UEFA Cup Zwischenrunde, Hinspiel: Eine nachträgliche Stimmungsbeschreibung

Werder – Milan 1:1

Ich sitze gerade (Freitag, 20.2., Anm.d.Verf.) am Flughafen Schiphol in Amsterdam und warte auf meinen Flug nach Minneapolis. Um die Zeit sinnvoll zu nutzen, schreibe ich nun einige Eindrücke vom UEFA-Cup Spiel am Mittwoch auf. Ich hatte das eigentlich schon gestern vor, doch leider ließen es meine Reiseplanungen nicht zu. Deshalb jetzt also nachträglich.

Zum Spiel selbst brauche ich nicht viel schreiben. Ich nehme an, jeder Leser dieses Blogs hat das Spiel entweder live oder auszugsweise gesehen, bei Twitter die Live-Tweets meiner Konkurrenz Kollegen von @WerderNews verfolgt oder zumindest einen der zahlreichen Spielberichte gelesen (den von kicker.de finde ich außerordentlich zutreffend). Werder spielte engagiert, mit viel Einsatz und Aufwand gegen ein kühles, taktisch wie technisch starkes, allerdings auch etwas lebloses Team aus Milan. Das 1:1 ist sicher kein Wunschergebnis im UEFA-Cup. Es setzt Werder für das Rückspiel unter Zugzwang (wenn schon unentschieden, dann wäre ein 0:0 wegen der Europapokal-Arithmetik besser gewesen). Trotzdem war es ein Spiel, das viele alte Stärken unserer Mannschaft wieder zum Vorschein brachte – einige langjährige Schwächen jedoch leider nicht verbergen konnte.

Mein Bruder, der mich zum Spiel in die Westkurve begleitete, schaffte es aus beruflichen Gründen erst um kurz nach 8 zum Fähranleger am Café Sand. Wir mussten uns ein wenig beeilen, um rechtzeitig zur versprochenen „größten Ostkurven-Show aller Zeiten“ an unseren Plätzen zu sein. Die Show war – an den Beschränkungen des Weserstadions gemessen – gut und sendete eine klare und positive Botschaft für die Völkerverständigung und gegen Rassismus im Stadion und sonst wo. Später wurde noch mit einem Banner die Solidarität zur Mailänder Fankurve zum Ausdruck gebracht. Es gibt anscheinend tatsächlich so etwas wie eine Fanfreundschaft zwischen Werder und Milan.

Auf unserer Seite des Stadions wurden leider keine so positiven Botschaften verbreitet. Ich mag es eigentlich nicht, andere Fans im Stadion zu kritisieren – und wenn, dann auf (selbst-)ironische Weise. Jeder hat ein Recht darauf, das Spiel so zu verfolgen, wie er will, ob singend, fluchend, still und Fingernägel kauend oder auch lallend mit 2,8 Promille. Doch wenn Fans ein ganzes Spiel über nichts besseres zu tun haben, als „Hinsetzen, Hinsetzen“ zu rufen, dann fehlt mir dafür das Verständnis. Zumal es ohnehin völlig hoffnungslos ist, in den hinteren Reihen des Blocks so etwas zu rufen. So lange sich die Leute ganz vorne nicht hinsetzen, wird dies auch sonst niemand tun. Auch wenn es nicht Jedermanns Ding ist, das gesamte Spiel über zu stehen, sollte man doch irgendwann die Sinnlosigkeit der ganzen Sache einsehen und sich am Spiel erfreuen, resp. sich darüber ärgern. Da spielt Werder gegen den AC Milan, die international erfolgreichste Mannschaft der letzten 20 Jahre, und da hat man wirklich nichts besseres zu tun?

Ich muss sagen, dass ich die miesepetrige Stimmung sowieso nicht nachvollziehen konnte. Inzwischen werden Spieler anscheinend schon aus Gewohnheit beschimpft, auch wenn ihre Leistungen eigentlich gut sind. Das ist zwar eigentlich nichts Neues, aber in diesem Ausmaß ist es mir im Weserstadion vorher nicht aufgefallen. Clemens Fritz, zum Beispiel, hat ein gutes Spiel gemacht, hätte ohne seinen zugegeben katastrophalen Fehlpass zu den besten Spielern auf dem Platz gehört (ob man das als Schwäche Ronaldinhos auslegen will, sei jedem selbst überlassen). Frank Baumann machte meiner Meinung nach sein bestes Saisonspiel, wird dafür aber wie gewohnt keine Anerkennung ernten. „Von dem hat man ja gar nicht gesehen“, sagte ein Mann neben mir. „Der ist einfach viel zu alt.“ Ich frage mich, wie solche Leute ein Fußballspiel sehen, wenn ihnen Defensivarbeit und kurze Pässe im Spielaufbau nicht auffallen. Und zur Altersfrage habe ich mich ja schon anderswo geäußert. Ein weiterer Spieler, dessen Leistung nur aufgrund seiner Torvorlage gewürdigt wird, ist Hugo Almeida. Ihn habe ich selten so aktiv und zweikampffreudig gesehen, wie in diesem Spiel. Erfreulich ist besonders, dass er seinen Körper nun endlich etwas besser einsetzt. In den Luftduellen mit Senderos ging er oft als Sieger hervor, er nahm viele Bälle mit dem Rücken zum Tor gut an und legte sie klug für die Mitspieler ab (ich hätte nicht gedacht, dass ich das Wort „klug“ mal in Verbindung mit Almeidas Spielweise benutzen würde).

Ein paar Worte noch zum Schiri, der meiner Meinung nach zu gut weggekommen ist (Kicker-Note 2). Im Stadion ist die Wahrnehmung immer eine andere. Einzelne Entscheidungen kann man nicht annähernd gut genug erkennen, um sich ein Urteil zu erlauben. Doch man bekommt ein ungefähres Gefühl für die Linie des Schiedsrichters. Ich habe das Spiel auf Werder.TV noch mal in voller Länge gesehen und wurde in meinem Eindruck bestätigt: Michael Dean hat durch seine Spielführung sicher nicht das Spiel entschieden, doch seine kleinliche Regelauslegung trug maßgeblich dazu bei, das Tempo aus dem Spiel zu nehmen.

Während deutsche Schiedsrichter immer wieder dafür kritisiert werden, dass sie die Pfeife das ein oder andere Mal zu oft in den Mund nehmen, sieht man bei englischen Schiedsrichtern anscheinend per se davon ab. Es würde ja auch nicht in unser Bild vom schnellen, harten, aber fairen englischen Fußball passen. Dean pfiff jeden direkten Körperkontakt ab, doch sobald es in den Strafraum ging, blieb die Pfeife stumm (Harnik!). Auch dieses Messen mit zweierlei Maß wird deutschen Schiris (IMHO zu Recht) gerne vorgeworfen. Diego sah kurz vor Schluss eine absolut lächerliche gelbe Karte, während Dean das Zeitspiel der Mailänder (Milanesen?) nicht einmal für ermahnungswürdig erachtete.

Eine Szene bleibt besonders in Erinnerung: Ronaldinho trinkt während einer Verletzungsunterbrechung aus einer Flasche und lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, als Dean das Spiel wieder freigeben will. In der Süddeutschen Zeitung habe ich vorhin gelesen, dass Dean der Kragen geplatzt sei und er deshalb Ronaldinhos Flasche wutentbrannt vom Feld pfefferte. Dabei machte es eher den Eindruck, als würde Dean für den ehemaligen Weltfußballer den Diener machen, statt ihm wegen Unsportlichkeit Gelb zu zeigen. Das wäre dann aber auch wirklich zu kleinlich gewesen!

Artikel teilen