Pizarro gegen Schaaf’sches Harakiri

Werder Bremen – 1. FC Köln 3:2

Werder dreht erneut einen Rückstand und alle reden über den Dreifachtorschützen Claudio Pizarro. Zu Recht, denn selten zuvor schien die Abhängigkeit von Pizzas Toren so groß, wie in diesen Tagen. Doch dabei gerät eine Szene aus dem Blick, die absolut typisch für Werder Bremen in der Ära Thomas Schaaf ist: Die Entstehung des 0:2.

Doppelwechsel aus Verzweiflung

So sehr man sich auch über diesen erneut verrückten Spielverlauf und einen wieder einmal gedrehten Rückstand und eine kämpferisch hochklassige Leistung freuen kann, so wenig sollte man vergessen, wie man sich in diese Situation gebracht hat. In der 37. Minute, beim Stand von 0:1, wechselte Schaaf gleich doppelt. Eine drastische Maßnahme, die ich zuletzt so im Winter 2007 erlebt habe, als Schaaf gegen Leverkusen Borowski und Vranjes schon vor der Pause rausnahm und Werder ein schwach begonnenes Spiel mit einer furiosen Leistungssteigerung noch deutlich gewann.

Gegen Köln war die Ausgangslage eine andere. Werder hatte nicht gut gespielt, aber weder Ekici noch Schmitz schienen mir so schlecht gewesen zu sein, dass sie zwangsläufig vom Feld gemusst hätten. Es gab nach dem Wechsel auch keine Systemumstellung, die den Wechsel erfordert hätte. Vielmehr schien es ein Weckruf an die Mannschaft zu sein. Mehr eine Verzweiflungstat, als ein taktischer Schachzug. Nachdem in den letzten Wochen zunächst Philipp Bargfrede und dann auch Andreas Wolf und Marko Marin ihre Stammplätze verloren hatten, war es eines der letzten Mittel, die dem Trainer blieben, um noch aktiv ins Spiel seiner Mannschaft einzugreifen.

Bremer Abwehr-Harakiri

Was folgte war jedoch keine plötzliche Leistungssteigerung, sondern ein weiterhin mühsames Erkämpfen von Strafraumszenen, die die optische Überlegenheit in Tore umwandeln sollten. Doch bevor dies geschehen konnte, schlug Lukas Podolski zu.

Es war ein Gegentor, das so in der Bundesliga wohl keine andere Mannschaft kassiert hätte und das so typisch Werder ist, wie die Raute und die Flutlichtmasten im Weserstadion. Es erübrigt sich, die Torentstehung als Ganzes zu analysieren, wenn die einfachsten Prinzipien des Verteidigens nicht befolgt werden – in diesem Fall zu sehen bei Naldo und Sebastian Prödl. Es ist eine klassische 2 gegen 1 Situation in der ein Stürmer eigentlich nur die Option haben sollte, einen langen Ball prallen zu lassen oder mit dem Rücken zum Tor unter Kontrolle zu bekommen. Stattdessen ermöglicht es ihm die Bremer Innenverteidigung alleine aufs Tor zuzulaufen. In dieser Überzahlsituation auf Abseits zu spielen ist ohnehin Blödsinn, es aber in der gegnerischen Hälfte zu tun, grenzt an Fußballlegasthenie. Naldo steht in diesem Fall kurz, so dass Prödl eigentlich nichts anderes zu tun hat, als sich drei Meter fallenzulassen, falls der lange Ball durchkommt. Stattdessen rückt er vor und macht damit den Weg für Podolski frei.

Viel mehr als den beteiligten Spielern muss man dieses Gegentor aber dem Trainer ankreiden. Dieses Tor hätte auch vor drei oder fünf Jahren genau so fallen können. Es ist mir völlig unbegreiflich, warum es eine so guten Trainer wie Thomas Schaaf über Jahre nicht gelingt, diese Dinge abzustellen. Es wird wieder über das Risiko einer hoch stehenden Kette diskutiert werden, doch das trifft es nicht. Es sind individuelle Fehler einfachster Natur, die im Profifußball nicht gemacht werden dürfen. Und es sind genau diese Szenen, die den Unterschied ausmachen zwischen Mannschaften, die erfolgreich hoch verteidigen und solchen, die Harakiri spielen.

Fazit: Rückstände nur gegen die Kleinen kompensierbar

Die Kölner waren in der zweiten Halbzeit so freundlich, das Heft innerhalb weniger Minuten völlig aus der Hand zu geben und in Unterzahl nicht mehr in der Lage außer Zeitschinden etwas entgegenzusetzen. So stehen am Ende mit dem 3:2-Sieg, einer mitreißenden Aufholjagd und Pizarros Hattrick die Feel-Good-Momente, die man sich als Fan wünscht. Nach 12 Spieltagen steht man auf einem mehr als zufriedenstellenden 3. Platz.

Doch so schön die fünf gedrehten Spiele in dieser Saison auch waren, Werder ist in 9 der bisherigen 12 Saisonspiele mit 0:1 in Rückstand geraten – und das nicht ohne Grund. Gegen die kleinen bis mittelgroßen Gegner mag dies zu kompensieren sein, gegen Leverkusen, Hannover und Dortmund war es das nicht. Man darf bezweifeln, dass es gegen Gladbach, Stuttgart, Bayern und Schalke anders sein wird.

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    9 Gedanken zu „Pizarro gegen Schaaf’sches Harakiri

    1. Das Fazit seh ich ähnlich, wobei gegen den VfB vielleicht noch was zu holen ist (finde Stuttgart etwas überbewertet, auch wenn sie mal ne gute Hinrunde haben). So oder so: Wenn wir nicht grad richtig Dusel haben, werden uns die letzten Spiele der Hinrunde nochmal auf den Boden zurückholen. Wobei ich insgesamt hochzufrieden bin mit dem, was wir in den 12 Spielen bisher gezeigt haben – vor allem wenn ich meine zugegeben niedrigen Erwartungen vor dem 1. ST zugrunde lege.

    2. Es kann sein, dass Werder im Moment von den Tabelle völlig überbewertet ist und dass die Blase in den letzten Spielen platzt. Andererseits: die Tabelle kann auch mal eine self-fulfilling prophecy sein, und Werder dürfte jetzt wieder mit mehr Selbstbewusstsein ins Spiel gehen. Gegen Stuttgart und Wolfsburg sind sechs Punkte möglich, vielleicht auch ein Punkt in Gladbach bei entsprechender Defensiv-Leistung, und die anderen da oben spielen jetzt auch oft untereinander. Kann also sein, dass Werder auf Platz drei bis fünf überwintert.

      Wie schätzt Du jetzt das Fehlen von Marin ein? Als er spielte haben wir gedacht: es ist ok auf der Zehn, weil Werder im Moment gewinnt, aber es könnte besser sein. Dann kamen seine zwei ganz schwachen Spiele (wegen der Verletzung?), aber mit Ekici wurde gar nichts besser. Marin hat einige Nachteile gegenüber Ekici, aber er hat zwei Vorteile: er ist im Zentrum hoch besser anspielbar und vermittelt dort irgendwie mehr Kreativität, er hat doch immer wieder überraschende Dribblings und holt Standards raus etc.

    3. 30 Punkte wären ein (im Verhältnis zu den Erwartungen vor der Saison) sehr gutes Ergebnis zur Winterpause. Ich erwarte nächstes Jahr immer noch eine Steigerung im spielerischen Bereich, aber ich sehe momentan nicht so die Entwicklung dorthin. Es scheint immer mehr in Richtung Kampf + individuelle Klasse zu gehen. Allerdings war das Spiel gegen Köln für mich auch kein spielerischer Tiefpunkt. Werder spielt halt anders als die meisten anderen Mannschaften in der Liga.

      Was Marin angeht bin ich mir nicht sicher. Seine letzten Auftritte fand ich ernüchternd. Bei Ekici kann ich mir auch vorstellen, dass er auf einer der Halbpositionen besser aufgehoben wäre momentan, aber wie soll man dann umstellen? Ein Tausch mit Hunt wäre denkbar, aber dann würde man seine Antreiberrolle im Mittelfeld aufgeben, die bislang gut funktioniert. Die Option mit Arnautovic hinter den Spitzen finde ich auch nicht schlecht, jetzt wo mit Wagner ein weiterer Stürmer auf der Bank sitzt, den man bringen kann.

    4. Was mir noch sauer aufstößt ist auch die Schläfrigkeit zu Beginn der Spiele. Gegen Köln, Freiburg, Hannover und Hertha lässt man sich schon innerhalb der ersten zehn Minuten das 0:1 einschenken. Einem Rückstand generell hinterherzulaufen ist ja das eine, aber so früh. Und neben den richtigerweise angesprochenen Problemen in der defensiven Organisation kann man ja auch mal erwarten, dass die Spieler (diesmal Lukas Schmitz, der den Zweikampf verweigert) von Anfang voll konzentriert zur Sache gehen.

    5. @Stephen: Ich weiß gar nicht, ob ich das 0:1 wirklich Schmitz ankreiden würde. Podolski wird vor der Flanke trotz überzahl nicht unter Druck gesetzt und der Ball war schwer einzuschätzen. Das sah bis zuletzt überhaupt nicht gefährlich aus. Schmitz unterschätzt die Situation und ist sicherlich mit Schuld, aber insgesamt würde ich das Tor eher in die Kategorie Betriebsunfall einordnen. Wobei du natürlich schon Recht hast was Werders Anfälligkeit in der Anfangsphase angeht. Der Glaube daran, jedes Spiel drehen zu können, kann auch gefährlich werden und die Mannschaft zu sorglos werden lassen. Das hat auch vor zwei Jahren viel zu unserer Krise beigetragen.

    6. Tja, diesen Bericht kannst du – bis auf ein paar kleinere Details – copy & pasten – Gladbach halt ‘ne größere Mannschaft – aber Harakiri ohne Ende.

      Was mir nicht gefallen hat war die allgemeine Orientierungslosigkeit im eigenen Strafraum gegen ihrerseits gut eingespielte Gladbacher, denen es offensichtlich gelingt, auf jeder Position – egal ob individuell herausragend oder durchschnittlich solide spielend – mühelos die jeweils beste Lösung im Spiel zu finden, um das Tempo hoch zu halten und ihre messerscharfen Konter via Reus fahren zu können, welche, im Umkehrschluß, bei Werder diesmal nicht mal ansatzweise gelangen. Da Gladbach souveräner spielte und die Bälle schnell spielte, bzw. sehr schnell nach einer Plethora von Bremer Ballverlusten im MF ohne größeres eigenes Zutun abpflücken konnte. Die einzig annähernd gefährlich Situation war Ekicis Freistoß in der ersten HZ, den ter Stegen neutralisiert hat. Wiese hingegen…

      Werder war selbst zum Kontern zu langsam, nein, das richtige Wort ist hier: bräsig. Es gab (wenige) gute Ansätze – Ignojvski, trotz seines Fehler beim 1:0, hatte ein paar gute Balleroberungen auch das Energielevel schien zumindest bei ihm zu stimmen. Jedoch sehe ich ihn eher als Sechser, einer, der Passwege unterbindet oder nach vorne geht, aber nicht einer, der den Ball im Strafraum in höchster Not abräumt, besonders nicht, wenn er in einer Viererkette spielen soll, die selbst am torkeln ist. Aber er ist noch zu grün hinter den Ohren.

      Pizarro als Derwisch, bzw. “jack of all trades” ist gleichfalls ein Problem – nicht wegen der offensichtlichen Abhängigkeit für Werders Offensivspiel, sondern weil er sisyphosartig Löcher stopft, die andauernd aufreißen und eigentlich systemisch gelöst werden sollten

      Gegen Köln mag das weniger ein Problem sein, jedoch wenn er sich kreativ selbst den tödlichen Pass aufzulegen um dann in der Balleroberung im def MF mitmischt ist das ja einerseits sehr bemerkens-, und lobenswert – aber mal ehrlich: eigentlich meint es ja nur, dass er sich aufreibt indem er an anderen Stellen einen Mangel kompensiert und damit oft seine eigentliche Rolle nicht optimal ausfüllen kann.

      Mein Fazit aus all dem: Favre ist es gelungen, dass opitmale Spielsystem um Reus und Arrango herum zu schneidern. Der Anzug sitzt und dies, obwohl bei Lichte betrachtet, nicht alle Positionen mit herausragenden Spielern besetzt sind. Es liegt nahe, nun dies auch bei Werder erreichen zu wollen. Oder anders noch, wieso gelingt es nicht mit dem durchaus vorhandenen Talent und der Qualität einen Anzug zu finden, der passt. Der unsere herausragenden Qualitäten (Pizarro) und soliden Arbeiter ins rechte Licht setzt und optimal nutzt? Mit Naldo sah das schon recht gut aus in der Abwehr, jedoch das def. Mf…

      Die Sechserposition aber vor allem der Zehner sind noch Baustellen – zusätzlich zur Dauerbaustelle Abwehr natürlich.

      ‘Tschuldigung, dass ich meinen Gladbach Kommentar unter den Köln Post stelle.

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