UEFA-Cup Halbfinale, Rückspiel: Der Norden der Welt

Hamburger SV – Werder Bremen 2:3

Auch mit zwei Tagen Abstand habe ich noch nicht ganz realisiert, was eigentlich passiert ist. Lässt man Papierkugeln, Torwartfehler und sonstige Gehässigkeiten mal weg, bleibt unterm Strich die zweite Finalteilnahme dieser Saison und die zweite Finalteilnahme der Vereinsgeschichte im Europapokal. Bei allem was man in dieser Saison als erfolgsverwöhnter Werderfan über sich ergehen lassen musste, war dieses Spiel der vorläufige Höhepunkt an Spannung, vorübergehender Hilflosigkeit und schlussendlich grenzenloser Freude.

Wie soll man das alles auch einfach so wegstecken? Innerhalb weniger Tage der angeblich feststehende Weggang Diegos, der Sieg in Hamburg, Diegos Finalsperre, Mertesackers Saisonaus, Spekulationen über einen Wechsel Thomas Schaafs zu Wolfsburg und dazu dessen zehnjähriges Jubiläum als Werders Cheftrainer. Reicht eigentlich für mehrere Wochen und will in kurzer Zeit verarbeitet werden. Denn es steht bereits das nächste Nordderby auf dem Programm. Mit einem erneuten Sieg könnte man den HSV vorübergehend sogar aus den UEFA-Cup-Plätzen kegeln. Es wäre die ultimative Demütigung, wenn die Hamburger am Ende mit ganz leeren Händen dastünden.

Doch noch ist dies auch für Werder möglich. Im Finale gegen Donezk kann Werder ohne Diego und Mertesacker kaum als Favorit gelten. Selbst Almeidas Sperre wiegt ob Rosenbergs nicht enden wollender Formschwäche schwerer als nötig. Nun wird es Werder doch zum Verhängnis, nur mit drei Stürmern (plus Harnik) in die Rückrunde gegangen zu sein. Die gelbe Karte gegen Diego war unverständlich, taugt jedoch nicht zur Legendenbildung. Er hätte bereits vorher für eine Schwalbe verwarnt werden können, stattdessen bekam er einen Freistoß. Es ist mir trotzdem unbegreiflich, wie ein Spieler, der mit David Jarolim in einer Mannschaft spielt, ernsthaft einem anderen Spieler Fallsucht vorwerfen kann. Egal. Mund abputzen und weiter geht’s.

Franz Beckenbauer zeigte sich nach dem Spiel wieder einmal herrlich uninformiert. Nicht, dass ich mich darüber noch wundern oder gar ärgern würde. Ganz im Gegenteil fand ich es äußerst lustig wie der Kaiser nach dem Spiel überrascht feststellte, dass Bremen entgegen seiner Annahme ja doch eine Pokalmannschaft sei. Und das zwei Wochen nachdem Werder die achte Finalteilnahme der letzten 20 Jahre im DFB-Pokal sichergestellt hatte. Zur Einordnung (auch wenn die Zeitspanne willkürlich ist): Im selben Zeitraum standen die Bayern “nur” sieben mal im Pokalfinale.

Die (Un-)Logik des Pokals widerspricht dem über Monate gelernten Eindruck aus der Bundesliga, dass Werder eben keine Spitzenmannschaft mehr sei. In der Meisterschaft schon früh abgeschlagen, in der Champions League blamabel ausgeschieden. Und nun? Mittelmaß my ass! Es könnte eine der erfolgreichsten Spielzeiten der Vereinsgeschichte werden. Es ist noch nichts Greifbares gewonnen, doch trotzdem sollte man die Saison insgesamt nicht mehr als Misserfolg werten. Das heißt bei weitem nicht, dass alles in Ordnung wäre und die offensichtlich gewordenen Probleme einfach ignoriert werden könnten. Doch ein Rückfall in die Jahre voller Frust ist zumindest vorerst abgewendet.

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