Vermeidbar, aber verschmerzbar

Bayer Leverkusen – Werder Bremen 1:0

Die Ernüchterung kam schnell für diejenigen, die voreilig Werder schon wieder in der Bundesligaspitze gesehen hatten. Für alle anderen war es eine ärgerliche (weil unglückliche), aber erträgliche Niederlage in Leverkusen. Das Spiel an sich war nicht gut, aber es gibt für Werder mehr positive als negative Dinge mitzunehmen.

Neue Defensivstärke

Dass Werder die letzte Bundesligamannschaft in dieser Saison war, die ein Gegentor kassiert hat, ist vor allem dem Spielplan zu verdanken. Es war jedoch schon gegen Kaiserslautern und besonders am Sonntag in Leverkusen ersichtlich, dass die Bremer Defensive einen Sprung gemacht hat. Die Viererkette harmoniert zu diesem frühen Zeitpunkt der Saison schon sehr gut, was angesichts der personellen Probleme wie ein kleines Wunder wirkt. Mertesacker und Prödl waren bei ihren Comebacks stark wie lange nicht mehr. Schmitz scheint sich stabilisiert zu haben und spielt einen soliden Part. Über Sokratis möchte ich nicht schon wieder schwärmen, aber er gefällt mir einfach unglaublich gut. Er macht keine außerordentlich guten Sachen, aber er macht fast alles außerordentlich gut. Auch als Rechtsverteidiger ist er eine klare Bereicherung, zumal Fritz im Mittelfeld derzeit unabdingbar ist.

Die größte Überraschung der Saison ist für mich aber Tim Wiese. Vielleicht spürt er Sebastian Mielitz Atem im Nacken. In jedem Fall ruft er bislang Topleistungen ab und das nicht nur einen seinen Paradedisziplinen (die beiden Flugparaden gegen Leverkusen waren klasse). Er wirkt auch deutlich konzentrierter, bringt sich mehr ins Spiel ein, fängt Flanken und Eckbälle ab, ist beweglich. Momentan gibt es wenig zu kritisieren und wenn er so weitermacht, hat er sich den Status als Nummer 1 auch (wieder) verdient. Auch wenn ich mich in den letzten Monaten häufig für Mielitz ausgesprochen habe, freut es mich ungemein für Wiese.

Alle Fehlpässe von Werders Viererkette

Alle Fehlpässe von Werders Viererkette - (fast) nur außen und in der gegnerischen Hälfte

Warum stockt der Offensivmotor?

Das große Rätsel im Leverkusenspiel war für mich jedoch, warum das Offensivspiel so schlecht funktionierte. In der Anlage sah das alles gut aus, die Mannschaft hat gut umgeschaltet, und das in beide Richtungen – alles andere als selbstverständlich bei Werder. In den ersten 15 Minuten nach der Pause schien man Leverkusen den Zahn gezogen zu haben. Es ging kaum noch etwas nach vorne und Werder wurde etwas mutiger. Pizarro und Marin kamen, doch trotzdem fehlte im Spiel nach vorne irgendwas. Nur was?

In der ersten Halbzeit wirkten die Halbpositionen der Raute auf mich etwas unausgeglichen. Hunt sucht fast immer den direkten Weg nach vorne (zumindest im Mittelfeld, im vorderen Drittel stoppt er häufig ab, wenn es eng wird, um das 1 gegen 1 zu vermeiden), Wesley hingegen nur selten. Das macht es für die Stürmer nicht leicht, die richtigen Laufwege zu finden. Dazu kam, dass Ekici fast komplett aus dem Spiel genommen wurde. In der zweiten Halbzeit sah das jedoch besser aus und es wirkte so, als könne Werder mit ein paar Prozentpunkten mehr Courage die Leverkusener Defensive knacken. Vielleicht werden die nächsten Spiele mehr Aufschluss darüber geben, woran es gehapert hat.

Werderangriff 38. Minute

Werders bester Angriff in der 38. Minute: Eingeleitet von Hunt, Ekici mit gutem Doppelpass, intelligente Laufwege der Stürmer

Wohin geht die Reise?

Letztlich hat Bayer das Spiel durch einen Lucky Punch gewonnen. Spielerisch bin ich von meinem Meisterschaftstipp aber enttäuscht. Das war viel individuelle Klasse mit wenig strukturierten Angriffen. Es sieht so aus, als ob Dutt doch mehr Zeit braucht, als ich dachte. Ob das noch reicht, um um die Meisterschaft mitzuspielen? Im Fußball kann es schnell gehen.

Für Werder kommt nun eine Pflichtaufgabe gegen Freiburg, danach geht es nach Hoffenheim. Zwei Spiele, in denen man richtig in diese Saison finden kann. Die bisherigen Leistungen der Defensive machen Mut, heute gibt auch noch Naldo sein Comeback. Spielerisch muss es noch eine Steigerung geben, die ich Werder in den nächsten Wochen durchaus zutraue. Mit Pizarro kommt neue (bzw. alte) Qualität zurück in den Angriff und Ekici wird sich auch besser einfinden. Vor allem macht mir aber dieser eine Spielzug aus der ersten Halbzeit Mut, der zu Thys kläglich vergebener Torchance führte. Einen solch guten Angriff habe ich (trotz Sokratis Abseitsstellung) noch von wenigen Teams in dieser Bundesligasaison gesehen. Das ist der richtige Weg.

Bislang ist mein Eindruck, dass Werder zumindest in Sachen Abstiegsgefahr eine sorgenfreie Saison bevorsteht. Das ist die wichtigste Erkenntnis bislang, denn für den Neuaufbau (der noch eine ganze Weile dauern wird) brauchen Mannschaft und Verein vor allem eines: Zeit.

Artikel teilen

    2 Gedanken zu „Vermeidbar, aber verschmerzbar

    1. “Die Viererkette harmoniert zu diesem frühen Zeitpunkt der Saison schon sehr gut, was angesichts der personellen Probleme wie ein kleines Wunder wirkt.”
      Das war mir auch am meisten bei dem Spiel aufgefallen. Und ja, auch ich bin meiner direkten Umgebung einmal mehr mit Sokratis-Schwärmereien auf den Geist gegangen. ;-)

      Ich fand es einmal eine schöne Erfahrung, das eine Niederlage nicht mit Weltuntergang und Abstieg gleichzusetzen war. Es tut gut, zu wissen (und da lehne ich mich von mir aus gerne jetzt weit aus dem Fenster, denn ich glaube tatsächlich, es zu wissen), dass diese Saison keine weitere Katastrophensaison wird. Sicher, es war noch lange nicht alles perfekt, aber am 2. Spieltag halte ich das nicht für bedenklich. Das Zusammenspiel im Angriff wird sich verbessern, die Kombinationen werden sicherer werden, dann wird auch die Schnelligkeit im Angriff zurückkehren, die Abwehr arbeitet bereits gut zusammen, .. kurz gesagt:
      Diese Saison ist für mich schon jetzt so viel ansehnlicher und angenehmer als die vergangene.

      Im Gegensatz zur vergangenen Saison, war das für mich vor allem deshalb eine verkraftbare Niederlage, weil sie nicht auf hoffnungsloser Unterlegenheit beruhte.
      Sie war ein Treffen zweier Mannschaften auf Augenhöhe, allein das hat mir letzte Saison oft gefehlt.

    2. Och, so viel schon nach dem 2. Spieltag? ;)
      Toll erstmal natürlich unsere neue Defensive … aber die war eigentlich in den vergangenen Jahren trotz der vielen Gegentore nie unser Knackpunkt … eher lag/liegt es am MF.
      Ich hätte mir z.B. einen Clemens Fritz im MF neben Bargy, Marin und Ekici gewünscht. So hätte man das Spiel wahrscheinlich nicht verloren.
      Werders Stärke war es einmal, das Tempo nach Lust und Laune zu ändern. Und genau DAS vermisse ich. Und dann fällt mir immer wieder auf, dass wir das Spiel nicht breit machen, sondern uns beinahe auf den Füßen stehen. Und dass ein Wes unseren Spielmacher Memo fast komplett aus dem Spiel nimmt, darf einfach nicht sein. Hier ist nochmal Schaaf gefordert!!!

      Ich persönlich sehe Werder in dieser Saison auch nicht im Abstiegskampf, aber auch nicht im MF der BuLi. Stolperstarts sind wir gewohnt … aber ich bin überzeugt, da wird noch einiges an Überraschungen auf uns zukommen. Umbrüche brauchen nunmal ihre Zeit. Der erste Schritt mit einem super Transfersommer ist getan.

      Noch ein Wort zu Wiese:
      Ich habe nicht ganz diese Diskussion um Wiese verstanden ….unser Timmy, der seit 2006 hier auf konstant hohem Level spielt, nicht unfehlbar ist, aber auch nicht lernresistent, wie man es in den letzten beiden Spielen ja gesehen hat.
      Wir haben gerade ihm zu verdanken, dass es in letzter Saison nicht noch schlimmer für Werder ausging … wo ja nun ALLE bescheiden gespielt haben. Ich habe es aber auch in keinem Verein erlebt, dass sich die Fans so vehement in I-net-Foren gegen ihren Super-TW stemmen und ihn am liebsten verkaufen würden.
      Deshalb war die Forderung am Spiel gegen K’Lautern: “Wiese auf den Zaun!” eine sehr schöne Geste, die mich persönlich für ihn gefreut hat.
      Miele ist ein netter Junge, jemand der bestimmt schon mit der Libero-Strategie eher konfrontiert wurde …. aber um ihn zu beurteilen, habe ich einfach zu wenig von ihm gesehen.
      Ich kann an dieser Stelle jedem hier mal das Enke-Buch empfehlen. Denn genau darin wird das Für und Wider beschrieben, eingefahrene Autismen zu ändern … oder von Torhütern berichtet, die sich beim Training die Hände auf den Rücken binden, um somit den Reflex des Kopfwegdrehens bei kurzen Distanzschüssen zu unterbinden.

    Kommentare sind geschlossen.