Vom Winde verweht – Werder in Belek Tag 4

In der Reihe “Werder in Belek” berichtet Gastautor Sebastian Cario täglich in kleinen Notizen aus dem Trainingslager der Bremer.

Nach dem Regen folgte nun auch der Sturm und machte einem geordneten Trainingslager einen gewaltigen Strich durch die Rechnung. Schon die für den Vormittag um 11:00 Uhr angesetzte Trainingseinheit musste wegen orkanartigen Böen, Gewitters und Platzregen abgesagt werden. Die Spieler tobten sich stattdessen im Kraftraum des Hotels aus. Kurz darauf folgte die nächste Hiobsbotschaft: Das für 15:00 Uhr geplante Testspiel gegen Pakhtakor Tashkent wurde ebenfalls wegen des Wetters abgesagt. Auch wenn Allofs mit der Aussage, dass das Spiel abgesagt worden sei, „da es fußballerisch bei dem Sturm keinen Wert gehabt hätte.“ eine ungewollte Doppeldeutigkeit mit in das Statement einbaute, bezog er sich letztendlich doch nur auf Wetterverhältnisse.

Das Spiel wird aller Voraussicht nach auch nicht kurzfristig nachgeholt werden können. Auch wenn dieser Kick für die Vorbereitung ein Muster ohne Wert gewesen wäre, so hätte es doch interessante Einblicke in die Mannschaft der Rückrunde geben können und dem Trainer die Möglichkeit, dass sich jeder Spieler über die drei Partien zumindest einmal länger zeigen kann. Diese Option ist nun dahin und es bleibt abzuwarten, ob in den beiden ausstehenden Spielen wirklich noch der gesamte Kader zum Einsatz kommt. Eine ideale Vorbereitung ist dies auf keinen Fall.

Der Sturm forderte auch in der Hotelanlage des Voyage seinen Tribut

Der Sturm forderte auch in der Hotelanlage des Voyage seinen Tribut

Statt des Spiels gegen den usbekischen Rekordmeister wurde – wie auch schon am gestrigen Tag – ein Trainingsspiel durchgeführt. Trainer Schaaf lies dabei zwei Mal dreißig Minuten spielen. Neben Trinks (weiterhin Knieprobleme), Naldo und Avdic (leichtes Training mit den Torhütern Vander und Düker), fehlte auch Sebastian Boenisch. Nach Angaben von Schaaf leidet er unter Schmerzen im operierten Knie, welches ihn schon seit September 2010 außer Gefecht setzt. Es soll sich dabei allerdings nur um eine Vorsichtsmaßnahme handeln und der Spieler erst einmal geschont werden.

Aufstellungen

Team A:

Wiese
Fritz – Sokratis – Prödl – Schmitz
Iggy – Bargfrede – Trybull
Ekici
Pizarro – Rosenberg

Team B:

Mielitz
Thy – Silvestre – Wolf – Hartherz
Kroos – Wesley – Füllkrug – Marin
Wagner – Arnautovic

Spielverlauf

Nach einem kurzen Abtasten fiel bereits der erste Treffer. Pizarro hatte sich auf der linken Seite des Strafraums gegen Thy durchgesetzt und drang weiter in den Sechzehner ein, um mit einer einzigen, raffinierten Körpertäuschung sowohl Wolf als auch Mielitz zu narren und den Ball an beiden vorbei einzuschieben. Danach plätscherte das Spiel eine Weile vor sich hin, ohne dass eine der Mannschaften ein Übergewicht erarbeiten konnte. Die nächste Möglichkeit war dann auch der B-Elf vorbehalten, die nach etwa 15 Minuten etwas mutiger wurde. Wagner lies den Ball am Strafraum geschickt auf Marin durch, der zur Grundlinie zog und in die Mitte passte, wo Arnautovic angelaufen kam. Doch statt den Ball direkt zu verwerten, versuchte der Österreicher diesen nochmal vorzulegen und vergab damit die Möglichkeit kläglich. Der Winkel war einfach zu spitz geworden und Wiese auf dem Posten, um zur Ecke zu klären.

Der anschließende Eckball brachte dann – wenn auch etwas glücklich – doch den mittlerweile verdienten Ausgleich. Eine stramme Ecke von Hartherz wurde von einer Windböe erwischt, fiel wie ein Stein vom Himmel und wendete in Richtung Tor. Der indisponierte Wiese konnte zwar noch zurück zur Grundlinie hechten und das schlimmste verhindern, aber sein Abklatscher nutzte Silvestre und drückte den Ball die wenigen verbleibenden Zentimeter über die Linie. Ein Tor, welches so sicher nicht häufig zu beobachten ist und bei dem es schwerfällt, dem Schlussmann einen echten Vorwurf zu machen. Wiese und Wind passte heute einfach nicht zusammen. Und das galt für alle Spieler, die ihr Glück auf dem Rasen versuchten.

Kurz vor der Halbzeitpause brachte Rosenberg das A-Team erneut in Führung, nachdem Schmitz einen Sololauf am linken Flügel erfolgreich mit einer Hereingabe abschloss, die Rosenberg eiskalt verwertete. Die Mannschaften wechselten mit einem 2:1 die Seiten für die 2. Halbzeit.

Während die Spieler im Platzregen zurück ins Hotel laufen fahren die Trainer im Golfcar vorbei

Während die Spieler im Platzregen zurück ins Hotel laufen fahren die Trainer im Golfcar (Hintergrund) vorbei

Der zweite Durchgang begann sehr verhalten, es dauerte fast eine Viertelstunde, bis eine halbe Torchance heraussprang. Füllkrug wurde von Wesley in Szene gesetzt und schloss mit einem strammen Schuss aus 18 Metern halblinke Position ab, der aber leider etwas zu hoch angesetzt war. Im Anschluss zeigte Marin dann einmal seine Dribbelkünste und setzte sich gegen gleich drei Verteidiger durch. Der Abschluss war allerdings zu schwach und ging deutlich am langen Eck vorbei. Wieder einige Minuten später intensivierte die A-Elf nochmals die Offensivbemühungen und kam nach einer tollen Kombination über Pizarro, Rosenberg und Fritz zu einer guten Gelegenheit. Doch der Schuss des Rechtsverteidigers aus 14 Metern ging leider knapp über das Lattenkreuz. Den Schlusspunkt in einer eher ereignislosen zweiten Hälfte setzte dann nochmals Rosenberg, der eine sehenswerte Volleyflanke von Schmitz nach Hereingabe Ekici um einen Schritt verpasste und nicht mehr richtig hinter den Ball kam. So blieb der Halbzeitstand auch der Endstand.

Endstand A vs. B: 2:1 (2:1)
Torschützen: Pizarro, Silvestre, Rosenberg

Analyse

Die Wetterbedingungen ließen ein fehlerfreies Spiel kaum zu, so dass sich einige Situationen aus purem Zufall ergaben. Über die Extraklasse eines Pizarro müssen eigentlich keine Worte verschwendet werden, aber es ist einfach zu deutlich, dass der Peruaner sowohl in der Vorbereitung als auch im Abschluss in einer anderen Liga spielt. Keiner der 27 anderen hat diese Übersicht, Raffinesse und Coolness. Rosenberg arbeitete viel und belohnte sich mit seinem Tor, ist aber einfach nicht der Spieler, der selbst Akzente setzen kann. Ekici machte seine Sache ordentlich und zeigte einige gute Vorlagen, die leider aber nicht in Treffern resultierten. Sein Spiel erscheint oft noch zu behäbig, zwischen Ballannahme und Pass oder Schuss vergeht viel zu viel Zeit. Auch im Zweikampf erscheint er zu wenig robust zu sein. Diese Punkte bedürfen noch einiger Verbesserung.

Bargfrede wirkte am heutigen Tag etwas wacher als gestern, auch wenn ihm wieder einmal Trybull die Show stahl und mit viel Übersicht und Souveränität agierte. Dennoch sind die körperlichen Defizite des Nachwuchsmannes unübersehbar, hier braucht es (vgl. Causa Bargfrede) einfach noch Zeit, bis er ein ernsthafter Kandidat für die Startelf werden könnte. Die Abwehr der A-Elf machte ein tadelloses Spiel und lies nur eine einzige richtig gute Torchance zu. Schmitz und Fritz schalteten sich häufig in die Offensive mit ein und nutzen die Unerfahrenheit von Hartherz und Thy ein ums andere Mal schamlos aus. Wiese konnte sich kaum zeigen und sah beim Gegentor wirklich nicht gut aus.

Auf der Gegenseite arbeitete Wagner wieder einmal sehr intensiv und war immer wieder auch in der Defensivarbeit zu finden. Ein sehr engagierter Auftritt des derzeit dritten Stürmers. Dies kann von Arnautovic nicht behauptet werden. Der Österreicher trabte ehr lustlos über den Platz und vergab die beste Gelegenheit für die B-Elf, in dem er sich – wieder einmal – den Ball bei der Annahme zu weit vorlegte. Generell ist diese „Annahmevorlage“ eine Eigenart von Arnautovic, welche häufig zu beobachten ist und in bestimmten Situationen (z.B. viel Platz auf dem Weg zum Tor) auch Vorteile mit sich bringt und den Unterschied ausmachen kann. Im Strafraum selbst ist er aber viel zu verspielt und beweist zu wenig Zug zum Tor. Marin war heute deutlich öfter am Ball, auch wenn ihm wenig gelang. Gut waren die Aktionen ausschließlich, wenn er aus der Mitte des Spieles auf die Flügel flüchtete und Kross die zentrale Rolle überlies. Kross selbst gelang leider kaum etwas, sodass er sich zumeist mit dem sicheren Pass behalf. Sehr aktiv war heute Wesley, der so langsam etwas besser in Fahrt kommt. Auch ihm geht allerdings noch die schaafsche Passschnelligkeit ab, viele Bälle wurden bei Soloaktionen verloren.

Die Abwehrreihe der B-Elf hatte Probleme, wenn die A-Mannschaft mit Druck und Geschwindigkeit über die Flügel angriffen oder Pizarro seine technische Überlegenheit gegen Silvestre und Wolf ausspielte. Thy auf der Rechtsverteidigerposition einzusetzen ist wahrscheinlich nur dem Ausfall von Boenisch zu verdanken. Trotzdem gelang es ihm den Schaden zu begrenzen und die eine oder andere gute Rettungstat zu zeigen. Die fehlende Abstimmung in und taktische Kenntnis der Viererkette merkte man ihm nur selten an. Mielitz übernahm häufig das Kommando und korrigierte seine Vorderleute lautstark. Alles Haltbare fing unser zweiter Torwart ganz sicher weg.

Am Abend standen dann Co-Trainer Wolfgang Rolff, Kapitän Clemens Fritz und Frank Baumann noch für eine Fragestunde mit den Fans zur Verfügung. Hier sinngemäß die interessantesten Aussagen:

Fritz über die Nationalelf
Da ist für mich ein Haken dran. Ich verstehe das (Nichtnominierung A.d.R.) auch, da sind genügend junge Spieler die jetzt nachrücken. Ich hatte eine schöne Zeit dort, die ich sehr genossen habe und die EM war natürlich ein Highlight. Aber meine Zeit dort ist abgelaufen.

Fritz über Saisonziele
Klar wollen wir in den internationalen Wettbewerb, aber wir wollen jetzt auch keine Sterne vom Himmel holen. Die Champions League wäre mir natürlich noch lieber.

Rolff über Naldos Verletzung
Wir sind mit seiner Verletzung natürlich nicht happy. Heute hat er es versucht, aber am Ende sind wieder Beschwerden aufgetreten, so dass er morgen wieder pausieren wird.

Rolff über Ailton im Dschungelcamp
Ich hoffe dass er gewinnt und werde, wenn die Zeit es zulässt, auch mal einschalten.

Rolff, Fritz und Baumann standen Rede und Antwort

Rolff, Fritz und Baumann standen Rede und Antwort

Fritz über das Geld in der Mannschaftskasse
Die Kasse wurde lange von mir verwaltet, das macht jetzt aber Basti Prödl. Disziplin ist sehr wichtig für uns, wir bestrafen Zuspätkommen, falsche Klamotten, vergessene Dinge usw. Arni (Arnautovic, A.d.R.) gehört übrigens nicht zu den Topeinzahlern. Mit Hugo haben wir einen verloren, der die Kasse immer gut gefüllt hat. Mit den Einnahmen bedanken wir uns zu bestimmten Anlässen immer bei den vielen Leuten hinter dem Team, den Wäschefrauen, den Physios, dem Busfahrer usw.

Baumann über die Rolle von Beratern
Hat mir sehr geholfen, heute gibt es keinen sechzehnjährigen Spieler bei einem Profiklub mehr, der keinen Berater hat. Man muss aber aufpassen, ob der Berater wirklich nur im Interesse des Spielers handelt oder nicht einfach nur mitverdienen will.

Fritz über die Rolle von Beratern
Berater braucht man als gestandener Profi eigentlich nicht mehr, aber ich war früher sehr glücklich einen zu haben. Ich habe auch ein sehr freundschaftliches und vertrauensvolles Verhältnis zu meinem Berater. Es gibt sicher auch schwarze Schafe. Ein Berater muss aber auch mehr können als Verträge verhandeln. Versicherungen und Organisation sind da ein großes Thema.

Baumann über seine Rolle bei Transfers
Die Entscheidung trifft Klaus Allofs, ich bin aber bei einigen Gesprächen dabei. In meiner neuen Funktion als Leiter der Scoutingabteilung werde ich jetzt mehr und mehr eingebunden.

Rolff über seine Ambitionen noch einmal Cheftrainer zu werden
Definitiv, wenn das richtige Angebot kommt.

Fritz über seine Zeit nach Werder
Ich will dem Sport auf jeden Fall verbunden bleiben, Bundesligatrainer ist aber nicht das Ziel. Aber das kann sich auch noch ändern. Ich stehe viel mit dem Lutscher (Frings A.d.R.) in Kontakt und ein Jahr USA zum Ausklang könnte ich mir auch vorstellen.

Über die Frage, ob es im Sommer wieder nach Norderney geht
Fritz: Ich hoffe nicht!
Rolff: Ich hoffe doch!
Polster: Es ist noch keine Entscheidung gefallen.

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