Vom Suchen und Finden der Leichtigkeit

Fußball ist manchmal ein seltsames Spiel. Vergleicht man die Mannschaft, die momentan für Werder aufläuft, mit derjenigen der Hinrunde, fallen personell nicht viele Unterschiede auf. Die Startelf ist bis auf kleinere Unterschiede die gleiche. Klasnic, Owomoyela und Baumann waren schon in der Hinrunde kaum einsatzfähig. Abgesehen von Rosenberg und Niemeyer sind es noch immer dieselben Spieler, die auf dem Platz stehen. Für die Fehleranalyse nach den letzten drei Bundesliganiederlagen  bedeutet das, dass einige mögliche Gründe von vorne herein ausgeschlossen werden können: die Spieler passen zusammen, können gut kombinieren; das Verhältnis unterschiedlicher Spielertypen ist ausgewogen. Über die Qualitäten der einzigen Spieler muss kaum diskutiert werden. Woran kann es aber dann liegen, dass Werder nun ein ganz anderes Gesicht zeigt, als in der Hinserie?

Eine Antwort, die sowohl von den Verantwortlichen als auch von den Spielern gerne und oft gegeben wird ist: "Es fehl im Moment einfach die Leichtigkeit." Was beim ersten Hören nach der Klage eines russischen Ballettrainers klingt, kann jedoch gleich mehrere Bedeutungen haben, die Werders Situation ganz gut zusammenfassen. Trainer Thomas Schaaf liebt das Wort Leichtigkeit. Leichtigkeit ist genau das, was er mit seiner Mannschaft erreichen möchte. Leichtigkeit – das ist eine Spielweise, die aussieht, als würde man den Gegner locker an die Wand spielen. Selbst bei schwächeren Leistungen gelingt einfach alles – am Ende geht man immer als Sieger vom Platz. Musterbeispiel der Leichtigkeit ist momentan wohl der VfB Stuttgart, der selbst bei mittelmäßiger Defensivleistung und ausgeglichener Chancenverteilung auswärts noch 4:0 gewinnt. Leichtigkeit zeichnete Werder vor allem in der Meistersaison und in den vergangenen beiden Hinrunden aus. Doch nun ist sie abhanden gekommen und jeder fragt sich, wo sie denn geblieben ist. Das Rezept zum Erreichen von Leichtigkeit besteht laut Thomas Schaaf aus harter Arbeit (bei ihm heißt das: "wir müssen was anbieten"), individuellem Können und dem Zusammenspiel der Mannschaft. Das klingt zwar nicht sehr spektakulär und ist sicherlich eine Weisheit, die auch Sepp Herberger schon bekannt war – ist deshalb aber nicht weniger richtig.

Im Klartext würde das bedeuten, dass Werder nicht viel falsch macht, denn am Einsatz hat bis auf das Spiel gegen Schalke und die erste Halbzeit gegen Stuttgart nicht wirklich gemangelt. Auch die anderen beiden Komponenten dürften bei Werder gegeben sein. Warum ist von Leichtigkeit trotzdem weit und breit nichts zu sehen? Vermutlich, weil der Schritt von der Leichtigkeit zum Leichtsinn nicht sehr groß ist. Gerade in dieser Saison scheint es, dass Werder jedesmal nach einer respektablen Siegesserie den Blick aufs Wesentliche verliert. Bisher wirkten die darauf folgenden Misserfolge jedoch wie ein Weckruf, worauf das Leistungsniveau innerhalb kurzer Zeit wieder angehoben wurde.

Leichtigkeit hat also offenbar auch etwas mit dem zu tun, was man im Englischen "momentum" nennt: Eine Eigendynamik, die alles leichter macht, wenn man eine Siegesserie im Rücken hat. Siege schaffen Selbstvertrauen. Ist es also letztendlich doch das Selbstvertrauen, das Werder fehlt? Vor ein paar Wochen schien man doch nur so vor Selbstvertrauen zu strotzen. Hat die Mannschaft nun zuviel oder zuwenig Selbstvertrauen um Leichtigkeit zu entwickeln? Schwierige Frage, doch die Antwort könnte paradoxerweise sein: sowohl als auch. Die Erkenntnis, vielleicht doch nicht so gut zu sein, wie man dachte, führt unweigerlich zu Selbstzweifeln. Dass ausgerechnet Thorsten Frings, der noch am ehesten so etwas wie Leichtigkeit in seinem Spiel erkennen ließ, – auch wenn er es wohl niemals so nennen würde – solche Zweifel an der Qualität der Mannschaft äußerte, lässt nur hoffen, dass nicht auch er sein Selbstvertrauen verliert.

Bei den ganzen Konjunktiven, die hier gerade geäußert wurden, kann man abschließend nur feststellen, dass man leider doch gar nichts sicher weiß, als die einfachen Wahrheiten à la "Der Ball ist rund und ein Spiel dauert neunzig Minuten." Fußball findet halt doch auf dem Platz statt und nicht in den Gehirnwindungen der Fans – und das ist auch gut so. Deshalb bin ich froh, nicht Trainer zu sein, sondern als Fan meine Meinung schon morgen problemlos ändern zu können. Auch eine Form der Leichtigkeit.

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