7 Gedanken zu Werder – Freiburg

Werder Bremen – SC Freiburg 5:3

1. Die gute, alte Zeit

Achterbahnfahrten ist man in Bremen gewohnt. Unter der Woche ein 5:4 im Testspiel gegen St. Pauli und nun 5:3 gegen Freiburg. Kein Wunder, dass man sich als Werderfan in die gute, alte Zeit zurückversetzt fühlte, als fünf eigene Tore genauso zum guten Ton gehörten, wie drei Gegentore. Man muss allerdings sagen, dass in der wirklich guten Zeit, die drei Gegentore weit weniger häufig anzutreffen waren, als die fünf eigenen Tore. Auch wenn Werder selten ein Defensivbollwerk war, in der Meistersaison 2003/04 musste man in der Rückrunde bis zum Feststehen der Meisterschaft nur 9 Gegentore hinnehmen (genau so viele, wie in den verbleibenden beiden Spielen gegen Leverkusen und Rostock). In der Saison 2004/05 kassierte man nur in einem von 34 Bundesligaspielen mehr als zwei Gegentreffer. In der Rückrunde der Saison 2005/06 hatte Werder die beste Defensive der Bundesliga mit nur 16 Gegentoren. Es gab natürlich auch andere Zeiten, aber es ist nicht so, dass Bremer Offensivfußball immer nur mit löchriger Defensive möglich war.

2. Lieblingsgegner

Es war Werders siebter Sieg in Folge gegen den SC Freiburg, wobei Werder nur zwei Mal weniger als vier Tore erzielte. Man kann Freiburg also mit Fug und Recht als Lieblingsgegner der letzten Jahre bezeichnen. Gestern hatte Werder jedoch einige Probleme mit den Freiburgern, die mich insgesamt aber nicht überzeugt haben. Wann immer Werder schnell kombiniert hat, konnte Freiburg wenig dagegen ausrichten und es kam zu gefährlichen Szenen. Trotz 4-1-4-1 bekamen sie keinen Zugriff auf den immer stärker werdenden Marin und die Viererkette ließ sich häufig auseinander reißen. Einzig die Effizienz vor dem Tor war beeindruckend. Mit Ausnahme des etwas glücklichen dritten Tores waren die (wenigen richtigen) Angriffszüge stark kombiniert und gut zu Ende gespielt. Mit etwas mehr Glück wäre so ein Unentschieden drin gewesen, was angesichts der Bremer Dominanz über 70 Minuten sehr schmeichelhaft gewesen wäre.

3. Auswechslungen

Schon wieder ein Spiel, in dem Schaafs Wechsel entscheidenden Einfluss nehmen. Letzte Saison war dies mangels Alternativen auf der Bank nur selten zu sehen. Nun hat er genügend Optionen und weiß sie auch zu nutzen: Arnautovic eingewechselt und getroffen, Wesley eingewechselte und getroffen, Ekici eingewechselt und einen Elfmeter herausgeholt. Der Konkurrenzkampf wird größer werden und noch dürfen sich nur wenige Spieler mit einem Stammplatz sicher fühlen. Endlich muss die Bank nicht mehr mit Notlösungen aufgefüllt werden. Dies hat außerdem den Vorteil, Spieler wie Naldo oder Ignjovski ohne Druck an die Mannschaft heranführen zu können.

4. Hunt

Ein Spieler, den viele Werderfans am liebsten nicht mal in der Nähe der Startelf sehen möchten, ist Aaron Hunt. Die Anfeindungen gegenüber dem Spieler werden mir immer unbegreiflicher. Dass er aufgrund seiner schwachen Leistungen letzte Saison keinen Kredit bei den Fans hat, ist verständlich. Dass er nach wie vor bei jedem Fehler von den eigenen Fans beschimpft wird, kann ich jedoch nicht nachvollziehen. Hunt stand bislang drei mal in der Startelf und hat drei mal ordentlich bis gut gespielt. Kein Grund für Euphorie, aber warum kann man nicht wenigstens anerkennen, dass er sich jetzt reinhängt und seine Chance nutzen will? Hunt ist einer der wenigen Spieler, die fast immer den direkten Passweg suchen. Als solcher ist er schon von Natur aus mehr von seinen Mitspielern und deren Laufwegen abhängig, als etwa Marin oder Ekici. Zu seinem Ruf als Mitläufer trägt das natürlich ebenso bei, wie seine (Zitat Schaaf) schreckliche Körpersprache. Man sollte sich über seine Erfolgserlebnisse, wie den souverän verwandelten Elfmeter, das clevere Verzögern vor dem Pass auf Schmitz vor dem 1:1 oder die Einleitung von Thys Großchance gegen Leverkusen, freuen – wie bei jedem anderen Werderspieler auch!

5. Pizarro

Muss man eigentlich noch erwähnen, wie wichtig Pizarro für Werders Angriffsspiel ist? Mit ihm ist Werders Offensive eine Klasse besser. Angesichts seiner Verletzungsanfälligkeit in der letzten Saison mag man gar nicht darüber nachdenken, aber ein fitter Pizarro, der >25 Spiele in dieser Saison macht, kann den Unterschied zwischen europäischem Wettbewerb und Mittelmaß ausmachen. Wie er vor dem 2:1 die Situation erkennt, den Ball nur leicht touchiert, um an seinem Gegenspieler vorbei zu gehen… absolutely top drawer!

6. Wesley

Wesley wird für mich immer mehr zum Mysterium. Wie kann ein Spieler einerseits so grundlegende Dinge immer wieder falsch machen, aber auf der anderen Seite so ein großartiger Fußballer sein? Wesley ist eine der größten Aufgaben für Schaaf in dieser Saison. Gelingt es ihm, aus Wesley einen großen Spieler zu formen? Momentan ist er trotz seiner entscheidenden Aktionen gegen Kaiserslautern und Freiburg für mich kein Kandidat für die Startelf. Stellt er die haarsträubenden Fehler in seinen Laufwegen ab und lernt das Spiel auch ohne Ball am Fuß schnell zu machen, wäre er wegen seiner sonstigen Qualitäten hingegen zwingend ein Spieler für die Startelf. Bis dahin halte ich es wie bei Hunt und freue mich über seine Erfolgserlebnisse.

7. Balance

Das Spiel gegen Freiburg war das komplette Gegenstück zum 0:1 in Leverkusen. Das Team hat gezeigt, dass es sowohl zu konzentrierten und disziplinierten Defensivleistungen als auch zu Offensivwirbel fähig ist – jedoch nicht beides zur gleichen Zeit. Diese Balance hat Werder in den letzten fünf Jahren häufig vermissen lassen. Zum jetzigen Zeitpunkt ist dies weder verwunderlich noch (angesichts der Zielsetzung) ein großes Problem. Gegen starke Gegner kann man ruhig abwartend agieren, wie in Leverkusen. Der eine oder andere Punkt wird dabei herausspringen. Gegen die schwächeren Teams, gerade bei den Heimspielen, dürften wir noch die eine oder andere Achterbahnfahrt zu sehen bekommen. Solange man hierbei am Ende häufiger oben als unten stehenbleibt, sollte es reichen, um sich in der Hinrunde in der oberen Tabellenhälfte zu etablieren. Bis zur Rückrunde ist man dann hoffentlich so gefestigt, dass man den internationalen Wettbewerb angreifen kann. Es ist zwar reichlich unromantisch, aber mit dieser Politik der kleinen Schritte könnte ich angesichts der letzten Saison ganz gut leben.

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    2 Gedanken zu „7 Gedanken zu Werder – Freiburg

    1. Ehrlich – ich habe mich nach dem Spiel, trotz Sieg, lange Zeit nicht beruhigen können.
      Auf mich wirkte es, als könne man den neuen modernen Fußball bei Werder nicht vermitteln – also geht man wieder zur alten Ordnung über – dem Chaos. Das kennt man!
      Ich weiß nicht, wie lange ich diesem Harakiri-Fußball noch etwas abgewinnen kann.
      Man kann zwar erkennen, dass die Mannschaft wieder homogener wirkt, dass der Wille wieder da ist, das Ruder herum zu reißen, gepaart mit exzellenten Spielern wie Piza und Marin.
      Aber es ist bei weitem noch nichts Halbes oder Ganzes. Momentan ein Fazit zu ziehen ist zwar noch zu früh, da TS bestimmt noch am Experimentieren ist.

    2. Danke, besonders für das Statement bezüglich Hunt. Ich denke, es wird die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass die “Boulevardfans” nicht weiter Macht gewinnen, Hunt wirklich zu bashen.

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