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Meine EM: England mauert sich zum nächsten Elfmetertrauma

England – Italien 0:0 (2:4 i.E.)

Wer hätte gedacht, dass England in einem Elfmeterschießen verliert? Offenbar nicht die Engländer, denn die taten abgesehen von den ersten 15 Minuten nur sehr wenig, um ein Tor zu schießen. So war das Elfmeterschießen die einzige Option für Hodgsons Team, dieses Spiel zu gewinnen.

Italien trat wieder im 4-3-1-2 an, England im gewohnten 4-4-2 mit zwei tief stehenden Viererketten gegen den Ball. Die Italiener dominierten wie erwartet das Zentrum. Beeindruckend, wie die beiden Spieler auf den Halbpositionen Andrea Pirlo abschirmen, der als Sechser das Spiel vor sich hat und die Bälle mit bekannter Präzision verteilt. England konnte den numerischen Vorteil auf den Flügeln nur selten ausnutzen, weil man zu langsam umschaltete und kaum einmal mit Tempo hinter die Außenverteidiger kam.

Roy Hodgson hat dem englichen Team binnen kurzer Zeit Disziplin und eine schnörkellose Kontertaktik beigebracht. Dafür gebührt ihm Respekt, viel mehr war sicherlich bis zu diesem Turnier nicht möglich. Ich habe allerdings Probleme, mich mit einem rein defensiv ausgerichteten System anzufreunden, wenn es eine Vielzahl an Torchancen des Gegners zulässt. Das war schon bei Chelsea in der Champions League so und es geht mir bei dieser EM genauso. Italien hatte 4-5 glasklare Torchancen und hätte das Spiel nach 90 Minuten gewinnen müssen. Die einzige Hoffnung, die man mit diesem System hat, ist das Versagen des Gegners. Das hat bei Chelsea ausgereicht und es brachte England immerhin bis ins Elfmeterschießen. Ziel einer Defensivtaktik sollte es sein, hochkarätige Torchancen des Gegners zu verhindern, was England gegen Italien nicht gut gelungen ist.

Was mich beim englischen Ansatz außerdem stutzig gemacht hat, ist die Zeit, die man Andrea Pirlo am Ball ließ. In einem flachen 4-4-2 muss gegen eine Raute mit einem so starken Sechser einer der Stürmer Druck auf diesen ausüben. Wayne Rooney als hängende Spitze schlich jedoch derartig demotiviert über den Platz, dass man sich schon fragen musste, ob er nicht gedanklich bereits im Sommerurlaub war. Für mich eine der schwächsten individuellen Leistungen bei diesem Turnier. So hatte Pirlo leichtes Spiel und war uneingeschränkter Chef auf dem Platz. Ein guter Anschauungsunterricht für die deutsche Mannschaft.

Das Spiel verlor nach gut einer Stunde an Fahrt und schleppte sich in eine Verlängerung, die an den Standfußball früherer Jahrzehnte erinnerte. Erstaunlich, wie schnell bei diesen warmen Temperaturen der Akku bei den Spielern leer ist. England holzte den Ball bei jeder Gelegenheit von ganz hinten nach ganz vorne auf der Suche nach Carrolls Kopf. Der Schlusspfiff kam als Erlösung für Spieler und Zuschauer. Danach bestätigten sich die alten Klischees und die englische Elfmetergeschichte ist um ein Kapitel reicher.

Italien ist sicher der stärkere Gegner im Halbfinale und ich bin gespannt, ob Prandelli wieder auf ein 3-5-2 umstellt, um Özil besser im Griff zu haben und Pirlo abzusichern. Italien mag individuell nicht mit Deutschland mithalten können, doch schon das Spiel gegen Spanien hat gezeigt, dass die Mannschaft sich taktisch hervorragend auf ihren Gegner einstellen kann. Ein Selbstläufer, wie von vielen Deutschlandfans vermutet, wird das Spiel sicher nicht. Eine gute Chance jedoch, das deutsche Trauma von 2006 zu überwinden.

Meine EM: Englands Angst vor dem Vorrundenaus

In kaum einem anderen europäischen Land liegen Erwartungshaltung und Ertrag so weit auseinander, wie in England. Alle zwei Jahre fährt man (sofern einem die Kroaten keinen Strich durch die Rechnung  machen) mit hohen Erwartungen zum Turnier, wähnt sich als Mitfavorit und fährt dann enttäuscht nach Hause. Dieses Jahr dürfte es kaum anders werden, wenngleich die Erwartungshaltung nicht ganz so hoch ist wie sonst.

Mind the gap

Es sind keine Welten die England von der Weltspitze trennen. Man weigert sich – Kritiker außen vor – jedoch beharrlich, die richtigen Schlüsse zu ziehen und anschließend die richtigen Maßnahmen zu treffen. Der britische Fußball leidet nicht an einer Armut an Talenten. Er leidet jedoch an einem Interessenkonflikt zwischen der starken Premier League und der Nationalmannschaft. Während letztere dringend auf junge Talente angewiesen ist, können erstere dank riesiger Finanzkraft mangelnde Qualität im eigenen Nachwuchs durch Zukäufe ausgleichen. Zudem spielt die Nationalität der Nachwuchsspieler für die Vereine im modernen Fußball eine untergeordnete Rolle. Es wäre also dringend ein nationales Jugendförderungsprogramm notwendig, das einheimische Talent systematisch entdeckt und ausbildet. Andere Länder haben dies schon vor längerer Zeit erkannt – wenn auch meist erst nach herben Enttäuschungen. In England setzt sich die Erkenntnis erst allmählich durch, dass man hier den Anschluss verloren hat.

Vielleicht hat man zu lange auf den Durchbruch der “goldenen Generation” gehofft, die noch in Bruchstücken im aktuellen Kader vertreten ist. Jeder Teilerfolg, jeder Sieg gegen einen großen Gegner lässt diese Hoffnung wieder aufflammen. Dabei wird übersehen, dass diese Siege meistens in unwichtigen Freundschafts-, maximal in Qualifikationsspielen eingefahren werden. Wenn es darauf ankommt werden den Engländern die Grenzen aufgezeigt. Auffällig ist dann auch die Diskrepanz zwischen den Leistungen der Starspieler auf Vereinsebene und im Nationaltrikot. Doch in den Vereinen sind diese Spieler Teil eines internationalen Starkollektivs. Sie können auch deshalb herausragen, weil sie von ihren Mitspielern getragen werden. In der Nationalmannschaft bürdet man Spielern wie Lampard, Gerrard oder Rooney regelmäßig zuviel auf. Die Fallhöhe wird durch die heimische Regenbogenpresse vor den Turnieren durch unrealistische Einschätzungen noch künstlich erhöht. Hinterher ist dann die Verwunderung groß und die Kritik unverhältnismäßig hart.

Weder Fisch noch Chips

Der neue Trainer Roy Hodgson hat nun die undankbare Aufgabe, nach Fabio Capellos überraschendem Rücktritt in kürzester Zeit aus einem fragmentierten Kader ein Team zu formen. Die Causa John Terry vs. Rio Ferdinand wurde auf die vermutlich einzig mögliche Art gelöst. Ich denke jedoch, dass man mit Terry auf das falsche Pferd gesetzt hat. Nach dem Ausfall von Gary Cahill dürfte Joleon Lescott neben ihm verteidigen. Ashley Cole und Glen Johnson als Außenverteidiger sind ebenfalls gesetzt. Das Team ist insgesamt erfahren und hat auch einige talentierte Nachwuchsspieler in seinen Reihen, wie etwa Alex Oxlade-Chamberlain. Dennoch ist die Mischung nicht die beste. Einige Schlüsselspieler sind über ihren Zenit und von den ehemaligen Hoffnungsträgern hat sich nur Wayne Rooney konstant auf höchstem Niveau bewährt.

Milner und Walcott sind als Flügelzange nicht die ganz große internationale Klasse, aber sicherlich gut genug für dieses Turnier. Von Milner kann man keine herausragenden Dinge erwarten, aber er ist ein cleverer Spieler, der seine Aufgabe erfüllt. Um Walcotts Geschwindigkeit optimal einzusetzen braucht man allerdings eine sehr gute Feinabstimmung. An der mangelt es den Engländern jedoch und so bleibt diese Waffe zu häufig stumpf. Ernste Probleme hat England hingegen im zentralen Mittelfeld. Wo man früher zu viele Optionen hatte und es ständig Diskussionen gab, wer mit wem warum nicht zusammenspielen kann, herrscht nun ein Loch. Durch die Verletzung von Barry scheint es auf das Duo Steven Gerrard und Scott Parker herauszulaufen. Individuell sind beide gut, doch als Doppelsechs sehe ich sie nicht auf dem benötigten Niveau. Besonders schlimm wiegt hier der Ausfall von Jack Wilshere, dem spielerisch besten englischen Mittelfeldspieler. Der Verzicht auf ballsichere Akteure wie Carrick oder auch Scholes legt nahe, dass man gar nicht erst versuchen wird, den Ball lange zu halten.

Umso wichtiger wäre die Durchschlagskraft vorne, wo Rooney die ersten beiden Spiele gesperrt ausfallen wird. Bis dahin könnte es für England bereits zu spät sein. Zudem hat es sich in der Vergangenheit nicht als förderlich erwiesen, zu hohe Hoffnungen in einen Einzelspieler zu setzen. Man sollte von England keinen dominanten oder technisch hochwertigen Fußball erwarten. Hodgson weiß, dass sein Kader limitiert und die Zeit seit seiner Inthronisierung viel zu kurz ist, um spielerisch große Fortschritte zu machen. Es dürfte ein sehr “englischer” Stil sein, den seine Mannschaft an den Tag legt. Mit hohen Bällen wird man jedoch nur dann primär arbeiten, wenn Andy Carroll auf dem Platz steht. Schnelle, direkte Angriffe über die Flügel und vertikale Pässe in den Lauf der beweglichen Stürmer Welbeck und Young bieten sich als Angriffsoptionen an. Ob sie als reine Kontermannschaft weit in diesem Turnier kommen werden, ist fraglich.

Meine Prognose: Mehr als das Viertelfinale traue ich England nicht zu. Selbst das wird schwer zu erreichen, wobei zwei der drei Gruppengegner mit eigenen Problemen zu kämpfen haben.

Englands Gruppengegner

Ukraine
Frankreich
Schweden