Wenigstens Pizarro

FSV Mainz 05 – Werder Bremen 1:1

Ok, fassen wir die positiven Dinge mal zusammen: Werder hat bei einer Spitzenmannschaft einen Auswärtspunkt geholt. Werder hat nach einer halben Ewigkeit mal wieder ein Auswärtstor geschossen. Durch den späten Zeitpunkt ist das 1:1 in Mainz ein gefühlter Sieg, der dem Team moralischen Auftrieb geben kann.

Glücklicher Punkt, überlegener Gegner

Da hört es bei mir aber schon auf. Hatten wir das nicht erst gerade? Gegen Hoffenheim? Ein Last-Minute-Tor der Hoffnung? Es folgte die Nicht-Leistung gegen Köln. Nehmen wir trotzdem mal an, dass Werder ein wenig optimistischer und selbstbewusster an die nächsten Spiele (allesamt gegen Kandidaten fürs internationale Geschäft… oh, und gegen den HSV) herangeht. Was kann das Team aus dem Spiel überhaupt mitnehmen? Dass man über 75 Minuten keinen Weg gefunden hat, sich eine Torchance zu erspielen? Dass der eigene Gameplan nach 15 Minuten nicht mehr funktionierte und man nicht in der Lage war zu reagieren? Dass die Standards wieder so aussahen, als ob sie seit 1987 nicht mehr geübt wurden?

Auch zwei Tage nach dem Spiel fällt es mir schwer, dem Spiel in Mainz etwas Positives abzugewinnen. Direkt nach dem Abpfiff habe ich mich noch über den unverdienten Punkt gefreut, doch dieses Gefühl ließ schnell nach. Seien wir ehrlich, in neun von zehn Fällen verliert Werder dieses Spiel. Den Kampfgeist, den das Team in der Schlussphase gezeigt hat, sehe ich durchaus positiv. Was mich viel mehr beunruhigt ist die Tatsache, dass Werder es trotzdem nicht geschafft hat, auch nur einen nennenswerten Angriff aufzuziehen. Das Tor haben wir einer guten Portion Glück und schließlich einer genialen Aktion von Claudio Pizarro zu verdanken.

Spielerisches Armutszeugnis

Auswärts ist Werder dieses Jahr nicht in der Lage, das Spiel selbst in die Hand zu nehmen. Wie das Kaninchen vor der Schlange wartet man in der eigenen Hälfte und hofft, den Raum dort für den Gegner einigermaßen eng zu machen und Fehler zu vermeiden, was selten genug gelingt. Auf Pressing wird außerhalb des Weserstadions inzwischen ganz verzichtet. Einerseits habe ich Verständnis für diese Herangehensweise, doch andererseits muss man dann anders mit Ballgewinnen umgehen. Hier kann man sich gerne mal bei unserem nächsten Gegner Hannover 96 ein bisschen was abschauen. Werder hatte gegen Mainz eine Strategie, die 15 Minuten lang ganz gut aufging: Den Ball nach dessen Eroberung schnell auf Hunt und von dort in die Spitze spielen. Was erfolgsversprechend aussah, erkannten die Mainzer recht schnell und stellten sich nach einer Viertelstunde darauf ein und die Passwege auf Hunt zu.

Darauf fiel den Bremern keine Antwort ein. Sie hielten das Mittelfeld schmal und so neutralisierten sich beide Rauten im Zentrum über weite Strecken, was den Mainzern sehr recht war, weil sie a) wesentlich ballsicherer waren und b) von den Bremer Außenverteidigern Pasanen und Silvestre wenig Gefahr über die Flügel ausging. Fritz und Bargfrede auf den Halbpositionen, die mir gegen die Bayern beide gut gefallen haben, empfand ich gegen Mainz als viel zu passiv. Schnelles Spiel in die Spitze fand nicht mehr statt, weil Werder genügend Probleme hatte, den Ball überhaupt mal kontrolliert in den eigenen Reihen zu halten. Der Spielaufbau krankt inzwischen ganz gewaltig.

Sinnvolle Umstellungen, wenig Veränderung

Thomas Schaaf reagierte in der Pause, brachte mit Arnautovic für Pasanen einen weiteren Stürmer, zog Fritz auf die Rechtsverteidigerposition und Hunt ins linke Mittelfeld. Marin übernahm dafür die Position hinter den Spitzen. Auch wenn ich Marin nicht für einen Spielmacher halte, fand ich alle Umstellungen nachvollziehbar, nur: sie blieben wirkungslos. Werder spielte ähnlich pomadig weiter und kam nur durch die erste gelungene Einzelaktion von Marin seit (gefühlt) Monaten zu einem Torabschluss. Ich empfand es als positiv, dass Schaaf nicht die erwarteten Wechsel (mit Avdic und Wagner das Sturmzentrum voll packen) vollzogen hat, sondern der Jugend eine Chance gab und Frings aus dem Spiel nahm. Den erhofften spielerischen Aufschwung brachten zwar auch dieser Doppelwechsel nicht, doch immerhin schien es mir ein richtiges Zeichen zu sein.

Zeichen setzte auch wieder Sebastian Mielitz, der eine insgesamt gute Leistung ablieferte. Zwei Punkte gab es auch in diesem Spiel, die mich in meiner Meinung bestätigten, dass er unsere Nummer 1 sein sollte: Bei einem Mainzer Angriff in der 2. Halbzeit verschätzte er sich beim Herauslaufen und kam nicht vor dem Stürmer an den Ball. Im letzten Moment zog er jedoch zurück und vermied den Kontakt. Zwar war diese Aktion nicht ohne Risiko, doch der Mainzer (Allagui?) hatte einen spitzen Winkel und in der Mitte konnte ein Verteidiger retten. Wer wettet dagegen, dass Wiese in dieser Situation entweder voll durchgezogen hätte (=Elfmeter) oder gleich auf der Linie geblieben wäre und dann eine Superreflex benötigt hätte, um den Schuss des freien Spielers zu halten? Der zweite Punkt war das Ausgleichstor, das Mielitz mit einem langen Ball einleitete. Ok, den langen Hafer beherrscht Wiese auch, aber ein fußballerisch weniger limitierter Torhüter erhöht doch die Wahrscheinlichkeit, dass solche Bälle auch tatsächlich bei einem Mitspieler landen und nicht (wie so häufig bei Wiese) in der Pampa. Zwei kleine Punkte, zugegeben, aber sie schärfen das Bild.

Was mich etwas irritierte war das Verhalten unserer Innenverteidiger, die sehr häufig ihre Position verließen und mit ihren Gegenspielern mitliefen. Auffällig war besonders, dass Mertesacker auch immer wieder den Mainzer Spielmacher Holtby bei der Ballannahme unter Druck setzte und dafür 10-15 Meter nach vorne sprintete. War das die Folge einer mangelnden Absicherung durch Frings (der Holtbys direkter Gegenspieler war) oder eine angeordnete taktische Variation? Hochriskant in jedem Fall, wie man unter anderem beim Gegentor bewundern konnte. Da Pasanen erst nicht auf Abseits spielte und dann einfach stehen blieb, konnten die Mainzer das Loch in der Bremer Innenverteidigung zum 1:0 ausnutzen.

Fazit

Das Spiel verdeutlichte die neuen Kräfteverhältnisse in der Bundesliga und es dürfte nicht das letzte Spiel gegen eine Mannschaft gewesen sein, deren Höhenflug wir noch im Herbst etwas belächelten, die sich jedoch über die gesamte Saison als spielerisch überlegen erwiesen hat. Im Abstiegskampf bis zum letzten Spieltag kann sich der von Werder gezeigte Kampfgeist noch als nützlich erweisen. Mit etwas mehr spielerischer Klasse könnte man ihn jedoch gleich ganz vermeiden.

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    Ein Gedanke zu „Wenigstens Pizarro

    1. Ich gebe Dir in eigentlich allen Sachen Recht, muss sagen, dass ich Mertesackers “rausrücken” für absolut notwendig hielt, weil Frings nicht in der Lage war, Holtby zu stellen und weil zu viel Platz zwischen defensiven Mittelfeld und Abwehr lag. Da blieb dem guten Mertesacker leider nix anderes übrig.

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