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A Night at the Opera: Werder vs. Gladbach

Bremen, Weserstadion, Ostkurve. Hinterm Tor, Flacher Blickwinkel, Eingeschränktes Sichtfeld – kein Ort für Analysen. Hier wird gehüpft, gebrüllt, gesungen. Und ich bin mittendrin.

Wir sind spät dran. Ausgerechnet heute, wo wir in der Ostkurve stehen. Ohne feste Plätze, auf die man sich auch fünf Minuten nach Anpfiff noch setzen kann, ohne dabei groß negativ aufzufallen. Eine Dreiviertelstunde noch bis zum Anpfiff. Wir gehen los. An der Ampel merkt sie, dass sie ihr Portemonnaie vergessen hat. Zurück nach Hause. Wildes Suchen. In jeder Ecke mehrfach. Die Zeit verrinnt unerbittlich. Ich tappe mit dem Fuß unruhig auf den Fliesen, während sie wie ein Derwisch durch die Zimmer fegt und ihr Portemonnaie nicht findet. Ich überlege, ob ich ihr helfen soll. Es würde nicht helfen, ich würde ihr höchstens in die Quere kommen und im schlimmsten Fall am Ende vielleicht sogar daran Schuld sein, dass das Portemonnaie weg ist. Wann sie es zuletzt gesehen hat, frage ich etwas kleinlaut. Vorhin. Eben gerade. Also vor einiger, eigentlich sogar ziemlich kurzer, keinesfalls aber sehr langer Zeit. Ich schaue nervös auf mein Handy. Noch fünfunddreißig Minuten. Sie rennt mit dem Portemonnaie in der Hand an mir vorbei aus der Haustür und ich hinterher.

Schnellen Schrittes zur Bushaltestelle. Es sind nur vier Stationen, doch der Bus fährt schon ab, bevor wir die Kreuzung erreichen. Der nächste kommt in sieben Minuten. Dann sind es noch zwanzig Minuten bis zum Anstoß. Zehn Minuten Fußweg kommen auch noch dazu. Den Osterdeich entlang, vorbei an den wartenden Bussen auf der Straße, dann vorbei an den anderen wartenden Bussen auf dem Parkplatz. Mit etwas Glück kommen wir vor Anpfiff durch die Kontrolle und haben noch eine Minute um uns einen Platz zu suchen. Ich schaue auf die Uhr, als wir die Treppen zur Ostkurve hochgehen. Noch drei Minuten. Genügend Zeit um schnell auf die Toilette zu gehen. Jetzt, wo alles leer ist und meine Blase voll. Ich schaffe das, sage ich mir und ihr und verschwinde auf dem Männerklo. Eine Minute später komme ich wieder heraus und sie ist weg.

Suchen. Rufen. Aufs Handy schauen. Ist sie schon voraus gegangen? Und wenn ja wohin? Abwechselnd schaue ich auf die Uhr und versuche sie anzurufen. Es baut sich keine Verbindung auf. Wie immer im Weserstadion. Das einzige, was hier Netz hat, sind die Tore. Und nun? Ich finde sie nicht. Ich laufe nervös zum ganzen linken Tribüneneingang. Beim letzten Mal standen wir dort. Gefühlt sind 10 Minuten vergangen, doch meine Uhr zeigt genau Acht. Die Mannschaften kommen aufs Feld und ich stolpere vorbei an Ordnern und anderen wartenden Fans nach unten. Ich sehe sie nicht. Hätte sie nicht eine Minute auf mich warten können? Ich zwänge mich in eine der Reihen, bis es nicht mehr weitergeht. Hinter mir ein grimmiger älterer Mann, der die Arme verschränkt hält. Von ihr keine Spur. Anpfiff.

Dem Spiel fehlt die Tiefe. Von meinem Platz aus. Es hat nur eineinhalb Dimensionen: Horizontal und hoher Ball. Vertikal lässt sich spätestens ab der Mittellinie keine Entfernung mehr einschätzen. Wann immer ein Werderspieler in der gegnerischen Hälfte in zentraler Position an den Ball kommt, fordert die Menge den Torschuss. Naldo auf der Sechs, Boenisch als Rechtsverteidiger. Die jungen Wilden auf der Bank. Es hupt. Eine SMS: Wo bist du? Ich? Ich bin hier. Wo bist DU? Bin am Eingang. Werder macht Tempo, versucht es jedenfalls. Mit dieser ewigen Raute mit dem ewigen Kurzpassspiel und den ewigen schnellen Ballverlusten, weil schon ewig die Ruhe im Aufbau fehlt. Nimm den Ball doch an. Den Fritz, den kannst du doch in der Pfeife rauchen. Was macht ihr da für eine Scheiße? Arrango, du bist hässlich! Sprüche, wie am Alt-Herren-Stammtisch. Das ist Fußball. Auch.

Es hupt wieder: Rechter Gang, 8. Reihe. Rechte Reihe? Warum bist du da? Und warum steht der Herrmann da? So frei! Aber er vergibt. Glück gehabt. Überhaupt diese Gladbacher. Haben die bessere Raumaufteilung und die bessere Spielanlage. Der Favre, das wäre doch einer für uns! Da weiß jeder was er zu tun hat, in jeder Situation. Bei Werder weiß Rosenberg, dass Pizarro den Ball durch Dante hindurch passt und sprintet hinterher. Läuft immer weiter. Schieß doch endlich! Läuft immer noch. Dann ein Schuss, dessen Flugbahn gen Anzeigetafel zu verlaufen scheint. Wieder so eine Chance vertan. Plötzlich und unerwartet senkt sich der Ball. Ist er schon hinter dem Tor? Das Netz zappelt und Sekundenbruchteile später zappelt auch die Ostkurve. Rosi, du abgekochtes Schlitzohr. Ich hab es immer gewusst, dass du ein Goalgetter bist! Und Gladbach hat hier sowieso noch nie gewonnen. Ich brülle meine Freude heraus und schaue aufs Handy. Meine letzte SMS wurde nicht versendet: Lass uns in der Halbzeit treffen. Ich will das Telefon gerade wegstecken, da hupt es: Sehen uns in der Hz. Gedankenübertragung. Und 1:0. Was kann man mehr erwarten.

DAS WAR KEIN FOUL! Lass die rote Karte gefälligst stecken! Er lässt nicht. Boenisch muss duschen gehen und Werder ist nur noch zu Zehnt. Wolfgang Rolff kommt an der Kurve vorbeigelaufen und holt Ignjovski zur Trainerbank. Iggy zieht die Trainingsklamotten aus und macht sich bereit für seinen Einsatz. Dann trabt er plötzlich wieder hinterm Tor mit den anderen Auswechselspielern. Einmal nicht hingeschaut und schon alles verpasst. So wie Werders Spieler. Gladbach passt sich so schnell durchs gelichtete Bremer Mittelfeld, dass einem Angst und Bange wird. Warum sieht das so einfach aus? Ist es vielleicht einfach so einfach? Und wer spielt da im rechten Mittelfeld? Niemand. Nun gut, wird schon seine Gründe haben. Oder auch nicht. Es geht jedenfalls gut bis zur Halbzeit. Irgendwie. Ein Pfiff. Viele Pfiffe, als das Schiedsrichtergespann in den Tunnel geht. Ich zwänge mich wieder zurück durch die Reihe zum Aufgang, die Treppen hoch, durch den Innenbereich, vorbei an wartenden Toilette-Müssern und Bier-Gernhättern, auf der anderen Seite wieder nach draußen, wo ist denn Reihe 8? Zu ihr. Wir fallen uns um den Hals. 1:0.

Wo sie denn auf einmal war? Na, am Eingang, das hatte sie mir doch geschrieben, als ich auf der Toilette war. Nein. Oh Gott, ist die Nachricht etwa nicht angekommen? Das Funkloch, größer als jenes im rechten Mittelfeld. Sie entschuldigt sich mit einem langen Kuss. Auch mein schlechtes Gewissen, dass ich sie nicht weiter gesucht habe, redet sie mir aus. Werder geht immer vor. Ich mag ihr nicht ganz zustimmen, bin aber dennoch erleichtert.

Es geht weiter und es sieht gar nicht mal so schlecht aus. Die Löcher werden weniger, Gladbach wirkt nicht mehr ganz so übermächtig. Auf geht’s Werder, kämpfen und siegen! Die zehn verbliebenen Bremer wetzen hinter jedem Ball her und das Stadion geht begeistert mit. Dann gibt es einen Einwurf für Werder auf der linken Seite. Schmitz wirft. An den Kopf eines Gladbachers, der zehn Meter vor ihm steht. Was machst du denn da für einen Mist, denke ich und zähle in Gedanken schon die Sekunden bis zum Gegentor. Einundzwanzig, zweiundzwanzig. Die Pässe zerschneiden die Bremer Abwehr wie Butter, auf der Seite des Spielfelds, auf der es nur die Horizonale gibt. Siebenundzwanzig. Zack, zack, zack. Dann Hanke. 1:1.

Die folgenden Minuten vergehen wie im Zeitraffer. Oder wie in Zeitlupe? Nicht mal da bin ich mir sicher. Wie in Watte gepackt fühlt sich mein Kopf im weiteren Verlauf des Spiels an. Weh tut es schon lange nicht mehr. Ist Gladbach gerade besser? Fangen wir uns wieder? Vergehen zwischen dem Ausgleich und dem Gladbacher Führungstor fünf, zehn oder fünfundzwanzig Minuten? Ich weiß es nicht. Selbst die Euphorie bei den Bremer Gegenstößen erlebe ich wie hinter einer Milchglasscheibe. Regnet es? Oder ist es ein schöner Frühlingstag? Ist Werder gerade torgefährlich? Die Reaktionen der umstehenden Fans deuten darauf hin. Neben mir hippelt sie unruhig hin und her. Meine Hände klatschen rhythmisch, während mein Kopf unwillkürliche Ellipsen dreht. Oder bewegt er sich gar nicht? Ich weiß nicht, ob ich nichts weiß. Dann bläst Hanke die Watte weg. 1:2.

Das Spiel fühlt sich jetzt wieder schrecklich real an. Ich greife nach ihrer Hand und halte sie fest. Das war es dann wohl. Das muss es sein. Die Gladbacher Überlegenheit scheint plötzlich wieder unerträglich deutlich und unabänderlich. Die Luft wird bald raus sein und wenn wir Pech haben, wird es noch ein richtig schmerzhaftes Ergebnis. Wie lange ist noch zu spielen? Zu lange. Nicht lange genug. Werder wehrt sich weiterhin. Gibt nicht auf. Iggy kommt für Marin. Warum erst jetzt? Nicht so viel fragen. Hoffen. Glauben! Ich verbiete mir bis zum Schlusspfiff jede weitere Frage und jeden Versuch, etwas zu analysieren. Einfach alles aufsaugen, pure Emotion. Freistoß Junuzovic. Er zeigt mit Zeige- und Mittelfinger eine Zwei an. Vielleicht auch eine römische Fünf oder ein Victory-Zeichen. Sokratis am langen Pfosten klopft sich auf die Brust. Der Ball kommt mit Schnitt und Tempo in den Strafraum geflogen. Sokratis nimmt Anlauf, springt und wuchtet den Ball in die Maschen. Während mein Gehirn ein griechisches Heldenepos spinnt, feiert das Stadion Naldo als Torschützen. Aber trotzdem. Dieser Wille. Diese pure Entschlossenheit. Hätte Naldo nicht im Weg gestanden, hätte Sokratis den Ball durchs Tornetz gejagt. Da bin ich mir sicher. Ausgleich, da bin ich mir auch sicher. 2:2.

Nicht so sicher bin ich mir, wie wir die Schlussphase überstehen. Gladbach trifft die Latte, Pizarro das Gladbacher Bein und der Schiedsrichter die Entscheidung, dass eine knappe Minute Nachspielzeit reicht. Unterm Strich steht ein Punkt. Überm Strich stehen wir. In der Tabelle. Dem Strich, der die internationalen Plätze vom Mittelfeld trennt. Noch. Das Publikum goutiert die Aufführung in der Bremer Fußballoper mit stehenden Ovationen. Das Ensemble applaudiert brav zurück und irgendwie scheinen alle ein bisschen zufrieden zu sein. Auch ich. Auch sie. Wir gehen Hand in Hand hinaus in die Nacht.

Morgen werde ich merken, dass dieses Spiel kein Fortschritt war. Werde mich fragen, wie Gladbach uns innerhalb so kurzer Zeit nicht nur taktisch sondern auch spielerisch überholen und abhängen konnte. Werde mir die gleichen Sorgen um Werder machen, wie in den letzten Wochen und Monaten. Werde einen Verriss schreiben, über das Stück, das im Weserstadion aufgeführt wurde.

Aber heute, heute lasse ich die Musik in meinem Kopf verklingen und bilde mir ein, sie wäre schön gewesen.

Werder-News 11/09/22

Nachdem ich gestern durch einen PHP-Fehler den gesamten Server lahmgelegt habe, ist das Blog nun wieder online. Die Werder-News könnt ihr nun auch direkt oben in der Menüleiste aufrufen. Werder-News des Tages:

*Danke Philippe!

Hinterlegt

Werder Bremen – 1. FC Kaiserslautern 2:0

So hatte ich mir das eigentlich nicht vorgestellt. Werders erstes Bundesligaspiel 2011/12 wird angepfiffen und ich werde von einem Ordner an Tor 5 auf gefährliche Gegenstände gefilzt. Doch der Reihe nach.

Ich komme einigermaßen pünktlich zuhause los. Nicht so früh, wie ich eigentlich vor hatte, aber immerhin noch früh genug, um mich vor dem Spiel noch mit ein paar Werderfans zu treffen, mit denen ich mich vorher per Twitter verabredet hatte. So lerne ich dann endlich mal Stephen (@sreygate) vom Papierkugel Blog persönlich kennen und @KatarinaWerderf gleich noch dazu. Vor dem Rommy’s wird ein wenig gefachsimpelt und vorsichtig optimistisch auf das Spiel geschaut. Um 14:45 soll es dann mit meinem Bruder und meinem Neffen ins Stadion gehen. VIP-Loge-Nord. Denke ich.

Mein Bruder Wolfgang ist über einen Bekannten kurz vor Saisonbeginn noch an drei Dauerkarten gekommen. Zu meinem Glück ist er zum Zeitpunkt des Spiels jedoch noch im Urlaub, und da es seit dieser Saison für Dauerkarteninhaber keine einzelnen Tickets für die Spiele mehr gibt, sondern eine Plastikkarte, die für alle Spiele gültig ist, will er die Dauerkarten verständlicherweise nur an jemanden abtreten, bei dem er sich darauf verlassen kann, sie nach dem Spiel auch wiederzubekommen. Die Wahl fiel auf meinen anderen Bruder Robert, dessen 6-jährigen Sohn Lenni und mich.

Robert und Lenni warten schon vor dem VIP-Eingang Nord. Hier sollen wir die Dauerkarten abholen, die auf meinen Namen hinterlegt sind. Sein sollten. Es aber nicht sind, nach Auskunft der freundlichen Hostess, die mich ans Ticketcenter verweist. Am Ticketcenter lange Schlangen. Noch 40 Minuten bis Anpfiff. Einer der Ordner weist mich auf den separaten VIP-Schalter hin, an dem die Schlange weitaus kürzer ist. Nun sollte es doch schnell gehen. Drei Dauerkarten, VIP-Loge, hinterlegt auf den Namen Singer. Nicht gefunden. Wie war der Name noch gleich? Nein, tut mir leid, da müssen Sie sich dort drüben am Schalter noch mal anstellen.

Zurück in die Schlange, aus der ich vorher noch erleichtert geflohen war. Vor mir viele Menschen, die ein Problem mit ihrer Eintrittskarte haben. Die üblichen Geburtsprobleme bei der Einführung einer neuen Technologie. Später auch zu sehen beim Kauf einer Brezel. Die vorher via Internet aufgeladene Bezahlkarte ist nicht aktiviert. Zum aktivieren müssen wir uns am selben Stand anstellen, an dem wir uns auch hätten anstellen müssen, wenn wir die Karte nicht vorher online aufgeladen hätten. Der Fehler war Werder vorher bekannt, erfahre ich später. An unsere Brezeln kommen wir in der Halbzeit trotzdem. Zunächst kommen wir jedoch gar nicht erst ins Stadion. Tut mir leid, sagt man mir erneut. Auf diesen Namen ist hier nichts hinterlegt. Die Tickets sollten eigentlich auch am VIP-Eingang Nord liegen. Nein, das machen wir in dieser Saison nicht mehr. Das läuft nun alles zentral übers Ticketcenter. Ein Anruf bei Wolfgang. Mailbox. Kein Empfang. Ich versuche es erneut und erneut. Nichts geht.

Nun versucht es Robert auch. Ein Freizeichen. Jemand hebt ab, aber die Verbindung ist zu schlecht, um sich zu verstehen. Mein Handy stürzt unterdessen ab. Ausschalten, einschalten, PIN eingeben. Mist vertippt. Noch mal. Dann fällt mir ein, dass ich eine neue SIM-Karte habe. Wie lautet der PIN? Verdammt noch mal! Dritte falsche Eingabe. PIN gesperrt. Also schon mal keine Twitter-Updates im Stadion. Wenigstens erreicht Robert nun Wolfgang und kann drei Sätze mit ihm wechseln. Auf den Namen seines Stiefsohnes könnten die Karten auch hinterlegt sein: Saathoff. Wieder kein Treffer. Oder vielleicht der Name des Bekannten, der die Karten ursprünglich gekauft hatte? Müller. Ein Name, der hier nicht viel weiterhilft. Noch 5 Minuten bis zum Anpfiff.

Das Ticketcenter leert sich. Inzwischen sind alle Problemfälle gelöst, alle defekten Karten ausgetauscht. Nur Robert, Lenni und ich stehen noch dort. Aus dem Stadion tönt Arnd Zeiglers Stimme. Die Aufstellungen. Hunt spielt also doch. Und Thy auch. Lenni sitzt maulig auf der Fensterbank. Warum lassen die uns nicht ins Stadion? Ein letzter Versuch. Die immer verzweifelter wirkende Dame im Ticketcenter entschuldigt sich zum wiederholten Male, doch es gibt hier leider keine hinterlegten Karten.

15:29. Wir treten den Rückzug an. Ab in die Kneipe? In meinem Kopf werden Alternativen verglichen. Wohin kann man mit einem Sechsjährigen gehen? Robert schlägt vor, es ein letztes Mal am VIP-Eingang Nord zu versuchen. Guten Tag, hier sind drei Dauerkarten auf den Namen Singer für uns hinterlegt. Ein Moment, ich schaue kurz nach. Ah ja, da sind sie ja! Mir fällt alles aus dem Gesicht. Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich die ebenfalls sehr nette Hostess – eine andere als beim ersten Versuch – umarmen oder anbrüllen möchte. Ein Moment noch bitte, die Karten sind gar nicht für hier! Wie? Ungläubige Gesichter, so nah dran gewesen. Die Karten sind nicht für die Loge, sie müssen bitte nach draußen und da durchs Tor gehen. Es ist uns längst egal, wir würden uns auch auf die Treppenstufen setzen, wenn man uns doch nur endlich ins Stadion ließe. Wir hasten zum Tor, drei Dauerkarten in der Hand mit einem Namen drauf, den ich nie zuvor gehört habe – nicht Singer, nicht Saathoff und auch nicht Müller. Alles egal.

Als wir unsere Plätze erreichen, vergibt Thy gerade die erste Chance des Spiels. 85 Minuten später ist die Stimmung im Weserstadion so gut wie seit einem Jahr nicht. Die Ostkurve tanzt den Andre Wiedener und Lenni, der mehr Interesse am Lauterer Anhang zeigte, als am Spiel selbst, strahlt wie ein Honigkuchenpferd. Schlimmer hätte die Saison nicht anfangen können. Besser hätte der Stadionbesuch nicht sein können.

Der Bierbecherwurf

Die Szene wird sicherlich in den nächsten Tagen noch für viele Diskussionen sorgen: Beim Spiel zwischen St. Pauli und Schalke trifft ein voller Bierbecher den Linienrichter von hinten am Kopf. Das Spiel wird daraufhin abgebrochen.

Nun kann man natürlich das Heimpublikum beschimpfen, sich in Häme über die “ach so anderen” St. Pauli-Fans ergehen, die eigenen Vorurteile gegenüber den selbstbetitelten “Zecken” pflegen. Die Frage ist bloß – und das sage ich ohne die Ereignisse auch nur ansatzweise rechtfertigen zu wollen – in welchem Bundesligastadion so etwas eigentlich nicht passieren könnte?

Die aufgespannten Regenschirme beim Abgang des Schiedsrichters sind ein bekanntes Bild aus der Bundesliga und nur selten haben die Wetterbedingungen etwas damit zu tun. Ich musste spontan an eine Szene aus Werders Spiel vor ein paar Wochen gegen Bayer Leverkusen denken. Nach dem Spiel waren aus dem Bremer Umfeld viele lobende Worte für die tollen Fans und die Atmosphäre im Stadion zu hören. Was man aber nicht hörte, wohl auch, weil es abseits der Kameras kaum jemand mitbekommen hatte: Es gab auch hier einen Bierbecherwurf.

Besagter Wurf war jedoch nicht auf den Linienrichter gezielt, sondern auf die Leverkusener Trainerbank. Als Eren Derdiyok nach seiner Auswechslung (beim Stand von 2:0 für sein Team) seinem Trainer die Hand schüttelte, klatschte ein halbvoller Bierbecher auf das Dach der Reservebank und von dort auf den Rasen, ohne jedoch einen der Akteure zu berühren. Der Absender saß zwei Reihen hinter mir im Unterrang der Südtribüne. Er wurde von den Fans auf den umliegenden Plätzen, die sich zuvor noch über die langsame Auswechslung aufgeregt hatten, sofort mit heftigen Worten zur Besinnung gebracht. Weiterhin geschah nichts – zumindest nicht während des Spiels. Die Leverkusener Bank nahm den Vorfall eher beiläufig zur Kenntnis.

Was wäre wohl gewesen, wenn der Becher Derdiyok oder Heynckes am Kopf getroffen hätte? Würden wir heute über die bekloppten Werderfans sprechen? Müssten die ach so bösen Ultras heute durch den Nacktscanner ins Stadion gehen und eine noch größere Überwachung durch die Polizei über sich ergehen lassen? Und das obwohl der Wurf von der doch angeblich so teilnahmslos gelangweilten Südtribüne kam?

Die Moral von der Geschicht’ ist natürlich in erster Linie: Werft verdammt noch mal keine Gegenstände aufs Spielfeld! Trotzdem sollte man die Frage im Hinterkopf behalten: In welchem Stadion hätte das, was in St. Pauli passiert ist, nicht passieren können? Hier haben keine Sicherheitskräfte versagt und hier müssen auch keine Grundsatzdiskussionen über die Stadionsicherheit losgetreten werden. Ein solcher Vorfall ist in einem Fußballstadion nicht auszuschließen und wir sollten ihm keine übermäßige Aufmerksamkeit schenken, denn die hat er nicht verdient. Was aber wiederum nicht heißt, dass wir das Verhalten tolerieren dürfen.

Lebenszeichen

Da ich seit nunmehr zehn Tagen mein Wohnzimmer renoviere (morgen dürfte es dann fertig werden), war es in der letzten Zeit sehr ruhig hier. Von Werders Spiel in Freiburg habe ich bis auf ein paar Höhepunkte noch immer nichts gesehen und konnte so auch nicht viel sinnvolles dazu schreiben. In der aktuellen Situation wird jedes Positivereignis gerne mitgenommen, auch der traditionelle Sieg in Freiburg. Für mich war dies das letzte Spiel in dieser Saison, in dem man nicht unbedingt punkten musste. Sieben der bisherigen acht Spiele der Rückrunde waren gegen Mannschaften der oberen Tabellenhälfte. Köln ist mit seiner neuen Heimstärke auf bestem Wege aus der Abstiegsgefahr.

Nun geht es noch gegen sieben direkte Konkurrenten um den Klassenerhalt, darunter auch alle vier Teams, die derzeit hinter Werder stehen. Gegen Gladbach hat man zum ersten Mal die Möglichkeit, sich im direkten Duell ein Stück weit abzusetzen. Gleiches gilt auch für die kommenden Heimspiele gegen Stuttgart, Schalke und Wolfsburg sowie die Auswärtsspiele in Frankfurt und St. Pauli. Wenn man den leichten Aufwärtstrend bestätigen kann, können die Punktgewinne gegen Leverkusen, Hannover und Mainz noch Gold wert sein und Werder muss doch nicht bis zum letzten Spiel in Kaiserslautern zittern.

Doch nun geht’s erst mal gegen den Tabellenletzten Gladbach. Auf Einladung von ZEIT ONLINE darf ich heute mal wieder ins Stadion und meine Gedanken zum Spiel live auf @zeitonlinesport twittern. Falls ihr Lust habt mir dort zu folgen – ich würde mich freuen!

Zitate von der VIP-Tribüne

“Nimm endlich den Scheiß-Franzecken runter!”

“Du blöder Penner, verpiss dich bloß! Spieler wie dich brauchen wir hier nicht!”

“Silvestre, du Wichser! Geh wieder dahin, wo du hergekommen bist!”

“Du blindes Arschloch!”

“Na endlich nimmt er den raus! So ein ******** (Wort nicht zitierfähig)!”

Und das von Leuten, die nach Anpfiff kommen und vor Abpfiff gehen. Right back atcha!

Werder Bremen – Hamburger SV (live)

Werder Bremen – Tottenham Hotspur (live)

Europa League, 4. Spieltag: Dekadent

Werder Bremen – Austria Wien 2:0

Mit dem Taxi kurz vor dem Anpfiff in die VIP-Loge, kurz nach dem Abpfiff mit dem Taxi zurück nach Hause. So in etwa stellt man sich den Stadionbesuch eines begeisterten Fans vor. Nicht. Aber da sowohl meine Freundin als auch ich schon vor dem Spiel kränkelten, das Wetter in Bremen um diese Jahreszeit gegen die Genfer Konvention verstößt und eine Fahrt mit dem Auto zum Weserstadion unmöglich ist, blieb uns gestern keine andere Wahl. Außer natürlich zu Hause zu bleiben und die Karten verfallen zu lassen, aber das wäre noch eine Spur dekadenter gewesen.

Dekadent war auch das, was die Mannschaft gestern auf dem glitschigen Rasen ablieferten. Ich muss schon sagen: Ohne große Anstrengung ein 2:0 gegen eine bemitleidenswerte Wiener Austria zu holen – Respekt meine Herren! Wozu unnötige Kräfte vergeuden und ein Feuerwerk wie gegen Bilbao auf den Platz zaubern? Es geht doch auch so. Man nehme einen auswärtsschwachen Gegner, einen Torwart von internationaler Klasse, der die paar sehr guten Torchancen dieses Gegners entschärft, einen Linienrichter, der die Abseitsposition vor dem 1:0 übersieht, das alles gepaart mit dem Wissen um das eigene Können und einem nach drei Monaten ohne Niederlage aufgeblähten Sack, dessen Inhalt (frei nach Olli Kahn) zur Standardausstattung erfolgreicher Fußballmannschaften gehört, und – zack – steht man in der nächsten Runde.

Werder zeigte alle Symptome einer Diva, die sich zu fein ist, für den gewöhnlichen Pöbel zu spielen. Selten erreichte ein Spieler eine Laufgeschwindigkeit, die sich signifikant von meinem Joggingtempo im Bürgerpark unterscheidet, und wenn, dann war es nur der Ballführende Spieler, dessen Bewegungen auf erhöhten Pulsschlag hindeuteten. Böse Zungen behaupten Tim Borowskis einziger Sprint im Spiel sei der nach seinem Tor zur Eckfahne gewesen. Vielleicht waren es die Pfiffe der eigenen Fans, die das Team in der Ehre kränkten. In den letzten 10 Minuten zeigte es jedenfalls, wozu es fähig sein kann. Am Ende steht ein 2:0, über dessen Zustandekommen schon bald keiner mehr sprechen wird. Kann man so machen, gegen die kleinen Gegner, zu denen ich Austria bei allem Respekt zähle. Doch am Sonntag gegen Dortmund muss wieder mal ein Spiel über 90 Minuten mit voller Konzentration angegangen werden. Nicht, um die letztendlich bedeutungslose Serie zu retten, sondern um uns Fans ein paar Nerven und abgekaute Fingernägel zu sparen. Wir sind schließlich krank.

Nach Diktat mit heißem Tee zu Bett.

UEFA Cup Zwischenrunde, Hinspiel: Eine nachträgliche Stimmungsbeschreibung

Werder – Milan 1:1

Ich sitze gerade (Freitag, 20.2., Anm.d.Verf.) am Flughafen Schiphol in Amsterdam und warte auf meinen Flug nach Minneapolis. Um die Zeit sinnvoll zu nutzen, schreibe ich nun einige Eindrücke vom UEFA-Cup Spiel am Mittwoch auf. Ich hatte das eigentlich schon gestern vor, doch leider ließen es meine Reiseplanungen nicht zu. Deshalb jetzt also nachträglich.

Zum Spiel selbst brauche ich nicht viel schreiben. Ich nehme an, jeder Leser dieses Blogs hat das Spiel entweder live oder auszugsweise gesehen, bei Twitter die Live-Tweets meiner Konkurrenz Kollegen von @WerderNews verfolgt oder zumindest einen der zahlreichen Spielberichte gelesen (den von kicker.de finde ich außerordentlich zutreffend). Werder spielte engagiert, mit viel Einsatz und Aufwand gegen ein kühles, taktisch wie technisch starkes, allerdings auch etwas lebloses Team aus Milan. Das 1:1 ist sicher kein Wunschergebnis im UEFA-Cup. Es setzt Werder für das Rückspiel unter Zugzwang (wenn schon unentschieden, dann wäre ein 0:0 wegen der Europapokal-Arithmetik besser gewesen). Trotzdem war es ein Spiel, das viele alte Stärken unserer Mannschaft wieder zum Vorschein brachte – einige langjährige Schwächen jedoch leider nicht verbergen konnte.

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