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Nur noch Formsache?

Es ist ein schmaler Grat zwischen Arroganz und Selbstbewusstsein. Fußballdeutschland* überschreitet ihn allerdings traditionell gerne und ohne zu zögern. So lautet die wichtigste Frage vor dem Finale nicht etwa, wie man Argentinien schlagen kann, sondern ob Deutschland dort nur als großer oder doch als haushoher Favorit ins Spiel geht.

7:1 gegen den Gastgeber – eine Einordnung

Man kann das Ergebnis des ersten Halbfinals auf unterschiedliche Weise bewerten. Aus historischer Sicht gehören das Spiel und vor allem das Ergebnis jetzt schon zu den bedeutsamsten Spielen der WM-Geschichte. Höchster Halbfinalsieg, höchste WM-Niederlage Brasiliens, höchste Niederlage eines WM-Gastgebers, Kloses 16. WM-Tor usw. usf.

Aus taktischer Sicht war das Spiel ebenfalls interessant, weil es eines der wenigen Spiele im Turnier war, in denen sich das eine Team kein bisschen auf das andere eingestellt zu haben schien, das andere jedoch hervorragend auf das eine. Brasilien machte nahezu alles falsch in diesem Spiel und es ist schwer begreiflich, wie unglaublich amateurhaft sich Brasilien in der ersten Halbzeit anstellte. Marcelo, Dante, David Luiz und Maicon haben in den letzten vier Jahren alle die Champions League gewonnen und wurden vorgeführt, wie B-Jugendspieler, die zum ersten Mal beim Erwachsenenfußball reinschnuppern durften. Die linke Abwehrseite war offen wie ein Scheunentor, das defensive Mittelfeld nicht präsent, Fred war die falscheste aller Lösungen im Angriff gegen Deutschlands hohe Abwehrlinie. Auch diese Liste lässt sich lange fortführen.

Wie kann so etwas in einem WM-Halbfinale passieren? Wenn eine Mannschaft taktisch so viel falsch macht, ist es unwahrscheinlich, dass die Taktik das Problem ist. Sie dürfte viel mehr Symptom einer rein auf den psychologischen Aspekt des Spiels beschränkten Vorbereitung gewesen sein. Der Druck war für Brasilien ohnehin schon groß genug. Wenn das Spiel dann auch noch darauf reduziert wird, für den verletzten Neymar unbedingt gewinnen zu wollen, brennt den Spielern irgendwann die Sicherung durch. Brasilien hat sich vor dem Spiel zu viel mit sich selbst beschäftigt und zu wenig mit dem Gegner. So gerne ich Scolari mag, das war eine richtig schlechte Coaching-Leistung.

Deutschland nutzte die Fehler Brasiliens gnadenlos aus und lieferte insgesamt ein tolles Spiel ab. Doch auch wenn man sich die Finalteilnahme mit insgesamt starken Leistungen verdient hat, ist das unglaubliche Ergebnis mehr den oben genannten Problemen Brasiliens geschuldet als einer deutschen Leistungsexplosion im Halbfinale.

Das langweilige Gegenstück

Im zweiten Halbfinale quälten Argentinien und die Niederlande einander und die Zuschauer zu einem wenig ansehnlichen 0:0 nach 120 Minuten. Ein Spiel für Taktiker, in dem keines der Teams einen Fehler machen wollte. Der Fokus lag einzig und allein darin, dem Gegner seine Stärken zu nehmen, auch wenn dies auf Kosten der eigenen Stärken ging. Ein klassischer Fall von “Angst essen Seele auf”. Wie man mit sehr viel Seele, aber auch mit Pauken und Trompeten aus dem Turnier fliegen kann, bekamen die Teams ja am Vortag schon von Brasilien vorgeführt.

Welche Rückschlüsse lässt dieses Spiel auf das Finale zu? Sehr wenige. Argentinien zeigte sich bei dieser WM als sehr unangenehmer Gegner, der jedoch von vielen unterschätzt wird. Die Gleichung “Argentinien = Messi und sonst nix” geht nicht auf. Auch nicht nach der Verletzung von Di Maria. Javier Mascherano zählt sicherlich zu den besten Sechsern des Turniers und auch Ezequiel Garay ist ein Garant dafür, dass Argentiniens Defensive sattelfest ist. Die Mannschaft spielt keinen aufregenden, aber sehr erfolgsorientierten Fußball. Der Trainer ist dabei äußerst pragmatisch. Bis zum Halbfinale war Argentinien das Team mit dem meisten Ballbesitz. Gegen die Niederlande, die ihre Stärken vor allem im Spiel gegen den Ball haben, verzichtete Argentinien jedoch auf viel Ballbesitz und überließ dem Gegner die Aufgabe, das Spiel über weite Strecken selbst zu machen. Dabei stellten sie sich so weit hinten rein wie Costa Rica in der Schlussphase des Viertelfinals, sondern verteidigten eher passiv im Mittelfeld und machten das Spiel nach der Balleroberung langsam – eher eine Rarität im modernen Fußball.

Defense wins Championships

Zugegeben: Schön ist der argentinische Ansatz bei dieser WM nicht und man muss die Prämisse vom Erfolg, der alle Mittel heiligt, sicherlich nicht teilen. Es lohnt sich aber, das argentinische Spiel etwas genauer unter die Lupe zu nehmen, um zu verstehen, warum dieses Team im Finale steht. Als einzige Mannschaft lag Argentinien im gesamten Turnier noch nicht im Rückstand und hat in der K.O.-Runde in 330 Minuten kein einziges Gegentor kassiert. Auch Deutschland steht bekanntlich nicht nur wegen des 7:1 im Finale, sondern auch, weil es Frankreich am langen Arm verhungern ließ und gegen Algerien trotz mancher Wackler nicht in Rückstand geriet.

Wann ist zuletzt eine Mannschaft mit überwiegend spektakulärem Angriffsfußball Weltmeister geworden? Das ist ein Stück weit natürlich Definitionssache. Die Bedeutung einer sattelfesten Defensive für einen WM-Sieg ist hingegen unbestritten. Spanien hat bei allen drei EM- und WM-Titeln keine Gegentore in der K.O.-Runde kassiert. Italiens einziges Gegentor in der K.O.-Runde 2006 war Zidanes Elfmeter im Finale. Griechenlands drei 1:0-Siege in der K.O-Runde 2004 sind hinlänglich bekannt. Brasilien kassierte 2002 das letzte Gegentor im Achtelfinale. Argentinien verfolgt diesen Ansatz knallhart und nimmt dabei sogar in Kauf, sich der eigenen Offensivstärken zu berauben. Auch, weil man mit Lionel Messi eben einen Spieler hat, der ein solches Spiel auf vielfältige Weise entscheiden kann. Diese Mannschaft wird im Finale sicherlich nicht blind ins Verderben laufen.

Trotz allem glaube ich, dass Deutschland die bessere Mannschaft hat, den besseren (nicht nur schöneren) Fußball spielt und im Finale die besseren Siegchancen besitzt. Die Versetzung Lahms auf den Flügel ab dem Viertelfinale erwies sich als richtig, weil Schweinsteiger als alleiniger Sechser (wer hat sich eigentlich diesen Unsinn ausgedacht, das deutsche System in der K.O.-Runde wieder als 4-2-3-1 darzustellen?) besser spielt, als von mir erwartet. Auch das Festhalten an Khedira in der Startelf hat sich spätestens gegen Brasilien bewährt. Löws bester Zug war allerdings – so leid es mir tut – Boateng statt Mertesacker neben Hummels spielen zu lassen.

In einem einzigen Spiel muss das aber nicht den Unterschied machen. Argentinien hat alle Chancen, das Finale zu einem engen Spiel werden zu lassen, in dem Kleinigkeiten den Unterschied ausmachen. Wenn Mascherano und Biglia das Zentrum dicht halten können und keine individuellen Patzer früh den Matchplan versauen, könnte es ein Spiel werden, das durch eine einzige Aktion entschieden wird. Umso besser, dass Deutschland inzwischen auch bei Standards zu den gefährlichsten Mannschaften gehört.

* Was auch immer das eigentlich genau sein soll. Am ehesten wohl Mainstream-Medien inklusive Experten (via Status, nicht via Fachwissen) und Schland-Patrioten.

Gegen Frankreich: Wo spielt Lahm?

Vor dem Viertelfinale gegen Frankreich wird in Deutschland viel über Löws Taktik und Aufstellung diskutiert. Die Schwerpunkte der Diskussion gehen mir aber an den eigentlichen Problemen der deutschen Mannschaft vorbei.

Die wichtigste Frage scheint für viele die Position von Philipp Lahm zu sein, was nicht unbedingt falsch ist, aber ich höre nur selten wirklich überzeugende Antworten darauf. Unbestritten ist, dass Lahm einer der besten, wenn nicht der beste Rechtsverteidiger der Welt ist, also eine Verbesserung zu Jerome Boateng darstellen würde. Unbestritten ist allerdings auch, dass Lahm sowohl bei Bayern als auch in der Nationalmannschaft äußerst starke Leistungen als alleiniger Sechser im 4-1-4-1 bzw. 4-3-3 gebracht hat. Es sollte also weniger darum gehen, wie gut Lahm als Rechtsverteidiger ist und mehr darum, wo er der deutschen Mannschaft bei diesem Turnier am meisten weiterhilft. Auf den ersten Blick verfügt Deutschland über eine Vielzahl an hochklassigen Sechsern, wohingegen bislang außer Lahm kein gelernter Außenverteidiger zum Einsatz kommt.

Auf den zweiten Blick fallen aber bei jedem der Alternativen Schwächen auf, die in der Rolle als alleiniger Sechser in einem 4-3-3 zum Problem werden könnten. Sami Khedira ist körperlich robust, aber nicht nur wegen seiner langen Verletzungspause keine Idealbesetzung für die Position. Seine Stärken liegen eher im Box-to-Box Spiel als in der Spiellenkung aus einer tiefen Position. Diese liegt allerdings Toni Kroos sehr gut, der jedoch nicht unbedingt als alleiniger Abfangjäger vor der Abwehr taugt und sich mit seiner Schussstärke auch gelegentlich in Strafraumnähe aufhalten sollte. Christoph Kramer fehlt die internationale Erfahrung, um bei so einem Turnier die wohl wichtigste Position des Teams einnehmen zu können. Bleibt Bastian Schweinsteiger, der im Vollbesitz seiner körperlichen Kräfte sicherlich ein guter Ersatz für Lahm wäre. Leider ist er körperlich jedoch genauso wenig bei 100% wie Khedira. Daher stehe ich auch der anderen Alternative kritisch gegenüber, die von vielen (insbesondere seit dem Sieg über Algerien gefordert wird):

Die Rückkehr zum 4-2-3-1 mit einer Doppelsechs Schweinsteiger/Khedira. Die Systemumstellung vor der WM dürfte nicht zuletzt der Anfälligkeit in der Defensive geschuldet sein. Das 4-2-3-1, das in der Defensive zu einem 4-4-2 wird, hat im Zentrum gegen den Ball “nur” zwei Mittelfeldspieler. Der Dritte im Bunde (normalerweise Mesut Özil) rückt dabei vor neben den Stürmer. Beim 4-3-3 ist das zentrale Mittelfeld dichter besetzt. Die mutmaßlich schlechter gesicherten Flügel können von drei Spielern im Zentrum besser abgesichert werden, als von zwei Spielern. Vor diesem Hintergrund ergibt auch die übervorsichtig anmutende Besetzung der Außenverteidigerpositionen mehr Sinn, denn der Abstand zu den Außenstürmern ist etwas größer als zu den äußeren Mittelfeldspielern im 4-4-2, erst recht wenn diese Positionen mit verkappten Spielmachern wie Özil und Götze besetzt wird.

Man kann nun der Ansicht sein, dass das Spiel gegen Algerien vor allem deshalb gewonnen wurde, weil Löw nach Mustafis Verletzung Lahm zurück auf die Rechtsverteidigerposition versetzte und Khedira im Mittelfeld gemeinsam mit Schweinsteiger für mehr Durchsetzungskraft sorgte – diese Ansicht teile ich sogar (auch wenn die Doppelsechs Kroos/Khedira hieß und Schweinsteiger sich eher in Richtung 10er-Position orientierte). Fraglich ist jedoch, ob diese Aufstellung über die gesamten 120 Minuten besser funktioniert hätte. Die Umstellung wurde nach 70. Minuten vorgenommen, also in einer Phase, in der Deutschland das Spiel langsam in den Griff bekommen hatte und das Risiko in der Offensive langsam erhöhen konnte. Es ist für den Trainer ein Glücksfall, in einem solchen Spiel Khedira oder Schweinsteiger einwechseln zu können. Beide über 90 oder sogar 120 Minuten spielen zu lassen, ist meiner Meinung nach bei dieser WM ein Risiko.

Es gibt somit gute Argumente, dass Philipp Lahm im Mittelfeld mindestens ebenso dringend gebraucht wird, wie auf der Außenposition. Sollte Lahm dennoch auf außen spielen, stellt sich die Frage: Auf welcher Seite? Boateng liegt die Position als Rechtsverteidiger besser, als Höwedes die Position als Linksverteidiger. Er bringt in der mehr Offensivelemente ins Spiel und kann so besser für Breite im Angriffsdrittel sorgen als Höwedes, der zudem als Rechtsfuß invers spielt und was Flankenläufe zusätzlich erschwert. Auf der linken Seite besteht somit größerer Bedarf. Mit Erik Durm steht nur ein international recht unerfahrener Spieler als Alternative zur Verfügung. Wenig verwunderlich kommt daher die Forderung, Lahm zurück auf die Position des Linksverteidigers zu stellen, auf der er in den ersten Jahren seiner Profikarriere (und auch bei der EM 2012) so gut gespielt hat. Höwedes dürfte für Löw jedoch mehr sein, als nur ein Notnagel (dieser wäre eher Durm), denn die Entscheidung, auf vier hauptberufliche Innenverteidiger zu setzen, hatte ihre Gründe.

Man kann darüber streiten, ob der bisherige Plan mit der Viererkette aufgegangen ist. Drei von vier Spielen ohne Gegentor liefern zumindest ein paar Argumente dafür, ebenso die verbesserte Kopfballstärke vorne wie hinten. Es war jedoch auch nicht zu übersehen, dass es im Defensivverbund noch Probleme gibt und ein kleiner, wendiger Spieler wie Lahm als Außenverteidiger in manchen Situationen sicher besser gepasst hätte. Bei allen Defiziten, die Höwedes als Linksverteidiger offenbarte, machte er zumindest nichts wesentliches falsch und ist mit seiner Zweikampfstärke zumindest eine solide Besetzung auf der Position.

Für das Spiel gegen Frankreich gehe ich davon aus, dass Löw nicht die vom Volk geforderten Umstellungen vornehmen wird (erst recht nicht, was Mesut Özil betrifft, aber das ist ein anderes Thema) und Lahm wieder im Mittelfeld auflaufen wird. Gegen die großen und Kopfballstarken Franzosen (Benzema, Varane, Pogba, Koscielny, eventuell Giroud) ergeben die vier Innenverteidiger mehr Sinn, als gegen Algerien. Und Lahm auf der Sechs könnte in dieser Partie sogar spielentscheidend sein. Kroos und Khedira/Schweinsteiger werden sich im Duell mit Pogba und Matuidi aufreiben müssen. Die Spieler dahinter, Lahm und Cabaye, werden hingegen mehr Freiheiten genießen, weil Frankreich kein Angriffspressing spielt und Deutschland in dieser Hinsicht nach den 120 Minuten gegen Algerien auch eher vorsichtig agieren dürfte. Müller traue ich jedoch eher zu, Cabaye ein Stück weit aus dem Spiel zu nehmen als Benzema gegen Lahm. Die Hauptverantwortung im deutschen Ballbesitzspiel (es würde mich wundern, wenn Frankreich mehr als 40% Ballbesitz hätte) wird beim Sechser liegen. Deshalb kann Löw dort noch weniger auf ihn verzichten, als in der Viererkette.

Top 5 individuelle Leistungen im Achtelfinale

Acht Achtelfinals, acht mal setzt sich der Favorit durch. Zum ersten Mal in der WM-Geschichte stehen alle acht Gruppensieger im Viertelfinale. Was nach Langeweile klingt, war allerdings äußerst spektakulär, denn außer Kolbumbien gelang keinem Team ein ungefährdeter Sieg. Fünf Spiele gingen sogar in die Verlängerung.

Dennoch war es am Ende jedes Mal der Favorit, der die Nase vorn behielt – ein deutliches Indiz dafür, dass es sich hierbei nicht (nur) um Glück handelte. Es dürfte vielmehr die individuelle Klasse gewesen sein, die in den meisten Fällen am Ende den Unterschied ausgemacht hat. Somit liegt mein Fokus in der Nachbetrachtung ausnahmsweise mal auf den herausragenden Einzelleistungen des Achtelfinales:

1. Manuel Neuer

Eigentlich ist es unfair, hier nur einen Keeper herauszupicken, denn es gab gleich mehrere außergewöhnlich starke Torhüterleistungen. Tim Howard stellte gegen Belgien einen neuen WM-Rekord auf, was abgewehrte Torschüsse angeht. Am Ende musste er sich jedoch ebenso aus dem Turnier verabschieden, wie Mexikos Ochoa, der nicht nur die Brasilianer in der Vorrunde zur Verzweiflung brachte, sondern auch gegen die Niederlande lange Zeit der Garant dafür war, dass hinten die Null stand. Ebenfalls in der Vordergrund gespielt haben sich Chiles Torwart Claudio Bravo und Algeriens Rais M’Bolhi. Letzterer wehrte gegen Deutschland einige überragende Bälle ab, bevor ihn Schürrles Hackentrick überwinden konnte.

Sie alle wurden jedoch von Manuel Neuers Leistung gegen Algerien in den Schatten gestellt, weil dieser die ganze neue Dimension des Torwartspiels demonstrierte. So konsequent hat nicht mal Rene Higuita den Raum zwischen Mittellinie und Strafraum verteidigt. So beängstigend es auch erschien, wie problemlos Algerien mit langen Bällen hinter Deutschlands Viererkette kam, so bemerkenswert war es, dass nie ein Stürmer mit dem Ball am Fuß frei vor Neuer auftauchte. Weltklasse-Antizipationsspiel!

2. James Rodriguez

Kolumbien überzeugt in Abwesenheit des Superstars Falcao vor allem durch eine starke Mannschaftsleistung und schnellem Kombinationsspiel in der Offensive. Schon in der Vorrunde war erkennbar, dass James Rodriguez dabei zu den wichtigsten Akteuren gehörte. Im Achtelfinale feierte er nun seinen Durchbruch auf internationaler Bühne. Sein erster Treffer hat das Zeug, zum schönsten Tor der WM gewählt zu werden. Mir gefiel das 2:0 allerdings noch besser, weil es die kolumbianischen Stärken perfekt zur Schau stellte. Ein Team-Goal, bei dem selbst Arsène Wenger feuchte Augen bekommen haben dürfte. Wenn es gegen Brasilien um den Einzug ins Halbfinale geht, ist es für Kolumbien jedoch gut zu wissen, dass man einen Spieler wie Rodriguez in den eigenen Reihen hat, der auch im Alleingang eine Partie entscheiden kann – etwas, das den meisten Teams gefehlt hat, die im Achtelfinale ausgeschieden sind.

3. Kevin De Bruyne

In der Vorrunde haben weder Belgien noch De Bruyne den ästhetischen Ansprüchen genügt, die viele an sie stellen. Den Belgiern wird es egal sein, erreichten sie doch trotz des eher mäßigen Spieltempos ungefährdet das Achtelfinale. Gegen die USA zeigten die Belgier nun endlich, was in ihnen steckt. Bei schwierigen Bedingungen gingen sie hohes Tempo und wurden dabei von einem stark aufspielenden Kevin De Bruyne angetrieben. Mit insgesamt 10 vorbereiteten Torchancen war De Bruyne in einem der bislang besten Spieler des Turniers der herausragende Offensivspieler. Am Ende erzielte er das Führungstor und bereitet auch Lukakus Treffer vor. Man mag sich Kommentator Thomas Wark anschließen, dass es nicht gerade für José Mourinho spricht, diesen Spieler nicht an Chelsea gebunden zu haben.

4. Angel Di Maria

Lionel Messi überstrahlt bei Argentinien derzeit alles, auch die eher biederen Auftritte seines Teams bei dieser WM (die aber vor allem Mittel zum Zweck sein dürften). Ähnlich wie bei Real Madrid spielt Di Maria somit ein Stück weit unter dem Radar, zumindest was die ganz große Wertschätzung der Öffentlichkeit angeht. Dabei war Di Maria in dieser Saison bereits im Champions League Finale der entscheidende Spieler auf dem Platz und spielte auch bei der WM eine gute Gruppenphase. Gegen die Schweiz stand er nicht nur wegen seinem Siegtor ausnahmsweise mal komplett im Mittelpunkt. Sein größter Wert für sein Team besteht jedoch eher in den weniger auffälligen Aktionen. Kaum ein Spieler auf der Welt versteht es so gut, sogleich Flügelspieler, als auch zentraler Mittelfeldspieler zu sein.

5. Louis van Gaal

Kurz hatte ich überlegt, an dieser Stelle Arjen Robben zu nennen. Mit seiner Fähigkeit Elfmeter herauszuholen, hat er am Ende das Weiterkommen gegen Mexiko perfekt gemacht. Bislang ist Robben sicher der herausragende Einzelspieler der WM, doch das größte Plus für die Niederlande ist der Trainer. Van Gaal verpasste seinem Team eine unkonventionelle, aber erfolgreiche Taktik und stellte gegen Mexiko zur rechten Zeit um. Warum nun schon wieder viele glauben, das Spiel habe gezeigt, dass Holland nun endlich wieder im 4-3-3 spielen müsse, ist mir schleierhaft. Van Gaal ist mehr Risiko eingegangen, als es für sein Team unvermeidbar war. Insgesamt war jedoch das 3-5-2/5-3-2 System (und seine konkrete Ausführung) der Garant dafür, dass die Niederlande defensiv keine allzu großen Probleme bekommen haben.

Sollte van Gaal mit diesem Team Weltmeister werden, wäre das sein absolutes Meisterstück – als ob er noch eins brauchen würde.

Renaissance der Dreierketten

Fünf Mannschaften spielen bei dieser WM bislang mit einer Dreier- bzw. Fünferkette. Alle fünf haben ihre Auftaktspiele gewonnen. Der Trend zurück zu Abwehrformationen mit drei Innenverteidigern ist nicht neu, doch er kommt bei diesem Turnier stärker zum Tragen als bspw. in der Champions League, wo nur wenige Teams ein solches System spielen.

Die Radikalste Variante spielt Chile im 3-4-1-2, bei dem die Wingbacks eher als offensive Mittelfeldspieler agieren, denn als zusätzliche Abwehrspieler. Die Stärken und Schwächen des Systems kamen gegen Australien auch direkt zum Vorschein: Solange Chile aggressiv presst, funktioniert es gut und man kann den Gegner permanent unter Druck setzen. Sobald der Druck nachlässt, bekommt man defensiv Probleme und wird hinten auseinander gerissen. Chile hat das Potenzial bei diesem Turnier richtig weit zu kommen, aber dafür müssen sie eine bessere Balance zwischen ihrem typischen Powerfußball und den in Brasilien nötigen Verschnaufpausen finden.

Das defensive Gegenstück bildet das 5-4-1 Costa Ricas, mit dem man einer harm- und in der zweiten Halbzeit kraftlosen Mannschaft aus Uruguay den Zahn ziehen konnte. Die Kombination aus doppelter Absicherung auf den Flügeln und einem dritten Innenverteidiger ist sehr defensiv, doch Costa Rica spielte bislang keinen Mauerfußball. Offensiv ist solch ein System eigentlich recht bieder, doch das machten die Mittelamerikaner mit ihrer Leidenschaft wieder wett, mit der sie immer wieder Nadelstiche setzten. Es scheint ohnehin der erfolgsversprechendere Matchplan zu sein, das Tempo zu dosieren und nur mit vereinzelten Druckphasen den Gegner zu attackieren. Das machte Costa Rica sehr gut.

Die Niederlande sorgten gegen Spanien für das Schockergebnis dieser WM. Einen amtierenden Weltmeister so abzufertigen ist in der Geschichte der Weltmeisterschaft einmalig. Bei der Einordnung des Ergebnisses muss man sicherlich die Umstände (irreguläres Tor zum 1:3, Matchglück, völlige Indisponiertheit Spaniens in der letzten halben Stunde) berücksichtigen, doch das macht dieses Spiel kaum weniger spektakulär. Van Gaals unkonventionelles 5-3-2/3-5-3 ist nur auf dem Papier ein ultra-defensives System. Die vorderen drei Spieler übten permanenten Druck auf den Spielaufbau der Spanier aus und auch die beiden Sechser verteidigten gegen Xavi und Xabi Alonso munter nach vorne. Den dadurch entstehenden Raum im Zentrum konnte Spanien paradoxerweise jedoch kaum nutzen. Alle drei Mittelfeldspieler ließen sich häufig weit zurückfallen, um dem Druck der Gegenspieler zu umgehen. Davor war man sehr linkslastig, agierte teilweise mit sechs Mann in der linken Spielfeldhälfte und kombinierte sich auch einige Male erfolgreich durch. Wenn dies gelang und der Ball im offensiven Zentrum ankam, wurde es promt gefährlich, denn dann hatten die Niederlande mit fünf Mann auf einer Linie kein Mittel gegen die Schnittstellenpässe von Xavi und Iniesta. Die hätten das Spiel kurz vor der Halbzeit schon fast entschieden, doch Silva vergab frei vor dem Torwart und im Gegenzug erzielte Van Persie den Ausgleich.

Offensiv sind die Niederlande mit ihrem geradlinigen Fußball, den starken Diagonalpässen von Blind und der individuellen Klasse der Dreierreihe ein ernster Titelkandidat. Defensiv wirkten sie auf mich nicht so überzeugend, denn obwohl Spanien auch in der ersten Halbzeit das Spiel nicht dominieren konnte, ließ das niederländische Kollektiv doch recht viele gefährliche Situationen zu. Eigentlich sollten mit einer Fünferkette die Gelegenheiten für Steilpässe durch die Schnittstelle minimiert werden. Aber welcher andere Gegner hat schon die Qualitäten von Spanien, um diese Lücken auszunutzen (auch wenn Xavi bei dieser WM für Spanien zum Problemfall werden könnte, aber das ist ein Thema für sich).

Mexikos 3-5-2 wurde gegen Kamerun kaum getestet. Die Wingbacks konnten gefahrlos mit aufrücken, weil der Gegner den Raum dahinter fast nie zu nutzen wusste und kein Tempo in die eigenen Gegenstöße brachte. Damit spielte Kamerun leider in etwa so, wie ich es erwartet habe. Das ist ganz magere Fußballkost. Dennoch hatte Kamerun ein paar gute Torchancen, denn Mexiko ist trotz verbesserter Offensive noch nicht auf dem Niveau, zu dem das Team fähig sein könnte. Unter Druck wirken Marquez und seine beiden Nebenleute nicht mehr so souverän, wie man das beispielsweise vor vier Jahren noch gesehen hat. Kroatien dürfte mit seinen Tempoangriffen über die Flügel ein sehr schwieriger Gegner werden und meine Tendenz geht momentan eher dahin, dass es fürs Achtelfinale nicht reichen wird.*

Zu guter letzt lief auch Argentinien mit einer Dreierkette auf. Das 3-3-2-2 wirkte auf mich ein wenig übervorsichtig. Der Spielaufbau der Argentinier war über weite Strecke so langsam, dass es den Anschein hatte, die Spieler schonten sich bereits fürs Achtelfinale. Der Sechserblock in der Defensive wurde von Bosnien kaum geprüft, weil keine Angriffe mit Tempo vorgetragen wurden. Ballgewinne gab es fast nur in der eigenen Hälfte und das Umschaltspiel brachte Argentinien nicht in Verlegenheit. Ich würde Argentinien gerne mal gegen eine starke Kontermannschaft sehen. In der schwachen Gruppe wird das eher nicht der Fall sein, im Achtelfinale könnte es dann ein böses Erwachen geben.

In der Offensive gab es nur wenig Struktur, man verließ sich hauptsächlich auf Messis Klasse, die dieser in der ersten Halbzeit weitgehend schuldig blieb. Mit seiner ersten Aktion leitete er jedoch das 1:0 ein und beim 2:0 zeigte er dann noch einmal seine ganze Klasse. Individuell sucht diese Aktion seinesgleichen. Messis Spielweise in den letzten 12 Monaten gefällt mir jedoch nicht. Er nimmt sich lange Schaffenspausen, beteiligt sich kaum am Kombinationsspiel und am Pressing. Zu seinen besten Zeiten war er auch ohne seine Tore der beste Spieler der Welt, weil er im Minutentakt gefährliche Situationen mit einleitete und Bälle zurückeroberte. Heute ist er in 70 von 90 Minuten ein Durchschnittsspieler, der wenig Einsatz zeigt. Auf diese Weise ist Messi zwar immer noch Weltklasse, aber steht nicht mehr über allen anderen – auch wenn genau dieser Status einer der Gründe für den veränderten Stil sein dürfte. Ein anderer ist möglicherweise sein Fitness. Er hat vier Jahre fast am Stück gespielt und hatte im letzten Jahr mit mehreren Verletzungen zu kämpfen.

Schwer zu sagen, ob der Trend zur Dreierkette anhalten wird. In Südamerika und Italien war das 3-5-2 nie so aus der Mode wie hier (wo man sehr lange brauchte, bis die Viererkette überhaupt in Mode kam). Spätestens seit Pep Guardiola beim FC Barcelona mit einem 3-4-3 und einem 3-3-4 experimentierte, wird im Weltfußball wieder vermehrt nach Alternativen zur Viererkette gesucht. Vor vier Jahren spielten bereits einige Teams mit einer Dreier- bzw. Fünferabwehr, darunter Chile und Mexiko. In diesem Jahr wagen sich auch die Schwergewichte Argentinien und die Niederlande daran und es könnte zum ersten Mal seit 1990 dazu kommen, dass ein Team Weltmeister wird, das nicht mit einer Viererkette spielt.

*Und schon macht mir die Aktualität einen Strich durch die Rechnung.

WM-Stöckchen 2014

Mit Stöckchen ist es ja so eine Sache. Aber wenn es einem vom Trainer zugeworfen wird, dann fängt man es einfach – zumindest solange es nicht beinhaltet, in ein öffentliches Gewässer springen zu müssen.

Dein erstes bewusstes WM-Erlebnis war?

WM 1986. Urlaub am Gardasee. Ich war ziemlich krank und musste ein Medikament nehmen, dass so ähnlich wie Ananas geschmeckt hat, nur mit einem unglaublich ekeligen Nachgeschmack. An die Fußballspiele selbst kann ich mich gar nicht mehr richtig erinnern, aber ich weiß, dass wir die Spiele draußen nachgespielt haben und ich immer Belgien sein wollte. Nach dem Turnier war ich auch noch einige Wochen der festen Meinung, dass Belgien Weltmeister geworden wäre.

Mit welcher WM-Legende würdest Du gern einmal Doppelpass spielen?

Mit allen. Bei WM-Legenden bin ich nicht wählerisch. Wenn ich die Wahl hätte, dann Zidane. Oder Pirlo. Oder Xavi.

Welchem TV-Kommentator wirst Du bei der WM gerne zuhören?

Ich bin leider auf die öffentlich-rechtlichen Sender angewiesen, deren Berichterstattung zu den großen Turnieren in den letzten Jahren ziemlich grottig war. Das gilt auch für die meisten Kommentatoren und da es dort quasi keine Durchlässigkeit gibt, kommt der talentierte Nachwuchs nicht mal in die Nähe einer WM. Dafür Poschmann, Rethy und Simon. Am erträglichsten finde ich Schmidt und Gottlob, Wark ist an guten Tagen auch ok.

Aber gut, es ist WM, wer braucht da Kommentatoren?

Die Iren haben sich für die WM am Zuckerhut leider nicht qualifiziert. Welchem weiteren Land drückst Du neben Jogis Jungs als »Zweitteam« die Daumen?

Ein wirkliches Zweitteam habe ich nicht. Es gibt einige Teams, auf die ich mich aus unterschiedlichen Gründen sehr freue. Chile natürlich, Belgien, Italien, Japan. Ich freue mich bei Weltmeisterschaften aber prinzipiell auf alle Mannschaften, gerade weil da auch Länder bei sind, von denen ich in den vier Jahren davor fast gar nichts gesehen habe.

Zum Ausdruck “Jogis Jungs” haben Vert et Blanc bereits alles gesagt.

Zu Jogis Jungs: Nenne Deine beiden Lieblingskicker aus dem deutschen Kader?

Per Mertesacker mag ich sehr gerne. Seit er bei Arsenal ist, mag ich ihn fast noch mehr als zu Werder-Zeiten. Scheint mir einer der wenigen Fußballer mit Humor zu sein, der über die üblichen Pausenclowns hinausgeht.

Rein sportlich müsste ich jetzt Mesut Özil nennen, der einerseits oft zu hart kritisiert wird (kaum ein Spieler hat in der Premier League mehr Chancen vorbereitet als er) und andererseits noch so viel mehr kann, als er 2014 bislang gezeigt hat.

Alternativ nenne ich noch Miroslav Klose. Wer hätte schon gedacht, dass er 2014 noch immer “der” deutsche Mittelstürmer sein würde. Sehr beeindruckend und die beiden Tore, die er noch braucht, um Ronaldo zu überholen, wird er bei diesem Turnier schießen.

Es ist natürlich Zufall, dass alle drei mal bei Werder gespielt haben.

Wie weit kommen Jogis Jungs?

Trotz aller Probleme in der Vorbereitung rechne ich Deutschland gute Chancen zu, ein gutes Turnier zu spielen. Für den Titel wird es eher nicht reichen, da müssten sich schon sämtliche Sorgen um die Fitness von Schlüsselspielern in Luft auflösen. Das Halbfinale ist aber wieder drin.

(Wenn nicht Jogis Jungs:) Wer wird am 13.07.2014 im Maracanã Weltmeister?

Brasilien hat mich im ersten Spiel enttäuscht, aber sie bleiben neben Spanien für mich der Topfavorit. Italien hat auch gute Chancen. Wenn ich mich festlegen muss, sage ich aber Argentinien.

Ist es schon zu spät, das Stöckchen noch weiterzugeben? Falls nicht, reiche ich es an Stephen, der traurig ist, weil ihn nie jemand fragt.

WM-Erwartungen

Die Zeit rennt. Und weil so wenig davon übrig bleibt, gibt es an dieser Stelle ein paar komprimierte Erwartungen an die kommende WM – rein fußballerisch:

Es wird viel über das Klima gesprochen. Die einen halten es für einen der wichtigsten Aspekte bei diesem Turnier, andere meinen, dass es keine große Rolle spielen wird. Ich halte es da mit Joachim Löw: Europäische Mannschaften, die ihr Spiel nicht den klimatischen Bedingungen anpassen, werden in der K.O.-Runde gnadenlos untergehen. 30 Grad im Norden Brasiliens sind nicht vergleichbar mit ähnlichen Temperaturen in Europa. Es hat Gründe, warum der brasilianische Fußball deutlich langsamer ist, als der europäische. Das Motto dieser WM könnte daher eine Zeile der Band “The Horrors” werden: “The moment that you want is coming if you give it time.” Nur wer sich die Kräfte gut einteilt, wird auch die zweite Turnierhälfte erfolgreich spielen. Man erinnere sich an die ausgelaugten Spanier im Finale des Confed-Cups.

Gruppe A

In der Summe aus Qualität des Kaders, Taktik, Klimabedingungen und Heimvorteil ist Gastgeber Brasilien der klare Favorit bei dieser WM. Die Mannschaft ist nicht mit Superstars gespickt, funktioniert aber seit Scolaris Übernahme als hervorragende Einheit. Grund für überschwänglichen Optimismus haben die Brasilianer trotzdem nicht: Sie gingen auch favorisiert in die letzten beiden WM-Turniere und enttäuschten jeweils.
Kroatien hat ein hervorragendes Mittelfeld und mit Mandzukic einen tollen Stürmer. Ob das reicht, um bei der WM groß aufzutrumpfen? Ich glaube nicht, aber für das Achtelfinale sollte es langen.
Mexiko hat eine gruselige Qualifikation gespielt, dürfte aber stärker in das Turnier gehen, als man annehmen könnte. Auf die Dreierkette und das anspruchsvolle System bin ich gespannt.
Kamerun traue ich wenig bis nichts zu, beim 2:2 gegen Deutschland hat mich das Team mal wieder nicht überzeugt. Lediglich Choupo-Moting könnte bei dem Turnier groß herauskommen.

Gruppe B

Die Todesgruppe. Spanien bleibt trotz aller Unkenrufe der zweite große Favorit des Turniers. Den besten Kader hat der Titelverteidiger nach wie vor, doch einige Schlüsselspieler sind außer Form. Ob Xavi vor der Doppelabsicherung Busquets/Alonso noch einmal glänzen kann? Zu gönnen wäre es ihm, es könnte aber auch sein, dass Del Bosques Loyalität seinen Stars gegenüber bestraft wird. Trotzdem: Drei Turniere in Folge gewonnen, ohne Gegentor in den K.O.-Runden. Den Titel holt man auch 2014 nur über Spanien.
Die Niederlande haben sich unter Van Gaal im neuen System zumindest defensiv stabilisiert. Offensiv soll die individuelle Klasse reichen. Vor nicht allzu langer Zeit hätte ich ein Vorrundenaus für die Niederlande für wahrscheinlich gehalten, inzwischen bin ich mir da nicht mehr sicher und traue dem jungen Team sogar zu, eine der großen Überraschungen zu werden.
Chile ist alles zuzutrauen, positiv wie negativ. Egal, wie weit sie mit ihrem Ultra-Pressing kommen, ihre Spiele werden spektakulär sein. Doch auch sie werden ihren Stil nicht das ganze Turnier über durchziehen können – es sei denn sie scheiden in der Vorrunde schon aus.
Australien hat Pech, in so einer starken Gruppe zu spielen. Mehr als einen hart erkämpften Punktgewinn traue ich ihnen nicht zu.

Gruppe C

Kolumbien ohne Falcao? Immer noch ein Kandidat fürs Viertelfinale. Es gibt sogar Experten, die das Team ohne ihn stärker sehen, wenn seine individuelle Klasse auch fehlen wird.
Griechenland hat wie immer eine Kämpfertruppe zusammen, für das Achtelfinale fehlt mir diesmal aber die Fantasie.
Die Elfenbeinküste hat seit langem mehr mit den eigenen Problemen zu kämpfen, als mit dem Gegner. Vom Potenzial die wohl beste afrikanische Mannschaft, in der Realität meistens nicht.
Japan ist mein Favorit auf Platz 2 und eine der Mannschaften, denen ich am liebsten zuschaue. Technisch und taktisch hochwertig, mit etwas Glück reicht es für das Viertelfinale. Für mehr fehlt wohl leider die individuelle Klasse.

Gruppe D

Uruguay ist über den Zenit hinaus, was etwas schade ist. Die Mannschaft ist überaltert und eigentlich wäre es verwunderlich, wenn man das Niveau von 2010 und 2011 wieder erreichen könnte. Doch in so einem Turnier ist einer erfahrenen Mannschaft alles zuzutrauen, erst recht wenn sie Luis Suarez vorne drin hat.
Costa Rica ist immer dabei, in der zweitstärksten Gruppe aber chancenlos.
England interessiert mich zum ersten Mal seit langem mal wieder wirklich. Junges Team mit großem Potenzial. Aber hat der Trainer den Mut darauf zu setzen oder sehen wir am Ende wieder Gerrard/Lampard im Mittelfeld?
Italien hat sich unter Prandelli toll entwickelt, scheint mir jedoch nicht ganz so toll im Saft zu stehen, wie vor zwei Jahren. Das Viertelfinale sollte es mindestens sein und wenn Pirlo ins Turnier findet kann es auch weiter gehen.

Gruppe E

Die Schweiz unter Hitzfeld ist sehr konstant, deshalb werden sie die Gruppe überstehen, vielleicht sogar vor den Franzosen. Die leichte Quali-Gruppe täuscht aber über die beschränkten Mittel hinweg.
Ecuador ist die einzige südamerikanische Mannschaft, die nie bei den Kandidaten für die letzten acht auftaucht. Ihre Chancen werden wohl von Frankreichs Form abhängen.
Die Franzosen scheinen einigermaßen gestärkt ins Turnier zu gehen. Trotz aller Klasse im Kader, Riberys Ausfall werden sie nicht verkraften können und es würde mich wundern, wenn sie weit kommen. Auch ein erneuter Kollaps in der Vorrunde scheint denkbar.
Von Honduras habe ich sehr wenig gesehen in den letzten Jahren. Ihr Stil wirkt nicht sehr spannend, könnte aber einigen Gegnern offensiv Probleme bereiten.

Gruppe F

Argentinien hinkt seit fast schon Jahrzehnten den Ansprüchen hinterher. Ändert sich das in diesem Jahr? Taktisch wirkt das Team seit dem Maradona-Debakel gereift und die Zusammensetzung aus Di Maria, Messi und Aguero ist äußerst vielversprechend. Das Halbfinale sollte drin sein.
Bosnien und Herzigowina ist endlich bei einem großen Turnier und für mich klarer Favorit auf Platz 2 hinter den Argentiniern. Für Werderfans interessant: Hajrovic in Aktion erleben.
Zum Iran habe ich fast keine Meinung. Gegen mittelmäßige Teams können sie wohl die Null halten, mehr aber auch nicht.
Nigeria wird sich leider in die Riege der enttäuschenden afrikanischen Teams einreihen.

Gruppe G

Wie steht es um Deutschlands WM-Chancen? Im eigenen Land glaubt kaum einer daran. Meine Erwartungshaltung werde ich in einem separaten Artikel erläutern. So viel vorab: Völlig schwarz sehe ich für Löws Team nicht, ganz im Gegenteil, auch wenn es nicht für den Titel reichen wird.
Portugal ist defensiv eines der besten Teams des Turniers. Offensiv ist man sehr abhängig von Ronaldo, aber das muss kein Nachteil sein, wenn er seine Fitness wiedererlangt.
Ghana schätze ich von allem afrikanischen Teams am stärksten ein, doch ich glaube trotzdem nicht an ein Überstehen der Vorrunde.
Auch die USA sind eigentlich gut genug für das Achtelfinale, wenn die starke Gruppe nicht wäre.

Gruppe H

Belgien ist der überhaupt nicht mehr geheime Geheimfavorit. Eine echte Chance auf den Titel räume ich ihnen nicht ein, dafür sind sie a) zu unerfahren und b) ist ihr Spiel zu physisch. Das Viertelfinale würde ich ihnen wünschen, allein schon, um ein paar mehr Spiele von ihnen sehen zu können. Ein toller Kader und endlich mal wieder eine Teilnahme an einem großen Turnier.
Algerien ist ebenfalls ein Team, das ich nicht einschätzen kann und daher möglicherweise gnadenlos unterschätze.
Russland habe ich vor zwei Jahren ein Vorrundenaus prophezeit. Dieses Jahr scheinen sie mir eine bessere Balance zu haben. Das Achtelfinale ist diesmal drin.
Südkorea ist eigentlich ebenfalls ein Mannschaft die ich gerne spielen sehe und hoch einschätze. Seit der WM 2010 sehe ich sie aber nicht unbedingt verbessert. Gegen Russland und Belgien wird es eng mit dem Achtelfinale.

Weitere WM-Berichterstattung wird es hier geben, ich weiß allerdings noch nicht in welchem Umfang. Jetzt freue ich mich erst einmal auf das Auftaktspiel.