Personell hat Vincente del Bosque trotz der Ausfälle und etwa der Formschwäche von Piqué noch immer genügend Optionen um den Titel zu verteidigen und so als erster amtierender Weltmeister die Europameisterschaft zu gewinnen. Man wird sich allerdings gehörig strecken müssen, da mittlerweile auch der letzte Trainer gelernt haben sollte, wie man den Spaniern Probleme bereiten kann. Auch wenn die Streitereien zwischen den Spielern von Barcelona und Real Madrid inzwischen zumindest offiziell beendet sind, bin ich mir aber nicht sicher, ob Spanien mental stark genug ist.

Es wird in diesem Turnier Phasen geben, in denen Spanien ins Wanken gerät und Puyols Führungs- sowie Villas Durchschlagskraft vermissen wird. Das muss nicht das Aus für Spaniens Titelchancen bedeuten, doch es macht ein Stolpern wahrscheinlicher. Wenn der Auftakt gegen Italien misslingt, steht man im zweiten Spiel gegen die extrem defensiven Iren schon gewaltig unter Druck. Selbst die Gruppenphase könnte so alles andere als ein Selbstläufer werden.

Meine Prognose: Auch wenn das Turnier für Spanien zu keinem guten Zeitpunkt kommt, ist mit del Bosques Team zu rechnen. Ich wünsche mir ein Finale gegen Deutschland, könnte mir aber auch vorstellen, dass schon im Halbfinale Schluss ist, falls man dort auf Deutschland oder die Niederlande trifft.

Spaniens Gruppengegner

Italien
Irland
Kroatien