Meine Saisonvorschau 2015/16

Am Samstag beginnt für Werder in Würzburg die Pflichtspielsaison. Zeit für eine, nun ja, gar nicht mal so kurze Saisonvorschau. Was hat sich bei Werder im Sommer getan? Wie sind die Spieler drauf? Was ist dem jungen Team und dem jungen Trainer in den nächsten zehn Monaten zuzutrauen?

Tor – Große Auswahl, viele Verletzte

Im Tor hat Werder nach den vielen Wechseln der letzten 12 Monate ein Überangebot an Spielern. Gleich sechs Torhüter zählen zum erweiterten Profikader: Felix Wiedwald, Raphael Wolf, Ed Michael Zetterer, Raif Husic, Eric Oelschlägel und Tom Pachulski. Eigentlich sind nur die ersten drei Genannten für den Profikader vorgesehen, doch die Verletzungen von Wolf und Zetterer sowie Husics Teilnahme an der U19-EM bedeuteten eine Chance für die Nachwuchsleute Oelschlägel und Pachulski, sich im Trainingslager der Profis zu beweisen. Besonders Oelschlägel bekam viel Lob von Torwarttrainer Vander, aber zumindest vorerst müssen er und Pachulski den Weg zurück in die U23 bzw. U19 antreten.

Die klare Nummer 1 ist zum Saisonstart Rückkehrer Felix Wiedwald. Ein Duell mit Wolf fand wegen dessen Verletzung nicht statt, doch es gibt kaum jemanden im Werder-Umfeld, der ernsthaft daran gezweifelt hat, dass Wiedwald den Vorzug erhalten würde. Die Eindrücke aus den Testspielen waren bislang ziemlich gut und es besteht die Hoffnung, mit ihm einen sowohl selbstbewussten als auch relativ kompletten Torwart gefunden zu haben. Er wirkt deutlich aktiver im Strafraum als Wolf, antizipiert gut und traut sich auch den flachen Pass zu.

Raphael Wolf wird sich nach seiner Verletzung neu beweisen müssen, nachdem die letzte Saison ein Rückschritt für ihn war. Ich halte ihn nach wie vor für eine solide Nummer 2 bei einem Verein von Werders derzeitiger Kragenweite. Bei Teilen der Fans ist er aufgrund der Rückrunde allerdings verbrannt und ich glaube auch nicht wirklich, dass er eine Chance hat, Wiedwald im Tor zu verdrängen. Doch auch als Ersatztorwart könnte Wolf nur eine Übergangslösung sein, bis Zetterer, den ich bislang nur wenig einschätzen kann, soweit ist, seinen Platz einzunehmen. Die Frage ist natürlich auch, wie sich Wolf mit seinem neuen Status arrangiert. Da ein möglicher Abgang in diesem Sommer immer mal wieder diskutiert wurde: Mir ist mit Wolf im Kader wesentlich wohler. Fünf Torhüter, von denen keiner mehr als ein Dutzend Bundesligaspiele vorzuweisen hat, sind doch etwas dünn. In einem Jahr sieht die Situation aber eventuell schon ganz anders aus.

Die Hackordnung auf den Plätzen drei bis sieben scheint weit weniger in Stein gemeißelt, weil hier auch noch der erfahrene Tobias Duffner hinzukommt, der fest für die U23 eingeplant ist. Vor einem Jahr galt Raif Husic als die neue Torwarthoffnung für Werders Zukunft, heute muss er um seinen Status als Nummer 4 und damit die Aussicht, in der U23 zumindest auf der Bank zu sitzen, bangen. Es ist spannend, den Dreikampf zwischen ihm, Oelschlägel und Pachulski zu verfolgen, doch große Hoffnungen auf einen baldigen Durchbruch in den Bundesligakader mache ich mir nach den Enttäuschungen der Vorsaison auf dieser Position bei keinem von ihnen.

Eigentlich sind sieben Torhüter für drei Mannschaften (Profis, U23, U19) zu viel, doch das Verletzungspech von Wolf, Zetterer und nun auch Oelschlägel sorgt derzeit dafür, dass es genügend Einsatzmöglichkeiten gibt. Bis zum Ende der Transferperiode könnte sich die Situation allerdings noch ändern und eine Leihe von beispielsweise Husic ein Thema werden.

Innenverteidigung – Zwei Abgänge und doch kein Personalbedarf?

Nachdem die Problemstelle Innenverteidigung bereits im Winter angegangen wurde, ist es im Sommer trotz Prödls Abgang und Caldirolas Leihe sehr ruhig zugegangen. Mit Jannik Vestergaard und Alejandro Gálvez hat man bereits das Duo gefunden, das Werders Hintermannschaft endlich auch mal über einen längeren Zeitraum stabilisieren soll. Assani Lukimya ist nominell die Nummer 3, doch hat Gálvez in der Vorbereitung den Rang abgelaufen. Das dürfte vor allem an der noch etwas wackeligen Form des Spaniers liegen und nur von kurzer Dauer sein – allerdings dachte man das vor einem Jahr auch bei Caldirola. Die Gerüchte, die man über Gálvez Fitnesszustand zum Saisonbeginn hörte, waren jedenfalls nicht gerade ermutigend.

Eigentlich sollte ein fitter Gálvez schon aufgrund seiner guten Spieleröffnung gesetzt sein. Mit ihm und dem defensiv in eigentlich allen Bereichen starken Vestergaard hätte man eine gute Mischung in der Innenverteidigung. Leider konnten die beiden in der letzten Rückrunde nicht oft zusammen spielen. Von allen Innenverteidigerpärchen der letzten Jahre haben sie mir allerdings am besten gefallen. Großen Respekt muss man aber vor Lukimyas Hartnäckigkeit haben. Die Bundesligatauglichkeit wurde ihm oft genug abgesprochen und auch ich habe seinen Stil und seine mangelnde Grundtechnik häufig kritisiert. Dennoch ist er nicht nur immer noch im Kader, sondern macht den in der Hierarchie vor ihm stehenden Spielern ordentlich Druck. Ich werde zwar in diesem Leben kein Fan seiner Spielweise mehr werden, doch als Ergänzungsspieler ist er allein schon durch seine Zweikampfstärke gut zu gebrauchen.

Um die Position als Innenverteidiger Nummer 4 haben sich im Sommer die beiden Rückkehrer Mateo Pavlovic und Oliver Hüsing duelliert, wobei sich Hüsing dem Vernehmen nach durchgesetzt hat. Grundsätzlich finde ich die Option ok, bei nur 35-38 Saisonspielen auf einen Nachwuchsspieler als vierten Innenverteidiger zu setzen. Da Hüsing in seinem Stärken-/Schwächen-Profil aber eine gewisse Ähnlichkeit zu Lukimya aufweist, sehe ich das in diesem konkreten Fall etwas anders. Das Passspiel der Bremer Innenverteidiger ist seit Jahren auf dürftigem Niveau. Gálvez ist hier der einzige Lichtblick, doch schon in der letzten Rückrunde hat man gesehen, dass Werder seinen Ausfall nicht kompensieren konnte. Das Duo Vestergaard/Lukimya hat mir in dieser Hinsicht nicht gut gefallen.

Der Trainer mag das selbstverständig anders sehen, doch mir wäre mit einem weiteren aufbaustarken Innenverteidiger als Nummer 3 oder 4 weitaus wohler. Auch wenn andere Problemzonen dringender nach einer Lösung schreien und Werder knapp bei Kasse ist, wäre es nicht unmöglich, eine solche Lösung zu finden, wenn man sich gleichzeitig von Pavlovic und Hüsing oder Lukimya trennt.

Wie sinnvoll ein solcher Schritt wäre, hängt jedoch auch vom geplanten Stil im Spielaufbau ab. Skripnik wird nicht müde zu betonen, dass er Werder spielerisch wieder stärker machen möchte. Diese allgemeine Aussage lässt viel Interpretationsspielraum, doch bisher deutet die Vorbereitung daraufhin, dass Werder den Fokus auf Pressing und schnelles Umschaltspiel noch weiter verstärken möchte und sich der „spielerische“ Aspekt vor allem auf schnelles Direktpassspiel im letzten Drittel bezieht und weniger auf einen gepflegten Spielaufbau aus den eigenen Reihen. Das Mittel der Wahl dürfte für die Innenverteidiger auch weiterhin der lange, hohe Ball nach vorne sein, der dann im Gegenpressing erobert werden soll. In dieser Hinsicht zählen beim eröffnenden Pass die Positionierung des restlichen Teams sowie der richtige Zeitpunkt mehr, als die Präzision des Passes selbst. Dass Werder sich dessen ungeachtet auch in der Ballzirkulation und der Passgenauigkeit verbessern muss, dürfte allerdings auch klar sein. Ich sehe weder Lukimya noch Hüsing als Spieler, die Werder in dieser Hinsicht voranbringen.

Insgesamt ist Werder in der Innenverteidigung allerdings sehr solide aufgestellt und zumindest Vestergaard und Gálvez genügen auch höheren Ansprüchen. Wie sinnvoll ein Verbleib des inzwischen 25-jährigen Mateo Pavlovics als fünftes Rad am Wagen ist, müssen die Verantwortlichen beantworten. Vermutlich ist hier in erster Linie die fehlende Nachfrage der Grund, weshalb der Kroate noch auf Werders Payroll steht.

Außenverteidigung – Ein Plus an Qualität

Bei den Außenverteidigern entwickelte sich die letzte Saison deutlich anders als erwartet. War man vor einem Jahr auf der rechten Seite mit dem wackeligen Clemens Fritz weitaus anfälliger als links, wurde spätestens in der Rückrunde die linke Seite zum Problemkind. Santiago Garcia hatte mit Formproblemen und Verletzungen zu kämpfen, während Nachwuchsmann Janek Sternberg trotz einiger guter Anlagen letztlich kein Bundesliganiveau nachweisen konnte. Auf der anderen Seite war Theodor Gebre Selassie nach seiner Rückversetzung in die Viererkette die Konstanz in Person. Er profitierte dazu auch von der Tatsache, mit Clemens Fritz einen defensiv kompetenteren Spieler vor sich auf der Halbposition zu haben, als die anderen Beiden mit Zlatko Junuzovic.

Richtig viel getan hat sich im Sommer auf den ersten Blick nicht: Mit Ulisses Garcia wurde lediglich ein Nachwuchsmann für die linke Abwehrseite verpflichtet, dem ein direkter Sprung in die Bundesliga nicht unbedingt zugetraut wurde. Auf den zweiten Blick hat die Situation im Vergleich zur Vorsaison klar verbessert, da Garcia direkt einen starken Eindruck hinterließ und somit trotz der Verletzung seines Namensvetters keine allzu große Not besteht. Auf der anderen Seite ist Luca-Milan Zander endlich wieder fit und hat Marnon Busch wie erwartet den Rang als Nummer zwei bei den Rechtsverteidigern abgelaufen. Durch Clemens Fritz Sperre im Pokal und die Option, Gebre Selassie dafür ins Mittelfeld zu ziehen, besteht sogar die Chance auf einen Startelfeinsatz im ersten Pflichtspiel der Saison. Auffällig ist, dass sowohl U. Garcia als auch Zander klare spielerische Verstärkungen für das Team darstellen und trotz ihres jungen Alters schon sehr zuverlässig ihren Job erledigen.

Es stellt sich aber auch die Frage, wie mit den jeweils Dritten im Bunde Busch und Sternberg weiter verfahren werden soll. Durch den Aufstieg der U23 besteht nicht unbedingt die Notwendigkeit, sie zu verleihen, doch gerade bei Sternberg könnte ich mir vorstellen, dass die 3. Liga nach einem Jahr als erweiterter Stammspieler in einem Bundesligateam nicht mehr den größten Reiz hat. Eine Leihe in die 2. Bundesliga wäre eine sinnvolle Option, eventuell sogar ein Verkauf, falls man nicht mehr daran glaubt, dass er noch zu Bundesligaformat heranreift. Dagegen spricht jedoch ganz klar die Verletzung von S. Garcia, die einen Abgang zu einem großen Risiko werden ließe. Es dürfte sich also frühestens am Ende der Transferperiode noch etwas tun. Bei Marnon Busch hat sich eine mögliche Leihe nach Darmstadt zerschlagen und ich rechne nach Eichins klaren Worten mit seinem Verbleib in der U23.

Alles in allem sieht die Situation bei den Außenverteidigern so gut aus, wie schon lange nicht mehr bei Werder. Garcia und Zander werden noch Lehrgeld bezahlen müssen, doch beide sind von den Anlagen her zukünftige Stammspieler bei einem Club mit internationalen Ambitionen. Selassie ist flexibel genug einsetzbar, um Zander den Einstieg zu erleichtern und Santiago Garcia kann den Konkurrenzkampf hinten links richtig anheizen, wenn er wieder einhundertprozentig fit ist.

Defensives Mittelfeld – die ewige Problemzone

Das defensive Mittelfeld ist inzwischen schon traditionell eine große Problemzone in Werders Kader. Seit Frank Baumanns Karriereende vor sechs Jahren kann man die Neuzugänge auf dieser Position an einer halben Hand abzählen. Cedric Makiadi ist auf der Liste noch der prominenteste Name, doch dass dieser weder ein klassischer Sechser noch ein tiefer Spielgestalter ist, war schon vor seiner Verpflichtung klar. Da Skripnik mit seinen Rautenvarianten und dem als Alternative gehandelten 4-1-4-1 ganz klar auf einen alleinigen Sechser im Mittelfeld setzt, fällt der “Box-to-Box”-Spieler Makiadi für diese Position durchs Raster und kommt lediglich als Notlösung in Frage, ebenso wie der im rechten Mittelfeld zunächst gesetzte Clemens Fritz.

Der unter U23-Beobachtern und Taktikexperten hoch gehandelte Julian von Haacke dürfte nach seiner langen Verletzung noch kein Thema für diese Position sein und zunächst in der U23 eingesetzt werden. Mit seinen tollen spielerischen Anlagen ist er eine spannende Option für die Zukunft, doch schon seine Einsätze in der Vorbereitung zeigen, dass Skripnik ihn derzeit noch weiter vorne im Mittelfeld sieht. Lukas Fröde verkörpert eher den klassischen Sechsertyp und weckt daher nicht die ganz großen Hoffnungen. Auch bei ihm ist noch nicht klar, ob der Sprung in den Profifußball gelingen wird und ich sehe ihn momentan eigentlich nur als Kaderergänzung, die zwischen U23 und Profis pendelt. Angesichts der dünnen Personalsituation könnte er jedoch mehr Bundesligaminuten sammeln und unter Beweis stellen, dass er dort mithalten kann.

Der Platzhirsch auf der Sechserposition ist weiterhin Philipp Bargfrede, in meinen Augen eine gute, wenn auch keine optimale Lösung. Eigentlich würde ich Bargfrede wegen seiner nicht so ausgeprägten strategischen Fähigkeiten lieber in einer Doppelsechs oder rechts in der Raute sehen. Hinter diesen Überlegungen steht jedoch ein großes „Aber“: Bargfredes Verletzungshistorie macht es zu einer höchst fahrlässigen Angelegenheit, weiter mit ihm als Stammspieler für die Bundesliga zu planen. In den letzten drei Jahren kam Bargfrede auf gerade einmal 49 Bundesligaeinsätze, was durchschnittlich nicht einmal die Hälfte aller Saisonspiele bedeutet. Einen Grund, weshalb sich sein körperlicher Zustand in dieser Saison bessern sollte, sehe ich nicht. Es ist ihm zu wünschen, doch darauf bauen sollte der Verein nicht.

Bargfredes Ersatzmann Felix Kroos ist ein komplett anderer Spielertyp, sicherer im Passspiel, aber mit Problemen im Zweikampf und im Stellungsspiel. Seit zwei Jahren ist Kroos nun fest im Profikader eingeplant, ohne die Entwicklung zu nehmen, die man sich von ihm erhofft hat. Das sieht immer mal ganz nett aus, dann wieder ganz fürchterlich, was es den Verantwortlichen nicht einfach macht. Kroos ist weder so schlecht, dass man ihn aussortieren müsste, noch so gut, dass man mit ihm als Stammspieler planen könnte. Schon allein aufgrund Bargfredes Verletzungsanfälligkeit müsste er aber genau das sein: Ein Stammspieler, ein Sechser, der zuverlässig und beständig Leistungen bringt, die zumindest Bundesligamittelmaß bedeuten.

Mich verwundert (vielmehr: irritiert) die Haltung des Vereins zu der Position des Sechsers schon seit langer Zeit. Einerseits setzten die Trainer überwiegend auf Systeme mit einem alleinigen Sechser, was höhere Anforderungen an die Kandidaten stellt. Andererseits wird die Situation auf dieser Position völlig verkannt. Man wird nicht müde, Bargfredes Wichtigkeit zu betonen, während man sehenden Auges in eine weitere Saison ohne vernünftige Alternative geht. Angeblich hat intern inzwischen ein Umdenken stattgefunden, doch solange sich dies nicht personell bemerkbar macht, kann sich Werder davon wenig kaufen. Das Argument des klammen Geldbeutels lasse ich an dieser Stelle nicht gelten, denn für Offensivspieler ist wie in den Jahren zuvor durchaus ein stattliches Transferbudget vorhanden. Es ist vielmehr eine Frage der Prioritäten und die scheinen mir nach wie vor fragwürdig gesetzt.

Halbpositionen – Große Auswahl, schwierige Balance

Zu den Besonderheiten der Raute gehören die Halbpositionen im Mittelfeld, die es in dieser Form in anderen Formationen nicht gibt. Im Laufe der Jahre hat Werder hier höchst unterschiedliche Spielertypen eingesetzt und somit die Ausrichtung des Mittelfelds immer wieder angepasst. Vor allem diese beiden Spieler links und rechts in der Raute sind für deren Balance zuständig. Das Anforderungsprofil ist sehr komplex: Die Kandidaten müssen einerseits zentrale Mittelfeldspieler sein, haben andererseits aber keinen Außenspieler neben oder vor sich. Zu ihrem Aufgabengebiet gehören die defensive Unterstützung des Sechsers und Außenverteidigers, die offensive Unterstützung des Zehners und Stürmers, sowie eine gewisse Verantwortung in der Spielgestaltung. Anders als in einer flachen Vier gibt es im Defensivspiel häufig keinen Nebenmann, an dem man sich orientieren kann, weshalb es besonders auf das Raumgefühl der Spieler ankommt. Kurz: Ein Spieler auf der Halbposition muss eigentlich alles können. Da sich dies in der Praxis kaum vorfindet, kommt der Zusammensetzung der beiden Positionen eine große Bedeutung zu: Können die Schwächen des einen durch die Stärken des anderen kompensiert werden?

Wie passen in dieses Geflecht an Anforderungen nun die beiden Hauptakteure Clemens Fritz und Zlatko Junuzovic? Beide sind einerseits fast schon ideale Rautenspieler, weil sie gute Allrounder sind und sich in vielen Phasen des Spiels gut einbringen können. Zudem sind beide sehr beweglich und laufstark. Andererseits gibt es bei beiden auch gewisse Bedenken, was ihre Spielweise, vor allem in Kombination miteinander, angeht.

Fritz hat nach seinem schon länger andauernden Leistungsabbau als Rechtsverteidiger eine Position gefunden, auf der er Werder doch noch helfen kann. Die Lobgesänge auf den Kapitän hören nicht auf, was mich etwas ratlos zurücklässt. Unverkennbar sind der Einsatz und die Spielfreude, mit denen Fritz zu Werke geht. Szenenapplaus gibt es für gewonnene Dribblings und engagierte Zweikämpfe. Was dabei häufig ausgeblendet wird, sind die Schwächen, die Fritz ebenfalls an den Tag legt, die Fehler im Passspiel, die strategischen Unzulänglichkeiten. Seine in einem Jahrzehnt als Rechtsverteidiger angelernte vertikale Spielweise sieht auch im Mittelfeld gut aus, ist aber nur selten wirklich effektiv. Fritz lässt einfache Dinge kompliziert aussehen und erhält dann Lob dafür, dass er sie trotzdem bewältigt. Der herausgeholte Freistoß fällt also mehr ins Gewicht, als die verpasste Gelegenheit zum Abspiel und der gewonnene Defensivzweikampf mehr als der vorherige Fehlpass.

Damit möchte ich Fritz nicht (mehr) aufs Altengleis schieben. In der derzeitigen Kaderzusammensetzung hat er nicht nur seine Berechtigung sondern auch eine große Wichtigkeit. Der Mangel an Konkurrenz ist jedoch ein Problem, das Werder durch die Saison begleiten wird. Nahezu alle Kandidaten für die Halbpositionen sind offensiver eingestellt als Fritz und kommen daher nur in Kombination mit einer Änderung der oben beschriebenen Balance als Ersatz in Frage. Am ehesten könnte Theodor Gebre Selassie seine Position einnehmen, wenn Zander sich nicht wieder verletzt.

Was für Fritz gilt, gilt auch für Junuzovic – wenn auch ganz anders. Zieht man die gefährlichen Standards inklusive der direkten Freistöße ab, ist er für mich kein Kandidat für den “Spieler des Jahres”. Zieht man sie ab, ist Werder (zumindest auf Grundlage der letzten Saison) aber auch ein sehr eindeutiger Abstiegskandidat. Damit ist über Junuzovics Wichtigkeit eigentlich schon genügend gesagt. Seinen Stammplatz wird er ohne Frage sicher haben, solange er fit bleibt und sich kein anderer Spieler mit ähnlich guten Freistößen und Ecken hervortut.

Die Kritik an Junos angeblich rein aufs Läuferische beschränkte Spielweise kann ich weiterhin nicht nachvollziehen. Technisch zählt er ganz sicher zu den Besseren bei Werder und auch sein Passspiel ist brauchbar – in einem auf Konter ausgerichteten System sogar weit mehr als das. Was ihm leider ebenso fehlt wie Clemens Fritz ist das strategische Geschick. Eine Kluge Positionierung und das durchdachte Einleiten von Angriffszügen über mehrere Stationen sind nicht seine Sache. Gegen den Ball ist er zwar bissig, jedoch häufig auch zu spät dran, wenn es darum geht, sich ins Defensivspiel einzuschalten.

Die Liste der möglichen Alternativen ist lang, doch sie zeigt auch, wie schwierig die Wahl für das Trainergespann ist, wenn es darum geht, einen der Stammspieler zu ersetzen. Cedric Makiadi spielte letzte Saison für die Startelf kaum eine Rolle und es würde mich wundern, wenn er es in der neuen Saison täte. Eigentlich ist er aufgrund seines Gehalts ein klarer Verkaufskandidat, doch auch hier spricht wohl die mangelnde Nachfrage dagegen. Als Einwechseloption ist Makiadi jedoch weiterhin brauchbar und dank seiner Erfahrung auch nicht unwichtig. Julian von Haacke ist (siehe oben) aktuell noch nicht bereit für regelmäßige Einsätze in der Bundesliga und sollte genügend Zeit zur Stabilisierung erhalten. Izet Hajrovic und Levin Öztunali kamen zwar bereits auf den Halbpositionen zum Einsatz, sind jedoch mit den defensiven Aufgaben überfordert und gehören eigentlich weiter nach vorne. Mit Fin Bartels und dem aufstrebenden Florian Grillitsch stehen zwei weitere Spieler parat, die eigentlich weiter vorne anzutreffen sind, ihre Sache in der Raute aber auch gut machen. Hinzu kommen noch die jeweils nicht aufgestellten Kandidaten für die Sechserposition (Kroos, Fröde).

Man kann durchaus den Eindruck bekommen, dass die Halbposition auch ein Auffangbecken für alle Spieler ist, für die sich in Werders System keine rechte Position findet oder die auf ihrer besten Position nur Ersatz sind. Dafür sind die Anforderungen der Positionen – wie oben gezeigt – aber eigentlich zu komplex. Die Zeiten, in denen Werder hier die Wahl zwischen Allroundern wie Fabian Ernst, Tim Borowski, Torsten Frings, Krisztian Lisztes oder Daniel Jensen hatte, sind schon lange vorbei. Für sich genommen sind sowohl Junuzovic als auch mit Abstrichen Fritz gut geeignet für die Halbpositionen. Beide zusammen, noch dazu in Kombination mit einem Sechsertyp wie Bargfrede, sind jedoch auch eine klare Absage an Ballbesitzfußball und eine Verbesserung des Passspiels im Mittelfeld.

Offensives Mittelfeld – Spielwiese für den Nachwuchs

Anders als die Sechserposition ist die Zehnerposition und ihre Besetzung immer Thema in den Werder-nahen Medien. Kaum ein Artikel, in dem nicht Özil, Diego, Micoud und sogar Herzog bemüht werden, um den selbst gesteckten Anspruch an den “Spielmacher” zu betonen. Das Problem: Der einzige wirkliche offensive Spielmacher in Werders Kader heißt Levent Aycicek und ist im Kalenderjahr 2015 bislang das Sorgenkind. Nachdem er in der Rückrunde nicht überzeugen konnte und nur selten eingesetzt wurde, war die Vorbereitung auf die neue Saison ein weiterer Rückschritt. Über die Gründe dafür lässt sich viel spekulieren und diskutieren, aber Tatsache ist, dass Aycicek trotz seines überragenden Talents in der Bundesliga bislang noch nicht überzeugt hat und derzeit in der U23 nach seiner Form sucht.

Wie schon Robin Dutt experimentierte auch sein Nachfolger mit unterschiedlichen Spielertypen auf der Zehnerposition. Die beste Figur machte dabei in der letzten Saison Fin Bartels, der mit seiner Beweglichkeit und seinem guten Gespür für Kontersituationen eine für Werder völlig neue Komponente auf der Position einbrachte. Eher enttäuschend waren Levin Öztunalis Auftritte als Zehner. Bei ihm kann man gut sehen, dass der Übergang zum Profifußball noch nicht komplett vollzogen ist. Er verlässt sich noch zu sehr auf seine individuelle Klasse am Ball und sucht zu selten das Zusammenspiel, was gerade auf dieser Position schwierig ist. In dieser Hinsicht haben Überflieger im Nachwuchsbereich vielleicht auch einen Nachteil, denn bis zur letzten Stufe vor dem Profifußball kommen sie problemlos damit durch. Öztunali sehe ich derzeit eher als Option für einen zweiten Stürmer oder eine Außenposition (wenn das System umgestellt wird). Er wird aber sicherlich auch Chancen auf der Zehn bekommen.

Der Sieger der Vorbereitung heißt im offensiven MiIttelfeld ganz klar Maximilian Eggestein. Auch er ist kein wirklicher Spielmachertyp, aber aus anderen Gründen. Sein Passspiel ist auf hohem Niveau und es macht großen Spaß ihm dabei zuzuschauen. Körperlich hat er noch ein paar Defizite und Schnelligkeit gehört nicht unbedingt zu seinen Stärken, aber dafür ist er ein Spieler, der die Stürmer gut einsetzen kann, eine gute Übersicht hat und in Verbund mit seiner Technik dadurch sehr vertikal spielen kann. Als großer Stratege ist er mir dagegen bislang nicht aufgefallen und an seiner Präsenz muss er arbeiten. Gut gefallen mir jetzt schon seine Bewegungen ohne Ball.

Ein weiterer Kandidat hat sich im Testspiel gegen West Ham herauskristallisiert, wo das Spiel oft an Eggestein vorbei lief und dafür Florian Grillitsch auf der rechten Halbposition mit Spielmacherqualitäten auf sich aufmerksam machen konnte. Ob es ausreicht, um Eggestein dort zu verdrängen, ist schwer zu sagen. Testen kann man ihn dort aber allemal. Bei Özkan Yildirim, der sein einziges Spiel in der letzten Saison ebenfalls auf der Zehn bestritt, bin ich sehr vorsichtig geworden und rechne auch in dieser Saison nicht mit ihm, sondern wünsche ihm vor allem, dass sein Körper irgendwann einmal mitspielt und er überhaupt wieder “richtig” Fußballspielen kann.

Sowohl bei Eggestein als auch weiterhin bei Aycicek habe ich die Phantasie, dass sie in dieser Saison den Durchbruch in der Bundesliga schaffen können. Bartels ist der einzige erfahrene Kandidat und in Werders Kontersystem einer, der die Rolle auf der Zehn zuverlässig ausfüllen kann. Insgesamt kann ich die Sehnsucht nach einem neuen Micoud oder Diego zwar nachvollziehen, doch es war nicht zuletzt die Suche nach einem solchen Spieler, die dazu geführt hat, dass Werder in der Vergangenheit einige taktische Entwicklungen verschlief und mit Spielern wie Ekici oder Wesley auf die Nase gefallen ist. Insgesamt ist Werder hier ordentlich besetzt, mit viel Potenzial für die nächsten Jahre.

Angriff – Alles auf Ujah

Selke verkauft, Di Santo verkauft, Petersen verkauft, Lorenzen mit körperlichen Problemen. Vom Angriff der letzten Saison sind nur noch die “Mehr-oder-weniger-Stürmer” Fin Bartels und Izet Hajrovic übrig. Da Viktor Skripnik jedoch derzeit ein System mit zwei “echten” Spitzen bevorzugt, musste Werder hier im Sommer ordentlich klotzen.

Mit Anthony Ujah wurde ein torgefährlicher Spieler verpflichtet, der sehr gut zu Werders Konterfokus passt. Spielerisch ist Ujah sicherlich kein Überflieger, aber seine Technik genügt, um in den meisten Disziplinen eines Stürmers gut abzuschneiden. Ujah kann Bälle behaupten, auf einigermaßen engem Raum kombinieren, flache wie hohe Zuspiele verarbeiten. Dazu positioniert er sich in Tornähe clever und verfügt über einen guten Torabschluss. In der Vorbereitung wirkte er bereits sehr gut integriert und man braucht wenig Phantasie, um zu dem Schluss zu kommen, dass er auch in der Bundesliga ein Gewinn für Werder sein wird. Schade, dass es nicht zu einem Zusammenspiel mit Di Santo kommen wird, denn die beiden sahen im Gespann wirklich vielversprechend aus.

Kurz vor dem Pflichtspielstart wurde mit Aron Johannsson ein weiterer Stürmer verpflichtet. Da ich die niederländische Liga nicht wirklich verfolge, fällt mir eine Einschätzung schwer. Johannssons Leistungsdaten lesen sich gut, werden sich so aber nicht auf die Bundesliga übertragen lassen. Zumindest scheint er ein umtriebiger und kombinationssicherer Stürmer zu sein, was sicherlich nicht schaden kann. Die kolportierten viereinhalb Millionen Euro Ablöse hätte ich lieber in ins defensive Mittelfeld investiert, aber vielleicht belehrt mich Johannsson hier ja eines besseren.

Die Notwendigkeit einer weiteren Neuverpflichtung im Angriff lag auch darin begründet, dass die zweite Reihe hier derzeit im Vergleich zu anderen Positionen recht weit weg ist. Melvyn Lorenzen traue ich durchaus zu, diese Saison eine Entwicklung wie Selke letztes Jahr hinzulegen. Dagegen sprechen jedoch seine andauernden Verletzungsprobleme, die eine schnelle Rückkehr in den Bundesligakader fraglich erscheinen lassen. Sehr erfreulich ist es daher, dass Ousman Manneh so eine erstaunliche Entwicklung hingelegt und auch die Chance bei den Profis erhalten hat. Das Testspiel gegen West Ham hat hier zwar gezeigt, dass der Weg nach oben für ihn nicht linear verläuft, aber auch hier ist Selkes Werdegang ein gutes Beispiel dafür, dass man sich mit harter Arbeit oben festbeißen kann. Die Erwartungshaltung sollte jedoch nicht in diese Richtung gehen. Sollte Manneh in dieser Saison überwiegend in der U23 zum Einsatz kommen, wäre das ganz sicher kein Rückschritt für den Jungen, der vor etwas mehr als einem Jahr noch in der Wilden Liga gekickt hat.

Ob Johannes Eggestein, Maximilians jüngerer Bruder, in dieser Saison schon ein Thema für die Profis wird, bleibt offen. Dem letzte Saison noch in der U17 angesiedelten Angreifer werden große Taten zugetraut und es scheint nur eine Frage der Zeit, bis er auch für Skripnik eine ernsthafte Option darstellt. In dieser Saison gehört er zum Stamm der U19, doch es bleibt abzuwarten, ob er dort ausreichend gefordert wird. In der letzten Saison erzielte er in seinem ersten Einsatz in der U19-Bundesliga direkt fünf Tore, von seiner beachtlichen Quote in der U17 ganz zu schweigen. Es würde mich nicht wundern, wenn er in dieser Saison zumindest sporadisch schon im Bundesligakader auftaucht und bei entsprechender Personallage sein Debüt feiert. Sollte dies vor Ende April geschehen, würde er damit übrigens Thomas Schaaf als jüngsten Bremer Bundesligaspieler ablösen.

Auch wenn ich Skripniks Überlegungen in puncto Pressing und Vertikalität nachvollziehen kann, gefällt mir eine Variante mit einer eher hängenden Spitze vor der Raute weiterhin gut, gerade wenn sie gegen den Ball als 4-3-2-1 interpretiert wird,  Der geeignetste Kandidat für diese Position ist Fin Bartels, der mich in der Vorbereitung aber nicht unbedingt überzeugt hat und dem ein wenig die Spritzigkeit zu fehlen scheint. Von Izet Hajrovic erwarte ich nicht mehr viel, obwohl er für eine solche Position natürlich auch in Frage käme. Seine Ansätze wecken in mir wenig Phantasie, dass er sein Spiel so umstellen könnte, um eine wirklich passende Position in Werders System zu finden. Warum man einen eher eindimensionalen Außenstürmer im Kader behalten sollte, erschließt sich mir nicht, daher rechne ich noch mit einem Abgang, sofern Werder ein vernünftiges Angebot bekommt. Weitere Kandidaten für eine hängende Stürmerposition wären Levin Öztunali, Florian Grillitsch und eventuell auch Özkan Yildirim.

Mit Ujah gibt es zunächst eine klare Nummer eins in der Stürmerhierarchie. Je nachdem wie sich Johannsson schlägt, wird es immer wieder Chancen für die Nachwuchsleute geben und auch die Offensivleute, die keine Vollblutstürmer sind, werden dort zum Einsatz kommen. Da im Angriff die Transferausgaben mit Abstand am höchsten waren, ist die Erwartungshaltung entsprechend. Die Fußstapfen von Di Santo und Selke sind nicht die kleinsten, auch wenn sie kein perfekt harmonierendes Duo waren.

Das 4-1-4-1 als Alternative?

Da Skripnik auf die Raute als Grundsystem fixiert ist, kann ich mir eine große Taktikdiskussion sparen. In der Sommerpause wurde allerdings das 4-1-4-1 als Alternativsystem getestet. Ich halte es nicht für sehr wahrscheinlich, das wir dieses System häufig zu sehen bekommen, aber interessant ist es schon, weil es eine Variante ist, die Spielern wie Hajrovic oder Öztunali zu Gute kommen könnte.

Wie unterschiedlich das 4-1-4-1 interpretiert werden kann, zeigt ein Vergleich des Werdersystems von 2012/13 und dem System, das beispielsweise Portugal bei der Europameisterschaf 2012 spielte. Auf dem Papier ändert sich im Vergleich zur Raute nur die Formation im Angriff, wo nur eine Spitze, kein Zehner, dafür aber zwei Außenstürmer ins Spiel kommen. Im Mittelfeld bleibt es bei einer “1-2-Stellung” mit einem Sechser und zwei Achtern. Die Dynamik ändert sich jedoch auch im Mittelfeld grundlegend. Mindestens einer der Achter muss sich ins Offensivpressing einschalten, will man dem Gegner nicht komplett das Spiel überlassen. Je nachdem wie hoch sich die Flügelstürmer positionieren, wird das System gegen den Ball zu einem 4-3-3, 4-5-1 oder 4-1-3-1-1.

Genug zur Theorie, im Wesentlichen kommen zwei neue Positionen auf den Außenbahnen hinzu, für die Werder nicht allzu viele, aber doch ein paar Kandidaten hat. Hajrovic ist wohl der Spieler, der am offensichtlichsten von diesem System profitieren würde. Als Rechtsaußen kann er seine Stärken am besten einbringen. Die Einsätze im flachen 4-4-2 zeigten allerdings auch, dass er relativ weit vorne eingesetzt werden muss und sich auf Höhe der Mittellinie auch auf dem rechten Flügel häufig verzettelt. Levin Öztunali könnte mit seiner Dribbelstärke auf beiden Seiten eingesetzt werden. Auch Fin Bartels ist die Position nicht fremd, obwohl ich ihn zentral deutlich lieber sehe. Lorenzen bietet sich aufgrund seiner Schnelligkeit ebenfalls an, wenngleich auch er kein prototypischer Flügelspieler ist. Für Spieler wie Aycicek, Grillitsch oder Junuzovic wäre die Position hingegen nicht gut geeignet.

An dieser Stelle zeigt sich auch schon, warum das 4-1-4-1 nur bedingt für den aktuellen Kader geeignet ist. Selbst wenn man den langzeitverletzten Yildirim mit berücksichtigt, hätte man nur 3-4 Spieler für zwei Positionen und müsste zugleich mindestens einen Stammspieler opfern. Von den veränderten Anforderungen an die Achter ganz zu schweigen. Ich denke, wir werden das System eher mal in seiner defensiveren Ausprägung in der Schlussphase einer Partie sehen, in der eine Führung verteidigt werden muss (dann eventuell mit gelernten Außenverteidigern im Mittelfeld). Bei Rückstand kurz vor Schluss kommt eher ein echtes 4-3-3 oder sogar 4-2-4 in Frage.

Trainerbank – Wie gut ist Skripnik wirklich?

Die Frage nach Skripniks wahrer Qualität begleitet nun bereits einen Großteil seiner Zeit als Cheftrainer der Profis. Es gibt große Unterschiede bei der Wahrnehmung seiner bisherigen Amtszeit. Unter Werderfans hat er schnell einen Kultstatus erreicht, der weit über die sportlichen Erfolge hinausgeht. Man könnte den Eindruck bekommen, dass er bereits heute als Trainer für die nächsten zehn Jahre feststeht. Von außerhalb wird Skripnik dagegen teilweise auf die Erfolgsserie im letzten Winter reduziert, die durch die fußballerisch eher dünnen Leistungen in der Schlussphase der Saison konterkariert wird. Beides tut dem Trainer Viktor Skripnik unrecht.

Betrachtet man die Hypothek, mit der er im Herbst bei Werder an den Start gegangen ist, gehörte weitaus mehr als eine kleine Serie dazu, um den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Ich erinnere mich noch sehr gut an die Diskussionen zu der damaligen Zeit, als die Behauptung en vogue war, Werders Kader reiche kaum für die 2. Bundesliga. Nur vier Mannschaften holten in der restlichen Saison mehr Punkte als Werder unter VIktor Skripnik, selbst Dortmund mit seinem starken Saisonendspurt kam nur auf die gleiche Punktzahl. Dennoch wurde Skripniks Leistung nicht von allen gewürdigt, die in Werder vor neun Monaten einen sicheren Absteiger sahen.

Die Ansicht, dass sich Werder unter Skripnik schon auf Europa League Niveau befindet, ist jedoch ebenso falsch. Die Besonderheiten der letzten Saison erschweren eine Einordnung. Zieht man die großen Ausschläge nach unten (Saisonstart) und oben (Serie im Winter) ab, war Werder zumeist eine recht durchschnittliche Bundesligamannschaft. Das ist im Angesicht der sportlichen Talfahrt ab 2010 und der Kaderentwicklung ein Erfolg, den sich Skripnik und sein Trainerteam zuschreiben können.

In taktischer Hinsicht hat Skripnik seit seiner Amtsübernahme hinzugelernt und sich als pragmatischer Trainer erwiesen, der zwar klare Vorstellungen von dem Fußball hat, den er von seinem Team gerne sehen möchte, aber diese nicht über die Gegebenheiten des Kaders stellt. Von daher könnte es sogar ein Vorteil für ihn gewesen sein, dass er mitten in der Saison anfangen musste und wenig Einfluss auf die Kaderzusammensetzung hatte. Vielleicht wäre er ansonsten mit mehr Idealismus und im schlimmsten Fall Naivität an die Sache herangegangen (selbstverständlich reine Spekulation). Aus dem Nachwuchs war er es gewohnt, dass seine Teams zu den spielerisch besten der jeweiligen Ligen zählten und daher viel dominanter auftreten konnten. Sein Satz vor Beginn der Siegesserie im Winter hängt mir jedenfalls noch immer im Ohr: “Wir haben als Trainerteam nicht so viel Erfahrung gehabt in der Bundesliga, aber jetzt wissen wir, wo es langgeht.”

Für Skripnik und sein Trainerteam wird die zweite Saison ein echter Härtetest. Die Erwartungshaltung ist hoch, das Vertrauen groß, die Mittel überschaubar. Gerade für das junge Bremer Team ist Skripnik meiner Meinung nach der ideale Trainer. Das Bundesligageschäft ist allerdings gnadenlos und auch Skripnik muss weiterhin dazulernen, um dort langfristig bestehen zu können. Solange sein Team nicht in eine richtig tiefe und anhaltende Krise schlittert, hat er jedoch einen der sichersten Trainerstühle der Liga inne.

Fazit

Das Fazit meiner Saisonvorschau lautet vor allem: Ich freue mich wie schon lange nicht mehr auf diese Saison. Werders Kader ist eine Wundertüte, mit der vieles möglich, aber wenig sicher ist. In puncto Bundesligaerfahrung spielt man am unteren Ende mit, hat mit einigem guten Willen 15-16 gestandene Profis in den eigenen Reihen. Trotz der beschriebenen Defizite, die ich im Kader noch sehe, beeindruckt mich die Konsequenz mit der die Verantwortlichen nun auf die Jugend setzen. Es sei dahingestellt, inwieweit sie wirtschaftlich dazu gezwungen sind, doch die Zeiten in denen es zwanzigjährige Debütanten nur in Ausnahmefällen gab, sind erstmal vorbei. Gleich elf Spieler aus dem Profikader sind nicht älter als 21 Jahre. Auf sechs Positionen ist einer der beiden wahrscheinlichsten Kandidaten ein Nachwuchsspieler.

Das größte Problem könnte eine zu hohe Erwartungshaltung im Umfeld sein. Von Talenten wie Zander, von Haacke, Aycicek, den Eggestein-Brüdern, Ulisses Garcia und Manneh darf man sich ohne Zweifel viel versprechen. Für jeden dieser Spieler wäre es jedoch schon ein Erfolg, sich in Werders erster Elf festzusetzen und sich in der Bundesliga zu etablieren. Daher ist für mich absolut nicht gesagt, dass Werder mit dem Abstieg nichts zu tun haben wird, auch wenn das Thema Klassenerhalt nicht groß thematisiert wird derzeit. Die Schere in der Bundesliga sorgt dafür, dass zwischen Platz 7 und Platz 16 nur Details den Unterschied machen. Um das internationale Geschäft anpeilen zu können, muss Werder wie so viele andere auch, auf einen Ausrutscher von Dortmund, Schalke, Leverkusen, Gladbach oder Wolfsburg hoffen und zugleich Best-of-the-Rest werden. Dass so etwas keine Utopie ist, zeigen die Beispiele Augsburg, Mainz und Freiburg aus den letzten Jahren.

Die drei frühzeitig feststehenden Neuzugänge haben in der Vorbereitung soweit überzeugt, dass sie zum Saisonbeginn einen Stammplatz innehaben. Sollte es Werder noch gelingen, nach Eljero Elia auch den aussortierten Ludovic Obraniak (eventuell auch noch Izet Hajrovic) zu verkaufen und im Gegenzug einen akzeptablen Sechser zu verpflichten, wäre ich mit der Transferperiode unter den gegebenen Voraussetzungen sehr zufrieden.

Betrachtet man Werders Kaderstruktur, wird deutlich, warum die Verantwortlichen so hartnäckig um den Verbleib von Clemens Fritz gekämpft und auch einen rein sportlich sinnvollen Verkauf von Cedric Makiadi nicht forciert haben. Bundesligaerfahrung ist ein knappes Gut geworden in Bremen. Dafür ist die Identifikation mit der Mannschaft nun umso größer, angeführt von einem sehr beliebten Trainerteam, ein paar langjährigen Spielern und vielen jungen Talenten aus dem eigenen Nachwuchs (wobei an dieser Stelle unerheblich ist, ob die Spieler mit 6 oder mit 18 nach Bremen gekommen sind). Wie lange dies im Falle eines sportlichen Absturzes wie zu Beginn der letzten Saison der Fall wäre, werden wir hoffentlich nicht herausfinden.

Und jetzt, nach 5.789 Wörtern, darf es dann auch endlich losgehen.

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    7 Gedanken zu „Meine Saisonvorschau 2015/16

    1. Super Artikel, danke dafür! Ich stimme Dir mit fast allem überein, sehe die 6er Position (und die Person Bargfrede) jedoch noch etwas kritischer. Für mich kein wirklich bundesligatauglicher Spieler, auch wenn er aus der Werder Jugend kommt, der hat einfach so große Defizite im technisch – taktischen Bereich, da geht einfach nicht.

    2. Ich danke dir für diese umfassend begründete Einschätzung. Mir geht es genauso wie Dir: Ich bin sehr gespannt wie Werder die Saison 2015/2016 bewältigt.

      PS: Dein “Über mich”-Text ist einfach wunderbar

    3. Danke – mit Vergnügen gelesen. Nun hoffen wir mal darauf, dass schwere Verletzungen ausbleiben. Die zweite Reihe weckt wenig Hoffnung.

    4. Vielen Dank für diese sehr interessante (und keineswegs zu lange) Vorschau. Sehr verständlich/anschaulich u.a. die Beschreibung und Diskussion des geplanten Stils im Spielaufbau via ‘Bolzen‘ und Gegenpressing. Da weiß man sofort, was gemeint ist. Bitte weiter so…

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