Schlagwort-Archiv: Weltmeisterschaft

Top 5 individuelle Leistungen im Achtelfinale

Acht Achtelfinals, acht mal setzt sich der Favorit durch. Zum ersten Mal in der WM-Geschichte stehen alle acht Gruppensieger im Viertelfinale. Was nach Langeweile klingt, war allerdings äußerst spektakulär, denn außer Kolbumbien gelang keinem Team ein ungefährdeter Sieg. Fünf Spiele gingen sogar in die Verlängerung.

Dennoch war es am Ende jedes Mal der Favorit, der die Nase vorn behielt – ein deutliches Indiz dafür, dass es sich hierbei nicht (nur) um Glück handelte. Es dürfte vielmehr die individuelle Klasse gewesen sein, die in den meisten Fällen am Ende den Unterschied ausgemacht hat. Somit liegt mein Fokus in der Nachbetrachtung ausnahmsweise mal auf den herausragenden Einzelleistungen des Achtelfinales:

1. Manuel Neuer

Eigentlich ist es unfair, hier nur einen Keeper herauszupicken, denn es gab gleich mehrere außergewöhnlich starke Torhüterleistungen. Tim Howard stellte gegen Belgien einen neuen WM-Rekord auf, was abgewehrte Torschüsse angeht. Am Ende musste er sich jedoch ebenso aus dem Turnier verabschieden, wie Mexikos Ochoa, der nicht nur die Brasilianer in der Vorrunde zur Verzweiflung brachte, sondern auch gegen die Niederlande lange Zeit der Garant dafür war, dass hinten die Null stand. Ebenfalls in der Vordergrund gespielt haben sich Chiles Torwart Claudio Bravo und Algeriens Rais M’Bolhi. Letzterer wehrte gegen Deutschland einige überragende Bälle ab, bevor ihn Schürrles Hackentrick überwinden konnte.

Sie alle wurden jedoch von Manuel Neuers Leistung gegen Algerien in den Schatten gestellt, weil dieser die ganze neue Dimension des Torwartspiels demonstrierte. So konsequent hat nicht mal Rene Higuita den Raum zwischen Mittellinie und Strafraum verteidigt. So beängstigend es auch erschien, wie problemlos Algerien mit langen Bällen hinter Deutschlands Viererkette kam, so bemerkenswert war es, dass nie ein Stürmer mit dem Ball am Fuß frei vor Neuer auftauchte. Weltklasse-Antizipationsspiel!

2. James Rodriguez

Kolumbien überzeugt in Abwesenheit des Superstars Falcao vor allem durch eine starke Mannschaftsleistung und schnellem Kombinationsspiel in der Offensive. Schon in der Vorrunde war erkennbar, dass James Rodriguez dabei zu den wichtigsten Akteuren gehörte. Im Achtelfinale feierte er nun seinen Durchbruch auf internationaler Bühne. Sein erster Treffer hat das Zeug, zum schönsten Tor der WM gewählt zu werden. Mir gefiel das 2:0 allerdings noch besser, weil es die kolumbianischen Stärken perfekt zur Schau stellte. Ein Team-Goal, bei dem selbst Arsène Wenger feuchte Augen bekommen haben dürfte. Wenn es gegen Brasilien um den Einzug ins Halbfinale geht, ist es für Kolumbien jedoch gut zu wissen, dass man einen Spieler wie Rodriguez in den eigenen Reihen hat, der auch im Alleingang eine Partie entscheiden kann – etwas, das den meisten Teams gefehlt hat, die im Achtelfinale ausgeschieden sind.

3. Kevin De Bruyne

In der Vorrunde haben weder Belgien noch De Bruyne den ästhetischen Ansprüchen genügt, die viele an sie stellen. Den Belgiern wird es egal sein, erreichten sie doch trotz des eher mäßigen Spieltempos ungefährdet das Achtelfinale. Gegen die USA zeigten die Belgier nun endlich, was in ihnen steckt. Bei schwierigen Bedingungen gingen sie hohes Tempo und wurden dabei von einem stark aufspielenden Kevin De Bruyne angetrieben. Mit insgesamt 10 vorbereiteten Torchancen war De Bruyne in einem der bislang besten Spieler des Turniers der herausragende Offensivspieler. Am Ende erzielte er das Führungstor und bereitet auch Lukakus Treffer vor. Man mag sich Kommentator Thomas Wark anschließen, dass es nicht gerade für José Mourinho spricht, diesen Spieler nicht an Chelsea gebunden zu haben.

4. Angel Di Maria

Lionel Messi überstrahlt bei Argentinien derzeit alles, auch die eher biederen Auftritte seines Teams bei dieser WM (die aber vor allem Mittel zum Zweck sein dürften). Ähnlich wie bei Real Madrid spielt Di Maria somit ein Stück weit unter dem Radar, zumindest was die ganz große Wertschätzung der Öffentlichkeit angeht. Dabei war Di Maria in dieser Saison bereits im Champions League Finale der entscheidende Spieler auf dem Platz und spielte auch bei der WM eine gute Gruppenphase. Gegen die Schweiz stand er nicht nur wegen seinem Siegtor ausnahmsweise mal komplett im Mittelpunkt. Sein größter Wert für sein Team besteht jedoch eher in den weniger auffälligen Aktionen. Kaum ein Spieler auf der Welt versteht es so gut, sogleich Flügelspieler, als auch zentraler Mittelfeldspieler zu sein.

5. Louis van Gaal

Kurz hatte ich überlegt, an dieser Stelle Arjen Robben zu nennen. Mit seiner Fähigkeit Elfmeter herauszuholen, hat er am Ende das Weiterkommen gegen Mexiko perfekt gemacht. Bislang ist Robben sicher der herausragende Einzelspieler der WM, doch das größte Plus für die Niederlande ist der Trainer. Van Gaal verpasste seinem Team eine unkonventionelle, aber erfolgreiche Taktik und stellte gegen Mexiko zur rechten Zeit um. Warum nun schon wieder viele glauben, das Spiel habe gezeigt, dass Holland nun endlich wieder im 4-3-3 spielen müsse, ist mir schleierhaft. Van Gaal ist mehr Risiko eingegangen, als es für sein Team unvermeidbar war. Insgesamt war jedoch das 3-5-2/5-3-2 System (und seine konkrete Ausführung) der Garant dafür, dass die Niederlande defensiv keine allzu großen Probleme bekommen haben.

Sollte van Gaal mit diesem Team Weltmeister werden, wäre das sein absolutes Meisterstück – als ob er noch eins brauchen würde.

Per Mertesacker durch die Galaxis

Algerien ist auf den ersten Blick ein eher leichter Gegner für ein WM-Achtelfinale. Der Stil der Nordafrikaner könnte Deutschland jedoch größere Probleme bereiten, als man von der Papierform her annehmen würde.

Algerien hat sich bei der WM schon von sehr unterschiedlichen Seiten gezeigt, von sehr defensiv (gegen Belgien) bis sehr offensiv (gegen Südkorea). Dennoch gibt es einige übergreifende Aspekte, die in allen drei Vorrundenspielen zum Tragen kamen. Ein wenig erinnert das Team von Vahid Halilhodzic an das Werder Bremen der abgelaufenen Saison: Sehr linkslastig, bis tief in die gegnerische Hälfte kaum Kurzpässe und dadurch bedingt wenig Ballbesitz und eine schlechte Passstatistik. Kommt einem als Werderfan alles irgendwie bekannt vor. Was die Algerier jedoch deutlich anders machen: Der Ball bleibt auf dem Boden. Von hinten werden lange Flachpässe gespielt, am liebsten diagonal aus der Innenverteidigung auf die Flügel. In dieser Hinsicht ähnelt Algerien also eher Tuchels Mainzern. Im Angriffsdrittel dreht dann jedoch die Kombinationsmaschinerie auf. Häufig heißt es: Alle Mann nach links, mit kurzen Pässen den gegnerischen Außenverteidiger aushebeln und dann die Flanke in die Mitte bringen.

Auf diese Weise ist Algeriens Spiel zwar recht leicht auszurechnen, aber nicht unbedingt einfach zu verteidigen, wenn man in erster Linie sein eigenes Spiel durchsetzen will, wovon wir bei Deutschland und Löw ausgehen dürfen. Kleinere Anpassungen könnten hingegen durchaus sinnvoll sein, wenn auch vielleicht nicht von Beginn an. Gegen Deutschland erwarte ich eine sehr defensiv eingestellte algerische Mannschaft, die zunächst einmal die Null halten will. Das deutsche Ballbesitzspiel ist auf hohem Niveau, es gab aber insbesondere in den ersten beiden Spielen auch schon Unsicherheiten (ausgerechnet bei Lahm) zu beobachten, die es dem Gegner ermöglichten, mit Tempo auf die nicht allzu schnelle Viererkette zuzulaufen. Hier steht Löw nun vor der Entscheidung, das Ballbesitzspiel weiter zu stärken (mit Schweinsteiger als zweitem Achter) oder eher auf bessere Absicherung im Falle eines Ballverlusts zu achten (mit Khedira).

Angesichts der Linkslastigkeit Algeriens stellt sich auch die Frage, ob und in wie weit dies Deutschlands Rechtslastigkeit beeinflusst. Mit Özil, Müller und einem nachrückenden Boateng kann man über die rechte Seite in fast jede Abwehr Löcher reißen. Es birgt jedoch auch das Risiko, dass bei einem Ballverlust zwei bis drei technisch starke, flinke Algerier über diese Seite relativ unbedrängt auf den doch eher langsamen Per Mertesacker zulaufen. Es dürfte eh das Ziel Algeriens sein, mit der Linkslastigkeit den rechten deutschen Innenverteidiger (also Mertesacker) aus dem Strafraum zu ziehen, um so mit Flanken zwischen Hummels und Höwedes für Gefahr zu sorgen. So sattelfest eine Viererkette mit vier gelernten Innenverteidigern bei hohen Bällen auch sein sollte, das Kopfballtor von Ghana zeigte gut auf, dass man mit gutem Timing bei der Flanke trotzdem für Gefahr sorgen kann. Hinzu kommt, dass Algerien zu den kopfballstärkeren Teams des Turniers gehört.

Neben der Personalie Schweinsteiger/Khedira, die – wie in den deutschen Medien üblich – viel zu sehr auf die Frage nach dem Führungsspieler reduziert wird, gibt es für Löw einige weitere Entscheidungen zu treffen. Kehrt er zurück zur offensiven Dreierreihe aus den ersten beiden Partien? Stellt er Özil aufgrund der Linkslastigkeit des Gegners auf die andere Seite? Setzt er mit Schürrle auf eine direktere Variante auf dem Flügel? Erhalten die Außenstürmer mehr Verantwortung in der Bewachung der gegnerischen Außenverteidiger? Ich gehe davon aus, dass Deutschland zunächst auf Ballsicherheit gehen wird, um die Kontrolle über das Spiel zu erlangen. Algerien wird ebenfalls abwartend beginnen und auf Chancen hoffen, die deutschen Schwächen im defensiven Umschalten nutzen zu können.

Unterm Strich muss Deutschland dies Partie ohne Wenn und Aber gewinnen. Das Passspiel wird gegen Algerien jedoch auf eine härtere Probe gestellt, als gegen die aufgrund der besonderen Konstellation doch eher verhaltenen Amerikaner. Es wird viel Geduld erforderlich sein, um auf die Lücken zu warten, die Algerien im Lauf der 90 Minuten aber sicher anbieten wird. Selbst wenn es Algerien gelingen sollte, das deutsche Spiel komplett zu neutralisieren, bliebe immer noch die größere individuelle Klasse und die Möglichkeit, von der Bank neue taktische wie spielerische Elemente in die Partie zu bringen.

Mein Tipp: 4:2 für Deutschland mit mindestens drei Toren in den letzten 20 Minuten.

Vor dem Achtelfinale

Diese Weltmeisterschaft gilt bisher nicht als das Turnier der Europäer. Spanien, Italien, England und Portugal fahren bereits nach der Vorrunde nach Hause. Schaut man sich aber die Zahlen an, sieht das europäische Ergebnis gar nicht so schlecht aus. Sechs Teams stehen im Achtelfinale, davon die Niederlande, Frankreich, Deutschland und Belgien als Gruppensieger. Was gerne vergessen wird: Vor vier Jahr waren es ebenfalls nur sechs europäische Teams, die dann im Achtelfinale alle aufeinander trafen. Die drei Sieger belegten am Ende die ersten drei Plätze. Auch das südamerikanische Ergebnis ist nicht wirklich besser als vor vier Jahren. Damals wie heute erreichten fünf südamerikanische Teams das Achtelfinale. In diesem Jahre werden aber, dem Spielplan geschuldet, nicht vier Mannschaften des Kontinents das Viertelfinale erreichen können, wie es 2010 der Fall war.

Dennoch ist das Turnier nicht arm an Überraschungen. Damit sind gar nicht unbedingt die Favoriten gemeint, die schon in der Vorrunde ausgeschieden sind. Das passiert immer  wieder mal und macht den Charme einer WM mit aus. Auch dass sich der Weltmeister sang- und klanglos in der Gruppenphase verabschiedet, wird langsam zur Tradition. Im Gegensatz zu Italien (2010) und Frankreich (2002) hat Spanien dabei immerhin noch ein Spiel gewonnen und kann sich ein klein wenig damit trösten, gegen zwei der bislang besten Teams des Turniers ausgeschieden zu sein.

Die für mich größte Überraschung im negativen Sinne war die Leistungen der asiatischen Teams. Australien hatte das Pech, in die schwierigste Gruppe gelost zu werden und vom Iran konnte man nicht viel mehr erwarten als totale Defensive (was sie ziemlich gut gemacht haben). Japan und Südkorea hingegen waren von Anfang bis Ende enttäuschend. Beide Mannschaften konnten nicht annähernd die Qualität auf den Platz bringen, die ihre Spieler mitbringen. Südkorea war mit der einen oder anderen Slapstickeinlage in der Defensive nie ein Kandidat fürs Achtelfinale und Japan fand über 270 Minuten keinen Weg, aus den vorhandenen spielerischen Möglichkeiten eine funktionierende Offensivstrategie zu entwickeln. Gegen Griechenland wirkten sie dermaßen hilflos bei ihren Flankenversuchen, dass es beim Zuschauen wehtat – erst recht, wenn man weiß, zu was diese Spieler eigentlich fähig sind.

Sehr viel Spaß hat mir Costa Rica bislang gemacht. Eine Halbzeit lang sahen sie aus wie ein graues Mäuschen, das sich nach drei Spielen brav wieder in den Flieger setzen würde. Dann drehten sie auf. Taktisch ist das sehr hochwertig und auch wenn über die Paarung gelacht wird, ich freue mich sehr auf Costa Rica gegen Griechenland. Eine Kontermannschaft gegen ein reines Defensivbollwerk, da wird mindestens eine Mannschaft ihren Matchplan anpassen müssen. Oder mogeln sich die Griechen am Ende doch wieder durch, ohne auch nur einen Hauch in die Offensive zu investieren?

Ebenfalls begeistert hat mich Kolumbien, auch wenn das keine Überraschung war und sie nicht die stärksten Gegner hatten bislang. Die spielen das mit einer Souveränität und Selbstverständlichkeit, die beeindruckend ist für eine Mannschaft, die seit 16 Jahren nicht für eine WM qualifiziert war und erst einmal das Achtelfinale erreichte. Spielerisch wussten sie bislang mehr zu überzeugen als etwa Belgien, die zwar 9 Punkte holten, aber dabei einen eher pomadigen Eindruck hinterließen. Chiles Leistung war wie erwartet, deshalb löste sie weniger Euphorie bei mir aus, als sie es verdient hätte. Eine Mannschaft, bei der Mesut Özil der mit Abstand größte Feldspieler wäre, pflügt sich mit Kraft, Technik und gnadenlosem Pressing durch die Gegner und muss nur gegen das Umschaltmonster aus den Niederlanden eine Niederlage hinnehmen. Auch den Brasilianern werden sie damit große Probleme bereiten. Die konnten sich noch nicht entscheiden, ob sie bei ihrer Heim-WM die Hauptattraktion sein wollen oder sich mit einer Nebenrolle zufrieden geben. Überzeugt haben mich die Leistungen bislang nicht, taktisch liegt bei Brasilien einiges im argen und vom Niveau des Confed-Cups letztes Jahr sind sie noch ein Stück entfernt. Doch wie für alle Favoriten gilt: Die WM geht erst mit der K.O.-Phase richtig los, wenn sie da nicht schon vorbei ist. Eine Leistungssteigerung ist den Brasilianern ebenso zuzutrauen, wie der argentinischen One-Man-Show.

Wer aber sind die Favoriten? Geht man nach den bisher gezeigten Leistungen, sind hier die Niederlande und Frankreich ganz vorne. Die Franzosen spielen einen tollen Konterfußball, ähnlich wie Deutschland vor vier Jahren. Sie schalten gut um und haben in Benzema einen der Spieler des Turniers in ihren Reihen. Im Mittelfeld machen Pogba, Valbuena, Griezmann und Matuidi einfach Spaß. Noch bin ich allerdings skeptisch, ob das 4-1-4-1 auch defensiv hält, was es verspricht. Der unorthodoxe Stil der Nigerianer wird sicherlich nicht leicht zu bändigen sein. Der erste Gegner auf Augenhöhe kommt aber frühestens im Viertelfinale. Die Niederlande haben sich spätestens mit dem Sieg gegen Chile zum Turnierfavoriten aufgeschwungen. Van Gaal erweist sich als erstaunlich pragmatisch und prägt dabei quasi im Vorbeigehen einen ganz neuen Stil. Von Arjen Robben mag man halten, was man will. In der aktuellen Form ist er kaum zu stoppen und ganz sicher einer der besten Spieler der Welt.

Und dann wäre da noch Deutschland. Eine Vorrunde mit drei sehr unterschiedlichen Spielen ist eine gute Vorbereitung auf das, was in diesem Turnier noch kommen kann. Gegen Portugal kamen Matchglück, ein indisponierter Gegner und eine starke eigene Leistung zusammen. Gegen Ghana gab es in der zweiten Hälfte ein enorm offenes und am Ende auf dem Zahnfleisch absolviertes Spiel, bei dem man auch die eigenen Schwächen aufgezeigt bekam. Gegen die USA gab es ein taktisch geprägtes Spiel gegen eines der spielerisch schwächsten Teams des Turniers. Die Amerikaner überzeugen aber durch Team-Spirit, gute Physis und sehr diszipliniertes Defensivspiel und waren deshalb eine Prüfung, an der sich das deutsche Team lange die Zähne ausbeißen durfte.

Löws System gefällt mir. Das 4-3-3 bietet viele Möglichkeiten, die eigenen Stärken ins Spiel zu bringen und wird sehr flexibel ausgelegt. In allen drei Spielen dominierte man das Mittelfeld und hat mit Lahm, Kroos, Schweinsteiger und Özil eine Ballsicherheit, wie sie Spanien in diesem Turnier vergeblich gesucht hat. Endlich nutzt Löw auch die Stärke seiner Bank und bringt mit Klose, Khedira/Schweinsteiger, Schürrle oder Podolski neue Elemente ins Spiel.

Die Besetzung der Außenverteidigung sehe ich mit gemischten Gefühlen und es würde mich wundern, wenn man so das Turnier erfolgreich bis zu Ende spielen könnte. Boateng macht seine Sache auf rechts gut, ihm liegt diese Position viel eher, als Höwedes auf der anderen Seite. Von ihm kommen auch gefährliche Flanken und er nutzt die Lücken, die Özil und Müller auf dem rechten Flügel reißen. Dadurch ergibt sich jedoch eine Einseitigkeit im deutschen Spiel und man muss kein Taktikexperte sein, um die Anfälligkeit auf der linken Seite zu erkennen. Mit Podolski (ausgerechnet!) gab es dort gegen die USA schon etwas mehr Stabilität, da dieser sich weit mit zurückfallen ließ, um Johnsons Vorstöße zu entschärfen. Dennoch ist das Fehlen eines echten Linksverteidigers bedauerlich. Höwedes ist nach vorne (außer bei Standards) völlig ungefährlich, hinterläuft fast nie und beschränkt sich darauf, im zweiten Spielfelddrittel für Breite zu sorgen.

Aber das ist bald alles Makulatur, denn nun geht es endlich richtig los.

Renaissance der Dreierketten

Fünf Mannschaften spielen bei dieser WM bislang mit einer Dreier- bzw. Fünferkette. Alle fünf haben ihre Auftaktspiele gewonnen. Der Trend zurück zu Abwehrformationen mit drei Innenverteidigern ist nicht neu, doch er kommt bei diesem Turnier stärker zum Tragen als bspw. in der Champions League, wo nur wenige Teams ein solches System spielen.

Die Radikalste Variante spielt Chile im 3-4-1-2, bei dem die Wingbacks eher als offensive Mittelfeldspieler agieren, denn als zusätzliche Abwehrspieler. Die Stärken und Schwächen des Systems kamen gegen Australien auch direkt zum Vorschein: Solange Chile aggressiv presst, funktioniert es gut und man kann den Gegner permanent unter Druck setzen. Sobald der Druck nachlässt, bekommt man defensiv Probleme und wird hinten auseinander gerissen. Chile hat das Potenzial bei diesem Turnier richtig weit zu kommen, aber dafür müssen sie eine bessere Balance zwischen ihrem typischen Powerfußball und den in Brasilien nötigen Verschnaufpausen finden.

Das defensive Gegenstück bildet das 5-4-1 Costa Ricas, mit dem man einer harm- und in der zweiten Halbzeit kraftlosen Mannschaft aus Uruguay den Zahn ziehen konnte. Die Kombination aus doppelter Absicherung auf den Flügeln und einem dritten Innenverteidiger ist sehr defensiv, doch Costa Rica spielte bislang keinen Mauerfußball. Offensiv ist solch ein System eigentlich recht bieder, doch das machten die Mittelamerikaner mit ihrer Leidenschaft wieder wett, mit der sie immer wieder Nadelstiche setzten. Es scheint ohnehin der erfolgsversprechendere Matchplan zu sein, das Tempo zu dosieren und nur mit vereinzelten Druckphasen den Gegner zu attackieren. Das machte Costa Rica sehr gut.

Die Niederlande sorgten gegen Spanien für das Schockergebnis dieser WM. Einen amtierenden Weltmeister so abzufertigen ist in der Geschichte der Weltmeisterschaft einmalig. Bei der Einordnung des Ergebnisses muss man sicherlich die Umstände (irreguläres Tor zum 1:3, Matchglück, völlige Indisponiertheit Spaniens in der letzten halben Stunde) berücksichtigen, doch das macht dieses Spiel kaum weniger spektakulär. Van Gaals unkonventionelles 5-3-2/3-5-3 ist nur auf dem Papier ein ultra-defensives System. Die vorderen drei Spieler übten permanenten Druck auf den Spielaufbau der Spanier aus und auch die beiden Sechser verteidigten gegen Xavi und Xabi Alonso munter nach vorne. Den dadurch entstehenden Raum im Zentrum konnte Spanien paradoxerweise jedoch kaum nutzen. Alle drei Mittelfeldspieler ließen sich häufig weit zurückfallen, um dem Druck der Gegenspieler zu umgehen. Davor war man sehr linkslastig, agierte teilweise mit sechs Mann in der linken Spielfeldhälfte und kombinierte sich auch einige Male erfolgreich durch. Wenn dies gelang und der Ball im offensiven Zentrum ankam, wurde es promt gefährlich, denn dann hatten die Niederlande mit fünf Mann auf einer Linie kein Mittel gegen die Schnittstellenpässe von Xavi und Iniesta. Die hätten das Spiel kurz vor der Halbzeit schon fast entschieden, doch Silva vergab frei vor dem Torwart und im Gegenzug erzielte Van Persie den Ausgleich.

Offensiv sind die Niederlande mit ihrem geradlinigen Fußball, den starken Diagonalpässen von Blind und der individuellen Klasse der Dreierreihe ein ernster Titelkandidat. Defensiv wirkten sie auf mich nicht so überzeugend, denn obwohl Spanien auch in der ersten Halbzeit das Spiel nicht dominieren konnte, ließ das niederländische Kollektiv doch recht viele gefährliche Situationen zu. Eigentlich sollten mit einer Fünferkette die Gelegenheiten für Steilpässe durch die Schnittstelle minimiert werden. Aber welcher andere Gegner hat schon die Qualitäten von Spanien, um diese Lücken auszunutzen (auch wenn Xavi bei dieser WM für Spanien zum Problemfall werden könnte, aber das ist ein Thema für sich).

Mexikos 3-5-2 wurde gegen Kamerun kaum getestet. Die Wingbacks konnten gefahrlos mit aufrücken, weil der Gegner den Raum dahinter fast nie zu nutzen wusste und kein Tempo in die eigenen Gegenstöße brachte. Damit spielte Kamerun leider in etwa so, wie ich es erwartet habe. Das ist ganz magere Fußballkost. Dennoch hatte Kamerun ein paar gute Torchancen, denn Mexiko ist trotz verbesserter Offensive noch nicht auf dem Niveau, zu dem das Team fähig sein könnte. Unter Druck wirken Marquez und seine beiden Nebenleute nicht mehr so souverän, wie man das beispielsweise vor vier Jahren noch gesehen hat. Kroatien dürfte mit seinen Tempoangriffen über die Flügel ein sehr schwieriger Gegner werden und meine Tendenz geht momentan eher dahin, dass es fürs Achtelfinale nicht reichen wird.*

Zu guter letzt lief auch Argentinien mit einer Dreierkette auf. Das 3-3-2-2 wirkte auf mich ein wenig übervorsichtig. Der Spielaufbau der Argentinier war über weite Strecke so langsam, dass es den Anschein hatte, die Spieler schonten sich bereits fürs Achtelfinale. Der Sechserblock in der Defensive wurde von Bosnien kaum geprüft, weil keine Angriffe mit Tempo vorgetragen wurden. Ballgewinne gab es fast nur in der eigenen Hälfte und das Umschaltspiel brachte Argentinien nicht in Verlegenheit. Ich würde Argentinien gerne mal gegen eine starke Kontermannschaft sehen. In der schwachen Gruppe wird das eher nicht der Fall sein, im Achtelfinale könnte es dann ein böses Erwachen geben.

In der Offensive gab es nur wenig Struktur, man verließ sich hauptsächlich auf Messis Klasse, die dieser in der ersten Halbzeit weitgehend schuldig blieb. Mit seiner ersten Aktion leitete er jedoch das 1:0 ein und beim 2:0 zeigte er dann noch einmal seine ganze Klasse. Individuell sucht diese Aktion seinesgleichen. Messis Spielweise in den letzten 12 Monaten gefällt mir jedoch nicht. Er nimmt sich lange Schaffenspausen, beteiligt sich kaum am Kombinationsspiel und am Pressing. Zu seinen besten Zeiten war er auch ohne seine Tore der beste Spieler der Welt, weil er im Minutentakt gefährliche Situationen mit einleitete und Bälle zurückeroberte. Heute ist er in 70 von 90 Minuten ein Durchschnittsspieler, der wenig Einsatz zeigt. Auf diese Weise ist Messi zwar immer noch Weltklasse, aber steht nicht mehr über allen anderen – auch wenn genau dieser Status einer der Gründe für den veränderten Stil sein dürfte. Ein anderer ist möglicherweise sein Fitness. Er hat vier Jahre fast am Stück gespielt und hatte im letzten Jahr mit mehreren Verletzungen zu kämpfen.

Schwer zu sagen, ob der Trend zur Dreierkette anhalten wird. In Südamerika und Italien war das 3-5-2 nie so aus der Mode wie hier (wo man sehr lange brauchte, bis die Viererkette überhaupt in Mode kam). Spätestens seit Pep Guardiola beim FC Barcelona mit einem 3-4-3 und einem 3-3-4 experimentierte, wird im Weltfußball wieder vermehrt nach Alternativen zur Viererkette gesucht. Vor vier Jahren spielten bereits einige Teams mit einer Dreier- bzw. Fünferabwehr, darunter Chile und Mexiko. In diesem Jahr wagen sich auch die Schwergewichte Argentinien und die Niederlande daran und es könnte zum ersten Mal seit 1990 dazu kommen, dass ein Team Weltmeister wird, das nicht mit einer Viererkette spielt.

*Und schon macht mir die Aktualität einen Strich durch die Rechnung.

WM-Stöckchen 2014

Mit Stöckchen ist es ja so eine Sache. Aber wenn es einem vom Trainer zugeworfen wird, dann fängt man es einfach – zumindest solange es nicht beinhaltet, in ein öffentliches Gewässer springen zu müssen.

Dein erstes bewusstes WM-Erlebnis war?

WM 1986. Urlaub am Gardasee. Ich war ziemlich krank und musste ein Medikament nehmen, dass so ähnlich wie Ananas geschmeckt hat, nur mit einem unglaublich ekeligen Nachgeschmack. An die Fußballspiele selbst kann ich mich gar nicht mehr richtig erinnern, aber ich weiß, dass wir die Spiele draußen nachgespielt haben und ich immer Belgien sein wollte. Nach dem Turnier war ich auch noch einige Wochen der festen Meinung, dass Belgien Weltmeister geworden wäre.

Mit welcher WM-Legende würdest Du gern einmal Doppelpass spielen?

Mit allen. Bei WM-Legenden bin ich nicht wählerisch. Wenn ich die Wahl hätte, dann Zidane. Oder Pirlo. Oder Xavi.

Welchem TV-Kommentator wirst Du bei der WM gerne zuhören?

Ich bin leider auf die öffentlich-rechtlichen Sender angewiesen, deren Berichterstattung zu den großen Turnieren in den letzten Jahren ziemlich grottig war. Das gilt auch für die meisten Kommentatoren und da es dort quasi keine Durchlässigkeit gibt, kommt der talentierte Nachwuchs nicht mal in die Nähe einer WM. Dafür Poschmann, Rethy und Simon. Am erträglichsten finde ich Schmidt und Gottlob, Wark ist an guten Tagen auch ok.

Aber gut, es ist WM, wer braucht da Kommentatoren?

Die Iren haben sich für die WM am Zuckerhut leider nicht qualifiziert. Welchem weiteren Land drückst Du neben Jogis Jungs als »Zweitteam« die Daumen?

Ein wirkliches Zweitteam habe ich nicht. Es gibt einige Teams, auf die ich mich aus unterschiedlichen Gründen sehr freue. Chile natürlich, Belgien, Italien, Japan. Ich freue mich bei Weltmeisterschaften aber prinzipiell auf alle Mannschaften, gerade weil da auch Länder bei sind, von denen ich in den vier Jahren davor fast gar nichts gesehen habe.

Zum Ausdruck “Jogis Jungs” haben Vert et Blanc bereits alles gesagt.

Zu Jogis Jungs: Nenne Deine beiden Lieblingskicker aus dem deutschen Kader?

Per Mertesacker mag ich sehr gerne. Seit er bei Arsenal ist, mag ich ihn fast noch mehr als zu Werder-Zeiten. Scheint mir einer der wenigen Fußballer mit Humor zu sein, der über die üblichen Pausenclowns hinausgeht.

Rein sportlich müsste ich jetzt Mesut Özil nennen, der einerseits oft zu hart kritisiert wird (kaum ein Spieler hat in der Premier League mehr Chancen vorbereitet als er) und andererseits noch so viel mehr kann, als er 2014 bislang gezeigt hat.

Alternativ nenne ich noch Miroslav Klose. Wer hätte schon gedacht, dass er 2014 noch immer “der” deutsche Mittelstürmer sein würde. Sehr beeindruckend und die beiden Tore, die er noch braucht, um Ronaldo zu überholen, wird er bei diesem Turnier schießen.

Es ist natürlich Zufall, dass alle drei mal bei Werder gespielt haben.

Wie weit kommen Jogis Jungs?

Trotz aller Probleme in der Vorbereitung rechne ich Deutschland gute Chancen zu, ein gutes Turnier zu spielen. Für den Titel wird es eher nicht reichen, da müssten sich schon sämtliche Sorgen um die Fitness von Schlüsselspielern in Luft auflösen. Das Halbfinale ist aber wieder drin.

(Wenn nicht Jogis Jungs:) Wer wird am 13.07.2014 im Maracanã Weltmeister?

Brasilien hat mich im ersten Spiel enttäuscht, aber sie bleiben neben Spanien für mich der Topfavorit. Italien hat auch gute Chancen. Wenn ich mich festlegen muss, sage ich aber Argentinien.

Ist es schon zu spät, das Stöckchen noch weiterzugeben? Falls nicht, reiche ich es an Stephen, der traurig ist, weil ihn nie jemand fragt.

WM-Erwartungen

Die Zeit rennt. Und weil so wenig davon übrig bleibt, gibt es an dieser Stelle ein paar komprimierte Erwartungen an die kommende WM – rein fußballerisch:

Es wird viel über das Klima gesprochen. Die einen halten es für einen der wichtigsten Aspekte bei diesem Turnier, andere meinen, dass es keine große Rolle spielen wird. Ich halte es da mit Joachim Löw: Europäische Mannschaften, die ihr Spiel nicht den klimatischen Bedingungen anpassen, werden in der K.O.-Runde gnadenlos untergehen. 30 Grad im Norden Brasiliens sind nicht vergleichbar mit ähnlichen Temperaturen in Europa. Es hat Gründe, warum der brasilianische Fußball deutlich langsamer ist, als der europäische. Das Motto dieser WM könnte daher eine Zeile der Band “The Horrors” werden: “The moment that you want is coming if you give it time.” Nur wer sich die Kräfte gut einteilt, wird auch die zweite Turnierhälfte erfolgreich spielen. Man erinnere sich an die ausgelaugten Spanier im Finale des Confed-Cups.

Gruppe A

In der Summe aus Qualität des Kaders, Taktik, Klimabedingungen und Heimvorteil ist Gastgeber Brasilien der klare Favorit bei dieser WM. Die Mannschaft ist nicht mit Superstars gespickt, funktioniert aber seit Scolaris Übernahme als hervorragende Einheit. Grund für überschwänglichen Optimismus haben die Brasilianer trotzdem nicht: Sie gingen auch favorisiert in die letzten beiden WM-Turniere und enttäuschten jeweils.
Kroatien hat ein hervorragendes Mittelfeld und mit Mandzukic einen tollen Stürmer. Ob das reicht, um bei der WM groß aufzutrumpfen? Ich glaube nicht, aber für das Achtelfinale sollte es langen.
Mexiko hat eine gruselige Qualifikation gespielt, dürfte aber stärker in das Turnier gehen, als man annehmen könnte. Auf die Dreierkette und das anspruchsvolle System bin ich gespannt.
Kamerun traue ich wenig bis nichts zu, beim 2:2 gegen Deutschland hat mich das Team mal wieder nicht überzeugt. Lediglich Choupo-Moting könnte bei dem Turnier groß herauskommen.

Gruppe B

Die Todesgruppe. Spanien bleibt trotz aller Unkenrufe der zweite große Favorit des Turniers. Den besten Kader hat der Titelverteidiger nach wie vor, doch einige Schlüsselspieler sind außer Form. Ob Xavi vor der Doppelabsicherung Busquets/Alonso noch einmal glänzen kann? Zu gönnen wäre es ihm, es könnte aber auch sein, dass Del Bosques Loyalität seinen Stars gegenüber bestraft wird. Trotzdem: Drei Turniere in Folge gewonnen, ohne Gegentor in den K.O.-Runden. Den Titel holt man auch 2014 nur über Spanien.
Die Niederlande haben sich unter Van Gaal im neuen System zumindest defensiv stabilisiert. Offensiv soll die individuelle Klasse reichen. Vor nicht allzu langer Zeit hätte ich ein Vorrundenaus für die Niederlande für wahrscheinlich gehalten, inzwischen bin ich mir da nicht mehr sicher und traue dem jungen Team sogar zu, eine der großen Überraschungen zu werden.
Chile ist alles zuzutrauen, positiv wie negativ. Egal, wie weit sie mit ihrem Ultra-Pressing kommen, ihre Spiele werden spektakulär sein. Doch auch sie werden ihren Stil nicht das ganze Turnier über durchziehen können – es sei denn sie scheiden in der Vorrunde schon aus.
Australien hat Pech, in so einer starken Gruppe zu spielen. Mehr als einen hart erkämpften Punktgewinn traue ich ihnen nicht zu.

Gruppe C

Kolumbien ohne Falcao? Immer noch ein Kandidat fürs Viertelfinale. Es gibt sogar Experten, die das Team ohne ihn stärker sehen, wenn seine individuelle Klasse auch fehlen wird.
Griechenland hat wie immer eine Kämpfertruppe zusammen, für das Achtelfinale fehlt mir diesmal aber die Fantasie.
Die Elfenbeinküste hat seit langem mehr mit den eigenen Problemen zu kämpfen, als mit dem Gegner. Vom Potenzial die wohl beste afrikanische Mannschaft, in der Realität meistens nicht.
Japan ist mein Favorit auf Platz 2 und eine der Mannschaften, denen ich am liebsten zuschaue. Technisch und taktisch hochwertig, mit etwas Glück reicht es für das Viertelfinale. Für mehr fehlt wohl leider die individuelle Klasse.

Gruppe D

Uruguay ist über den Zenit hinaus, was etwas schade ist. Die Mannschaft ist überaltert und eigentlich wäre es verwunderlich, wenn man das Niveau von 2010 und 2011 wieder erreichen könnte. Doch in so einem Turnier ist einer erfahrenen Mannschaft alles zuzutrauen, erst recht wenn sie Luis Suarez vorne drin hat.
Costa Rica ist immer dabei, in der zweitstärksten Gruppe aber chancenlos.
England interessiert mich zum ersten Mal seit langem mal wieder wirklich. Junges Team mit großem Potenzial. Aber hat der Trainer den Mut darauf zu setzen oder sehen wir am Ende wieder Gerrard/Lampard im Mittelfeld?
Italien hat sich unter Prandelli toll entwickelt, scheint mir jedoch nicht ganz so toll im Saft zu stehen, wie vor zwei Jahren. Das Viertelfinale sollte es mindestens sein und wenn Pirlo ins Turnier findet kann es auch weiter gehen.

Gruppe E

Die Schweiz unter Hitzfeld ist sehr konstant, deshalb werden sie die Gruppe überstehen, vielleicht sogar vor den Franzosen. Die leichte Quali-Gruppe täuscht aber über die beschränkten Mittel hinweg.
Ecuador ist die einzige südamerikanische Mannschaft, die nie bei den Kandidaten für die letzten acht auftaucht. Ihre Chancen werden wohl von Frankreichs Form abhängen.
Die Franzosen scheinen einigermaßen gestärkt ins Turnier zu gehen. Trotz aller Klasse im Kader, Riberys Ausfall werden sie nicht verkraften können und es würde mich wundern, wenn sie weit kommen. Auch ein erneuter Kollaps in der Vorrunde scheint denkbar.
Von Honduras habe ich sehr wenig gesehen in den letzten Jahren. Ihr Stil wirkt nicht sehr spannend, könnte aber einigen Gegnern offensiv Probleme bereiten.

Gruppe F

Argentinien hinkt seit fast schon Jahrzehnten den Ansprüchen hinterher. Ändert sich das in diesem Jahr? Taktisch wirkt das Team seit dem Maradona-Debakel gereift und die Zusammensetzung aus Di Maria, Messi und Aguero ist äußerst vielversprechend. Das Halbfinale sollte drin sein.
Bosnien und Herzigowina ist endlich bei einem großen Turnier und für mich klarer Favorit auf Platz 2 hinter den Argentiniern. Für Werderfans interessant: Hajrovic in Aktion erleben.
Zum Iran habe ich fast keine Meinung. Gegen mittelmäßige Teams können sie wohl die Null halten, mehr aber auch nicht.
Nigeria wird sich leider in die Riege der enttäuschenden afrikanischen Teams einreihen.

Gruppe G

Wie steht es um Deutschlands WM-Chancen? Im eigenen Land glaubt kaum einer daran. Meine Erwartungshaltung werde ich in einem separaten Artikel erläutern. So viel vorab: Völlig schwarz sehe ich für Löws Team nicht, ganz im Gegenteil, auch wenn es nicht für den Titel reichen wird.
Portugal ist defensiv eines der besten Teams des Turniers. Offensiv ist man sehr abhängig von Ronaldo, aber das muss kein Nachteil sein, wenn er seine Fitness wiedererlangt.
Ghana schätze ich von allem afrikanischen Teams am stärksten ein, doch ich glaube trotzdem nicht an ein Überstehen der Vorrunde.
Auch die USA sind eigentlich gut genug für das Achtelfinale, wenn die starke Gruppe nicht wäre.

Gruppe H

Belgien ist der überhaupt nicht mehr geheime Geheimfavorit. Eine echte Chance auf den Titel räume ich ihnen nicht ein, dafür sind sie a) zu unerfahren und b) ist ihr Spiel zu physisch. Das Viertelfinale würde ich ihnen wünschen, allein schon, um ein paar mehr Spiele von ihnen sehen zu können. Ein toller Kader und endlich mal wieder eine Teilnahme an einem großen Turnier.
Algerien ist ebenfalls ein Team, das ich nicht einschätzen kann und daher möglicherweise gnadenlos unterschätze.
Russland habe ich vor zwei Jahren ein Vorrundenaus prophezeit. Dieses Jahr scheinen sie mir eine bessere Balance zu haben. Das Achtelfinale ist diesmal drin.
Südkorea ist eigentlich ebenfalls ein Mannschaft die ich gerne spielen sehe und hoch einschätze. Seit der WM 2010 sehe ich sie aber nicht unbedingt verbessert. Gegen Russland und Belgien wird es eng mit dem Achtelfinale.

Weitere WM-Berichterstattung wird es hier geben, ich weiß allerdings noch nicht in welchem Umfang. Jetzt freue ich mich erst einmal auf das Auftaktspiel.

WM 2010: Deutschland – Spanien

Deutschland – Spanien 0:1

Aus der Traum vom vierten Stern. Die Spanier waren gestern eine Nummer zu groß für diese junge Mannschaft. Sicher kein Grund so richtig enttäuscht zu sein, denn das deutsche Team hat eine tolle WM gespielt. Die Siege gegen Argentinien und England und die Art und Weise, wie sie herausgespielt wurden, werden noch lange nachhallen. In Südafrika wurde ein neues Fundament geschaffen, auf dem man für die nächsten 6 – 8 Jahre aufbauen kann.

Dank einer überraschenden taktischen Umstellung (Pedro statt Torres) konnten die Spanier ihr Kurzpassspiel wie gewohnt aufziehen und trotzdem für Gefahr über die Flügel sorgen. Defensiv kann man dem deutschen Team kaum einen Vorwurf machen, außer dass sie sich zu weit nach hinten drängen ließen. Das war schon 2008 das Problem. Spanien beherrscht es wie kein zweites Team bei dieser WM, seine Gegner hinten einzuschnüren. Man kann diese Spielweise mit scheinbar endlosen Ballstaffetten langweilig finden, weil sie gegen gute Gegner nicht zu einem allzu schnellen Spiel oder vielen Torchancen führt. Sie aber (wie Marcel Reif gestern abend) als schlecht zu bezeichnen, schießt deutlich am Ziel vorbei. Das Spiel war auf einem hohen Niveau und eines WM-Halbfinales absolut würdig. Mit Spanien hat es auch den verdienten Sieger gefunden.

Nach dem Spiel fühle ich mich ein bisschen bestätigt in meinen Aussagen bezüglich Spaniens Plan B. Die Taktik wurde für das Spiel leicht angepasst, aber die allgemeine Spielweise blieb über die gesamten 90 Minuten fast gleich. Als einzige Mannschaft schafften sie es, sowohl Özil aus dem Spiel zu nehmen (mein Man of the Match: Sergio Busquets) als auch die defensiven Mittelfeldspieler pausenlos unter Druck zu setzen. Nach dem Führungstor gaben die Spanier den Deutschen etwas mehr Ballbesitz, zogen sich jedoch nicht vollständig zurück, sondern störten den Spielaufbau weiterhin bevor er richtig gefährlich wurde. Eine wirkliche Ausgleichschance konnte sich die deutsche Mannschaft nicht erspielen. Wenn also eine Mannschaft einen Plan B benötigte, dann die Deutschen. Falls dieser Plan B die Einwechslung von Mario Gomez gewesen sein soll, dann ist sie kläglich gescheitert. Ein detaillierte taktische Aufarbeitung des Spiels gibt’s (wie immer) bei Zonal Marking. Dort steht eigentlich alles drin, was es dazu zu sagen gibt.

Gewurmt hat mich neben der passiven Herangehensweise, die man dieser jungen Mannschaft jedoch nicht vorwerfen sollte, die Entstehung des Führungstores. Wahrscheinlich hätte Spanien irgendwann auch aus dem Spiel heraus getroffen, zur Not in der Verlängerung. Trotzdem sollte man es dem Gegner nicht so leicht machen bei einer Standardsituation. Dieses Tor war kein Zufallsprodukt, sondern ein einstudierter Spielzug, den ich gestern nicht zum ersten Mal gesehen habe: Die Ecke wird auf Pique gespielt, der zum Kopfball hochsteigt, aber nicht zum Ball geht. Dadurch schirmt er den Ball vor den Verteidigern ab. Von hinten kommt dann ein anderer Spieler – in diesem Fall Puyol – und köpft den Ball rein. Das funktioniert natürlich nur gegen Mannschaften, die bei Standards Raumdeckung spielen. Ich kann mir kaum vorstellen, dass die deutschen Scouts das Team nicht auf diese Variante vorbereitet haben. Umso trauriger, dass Spanien auf so einfache Weise das Spiel entscheiden konnte.

Nun bin ich sehr gespannt, wie sich die Niederlande im Finale schlagen werden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie gegen Spanien von einem Rückstand zurückkommen können. Allerdings haben sie die Erfahrung und den Zynismus, die Spanier über 90 Minuten zu nerven und vielleicht einen entscheidenden Konter zu setzen. Ein schnelles Spiel sollte man auch hier nicht erwarten. Für Deutschland geht es gegen Uruguay zumindest um den dritten Platz, der zwar nur ein schwacher Trost, aber eine verdiente Belohnung für dieses tolle Turnier wäre. Löw hat sich die Spanier zum Vorbild genommen und seiner Mannschaft einen ähnlichen Stil beigebracht. Gestern hat sich das Original durchgesetzt. Spaniens goldene Generation hat ihren Zenit erreicht. Deutschlands goldene Generation steht noch am Anfang ihrer Entwicklung und ist dafür schon verdammt weit.

Die Sache mit dem Plan B

Ein Vorwurf, dem sich unser heutiger Gegner Spanien immer wieder ausgesetzt sieht, ist der, dass sie keinen Plan B haben. Ähnlich Vorwürfe gibt es auch immer wieder gegen den FC Barcelona, der ähnlich spielt. Die Teams, so der Vorwurf, seien nicht in der Lage, auf unvorhergesehene Situationen adäquat zu reagieren, indem sie ihre Spielweise umstellen.

Grundsätzlich sollte man die Frage stellen, warum ein “Plan B” hier überhaupt nötig ist. Ist eine Mannschaft, die im Jahr 1 nach der erfolgreichsten Saison der europäischen Vereinsfußballgeschichte den Rekord von 99 Punkten in der heimischen Liga aufstellt, mit ihrem Plan A nicht erfolgreich genug? Braucht eine Mannschaft, die amtierender Europameister ist, seit dem Titelgewinn bis WM-Beginn von 26 Spielen 25 gewonnen hat, in den letzten 43 Monaten nur zwei Fußballspiele verloren hat und nun im WM-Halbfinale steht, wirklich einen Plan B? Klingt doch nach einem ziemlich guten Plan A.

Die Idee des Plan B ist es, auf Situationen, in denen die Ausgangstaktik nicht funktioniert, reagieren zu können. Sei es durch eine Umstellung des Systems, der Spielweise oder durch Variationen. Hierbei wird schon deutlich, dass es sich beim Problem der Spanier wie Katalanen um ein Luxusproblem handelt. Die Ausgangstaktik funktioniert fast immer. Das liegt unter anderem daran, dass man im Gegensatz zu vielen anderen Mannschaften sowohl eine ausgereifte Spielidee als auch das passende Spielermaterial dazu hat. Das geniale an der Spielidee ist, dass sie sowohl als Offensiv- wie als Defensivkonzept taugt. Die Tormaschinen Spanien und Barcelona gehören zu den Teams, die mit die wenigsten Gegentore im europäischen Fußball kassieren. Das verstärkt einerseits natürlich die Wahrnehmung, dass es einen Mangel an Variation gibt, wenn die Spielweise bei 0:1 sich von der Spielweise bei 3:0 kaum unterscheidet. Andererseits ist es für die Spieler viel einfacher, weil sie sich nur marginal umstellen müssen. Die Änderungen erfolgen dann eher in Details, aber das große Ganze bleibt gleich.

Mir scheint es eher ein Wahrnehmungsproblem zu sein, als ein Versäumnis der Spanier. Die Gleichung Plan A = Plan B ist für manche Beobachter eben nicht zufriedenstellend. Dennoch hat z.B. der FC Barcelona in der vergangenen Saison versucht, seine Optionen zu erweitern und in Zlatan Ibrahimovic einen großen Mittelstürmer eingekauft. Wenn man so will ist das ein Plan B im eigentlichen Sinne. Interessant ist dabei, dass genau in den Spielen, die gemeinhin als Paradebeispiel für den fehlenden Plan B angeführt werden – die Champions League Partien gegen Inter Mailand – diese Variante nicht funktionierte. Besonders im Rückspiel wurde Barcelona erst dann richtig torgefährlich, als Ibrahimovic vom Feld ging und der eigentliche Plan A zum Einsatz kam. Interessant ist auch, dass Inter in diesem Rückspiel keinerlei Plan B im Gepäck hatte und mit einem ultradefensiven Plan A zum Erfolg kam. Nur: Der Erfolg bestand in einer 0:1 Niederlage, die billigend in Kauf genommen wurde. Selbst ein fast ausnahmslos gegen den Ball arbeitendes Inter Mailand konnte Barcas Torgefahr nicht vollständig stoppen. Die spannende Frage ist nun: Hätte Barcelona mit einem anderen Konzept, also in diesem Fall einem Plan C, bessere Chancen auf ein Weiterkommen gehabt?

Dieser Aspekt wird bei der Diskussion um den Plan B gerne vergessen: Die Erfolgswahrscheinlichkeit des Plan A. Wenn Spanien 95% der Spiele wie gegen die Schweiz mit seinem Plan A zumindest nicht verliert, wie sinnvoll ist dann eine Umstellung auf einen wie auch immer gearteten Plan B? Als Beobachter hat man den Vorteil, den Ausgang des Spiels abwarten zu können und dann eine Aussage darüber zu treffen. Als Trainer muss man die Entscheidung vor oder während des Spiels treffen, was wesentlich schwieriger ist. Die Zielsetzung kann es daher gar nicht sein, eine zu 100% richtige Entscheidung zu treffen (was unter Unsicherheit sowieso nicht möglich ist), sondern die Erfolgswahrscheinlichkeit zu maximieren. Das klappt sowohl bei der spanischen Auswahl als auch beim FC Barcelona seit Jahren hervorragend, führt aber eben nicht zu einer Siegesgarantie. Gerade bei einem Turnier mit K.O.-Spielen macht das den Reiz aus, weil ein Ausrutscher nicht ausgeglichen werden kann (und ergo nicht immer die “beste” Mannschaft das Turnier gewinnt).

Im Hinblick auf das Spiel heute Abend habe ich keine Angst vor einem spanischen Plan B, sondern viel mehr davor, dass Plan A zu dem Ergebnis führt zu dem er meistens führt: zu einem spanischen Sieg. Allerdings hoffe ich, dass die deutsche Mannschaft schon so gut ist, dass sie mit ihrem eigenen Plan A (einen Plan B habe ich da nämlich ebenfalls nicht entdecken können) auch die Spanier ausschalten kann.

Inspiriert von Marcel Reif und diesem Beitrag bei allesaussersport

Schweinsteiger, Klose und Löw

Ich habe der deutschen Mannschaft diesen Erfolg nicht zugetraut. Wobei, stimmt nicht so ganz. Ich habe die Mannschaft ins Finale (gegen Argentinien) getippt. Aber ich habe ihr nicht zugetraut, einen solchen Fußball zu spielen. Und das ist der große Erfolg dieser Mannschaft, den ihr schon jetzt niemand mehr nehmen kann. Vielleicht reicht es am Ende für den Titel, vielleicht nicht. Es ist nicht weiter schlimm. In den letzten 3 1/2 Wochen wurden alle dunklen Vorahnungen, alle Zweifel, alle Kritik, alle Nörgelei hinweggefegt von einer über weite Strecken bravourös spielenden deutschen Nationalmannschaft.

Man kann alle Einzelteile dieser Mannschaft hervorpicken und beleuchten und so ihren Anteil am Erfolg deutlich machen, aber für mich stehen heute im Mittelpunkt drei Figuren, vor denen ich besonders den Hut ziehen muss. Weil ich an ihnen gezweifelt habe. Weil sie mich eines besseren belehrt haben.

Als Bastian Schweinsteiger bei der EM 2004 seine ersten Einsätze bestritt, konnte man sehen, dass er ein talentierter Spieler ist. Er stach durch seine technischen Fähigkeiten und Jugendlichkeit aus dieser alten Mannschaft hervor. Einerseits. Andererseits dachte ich: was ein egoistischer Schaumschläger! Wo ist die Übersicht, das Gefühl für die Spielsituation und die Mitspieler? 2006 hatte sich das schon deutlich geändert. Schweini und Poldi waren Teenie-Idole, die aber auch der Mannschaft weiterhalfen. Es schien der Beginn einer tollen Entwicklung zu sein. War es aber nicht. Schweinsteiger verharrte auf einem hohen, aber nicht herausragenden Niveau. Als Spielmacher funktionierte er nicht wirklich, auf der Außenbahn klappte es auch nicht so recht. Und dann kam Ribery zu den Bayern. Schweinsteigers Stern beim Rekordmeister war am Sinken. Vor einem Jahr konnte er sich nicht mal sicher sein, ob er eine Chance auf einen Stammplatz hat. Doch es kam nicht nur Robben, sondern auch van Gaal, der Schweinsteiger zu dem machte, was aus heutiger Sicht ganz sicher seine beste Rolle ist: Ein kreativer Defensivallrounder. Ein Spieler mit innerer Ruhe, Zweikampfstärke und dem Blick für das Spielgeschehen vor sich. Dazu die technischen Fähigkeiten, die es braucht um ein Spiel zu lenken. Es ist unwahrscheinlich, dass van Gaal ihm in 8 Monaten alles beigebracht hat, was er nun bei der Weltmeisterschaft zeigt. Es ist viel mehr wahrscheinlich, dass er als Erster gesehen hat, was in Schweinsteiger steckte, in ihm schlummerte und nun für alle Welt offensichtlich ist. Damit hat er nicht nur Joachim Löw die Augen geöffnet, sondern auch mir. Chapeau, Herr Schweinsteiger!

Von Miroslav Kloses Fähigkeiten brauchte mich niemand mehr zu überzeugen. Die hat er in Bremen drei zweieinhalb Jahre lang vorgeführt und auch wenn der Abschied schmerzhaft war, hat das an meiner grundsätzlichen Meinung über den Fußballer Klose nichts geändert. Es wäre sicher auch falsch, Kloses Zeit bei den Bayern als verschwendet zu bezeichnen, denn in seiner ersten Saison machte er lange vieles richtig und auch im Jahr darauf hatte er zumindest in der Champions League eine starke Torquote. Mit der Zeit hatte sich aber auch eine gewisse Lethargie in seinem Spiel breitgemacht. Wo er früher im richtigen Augenblick Übersicht und Mannschaftsdienlichkeit an den Tag gelegt hatte, um seine Mitspieler einzusetzen, war er plötzlich nur noch selbstlos, aber es diente der Mannschaft nicht mehr. Im Grunde war mir schon klar, dass er im richtigen Umfeld wieder zu alter Stärke finden könnte und ganz sicher noch kein Fall fürs Altersheim ist, aber in der vergangenen Saison wurden die Zweifel größer. Drei Tore nur in der Bundesliga und nun, ein paar Wochen später sollte er das Nationalteam als einzige Spitze anführen? Das schien mir dann doch etwas unrealistisch. Doch nun ist genau das eingetreten. Klose spielt eine sehr gute WM, hat in dreieinhalb Spielen mehr Tore geschossen, als für Bayern in einem Jahr und steht jetzt auf einer Stufe mit Gerd Müller auf Platz 2 der ewigen WM-Torjägerliste. Und wisst ihr was? Auch wenn ich mich bei 90% aller Werderfans unbeliebt mache: Ich freue mich für ihn! Drei Jahre lang war Klose auch bei mir eine Persona non grata und ich werde ihn ganz sicher nie wieder so richtig mögen, aber ich habe meinen Frieden mit ihm gemacht. Chapeau, Herr Klose!

Joachim Löw ist in Bremen vermutlich noch unbeliebter als Miro Klose. Frings zuhause gelassen, Wiese verschmäht und dann diese seltsamen Nominierungen angeblich mittelmäßiger Spieler des VfB Stuttgart? Was erlauben Löw! Langsam gehen einem die Argumente aus. So richtig vermisst wird Frings jedenfalls nicht, Neuer kann man kaum mehr als falsche Nummer 1 bezeichnen und vom VfB Stuttgart steht mit Khedira nur ein Spieler in der Startformation (und das zu Recht!). Der Rest kommt aus München, Bremen, Hamburg, Köln, Berlin und sogar Gelsenkirchen. Keine ausgeprägte Blockbildung mit Ausnahme der naheliegenden Überrepräsentierung der bayerischen Champions League-Finalisten. An Löws fachlicher Eignung hatte ich eigentlich nie großen Zweifel, an seiner menschlichen Eignung dagegen schon. Ich bin auch jetzt noch der Meinung, dass er gewisse Dinge anders und besser hätte lösen können. Dennoch: Er ist seinen Weg konsequent gegangen und hat sich nicht davon abbringen lassen. Sturheit ist eine der wichtigsten Eigenschaften eines guten Trainers. Vielleicht brauchte er genau diesen Widerstand, um zu seiner eigenen Höchstform zu finden. Was im Hintergrund abläuft, lässt sich aus der Ferne ohnehin nur unvollständig erkennen. Was sich jedoch klar erkennen lässt: Löw holt momentan aus seinen Spielern das Beste heraus und hat sie zu einer verschworenen Einheit geformt. Das bedeutet natürlich nicht, dass Löw unfehlbar ist. Entscheidend ist aber das große Ganze und da gibt es an Löws Entscheidungen bei dieser WM nichts zu rütteln. Chapeau, Herr Löw!

WM 2010: Deutschland – Argentinien

Deutschland – Argentinien 4:0

Unwirklich. Ein 4:0 gegen das Argentinien von Messi, Higuain, Tevez, Mascherano in einem WM-Viertelfinale ist unwirklich. Zum Glück ist es auch das Argentinien von Demichelis, Otamendi, Romero und so ist es wiederum nicht mehr ganz so unwirklich. Und es ist das Argentinien des Diego Maradona, der gestern unter Beweis gestellt hat, dass er kein Taktik-Genie ist.

Wie erwartet spielte Argentinien im 4-4-2 mit Raute, wobei Rodriguez und di Maria auf den Halbpositionen nie so ganz glücklich wirkten. Die offensivschwachen Außenverteidiger Otamendi und Heinze kamen nur wenig mit nach vorne und so waren die argentinischen Außenpositionen in der deutschen Hälfte praktisch unbesetzt. Die beiden Stürmer standen sich und Messi auf den Füßen und machten es den beiden deutschen Viererketten in der Defensive relativ einfach, ihre Angriffe abzufangen. Das eigentlich erstaunliche war, dass Bastian Schweinsteiger neben seiner nicht gerade einfachen Aufgabe Messi zu bewachen, auch noch Zeit und Muße hatte das deutsche Offensivspiel zu beleben.

Überhaupt Schweinsteiger! Vor einem Jahr schien er bei Bayern keinen Platz mehr in der ersten Elf zu haben und nun ist er einer der besten Spieler auf seiner Position weltweit. Mit Mascherano auf Özils Füßen (der eine gelungene Schachzug von Diego) fiel mehr Verantwortung auf Schweinsteiger auch kreativ tätig zu werden. Das lässt sich in der Statistik ablesen: Während Özil eine sehr gute Passquote hatte, war Schweinsteigers deutlich unter seinem Durchschnitt. Dies ist ein Resultat der vertauschten Rollen, bei dem Özil die Bälle unter Bewachung quer auf die Flügel spielte, während sich Schweinsteiger an riskanteren Pässen in die Spitze versuchte. Für den freien Raum im Zentrum darf er sich bei Maradona bedanken. Selbst Argentinien kann es sich nicht erlauben, gleich drei Spieler von Defensivaufgaben zu entbinden. Sobald Lahm und/oder Boateng die Mittellinie überschritten, hatte Deutschland Überzahlspiel im Mittelfeld und setzte sich immer wieder gefährlich über die Außen durch. Gleich dreimal war es in der zweiten Halbzeit die linke deutsche Seite, von der Tore vorbereitet wurden. Am Ende wirkte es fast wie ein Trainingsspiel. Allein das sagt viel über die beiden Mannschaften.

Nun geht es im Halbfinale gegen Spanien, das nicht so dominant auftritt, wie man es nach den letzten Jahren erwarten durfte. Ein Freifahrtschein ist das jedoch bei weitem nicht. Gegen Paraguay gab es zwar wenig zu sehen, das Löw große Sorgen bereiten müsste, aber allein die Selbstverständlichkeit, mir der die Spanier ihre Spiele gewinnen, gibt ihnen alle Chancen sich gegen das junge deutsche Team durchzusetzen. Kurios waren die drei Elfmeter. Zuerst verschießt Paraguay, dann trifft Spanien, doch der Schiedsrichter lässt wiederholen. Dabei hätte auch der Elfmeter der Südamerikaner wiederholt werden müssen. Der dritte Elfmeter wird dann wieder gehalten und eigentlich hätte es direkt danach einen Vierten geben müssen. Unglaubliche Szenen, die über das etwas statische Spiel hinwegtrösteten. Von einer südamerikanischen Dominanz ist damit bei dieser WM nicht mehr viel übrig geblieben. Im Halbfinale stehen zwei Ex-Weltmeister und zwei Teams, die das Scheitern auf hohem Niveau perfektioniert haben. Die Rollen scheinen dabei vor allem bei Deutschland und den Niederlanden vertauscht. Schon allein deshalb könnte ich einer Neuauflage des Finals von ’74 viel abgewinnen.