A Night at the Opera: Werder vs. Gladbach

Bremen, Weserstadion, Ostkurve. Hinterm Tor, Flacher Blickwinkel, Eingeschränktes Sichtfeld – kein Ort für Analysen. Hier wird gehüpft, gebrüllt, gesungen. Und ich bin mittendrin.

Wir sind spät dran. Ausgerechnet heute, wo wir in der Ostkurve stehen. Ohne feste Plätze, auf die man sich auch fünf Minuten nach Anpfiff noch setzen kann, ohne dabei groß negativ aufzufallen. Eine Dreiviertelstunde noch bis zum Anpfiff. Wir gehen los. An der Ampel merkt sie, dass sie ihr Portemonnaie vergessen hat. Zurück nach Hause. Wildes Suchen. In jeder Ecke mehrfach. Die Zeit verrinnt unerbittlich. Ich tappe mit dem Fuß unruhig auf den Fliesen, während sie wie ein Derwisch durch die Zimmer fegt und ihr Portemonnaie nicht findet. Ich überlege, ob ich ihr helfen soll. Es würde nicht helfen, ich würde ihr höchstens in die Quere kommen und im schlimmsten Fall am Ende vielleicht sogar daran Schuld sein, dass das Portemonnaie weg ist. Wann sie es zuletzt gesehen hat, frage ich etwas kleinlaut. Vorhin. Eben gerade. Also vor einiger, eigentlich sogar ziemlich kurzer, keinesfalls aber sehr langer Zeit. Ich schaue nervös auf mein Handy. Noch fünfunddreißig Minuten. Sie rennt mit dem Portemonnaie in der Hand an mir vorbei aus der Haustür und ich hinterher.

Schnellen Schrittes zur Bushaltestelle. Es sind nur vier Stationen, doch der Bus fährt schon ab, bevor wir die Kreuzung erreichen. Der nächste kommt in sieben Minuten. Dann sind es noch zwanzig Minuten bis zum Anstoß. Zehn Minuten Fußweg kommen auch noch dazu. Den Osterdeich entlang, vorbei an den wartenden Bussen auf der Straße, dann vorbei an den anderen wartenden Bussen auf dem Parkplatz. Mit etwas Glück kommen wir vor Anpfiff durch die Kontrolle und haben noch eine Minute um uns einen Platz zu suchen. Ich schaue auf die Uhr, als wir die Treppen zur Ostkurve hochgehen. Noch drei Minuten. Genügend Zeit um schnell auf die Toilette zu gehen. Jetzt, wo alles leer ist und meine Blase voll. Ich schaffe das, sage ich mir und ihr und verschwinde auf dem Männerklo. Eine Minute später komme ich wieder heraus und sie ist weg.

Suchen. Rufen. Aufs Handy schauen. Ist sie schon voraus gegangen? Und wenn ja wohin? Abwechselnd schaue ich auf die Uhr und versuche sie anzurufen. Es baut sich keine Verbindung auf. Wie immer im Weserstadion. Das einzige, was hier Netz hat, sind die Tore. Und nun? Ich finde sie nicht. Ich laufe nervös zum ganzen linken Tribüneneingang. Beim letzten Mal standen wir dort. Gefühlt sind 10 Minuten vergangen, doch meine Uhr zeigt genau Acht. Die Mannschaften kommen aufs Feld und ich stolpere vorbei an Ordnern und anderen wartenden Fans nach unten. Ich sehe sie nicht. Hätte sie nicht eine Minute auf mich warten können? Ich zwänge mich in eine der Reihen, bis es nicht mehr weitergeht. Hinter mir ein grimmiger älterer Mann, der die Arme verschränkt hält. Von ihr keine Spur. Anpfiff.

Dem Spiel fehlt die Tiefe. Von meinem Platz aus. Es hat nur eineinhalb Dimensionen: Horizontal und hoher Ball. Vertikal lässt sich spätestens ab der Mittellinie keine Entfernung mehr einschätzen. Wann immer ein Werderspieler in der gegnerischen Hälfte in zentraler Position an den Ball kommt, fordert die Menge den Torschuss. Naldo auf der Sechs, Boenisch als Rechtsverteidiger. Die jungen Wilden auf der Bank. Es hupt. Eine SMS: Wo bist du? Ich? Ich bin hier. Wo bist DU? Bin am Eingang. Werder macht Tempo, versucht es jedenfalls. Mit dieser ewigen Raute mit dem ewigen Kurzpassspiel und den ewigen schnellen Ballverlusten, weil schon ewig die Ruhe im Aufbau fehlt. Nimm den Ball doch an. Den Fritz, den kannst du doch in der Pfeife rauchen. Was macht ihr da für eine Scheiße? Arrango, du bist hässlich! Sprüche, wie am Alt-Herren-Stammtisch. Das ist Fußball. Auch.

Es hupt wieder: Rechter Gang, 8. Reihe. Rechte Reihe? Warum bist du da? Und warum steht der Herrmann da? So frei! Aber er vergibt. Glück gehabt. Überhaupt diese Gladbacher. Haben die bessere Raumaufteilung und die bessere Spielanlage. Der Favre, das wäre doch einer für uns! Da weiß jeder was er zu tun hat, in jeder Situation. Bei Werder weiß Rosenberg, dass Pizarro den Ball durch Dante hindurch passt und sprintet hinterher. Läuft immer weiter. Schieß doch endlich! Läuft immer noch. Dann ein Schuss, dessen Flugbahn gen Anzeigetafel zu verlaufen scheint. Wieder so eine Chance vertan. Plötzlich und unerwartet senkt sich der Ball. Ist er schon hinter dem Tor? Das Netz zappelt und Sekundenbruchteile später zappelt auch die Ostkurve. Rosi, du abgekochtes Schlitzohr. Ich hab es immer gewusst, dass du ein Goalgetter bist! Und Gladbach hat hier sowieso noch nie gewonnen. Ich brülle meine Freude heraus und schaue aufs Handy. Meine letzte SMS wurde nicht versendet: Lass uns in der Halbzeit treffen. Ich will das Telefon gerade wegstecken, da hupt es: Sehen uns in der Hz. Gedankenübertragung. Und 1:0. Was kann man mehr erwarten.

DAS WAR KEIN FOUL! Lass die rote Karte gefälligst stecken! Er lässt nicht. Boenisch muss duschen gehen und Werder ist nur noch zu Zehnt. Wolfgang Rolff kommt an der Kurve vorbeigelaufen und holt Ignjovski zur Trainerbank. Iggy zieht die Trainingsklamotten aus und macht sich bereit für seinen Einsatz. Dann trabt er plötzlich wieder hinterm Tor mit den anderen Auswechselspielern. Einmal nicht hingeschaut und schon alles verpasst. So wie Werders Spieler. Gladbach passt sich so schnell durchs gelichtete Bremer Mittelfeld, dass einem Angst und Bange wird. Warum sieht das so einfach aus? Ist es vielleicht einfach so einfach? Und wer spielt da im rechten Mittelfeld? Niemand. Nun gut, wird schon seine Gründe haben. Oder auch nicht. Es geht jedenfalls gut bis zur Halbzeit. Irgendwie. Ein Pfiff. Viele Pfiffe, als das Schiedsrichtergespann in den Tunnel geht. Ich zwänge mich wieder zurück durch die Reihe zum Aufgang, die Treppen hoch, durch den Innenbereich, vorbei an wartenden Toilette-Müssern und Bier-Gernhättern, auf der anderen Seite wieder nach draußen, wo ist denn Reihe 8? Zu ihr. Wir fallen uns um den Hals. 1:0.

Wo sie denn auf einmal war? Na, am Eingang, das hatte sie mir doch geschrieben, als ich auf der Toilette war. Nein. Oh Gott, ist die Nachricht etwa nicht angekommen? Das Funkloch, größer als jenes im rechten Mittelfeld. Sie entschuldigt sich mit einem langen Kuss. Auch mein schlechtes Gewissen, dass ich sie nicht weiter gesucht habe, redet sie mir aus. Werder geht immer vor. Ich mag ihr nicht ganz zustimmen, bin aber dennoch erleichtert.

Es geht weiter und es sieht gar nicht mal so schlecht aus. Die Löcher werden weniger, Gladbach wirkt nicht mehr ganz so übermächtig. Auf geht’s Werder, kämpfen und siegen! Die zehn verbliebenen Bremer wetzen hinter jedem Ball her und das Stadion geht begeistert mit. Dann gibt es einen Einwurf für Werder auf der linken Seite. Schmitz wirft. An den Kopf eines Gladbachers, der zehn Meter vor ihm steht. Was machst du denn da für einen Mist, denke ich und zähle in Gedanken schon die Sekunden bis zum Gegentor. Einundzwanzig, zweiundzwanzig. Die Pässe zerschneiden die Bremer Abwehr wie Butter, auf der Seite des Spielfelds, auf der es nur die Horizonale gibt. Siebenundzwanzig. Zack, zack, zack. Dann Hanke. 1:1.

Die folgenden Minuten vergehen wie im Zeitraffer. Oder wie in Zeitlupe? Nicht mal da bin ich mir sicher. Wie in Watte gepackt fühlt sich mein Kopf im weiteren Verlauf des Spiels an. Weh tut es schon lange nicht mehr. Ist Gladbach gerade besser? Fangen wir uns wieder? Vergehen zwischen dem Ausgleich und dem Gladbacher Führungstor fünf, zehn oder fünfundzwanzig Minuten? Ich weiß es nicht. Selbst die Euphorie bei den Bremer Gegenstößen erlebe ich wie hinter einer Milchglasscheibe. Regnet es? Oder ist es ein schöner Frühlingstag? Ist Werder gerade torgefährlich? Die Reaktionen der umstehenden Fans deuten darauf hin. Neben mir hippelt sie unruhig hin und her. Meine Hände klatschen rhythmisch, während mein Kopf unwillkürliche Ellipsen dreht. Oder bewegt er sich gar nicht? Ich weiß nicht, ob ich nichts weiß. Dann bläst Hanke die Watte weg. 1:2.

Das Spiel fühlt sich jetzt wieder schrecklich real an. Ich greife nach ihrer Hand und halte sie fest. Das war es dann wohl. Das muss es sein. Die Gladbacher Überlegenheit scheint plötzlich wieder unerträglich deutlich und unabänderlich. Die Luft wird bald raus sein und wenn wir Pech haben, wird es noch ein richtig schmerzhaftes Ergebnis. Wie lange ist noch zu spielen? Zu lange. Nicht lange genug. Werder wehrt sich weiterhin. Gibt nicht auf. Iggy kommt für Marin. Warum erst jetzt? Nicht so viel fragen. Hoffen. Glauben! Ich verbiete mir bis zum Schlusspfiff jede weitere Frage und jeden Versuch, etwas zu analysieren. Einfach alles aufsaugen, pure Emotion. Freistoß Junuzovic. Er zeigt mit Zeige- und Mittelfinger eine Zwei an. Vielleicht auch eine römische Fünf oder ein Victory-Zeichen. Sokratis am langen Pfosten klopft sich auf die Brust. Der Ball kommt mit Schnitt und Tempo in den Strafraum geflogen. Sokratis nimmt Anlauf, springt und wuchtet den Ball in die Maschen. Während mein Gehirn ein griechisches Heldenepos spinnt, feiert das Stadion Naldo als Torschützen. Aber trotzdem. Dieser Wille. Diese pure Entschlossenheit. Hätte Naldo nicht im Weg gestanden, hätte Sokratis den Ball durchs Tornetz gejagt. Da bin ich mir sicher. Ausgleich, da bin ich mir auch sicher. 2:2.

Nicht so sicher bin ich mir, wie wir die Schlussphase überstehen. Gladbach trifft die Latte, Pizarro das Gladbacher Bein und der Schiedsrichter die Entscheidung, dass eine knappe Minute Nachspielzeit reicht. Unterm Strich steht ein Punkt. Überm Strich stehen wir. In der Tabelle. Dem Strich, der die internationalen Plätze vom Mittelfeld trennt. Noch. Das Publikum goutiert die Aufführung in der Bremer Fußballoper mit stehenden Ovationen. Das Ensemble applaudiert brav zurück und irgendwie scheinen alle ein bisschen zufrieden zu sein. Auch ich. Auch sie. Wir gehen Hand in Hand hinaus in die Nacht.

Morgen werde ich merken, dass dieses Spiel kein Fortschritt war. Werde mich fragen, wie Gladbach uns innerhalb so kurzer Zeit nicht nur taktisch sondern auch spielerisch überholen und abhängen konnte. Werde mir die gleichen Sorgen um Werder machen, wie in den letzten Wochen und Monaten. Werde einen Verriss schreiben, über das Stück, das im Weserstadion aufgeführt wurde.

Aber heute, heute lasse ich die Musik in meinem Kopf verklingen und bilde mir ein, sie wäre schön gewesen.

Artikel teilen

    Ein Gedanke zu „A Night at the Opera: Werder vs. Gladbach

    1. Sehr schön. Zentrale Sätze, die wohl viele Grün-Weiße gerade umtreiben:

      “Morgen werde ich merken, dass dieses Spiel kein Fortschritt war. Werde mich fragen, wie Gladbach uns innerhalb so kurzer Zeit nicht nur taktisch sondern auch spielerisch überholen und abhängen konnte.”

      Wobei ich auf die nächste Saison der Gladbacher gespannt bin. Wenn sie die Abgänge adäquat ersetzen können und uns wieder hinter sich lassen, kriege ich langsam Pipi inne Augen.

    Kommentare sind geschlossen.