UEFA-Cup Zwischenrunde, Rückspiel: Schnee von heute

AC Milan – Werder Bremen 2:2

Fußball ist ein merkwürdiger Sport.

Da spielt Werder das große AC Milan eine Halbzeit lang in dessen eigenem Stadion an die Wand und am Ende steht es 0:2. Da rührt Milan in der zweiten Halbzeit Kaugummi an, woraufhin Werder kaum noch schnell kombinieren und nur noch wenig Druck aufbauen kann und plötzlich steht es 1:2. Dann hakt der Livestream und ich sehe nur noch grünweißen Torjubel: 2:2. Auch nach dem Tor hat Werder die besseren Chancen, könnte das Spiel entscheiden. Eigentlich würde das nun darauf hindeuten, dass Milan doch noch der Sieg gelingt. Aber der Fußballgott hat ein Einsehen und lässt die Bremer nach 180 mit extrem hohem Aufwand und gerade noch ausreichender Effektivität geführten Minuten weiterkommen.

So ganz kann ich es immer noch nicht glauben. Es ist lange her, dass die Bremer solch einen dicken Brocken wirklich geschlagen haben. Es gab Achtungserfolge, keine Frage. Doch die waren zumeist in der Gruppenphase der Champions League. Für die Topteams lästiges Pflichprogramm, für Werder die große Bühne. Da kann man vor eigenem Publikum schon mal Inter schlagen, oder Real Madrid, oder Chelsea. Letztendlich sind die drei aber weiter gekommen und Werder nicht. Als es um die Wurst ging, hat Werder in Barcelona verloren oder auch in Turin. Ajax Amsterdam hat man vor zwei Jahren im UEFA-Cup mal ausgeschaltet, aber das war nicht das glanzvolle Ajax der 70er oder Mitte der 90er.

Der letzte vergleichbare Erfolg auf internationaler Bühne war das Weiterkommen in der Champions League 2004/2005, als man den damaligen spanischen Meister und amtierenden UEFA-Cup Sieger FC Valencia hinter sich ließ. Doch Valencia hat trotz Meisterschaften, UEFA-Cup und zwei Finalteilnahmen in der Champions League (2000, 2001) halt nicht so einen klangvollen Namen wie AC Milan.

Es wird sie trotzdem geben, die ja, abers. Und das auch zu Recht. Milan hat insgesamt viel zu wenig getan, um das Weiterkommen zu erzwingen. Defensiv war die Leistung erschreckend schwach. Vor allem bei hohen Bällen hat die Milanabwehr die Bremer nie in den Griff bekommen. Dazu haben mit Ronaldinho und vor allem Kaka wichtige Spieler gefehlt. Auch das fortgeschrittene Alter viele Milangrößen wird wieder ein Thema sein. Vor zwei Jahren konnte die Mailänder Altherrentruppe die Kritiker noch mit dem Gewinn der Champions League zum Schweigen bringen. Spätestens nachdem sie vor einem Jahr von Arsenals Schülermannschaft im CL-Achtelfinale eine Lehrstunde erteilt bekam, war der Kredit jedoch aufgebraucht. Die Altersdiskussion wird mit Sicherheit weitergehen.

Trotzdem schmälert das Werders Sieg nicht. Chancenverwertung hin, Abwehrschwächen her, das war – vor allem angesichts Werders derzeitiger Situation – eine ganz starke Leistung und dafür gebührt der Mannschaft Anerkennung. Es wäre zu hoffen, dass die Spieler inzwischen gelernt haben, mit der Anerkennung umzugehen. Die jüngere Vergangenheit legt nahe, dass das ein frommer Wunsch bleiben wird. Doch das ist Schnee von morgen. Heute zählt nur das Hier und Jetzt. Und das Hier und Jetzt ist gut.

Werder mag über die gesamte Saison gesehen nur Mittelmaß sein. Mittelmäßig war Werder selten. Eine graue Maus schon gar nicht. Es ist eigentlich Wahnsinn, was man als Werderfan selbst in schlechten Zeiten an besonderen Erlebnissen serviert bekommt: Das 7:0 5:2 in München, das Offensivspektakel gegen Hoffenheim, die emotionale Achterbahnfahrt gegen Dortmund, der Sieg gegen Inter und nun also das Weiterkommen gegen Milan. Das mag alles in keinem Verhältnis stehen, zu den Rückschlägen, die wir in dieser Saison schon hinnehmen mussten. Man sollte aber nicht vergessen, dass viele Fans auf solche Höhepunkte lange Jahre warten müssen. Jahre voller Frust.

Werder kostet mich vielleicht einige Jahre meines Lebens. Vielleicht wird mir Werder auch etwas früher die ersten grauen Haare bescheren. Doch dafür kann ich mit Ende 20 meinen (imaginären) Enkelkindern schon jetzt mehr interessante Geschichten über meinen Verein erzählen, als die Fans so mancher anderen Mannschaften mit Ende 70. Und ich möchte nicht tauschen.

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