Trainerfrage

"Die Trainerfrage stellt sich nicht."

Bei vielen Vereinen kann der Trainer nach einer solchen Aussage seines Vorgesetzten bereits seine Koffer packen, den Mietvertrag kündigen und sich leise und dezent bei anderen Vereinen ins Gespräch bringen. Vereinsverantwortliche, die ihrem Trainer öffentlich den Rücken stärken, sind in etwa so glaubwürdig, wie es die Wahlergebnisse der DDR waren. Zu oft schon haben sich ihre Worte als reine Lippenbekenntnisse entpuppt, während im Hintergrund schon fleißig nach einem Nachfolger gesucht wurde.

Nun hat Werders Sportdirektor Klaus Allofs diese Worte in den Mund genommen. Deutet das auf einen baldigen Abschied von Trainer Thomas Schaaf hin? Nun, es gibt für Allofs im Prinzip keine Möglichkeit, sich öffentlich zu Schaaf zu bekennen, ohne dieselben Floskeln zu verwenden, die von seinen Kollegen schon so oft missbraucht wurden.

Überhaupt sieht sich Allofs momentan von Seiten vieler Fans mindestens ebenso starker Kritk ausgesetzt, wie sein Trainer. Es ist das erste Mal in der Ära Allofs/Schaaf, dass es grundsätzliche Kritik an der Arbeit des ehemaligen Erfolgsduos gibt. Doch worauf richtet sich die Kritik eigentlich?

Es war eigentlich abzusehen, dass Thomas Schaafs stoische Art irgendwann mal zum Bumerang für ihn werden könnte. Was ihn in Zeiten des Erfolgs zum Sympathieträger machte, wird ihm nun immer mehr zum Verhängnis. Sein ironischer Unterton im Umgang mit der Presse wird ihm nicht mehr als trockener Humor, sondern als Bitterkeit eines Beleidigten ausgelegt. Was früher Konstanz und Beständigkeit hieß, ist heute Starrsinn und Uneinsichtigkeit. Unaufgeregtheit wird zu Gleichgültigkeit. Thomas Schaaf zum schwarzen Schaf.

Natürlich sehen das längst nicht alle so. Zu groß sind seine Verdienste in den letzten 10 Jahren. Trotzdem bin ich gespannt, wie viel der Geduldsfaden der verwöhnten Bremer Haupttribüne aushält und wann die ersten Schaaf-Raus-Rufe durchs Weserstadion hallen. Der am weitesten verbreitete Vorwurf an Schaaf ist – schon seit Jahren – seine angebliche taktische Unflexibilität. Diese wird vor allem an seinem Festhalten am 4-4-2 System mit Raute festgemacht. Dabei vergessen viele, dass dieses System selbst schon zu den flexibelsten im Fußball gehört und unter Schaaf auch schon auf unterschiedliche Weise ausgelegt wurde (etwa bei der Interpretation der Spielmacherposition und den Außenverteidigern). Natürlich ist mit dem System nicht nur die attraktive und offensive Spielweise verbunden, sondern auch die Anfälligkeit bei Kontern. Doch gegen Werders Abwehrfehler ist kein System der Welt gewappnet. Individuelle Unkonzentriertheiten und Abstimmungsprobleme zwischen Innenverteidigern, Außenverteidigern und defensiven Mittelfeldspielern sind die Probleme, die Werder bislang 30 Gegentore beschert haben.

Und diesen Punkt kann man dem Trainer schon vorhalten: Er schafft es nicht, die Defensive, die mit Ausnahme des linken Außenverteidigers seit Jahren zusammenspielt, so einzustellen, dass man zumindest bei Standardsituationen und im Überzahlspiel stabil ist. Individuell hat Werder in der Defensive gute bis sehr gute Leute, doch es hapert an Aufmerksamkeit und Koordination. Warum hat Werder in Zeiten, in denen die Trainerstäbe immer größer werden, keinen Defensivspezialisten in seinen Reihen?

Auch Klaus Allofs wird hauptsächlich für etwas kritisiert, dass ihn einst zum gefeierten Managerfuchs machte: seine Transferpolitik. Während Werder früher scheinbar problemlos die Abgänge großer Stars durch den Kauf neuer, günstiger Alternativen kompensieren konnte und nebenbei noch Transfers-Coups wie bei Micoud, Diego und Ismael landete, scheint die Zusammensetzung des Kaders in dieser Saison nicht zu passen. Die Abgabe von Stürmer Boubacar Sanogo zu einer Zeit, in der die Personaldecke im Sturm ohnehin schon dünn ist, noch dazu an einen direkten Ligakonkurrenten, gibt den Kritikern neue Nahrung.

Ähnlich wie für Schaaf gilt jedoch auch für Allofs, dass er nicht viel anders gemacht hat, als in den Jahren zuvor. Es ist offensichtlich, dass Gehälter und Ablösesummen seit Jahren ansteigen, wie auch Werders Personal- und Transferkosten. Große Sprünge sind dort nicht zu realisieren. Während bis vor etwa zwei Jahren häufig schon erfahrenere Spieler verpflichtet wurden, die in ihrem Verein aus verschiedenen Gründen auf Abstellgleis geraten waren, konzentriert man sich heute eher auf unerfahrene Talente (Özil, Boenisch, Husejinovic, Ikeng). Seit dem Flop mit Carlos Alberto scheuen sich die Verantwortlichen (und dabei denke ich nicht zuerst an Allofs) offenbar noch mehr, die Geldbörse weiter zu öffnen.

Während man früher wie selbstverständlich davon ausgehen konnte, dass charakterlich schwierige Typen, wie Ailton oder Micoud in Bremen aufblühen, ist dies heute keineswegs mehr sicher. Die Narrenfreiheit, die solche Spieler ein Stück weit brauchen, birgt eben auch Risiken. Das in den letzten Jahren stark gewachsene Medieninteresse trägt da sicher seinen Teil bei. Doch auch das Alter der Spieler spielt eine Rolle. Für die Micouds und Davalas bedeutete Bremen eine letzte Chance auf größere Erfolge als Spieler. Die Diegos, Almeidas oder selbst Carlos Albertos dieser Welt, brauchen sich mit Anfang bis Mitte Zwanzig noch nicht solche Gedanken zu machen.

Kritik von Seiten der eigenen Fans ist selten rein sachlich begründet. Sie entsteht aus den besten Absichten und vor allem aus Sorge um den Verein. Das Leben eines Werderfans besteht nun seit gut einem Jahr aus Hoffnung, Enttäuschung, Verzweiflung, Wut, neuer Hoffnung, neuer Enttäuschung und immer so weiter. Wer will es einem da verdenken, dass sich der aufkommende Unmut auch gegen die sportliche Führung richtet?

Damit kehrt in Bremen auch ein Stück Normalität zurück, das selbst in Zeiten großer Erfolge zum Alltag der meisten Fußballvereine gehört. Otto Rehagel kann davon sicher noch ein Lied singen. Der musste sich über die Jahre immer wieder scharfe Kritik an seiner Arbeit gefallen lassen, auch zu seinen Werder-Zeiten. Doch Rehagels Sturheit zahlte sich aus: Er holte Meisterschaften, Pokalsiege, einen Europapokalsieg und gewann schließlich mit Griechenland die Europameisterschaft. Sturheit scheint im Trainergeschäft keine schlechte Eigenschaft zu sein: Fast alle Erfolgstrainer der letzten Jahre kann man mit Fug und Recht als sture Böcke bezeichnen: Mourinho, Wenger, Benitez, Hiddink – die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Auch den beiden erfolgreichsten Trainern des letzten Jahres (Alex Ferguson und Luis Aragones) wurde noch vor kurzer Zeit Amtsmüdigkeit und Altersstarrsinn nachgesagt.

Sollte Schaaf sich als ähnlich zäh entpuppen, könnte das Ende der Fahnenstange noch lange nicht erreicht sein. Im Fußball kann es bekanntlich sehr schnell gehen. Ob Werder wie zu Rehagels Zeiten schlechte Jahre in der Liga mit Erfolgen im (Europa-)Pokal wettmachen kann, ist fraglich. Ein Sieg morgen gegen Schalke wäre jedoch auch ein guter Anfang.

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