Tor der Hoffnung

Bundesliga, 18. Spieltag: Werder Bremen – 1899 Hoffenheim 2:1

Der befürchtete Fehlstart blieb aus: In letzter Sekunde sicherte sich Werder Bremen den insgesamt verdienten Sieg im Krisengipfel gegen Hoffenheim. Zumindest kurzfristig darf man als Fan wieder etwas entspannter in die Zukunft blicken.

Kurzer Moment des Glücks

Ich habe mich nur kurz gefreut. Ein kurzer, intensiver Moment des Glücks, nachdem Torsten Frings den Ball in der Nachspielzeit in die Maschen gehämmert hatte. Es war nur ein Tor gegen den Abstieg. Drei Punkte gegen einen erstaunlich harmlosen Gegner, der trotzdem kurz vor Schluss noch Pizarros Führung ausgleichen konnte. Ein Tropfen auf dem heißen Stein im Gesamtbild dieser enttäuschenden Saison.

Doch das Tor hat einen symbolischen Wert. Vielleicht wird ihm dieser Wert in den nächsten Wochen wieder genommen, falls die Mannschaft zurück in ihre Lethargie verfällt. Vielleicht wird er am Ende der Saison als der Wendepunkt angesehen, der Werder zurück in die Erfolgsspur führen sollte. Im Moment steht das Tor einfach nur für die Hoffnung. Die Hoffnung von uns allen, dass dieses Team noch lebt, atmet und um seine Daseinsberechtigung kämpft. Die Hoffnung, dass die schlimmen Befürchtungen bezüglich des Zustands der Mannschaft sich doch nicht bewahrheiten. Wenn selbst dieses bereits abgeschriebene, von inneren Zerwürfnissen aufgezehrte Werder, in diesem zum erneuten Ärgernis zu werden drohenden Spiel, in den letzten Sekunden mit einem Tor des Willens noch den Sieg holen kann, dann gibt es wohl nichts auf das es sich nicht zu hoffen lohnt.

Kompaktheit und Stabilität als Überraschungselement

Es war kein sonderlich gutes Spiel von Werder, bei weitem kein Fußballfest. Der Ball lief einigermaßen flüssig durch die eigenen Reihen, doch gerade im Angriffsdrittel fehlte noch die Feinjustierung. Hier und da taten sich auch die Lücken zwischen Abwehr und Mittelfeld auf, die Werder schon seit längerem das Leben schwermachen. Doch insgesamt spielte die Mannschaft sehr konzentriert, kompakt und mutig gegen einen Gegner, der nur selten Räume in der eigenen Defensive offenbarte.

Niemand stach so richtig aus der Mannschaft hervor, aber es fiel auch keiner deutlich ab. Die Teamperformance stimmte also. Der kollektive Torjubel am Ende sollte wohl auch ein Statement nach außen sein, dass hier doch kein zerstrittener Haufen unterwegs ist und dass es ein gemeinsames Ziel gibt. Diesem schienen sich zumindest am Samstag alle unterzuordnen. Werders Stabilität überraschte Gegner und Fans. Man ist diese Kompaktheit und Disziplin aus den letzten Monaten nicht mehr gewohnt.

Kroos und Silvestre überzeugen

Auch taktisch zeigte sich Werder verändert. Thomas Schaaf griff wieder auf die Raute im Mittelfeld und zwei echte Stürmer zurück. Mit Pizarro und Arnautovic im Sturmzentrum kann Werder sehr variabel spielen, auch wenn es bei der Abstimmung zwischen den beiden noch Optimierungsbedarf gibt. Mit Frings als alleinigem Sechser muss Werder zudem aufpassen, keine zu großen Räume vor der Abwehr entstehen zu lassen. Der Kapitän täte gut daran, seine Vorstöße weitgehend einzuschränken und wenn dann nur im Wechselspiel mit Bargfrede mit nach vorne zu gehen. Die Hoffnung auf ein längerfristiges Comeback der Raute wurde jedoch hauptsächlich durch Felix Kroos befeuert. In Borowski und Jensen sind die nahe liegenden Optionen für die Halbpositionen (wieder einmal) verletzt. Kroos lieferte eine unspektakuläre Leistung ab, doch sein Passspiel überzeugte. In manchen Situationen darf er gerne die Bälle noch schneller verarbeiten und das Spiel schneller machen. Mit seinen technischen Fähigkeiten und seinem Spielverständnis könnte er schon bald zum Nachfolger von Tim Borowski werden.

In der Viererkette waren viele von Mikael Silvestres grundsolider Leistung überrascht. Ich kann nicht sagen, dass ich den Auftritt genau so erwartet habe, aber gänzlich unerwartet kam er nicht. Es ist deutlich zu sehen, dass er körperlich auf einem viel besseren Level ist als zu Beginn der Saison. Das konnte man auch schon gegen Ende der Hinrunde (vor seiner Verletzung) beobachten, doch damals war er schon so verunsichert, dass er weiterhin Fehler am laufenden Band produzierte. Sein letzter Auftritt gegen Frankfurt war hingegen schon ähnlich souverän wie am Samstag. Wenn er weiter in dieser Verfassung spielt, ist er zumindest kurzfristig ein Gewinn für Werder.

Und nun?

Unter anderen Voraussetzungen könnte man nun schon wieder etwas mutiger nach vorne schauen. Der Rückstand auf die internationalen Plätze ist nicht so groß, dass man die Saison nach 40 Punkten schon abhaken müsste. Wenn die Bayern bei (ehemals) 13 Punkten Rückstand auf Dortmund eine Kampfansage abgeben, warum dann nicht auch Werder bei 11 Punkten Rückstand auf Mainz? Weil wir noch weit davon entfernt sind, die Kurve schon gekriegt zu haben. Wir biegen gerade erst ein.

Werder hat in der letzten Saison mit einem Kraftakt in kürzerer Zeit einen größeren Rückstand aufgeholt. Wenn die Mannschaft erst einmal Blut geleckt hat, wer weiß wozu sie dann noch fähig ist? Ein Tor der Hoffnung. Die Realität heißt: Platz 12 und 6 Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz.

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    8 Gedanken zu „Tor der Hoffnung

    1. Immer wieder erstaunlich wie genau der Autor meine Meinung widerspiegelt. Werder, eine Momentaufnahme. Die aufkeimende Hoffnung laesst an alte, bessere Zeiten erinnern, doch die kalte Realitaet koennte diese bereits in kuerze wieder weggeblasen haben wie der Nordwind, der zurzeit um die Baustelle Weserstadion zieht und dem eisernen Fan eine Gaensehaut verursacht. Gaensehaut Feeling im Weserstadion? Die Hoffnung stirbt zuletzt.

    2. Treffend zusammengefasst. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob Bargi der richtige “Halbe” ist. Dafür ist mMn sein Offensivdrang etwas zu wenig. Wie sähe denn die Raute aus, wenn die verletzten wieder da sind?

    3. Halbpositionen: Schwer zu sagen, eigentlich wären ja Boro und Jensen perfekt, aber wie lange ist es her, dass sie das Notwendigste abrufen konnten? Und was wird aus Marin? In die Raute passt er eigentlich gar nicht, höchstens als Spielmacher, falls Hunt eher schwach bleibt. Wurde das schon mal getestet (ohne dass Hunt auf dem Platz stand)?

      Das Hauptproblem der Hinrunde war doch vielleicht, dass für die Wahl der Raute zu viele vielversprechende Spieler zur Verfügung standen, die in anderen Systemen besser aufgehoben sind, sich aufgrund der vermeintlichen Qualität aber von selbst aufstellen (Arnautovic, Wesley, Marin, Hunt) Andere Systeme konnten aber trotzdem nicht angemessen umgesetzt werden. Deshalb fand ich die Maßnahme so gut den prominenten Marin zugunsten des Systems einfach mal draußen zu lassen.

    4. Marin auf der 10 hat bisher noch nicht funktioniert. Ihm fehlt da glaube ich einfach (noch) das Spielverständnis. Marin ist im Moment eher ein eindimensionaler Außenstürmer der zudem nicht nach hinten arbeitet. Hoffen wir, dass er an seinen Schwächen arbeitet.

    5. Pingback: Fremdgänger
    6. @Conti: Bargfrede halte ich eigentlich für vielseitig genug, um in der Raute zu spielen. Solange Frings unser 6er ist, soll es mir sogar recht sein, wenn einer der Spieler auf den Halbpositionen etwas vorsichtiger agiert. Wenn alle fit sind müsste man natürlich Wesley integrieren (Boro und Jensen sollen erstmal länger als zwei Wochen am Stück fit sein, dann kann man weitersehen). Ich würde die Raute jetzt aber auch nicht zwingend als Formation für die gesamte Rückrunde ansehen. Momentan gibt sie der Mannschaft wohl Sicherheit und das zählt.

      @Dudek: Hunt sehe ich eigentlich schon als geeigneten 10er in einer Raute, auch wenn er keine gute Hinrunde gespielt hat. Ansonsten sehe ich es ähnlich wie du. Marin wurde Anfang der Saison ein paar Mal auf der 10 getestet (z.B. gegen Köln und gegen Tottenham) und hat nicht überzeugt. Ich glaube auch nicht, dass er noch zu einem 10er wird (was ja nicht schlimm ist). Als hängende Spitze könnte er aber auch in unserem jetzigen System spielen, wie Anfang der letzten Saison. Hauptsache er kommt überhaupt mal wieder in Form.

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