Verdienter Punkt und Punktsieg

VfL Wolfsburg – Werder Bremen 1:1

Regelmäßige Leser dieses Blogs werden wissen, dass ich mit gemischten Gefühlen und einer gehörigen Portion Skepsis durch diese Saison gehe. Das Spiel gegen Wolfsburg könnte dabei in gewisser Hinsicht ein Wendepunkt gewesen sein.

Gutes Bremer Pressing hält Wolfsburg in Schach

Werder spielte gegen Wolfsburg eigentlich wie immer in dieser Saison in einem 4-3-3 / 4-1-4-1 mit breit stehenden Außenstürmern und einem flexiblen Mittelfeld, in dem diesmal de Bruyne etwas höher agierte als Hunt. Inzwischen scheint die Mannschaft eine gute Balance zwischen Pressing und tiefem Verteidigen gefunden zu haben. Im Spiel gegen Wolfsburg rückten die Achter beispielsweise häufiger und aggressiver neben Petersen ins Angriffspressing als im Spiel auf Schalke, wo man insgesamt tiefer stand. Teilweise presste Werder mit vier Spielern auf einer Linie hinter Petersen und verhinderte damit ein konstruktives Zusammenspiel zwischen Innenverteidigern, Außernverteidigern und Sechsern. Wolfsburg verstand es auch kaum, die daraus resultierenden Lücken zu nutzen. Junuzovic hatte enorm viel Raum abzudecken und ist mit seiner Laufstärke und guten Antizipation wohl der einzige im Bremer Kader, der diese Rolle so ausfüllen kann. Gegen Diego machte er ein gutes Spiel und die Flügelstürmer der Wolfsburger taten letztlich zu wenig, um den Brasilianer zu unterstützen. Werders Innenverteidiger ließen sich von Dost häufiger aus der Position ziehen, doch da Wolfsburgs Spiel nicht auf diese Lücken in der Viererkette ausgerichtet war, resultierten hieraus kaum gefährliche Situationen. Im Gegenteil konnte Werder so den Raum vor der Viererkette gut zustellen und die Luft aus den Wolfsburger Angriffen lassen.

Offensiv spielte Werder weitestgehend so, wie man es in dieser Saison kennt. In Ballbesitz ist häufig de Bruyne der tiefste Mittelfeldspieler (in diesem Spiel war es oft auch Hunt), während Junuzovic mit seinen Läufen für Überzahl sorgt. Arnautovic und Elia kleben meistens am Flügel, worunter vor allem Elia zu leiden scheint. Er wirkt teilweise wenig ins Spiel eingebunden und isoliert, wenn die Unterstützung der Achter oder des Außenverteidigers fehlt. In den letzten Spielen hat man das Problem aber anscheinend erkannt und die Außenstürmer streuen mit zunehmender Spieldauer mehr horizontale Läufe ein, wodurch sie auch immer mal wieder im Zentrum zu finden sind und sich besser ins Kombinationsspiel einbringen können. Die Führung fiel nach einem starken Dribbling von Elia, das an Marko Marin erinnerte. Bei Marin war dann jedoch häufig die Hereingabe schwach. Elia fand genau den richtigen Moment und legte den Ball zurück auf Arnautovic.

Platzverweis kippt das Spiel

Die Führung war angesichts der beiden Wolfsburger Pfostenschüsse etwas glücklich, aber vom Spielverlauf her absolut verdient. Daran änderte sich auch nach der Pause zunächst nicht viel. Im Gegenteil, die ersten 10 Minuten nach Wiederanpfiff waren Wolfsburgs schlechtesten im gesamten Spiel. Werder kam mehrfach zu guten Kontergelegenheiten, die das Team jedoch zu zögerlich anging und dann letztlich nicht mehr zu Ende spielen konnte. Die Top-Teams der Liga hätten in dieser Phase wohl das Spiel für sich entschieden.

Nach dem Platzverweis gegen Schmitz kippte das Spiel. Schon kurz vorher hatte Werder Glück, als beide Innenverteidiger aus der Position gezogen wurden und plötzlich eine riesige Lücke im Zentrum entstand, der Angriff jedoch wegen einer Abseitsstellung unterbrochen wurde. Kurz danach schlug Wolfsburg dann so zu, wie man es das ganze Spiel über gerne getan hätte. Diego hatte im Zentrum zu viel Zeit am Ball und spielte ihn in die Schnittstelle zwischen Innen- und Außenverteidiger. Elia stand in der Situation meiner Meinung nach ein Stück zu weit außen, was den Pass in Vierinhas Lauf ermöglichte. Man kann das Tor also als eine direkte Folge des Platzverweises bezeichnen. Andererseits bestand Schmitz Schwäche in der Vergangenheit auch häufig darin, dass er nicht weit genug einrückte und Vierinhas Einwechslung für den doch eher blassen Hasebe hätte wohl auch bei 11 gegen 11 für mehr Schwung in Wolfsburgs Spiel gesorgt.

Schaaf reagierte meiner Meinung nach richtig, brachte Ignjovski für Elia und später noch Fritz für Arnautovic um die Stabilität im 4-4-1 zu erhöhen. Die Unterzahl im Mittelfeld machte sich in der Folge jedoch bemerkbar, Wolfsburg war jetzt klar die dominierende Mannschaft und zeigte, dass sie in den 60 Minuten davor weit unter ihren Möglichkeiten gespielt hatte. Werder hielt vor allem kämpferisch dagegen (trotz 30 Minuten in Unterzahl ist das Team insgesamt mehr gelaufen als Wolfsburg).

Punktsieg und Lob für Schaaf

Das Unentschieden geht am Ende in Ordnung, wobei ich gerne gesehen hätte, ob Wolfsburg auch ohne den fragwürdigen Platzverweis so ins Spiel gefunden hätte. Das Trainerduell geht in diesem Fall an Schaaf, der sich entgegen meiner Befürchtungen doch weiterentwickelt hat und sein System weiter verfeinert. Spiele, in denen Werder über 90 Minuten taktisch unterlegen war, gab es in dieser Saison jedenfalls wenige (Freiburg, Mainz). Zwar können Gegner gegen Werder noch immer zu häufig mit relativ einfachen Mitteln zum Torerfolg kommen, aber insgesamt ist doch eine taktische Weiterentwicklung zu erkennen, die über die reine Umstellung auf ein System mit Flügelstürmern hinaus geht. Schaaf geht weiterhin seinen eigenen Weg und so langsam habe ich wieder etwas mehr Vertrauen darin, dass er nicht in eine Sackgasse führt.

Die nächsten Spiele werden zeigen, wie gefestigt Werder schon ist. Leverkusen ist in guter Form und wird mit seinem sehr soliden und ebenfalls Laufstarken Mittelfeld eine harte Nuss für Werder. Danach kommen zwei Auswärtsspiele, wobei das Spiel in Frankfurt ein Offensivspektakel werden könnte. Angesichts der Bremer Auswärtsbilanz in diesem Jahr gibt es eigentlich nur noch ein Spiel, in dem Werder Favorit ist: Das Heimspiel gegen Nürnberg am 17. Spieltag. Und gerade gegen Heckings Team tat sich Werder zuletzt sehr schwer und musste zwei Heimpleiten in Folge einstecken. Wenn man danach noch in Schlagdistanz zu Platz 6 liegt, darf man die Hinrunde unterm Strich als Erfolg verbuchen.

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    4 Gedanken zu „Verdienter Punkt und Punktsieg

    1. Es freut mich zu lesen, dass Du TS weiterhin “eine Chance” gibst – so abgewogen beurteilt kann ich dann auch die Kritik an ihm ernster nehmen. Das – genau wie die Allofs-Beurteilung – hat vollste Zustimmung, danke!

    2. Eine Chance habe ich Schaaf immer gegeben, ich habe ihn ja auch sehr lange Zeit über verteidigt und war davon überzeugt, dass er die Kurve kriegt, obwohl die sportliche Entwicklung in den letzten Jahren deutlich nach unten ging. Ich fand es nur schwer, in die allgemeine Euphorie in dieser Saison mit einzustimmen. Das hat ein Stück weit sicher mit der letzten Saison zu tun, als ich die Arbeit, die im Sommer gemacht wurde wie auch den Saisonbeginn auch gut fand, dann aber sehr enttäuscht war, dass man in der Rückrunde keinerlei sportliche Fortschritte gemacht hat. In dieser Saison gibt es immer noch einige Dinge (und ja, ich benutze das Wort hier bewusst), die mich ratlos machen und die ich ganz eindeutig in Schaafs Verantwortungsbereich sehe, aber es gibt eben auch viele Bereiche in denen Fortschritte zu erkennen sind. Wenn Schaaf es schafft, mit dem nun eingeschlagenen Weg in den nächsten 2 Jahren wieder in die Champions League zu kommen, dann ziehe ich meinen Hut vor ihm.

    3. Man merkt in dieser Saison tatsächlich eine Entwicklung – und das gefällt mir. Ich hätte mir so etwas schon in der letzten Saison häufiger gewünscht, allerdings scheint Schaaf erst in dieser Spielzeit wirklich der neuen Formation zu vertrauen.

      Die Spiele, in denen Werder wirklich schlecht war, lassen sich an einer Hand abzählen, was dem Team jetzt noch fehlt, ist eindeutig die Erfahrung und die Kaltschnäuzigkeit. Aber da bin ich recht zuversichtlich, dass man hier auf einem guten Weg ist.

      Leverkusen könnte genauso wie Frankfurt ein Offensivspektakel werden, wobei ich fast schon das Gefühl habe, dass Werder in Frankfurt mal ganz anders auftritt. Irgendwie habe ich das im Gefühl.

      Ich schließe mich der Rechnung der Mannschaft an: 9 Punkte noch bis zur Winterpause und dann ist man ordentlich dabei.

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