UEFA-Cup Finale: Italien

Schachtar Donezk – Werder Bremen 2:1 n.V.

Was macht man am Tag nach dem Finale? Sich davon überzeugen, dass das Leben um einen herum weitergeht? Tut es das denn? Ein Blick nach draußen sagt: ja. Die Vögel zwitschern, die Freunde und Bekannten ebenfalls. Das Weserstadion steht immer noch dort, wo die Weser einen großen Bogen macht. Auch die Scharen gläubiger Menschen, die sich zum Kirchentag versammelt haben, sind noch da. Für heute werden 500.000 Teilnehmer erwartet. Damit wäre Bremen heute eine Millionenstadt. Doch was ist schon eine Millionenstadt ohne Titel? Hamburg? Berlin?

Werder hat die erste von zwei Chancen auf einen Pokal in dieser Saison vergeben. Zu keiner Zeit hat man im Finale von Istanbul den Offensivdruck entwickeln können, mit dem man den HSV und AC Milan in  den Runden zuvor niedergerungen hatte. In einem insgesamt eher mäßigen Spiel war Donezk die bessere, die leichtfüßigere Mannschaft. Ein spielerischer Klassenunterschied, der einem beim Zuschauen wehtat. Vorbei die Zeiten, da Werder für sein technisch anspruchsvolles Kurzpassspiel Schönheitspreise gewann. Da half es auch nichts, dass Claudio Pizarro in der letzten Minute der Verlängerung ein vermeintlich reguläres Tor erzielte, dem Schiedsrichter Cantalejo die Anerkennung verweigerte. Ein harter Brocken, hier auf Foul zu entscheiden. Nüchtern betrachtet wohl vertretbar, aber nicht seiner vorherigen Linie entsprechend. Hätte es in der Situation mit vertauschten Rollen Elfmeter gegeben? Wohl kaum.

Der größte Respekt gebührt sicherlich Donezks Trainer Lucescu. Seine Offensivtaktik mit allen fünf Brasilianern in der Startaufstellung ging voll auf. Dazu schaffte man es im Mittelfeld, Mesut Özil weitgehend zu isolieren. Die restlichen Bremer Offensivbemühungen konnten Schachtar nur selten in Bedrängnis bringen. Schaaf kann man kaum einen Vorwurf machen. Seine Alternativen bei der Personalentscheidung waren sehr begrenzt, was man auch bei den Einwechslungen sehen konnte. Ob Tim Wiese nun beim ersten, beim zweiten oder bei beiden Gegentoren nicht gut aussah, ist mir egal. Kein anderer Torwart in der Bundesliga hat sich im letzten Jahr so weiterentwickelt wie er. Wenn er sich nicht zufrieden gibt und weiter so an sich arbeitet, hat er eine realistische Chance in der Nationalmannschaft.

Das Spiel erinnerte mich in merhfacher Hinsicht an das Halbfinalaus der deutschen Mannschaft bei der WM 2006 gegen Italien. Auch damals hatte ich vor dem Spiel ein gutes Gefühl, dachte den stärksten Gegner schon in der Runde zuvor besiegt zu haben. Auch damals fiel der vielleicht entscheidende Spieler unter umstrittenen Umständen für das Spiel aus und konnte nicht adäquat ersetzt werden. Auch damals überraschte der gegnerische Trainer durch eine erstaunlich offensive Ausrichtung seiner Mannschaft. Auch damals hatte man das sichere Gefühl bei einem möglichen Elfmeterschießen siegreich vom Platz zu gehen.

Letztendlich verlor man das Spiel heute wie damals verdient in der Verlängerung und am Ende bleibt nur eine große Leere, ein Nichts, das nur schwer wieder aufgefüllt werden kann. Damals gab es ein versöhnliches Spiel um Platz 3, das die Enttäuschung über das verpasste Finale bei vielen Zuschauern milderte. Gestern gab es nur Medallien, einen feuchten Händedruck von Michel Platini und einen flüchtigen Blick auf das Objekt der Begierde, den Pokal. Nur gucken, nicht anfassen. Vielleicht hätte man noch jedem Spieler eine Teilnehmerurkunde überreichen können, um noch weiter in den Wunden zu bohren.

Es wird mit Sicherheit der Tag kommen, wenn die Freude, dieses Finale überhaupt erreicht zu haben, überwiegen wird. Vielleicht wird es morgen sein, vielleicht erst in einigen Wochen. Zum Glück bleibt nicht viel Zeit zum Trübsal blasen. Das nächste Finale wartet schon in neun Tagen. In Berlin wird für Werder eine Ära zu Ende gehen. Ich fordere nicht den Titel, doch ich wünsche mir ein tolles und begeisterndes Spiel, in dem Werder eine Leistung zeigt, auf die jeder Spieler und jeder Fan stolz sein kann. Vor fünf Jahren haben wir schon einmal einen kleinen Brasilianer unter Tränen in Berlin verabschiedet. Es war ein gutes Pflaster.

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