Trennt sich eher vom Ball als von seiner Frisur

Der Kicker fasste die Situation des SV Werder nach dem Spiel gegen den HSV folgendermaß?en zusammen:

Schwächen vorne, Patzer hinten, dazu die nach wie vor fehlende
Kreativität im Mittelfeld – trotz des ersten Punkts nach vier Pleiten
steckt Werder vorerst weiter im Tief.

Moment! Erster Punkt nach vier Pleiten? Hä? Sehr mysteriös ist auch das, was Torsten Frings nach dem Spiel gesagt haben soll:

"Hamburg war ein Neuanfang."

Da hört man tagelang, dass Torsten Frings, der "Chefkritiker", der "Bremer Olli Kahn", seine Mitspieler so hart attackiert hätte und nun solch eine Kehrtwende?

Nein, die genannten Aussagen stammen nicht aus diesem Februar, sondern vom letzten Nordderby im September 2006. Damals hatte Werder gegen am Ende dezimierte Hamburger ein 1:1 geholt, was die Situation allgemein aber nicht entspannte. Trotzdem schien bei Werder etwas in Gang gesetzt worden zu sein, was dann in der Woche darauf beim Spiel gegen Barcelona sichtbar wurde. Eigentlich ging die Saison erst dann wirklich los für den SVW. Nach dem Spiel gegen den HSV ist zumindest die öffentliche Wahrnehmung ähnlich. Die Situation ist trotzdem nicht mit der von vor einem halben Jahr vergleichbar. War man da nach 5 Spieltagen zwar nur Achter, hatte man trotzdem nur 3 Punkte Rückstand auf die Tabellenführer Bayern und Schalke. Das sieht nun leider etwas anders aus. Auch die Abfolge der Rückschläge sieht ein bisschen anders aus. Nach dem Spiel gegen Stuttgart konnte man noch darauf verweisen, dass eigentlich alles so läuft wie in der Hinrunde. Jetzt hatte man gegen Amsterdam ein Erfolgserlebnis, das der Beginn einer neuen Siegesserie sein sollte. Nun der erneute Rückschlag gegen den HSV. Ein Aufwärtstrend rein äuß?erlich betrachtet nicht zu erkennen.

Auch von der Mannschaft kommen in diesen Tagen andere Ä?uß?erungen als damals. Hauptverantwortlich ist dafür Torsten Frings, der (Ersatz-) Kapitän. Seine Wortwahl war hart ("Bei uns reißen sich zu wenige den Arsch auf!"), zielte aber nicht unterhalb der Gürtellinie. Sachlich berechtigt ist die Kritik allemal. Und wer, wenn nicht Frings sollte in solch einer Situation den Mund aufmachen? Kaum ein anderer Mittelfeldspieler in der Bundesliga spielt so konstant und keiner auf so hohem Niveau wie der "Lutscher". Er ist wohl der deutsche Spieler, der seit der WM den größ?ten Schritt nach vorne machte. Während Ballack in London Lampard den Rücken freihalten und sich dafür auch noch von Fans und Presse beschimpfen lassen muss, hat sich Frings zu einem der dominierenden Mittelfeldspieler Europas gemausert. Er scheint heute mehr denn je das Herz des Werderspiels zu sein. Er
ist der Nachfolger von Micoud – nicht als genialer Spielmacher, sondern
als Chef auf dem Platz. Bleibt nur zu hoffen, dass die Krise bei Werder ihn nicht auf dummer Gedanken bringt. Bleibt sogar noch mehr zu hoffen, dass Werder schnell die Kurve kriegt und sich derartige Gedankenspiele erübrigen.

Im Fuß?ball kann es manchmal so schnell gehen. Auch wenn es nur ein kleiner Strohhalm ist: Damals, nach dem Spiel gegen den HSV, brauchte Werder genau vier Spiele um aus einem 3 Punkte Rückstand einen 3 Punkte Vorsprung auf Schalke zu machen.

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    2 Gedanken zu „Trennt sich eher vom Ball als von seiner Frisur

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