1. Spieltag: Ernüchterung mit Lichtblicken

Werder Bremen – FC Schalke 04 0:3 (0:1)

Ein 0:3 Heimniederlage zum Auftakt gegen Schalke kann man wohl nur als Fehlstart bezeichnen. Am Ende siegte ein nicht gerade überzeugende Schalker Mannschaft zu deutlich, aber verdient in Bremen.

Werder Bremen vs FC Schalke 04 Aufstellung

Alibi-Pressing und Scheindominanz

Etwas überraschend setzte Skripnik auf Levin Öztunali als zweiten Stürmer neben Ujah und zog Bartels dafür ins Mittelfeld zurück. Eggestein und Grillitsch rutschten dafür aus dem Team. Ansonsten begann Werder so wie erwartet, mit einem 4-4-2, das in Ballbesitz als Raute, gegen den Ball jedoch meistens als flache Vier im Mittelfeld ausgelegt wurde. Bartels gab somit häufig einen zweiten Sechser neben Bargfrede.

Schalke spielte ebenfalls in einem 4-4-2 mit einer Doppelspitze aus Di Santo und Huntelaar sowie einem Flügelfokus mit den offensivstarken Choupo-Moting und Draxler als äußere Mittelfeldspieler. Im Aufbau ließ sich Geis tief zwischen die Innenverteidiger fallen und verteilte von dort die Bälle. Die Außenverteidger rückten weit vor und es ergab sich eine Art 3-5-2/3-3-2-2.

Insgesamt war das Pressing auf beiden Seiten eher alibimäßig. Werder wollte Geis nicht zu viel Zeit am Ball geben und die beiden Stürmer liefen ihn früh an. Dahinter war der Abstand zum Mittelfeld jedoch recht groß weshalb es selten zu Balleroberungen direkt aus dem Angriffspressing kam. Auf der anderen Seite war es noch extremer. Während Geis durch seine tiefe Positionierung meist vor Ujah und Öztunali aufbaute, konnte Bargfrede häufig im Rücken der Schalker Stürmer angespielt werden. Die Bremer Innenverteidiger hatten mit Wiedwald und häufig auch mit dem zurückfallenden Ulisses Garcia genügend Optionen, um das Pressing von Di Santo und Huntelaar zu umspielen.

Dies sorgte für relativ viel Platz für Bargfrede, der häufig einige Schritte am Ball aufs Schalker Mittelfeld zu machen konnte, bevor er das Spiel verlagerte. Mit der Raute hatte Werder im Mittelfeld personelle Überzahl und kontrollierte diesen Raum ganz gut, ohne jedoch offensiv viel daraus zu machen. Häufig wurde der direkte Weg in die Spitze gesucht, indem ein scharfer Vertikalpass in den Rücken der Schalker Abwehr weitergeleitet wurde. Die Außenverteidiger wurden ebenfalls oft eingebunden, vor allem Garcia, der seine Stärke im Kombinationsspiel zeigen konnte.

Starker Matip entscheidet das Spiel

Torchancen sprangen für Werder jedoch kaum heraus, da Schalke im und am Strafraum sehr gut verteidigte und kaum Fehler beging. Dafür hatten die Schalker einige gute Kontergelegenheiten, bei denen Werder erst im letzten Moment klären konnte. Werder beging zu viele Fehler im Aufbau (Fritz!) und hatte daher etwas Glück, nicht früher in Rückstand zu geraten. Auch wenn Schalke in dieser Phase spielerisch keine Bäume ausriss, lag die Führung für die Gäste immer in der Luft.

Das 0:1 war ein Tor aus der Abteilung Slapstick, doch in seiner Entstehung zeigte sich, was an diesem Tag den Unterschied ausmachen sollte. Mit zunehmender Spielzeit waren es immer häufiger die Innenverteidiger, die mit aufrückten, um so Lücken in den gegnerischen Defensivverbund zu reißen. Auf Werders Seite war dies meistens Vestergaard, der einige kluge Verlagerungen spielte. Auf Schalkes Seite war es Joel Matip, der beste Spieler auf dem Platz. Defensiv spielte er nach meiner Erinnerung fehlerfrei und offensiv war er der entscheidende Faktor bei den ersten beiden Toren.

Man kann sich über mangelndes Rückwärtspressing der Stürmer beschweren, doch auch aus dem Mittelfeld fühlte sich niemand berufen, Matip 30 Meter vor dem Tor unter Druck zu setzen, so dass er unbedrängt zwei präzise Pässe in die Spitze spielen konnte, die das Spiel entschieden. Das Kontertor in der Schlussphase machte das Ergebnis für Werder zu einer ekeligen Angelegenheit, obwohl das Spiel eigentlich keinen solchen Leistungsunterschied zwischen den Teams hergab. Schalke siegte insgesamt verdient, weil das Team individuell stärker ist und in den entscheidenden Details besser war.

Da waren sie wieder, meine drei Probleme

Zu Beginn der zweiten Halbzeit hatte Werder die wohl stärkste Phase des Spiels und durch Bartels auch die beste Chance. Ansonsten bemühte man sich, den Ball in Richtung Spitze zu spielen, hatte aber offensiv wenig gute Ideen. Mit Ballbesitz kommt Werder weiterhin nicht gut klar, betreibt sehr viel Aufwand, der die Unzulänglichkeiten nur teilweise kaschieren kann. Auch individuell hatte Werders Offensive keinen guten Tag. Ujah wurde von Matip völlig aus dem Spiel genommen und Öztunali beendete nahezu alle seine Ballaktionen mit überhasteten Abspielen oder Abschlüssen.

Bartels steckt in einer Formkrise, ist für diese Art des Ballbesitzfußballs aber auch nicht gemacht. Seine (und auch Werders) Stärken konnte er kaum einmal ausspielen, denn Konter und Gegenpressing gab es nur vereinzelt zu sehen. Das restliche Mittelfeld zeigte sich gewohnt unkreativ und wenig passsicher. Es geht noch immer (zu) viel über Laufstärke und Kampf. Dabei kann man den Spielern nicht den Einsatz absprechen, mit dem sie sich in die nach dem 0:2 fast unlösbare Aufgabe geworfen haben.

Personell und taktisch muss sich das Trainerteam ein paar Fragen gefallen lassen. Warum mussten Grillitsch und Eggestein auf die Bank, obwohl sie in der Vorbereitung deutlich näher an einem Stammplatz waren, als Öztunali? Eggestein spielte zuletzt nicht überzeugend, doch Bartels war in diesem Spiel ein denkbar ungeeigneter Zehner. Warum wird Grillitsch dort nicht getestet? Warum stellte man taktisch auf ein flaches 4-4-2 gegen den Ball um, was in der Vorbereitung so nicht zu sehen war? Das Pressing wirkte in diesem System schlecht koordiniert. Der große Abstand zwischen Angriff und Mittelfeld war nicht nur hier ein Problem, sondern begünstigte auch die Entstehung der ersten beiden Tore.

Mut oder kalte Füße?

Nach dem ersten Spieltag müssen aber keine (neuen) Grundsatzfragen gestellt werden. Die Probleme sind bekannt, die Abhängigkeit von einzelnen Spielern auch. Sich hinter der der mangelnden Erfahrung des Teams zu verstecken, ist nach diesem Spiel nicht angebracht, da lediglich zwei Spieler unter 23 auf dem Platz standen und Schalkes Team im Schnitt sogar jünger war. Es war jedoch der unerfahrenste Spieler auf dem Platz, der den größten Mut bewies und dessen Leistung Hoffnung auf mehr machte, auch wenn Garcia am Ende für sein hohes Tempo bezahlen musste und in den letzten 15 Minuten deutlich nachließ.

Gegen Hertha wünsche ich mir wieder etwas mehr Mut seitens der Trainer und eine Ausrichtung, die mehr an die Stärken des Teams angepasst ist. Mit Ballbesitzfußball wird Werder nach heutigem Stand und in der aktuellen Besetzung nicht zum Erfolg kommen.

 

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    5 Gedanken zu „1. Spieltag: Ernüchterung mit Lichtblicken

    1. Lieber Tobias,

      ich finde es super, dass du wieder regelmäßig(er) schreibst. Deine Analysen sind rund um die grün-weißen immer noch das beste, was es im Netz gibt.

      Da ich leider das Spiel nicht gesehen habe, kann ich dazu keine Einschätzung geben. Es ist jedoch recht interessant, deine Sichtweise mit dem Koenigsblog.net abzugleichen – dort findet eigentlich auch immer eine recht fundierte Diskussion statt.

      Bitte weiterschreiben!
      B.

      1. Vielen Dank! Ich habe mir für die Saison vorgenommen, wieder etwas häufiger zu bloggen. Mal sehen, wie lange ich es durchhalte.

        Den Artikel zum Spiel von Torsten im Königsblog finde ich sehr treffend und auf den Punkt.

    2. Ich lese gerade auf Wikipedia, dass Maximilian Eggestein durch seinen heutigen Einsatz gegen Hertha der wegen drei Tagen `nur` der zweitjüngste Bundesliga-Spieler der Vereinsgeschichte nach Thomas Schaaf ist. Ich hoffe irgendwie nicht, dass er deshalb letzte Woche nicht gebracht wurde..

      Außerdem: Ich freue mich wirklich sehr, dass du wieder häufiger schreibst. Ich lese und lerne gerne!

      1. Danke für deinen Kommentar, aber das stimmt so nicht ganz. Eggesteins erster Einsatz war letztes Jahr im November, damals war er drei Tage älter als Schaaf. Gestern hat er sein drittes Bundesligaspiel bestritten. Er wird Ende des Jahres ja auch “schon” 19. Falls sein jüngerer Bruder vor April noch zu seinem ersten Bundesligaspiel kommt, würde er aber eh beide übertreffen. ;)

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