Weichenstellung

Eine interessante Fußballwoche liegt hinter uns, in der wir noch einmal vor Augen geführt bekamen, dass Werder in der Tabelle derzeit in etwa dort steht, wo man hingehört: Im oberen Teil des Mittelfelds. Zunächst setzte es gegen taktisch wie technisch starke Leverkusener eine derbe 1:4 Heimniederlage, bevor man es der strauchelnden Truppe aus Hoffenheim mit gleicher Münze heimzahlen konnte.

Werder Bremen – Bayer Leverkusen 1:4

Das Spiel war schon allein in taktischer Hinsicht sehr interessant. Beide Teams spielen auf dem Papier ein 4-3-3, das jedoch völlig anders ausgelegt ist. Die Wechselwirkungen auf dem Spielfeld waren bemerkenswert: Durch die Mannorientierung der Bremer Flügelstürmer und das weite Aufrücken der Leverkusener Außenverteidiger spielte Werder gegen den Ball nicht das gewohnte 4-1-4-1, sondern eine Art 6-1-2-1, bei der Füllkrug und Elia häufig eine Position neben Selassie und Schmitz einnahmen. Da Leverkusens Außenstürmer eigentlich keine sind, sondern sich sehr zentral zwischen den Linien bewegen, hatte Werder meist 2 gegen 1 Überzahl auf dem Flügel, aber in der Mitte dafür häufig Unterzahl. Dadurch konnte das Pressing nicht wie gewohnt aufgezogen werden, da sonst zu große Teile des Mittelfelds entblößt worden wären. Die Innenverteidiger der Leverkusener konnten meist in Kombination mit einem abkippenden Mittelfeldspieler das Spiel kontrollieren und in Ruhe aufbauen.

Andersherum sah es so aus, dass Werder wie gewohnt im Spielaufbau mit breit agierenden Flügelstürmern und eher konservativen Außenverteidigern agierte. Leverkusen verteidigte dagegen ziemlich schmal und machte die Räume im Zentrum dicht. Werders Spiel wurde daher (wie auch gegen Mainz) gezielt auf die Außen gelenkt, wodurch häufig das direkte Spiel zwischen Außenverteidiger, Flügelstürmer und dem jeweiligen Achter gesucht wurde. In der Anfangsphase funktionierte dies überhaupt nicht, da Leverkusen die Spieler auf der Außenbahn geschickt isolierte und Werder relativ viele Risikopässe spielte, die auf dem nassen Rasen häufig misslangen.

Dies besserte sich nach der Pause, mit etwas Glück wäre in dieser Phase ein Unentschieden drin gewesen. Insgesamt hatte Leverkusen aber über 90 Minuten die bessere Spielanlage und Werder blieb bis zum Abpfiff bei der gleichen Grundausrichtung. Die Leverkusener Tore 2 und 3 fielen dazu zu besonders ungünstigen Zeitpunkten für Werder. Vor dem 0:2 hatte sich Werder gerade ein Übergewicht erspielt und drückte Bayer hinten rein. Als Schaaf Akpala bringen wollte, um auf den Ausgleich zu drängen, fiel das 1:3. Das Spiel war auch ein gutes Beispiel dafür, dass die Torschussstatistik lügen kann. Werder hatte viel mehr Torschüsse als Leverkusen, von denen viele jedoch nicht mehr als Halbchancen waren. Leverkusen hatte deutlich weniger Abschlüsse, von denen aber alle qualitativ gute Chancen waren. Am Ende war das Ergebnis zu hoch, aber auch ein Stück weit Ausdruck der im Vergleich zu Leverkusen noch fehlenden taktischen Reife.

1899 Hoffenheim – Werder Bremen 1:4

Zum Glück ist Fußball ein schnelllebiges Geschäft, das in englischen Wochen noch einmal beschleunigt wird. Das Spiel in Hoffenheim lief in etwa so, wie Spiele in Hoffenheim in dieser Saison häufig laufen: Der Gast ist besser und geht in Führung, nach dem Wechsel dreht Hoffenheim kurzzeitig auf und scheint auf dem Weg zum Ausgleich zu sein. Letztlich fällt dann aber doch wieder alles in sich zusammen und der Gast nimmt die drei Punkte mit.

Wie Werder die Verunsicherung der Gastgeber in der 1. Halbzeit ausgenutzt hat war stark, erst recht in Anbetracht der beiden Ausfälle im Mittelfeld. Das Pressing vor dem 0:2 fand ich fast noch schöner als die folgende Kombination nach Ballgewinn. Die Fortschritte im Vergleich zur letzten Saison manifestiert in einem Tor. Vor der Pause ließen de Bruyne und Petersen dann leider zwei Großchancen liegen, so dass Hoffenheim nach der Pause noch mal rankam. In der Phase zwischen dem 1:2 und dem 1:3 war die Angst in Werders Spiel fast greifbar. Das Team verteidigte tiefer und ging weniger ins Angriffspressing, alle (bis auf teilweise de Bruyne) arbeiteten defensiv mit, doch man schaffte es trotzdem nicht, Hoffenheim vom eigenen Tor fern zu halten. Umso wichtiger, in einer solchen Phase einen Standard zu nutzen und die Punkte zu sichern.

Auch wenn es gerade in der zweiten Halbzeit einige Dinge™ gab, die Grund zur Sorge geben, war es doch ein Spiel in dem man vor allem die positiven Aspekte festhalten sollte. Der Dreierpack von Arnautovic war die Belohnung für eine starke Saison und sollte ihm weiter Selbstvertrauen geben. Das neu zusammengestellte Mittelfeld hat mir ebenfalls gut gefallen. Besonders Ignjovski war als Sechser überraschend stark und hat meistens den Kontakt mit der Innenverteidigung gehalten. Auch Fritz hat sich nach seiner langen Verletzung wieder gut eingefügt und seine etwas defensivere Auslegung der Achterposition sorgte für mehr Rückhalt für de Bruyne und eine häufig gute Staffelung im Mittelfeld. Unwahrscheinlich, dass einer von beiden (auf der Position) in der Startelf bleibt, wenn Hunt und Junuzovic wieder fit sind, aber gut zu wissen, dass Werder auch mit anderer Mittelfeldzusammensetzung erfolgreich sein kann.

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    3 Gedanken zu „Weichenstellung

    1. Wollte einfach nur mal an dieser Stelle für die, in meinen Augen, sehr fundierten Analysen danken. Ich lese hier regelmäßig mit Gewinn, kommentiere aber aufgrund des fachlichen Gefälles normalerweise nicht ;)

    2. Danke für den Kommentar, das liest man gerne. Bis auf den letzten Teil, hier soll sich niemand entmutigt fühlen zu kommentieren. Letztlich geht es bei Fußballdiskussionen ja auch immer mehr um Meinung als um “Ahnung”. :-)

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