Krise oder Spitzengruppe?

Ich habe das Spiel gegen Gladbach nur in der Konferenz gesehen, was gleichbedeutend damit ist, es nicht gesehen zu haben. (Die Faszination der Konferenzschaltung erschließt sich mir einfach nicht. Man bekommt von keinem Spiel einen wirklichen Eindruck und der bei entsprechendem Spielverlauf entstehenden Tororgie kann ich auch nicht viel abgewinnen. Für mich ist diese Art Fußball zu schauen eine Qual.)

Die Lehren aus dem Gladbachspiel

Was bei der Torentstehung auffiel, war die Leichtigkeit, mit der sich die Gladbacher Offensivspieler durch Werders Abwehrreihen spielen konnten. Es wäre sicherlich falsch, das nur auf die systemische Anfälligkeit bei Kontern über die Außen zu reduzieren. Laufbereitschaft und Zweikampfstärke waren ebenfalls nicht vorhanden und so bekamen wir zum ersten Mal in dieser Saison zu Gesicht, wie Werders Spiele derzeit enden, wenn nicht durch eine kämpferische Überlegenheit eine spieltaktische Unterlegenheit ausgebügelt werden kann. Gegen Gladbach gelang es zum ersten Mal in dieser Saison nicht ansatzweise, die frühen Versäumnisse im Laufe des Spiels zu beheben. Unterm Strich bleibt die mit Abstand höchste Saisonniederlage.

Die relative Laufschwäche Werders mag teilweise mit dem frühen, hoffnungslos hohen Rückstand zu tun haben – sie ist aber auch Beweis dafür, dass nicht 34 Spiele lang mit einer solch hohen Intensität gespielt werden kann. Erst recht nicht dann, wenn beim geringsten Nachlassen die Nackenschläge nicht lange auf sich warten lassen. Gladbachs beeindruckende Stärke sollte dabei aber nicht unter den Tisch fallen. In dieser Form sind sie ein klarer Kandidat für die Champions-League-Plätze, die für Werder nun wieder in weiter Ferne erscheinen.

Gegen Stuttgart: Krise abwenden

Man ist im Angesicht einer solch derben Klatsche immer versucht, laut nach Konsequenzen zu rufen. Doch wie könnten solche Konsequenzen derzeit überhaupt aussehen? Auf der Zielgerade der Hinrunde das System zu verändern halte ich – gerade im Hinblick auf das taktische Chaos der letzten Hinrunde – für falsch. Personelle Änderungen wären ebenfalls schwierig umzusetzen. Es gab in den letzten Wochen ohnehin genügend Wackelkandidaten: Ekici oder Marin auf der 10? Bargfrede oder Ignjovski auf der 6? Wolf oder Prödl in der Innenverteidigung? Das Gerüst der Mannschaft ist auch ohne weitere Eingriffe fragil genug – zumal Sokratis‘ Rotsperre und der wahrscheinliche Ausfall Pizarros  weitere Baustellen für Thomas Schaaf eröffnen.

So bleibt in erster Linie die (zugegeben naive) Hoffnung, dass Werders Selbstbewusstsein durch das 0:5 keinen zu großen Schaden genommen hat. Gegen Stuttgart wird es ein langer Weg, um sich die Sicherheit im Spiel wieder anzueignen, mit der man bspw. die Überzahl gegen Köln ausspielte. Im spielerischen Bereich bleiben dem Trainer nur die kleinen Stellschrauben, mit denen er gegen die Probleme im Defensivverhalten und im Spielaufbau vorgehen kann. Während ich in den letzten Wochen immer die (vergebliche) Hoffnung hatte, hier eine sukzessive Verbesserung sehen zu können, wäre ich gegen Stuttgart schon froh, wenn man einigermaßen solide gegen den Ball agierte und ein erneutes Debakel abwenden könnte. Ein Champions-League-Kandidat hätte andere Sorgen.

Weichenstellung in der Winterpause

Im Winter bleiben Thomas Schaaf und seinem Team ein paar Wochen Zeit, um die Weichen für die Zukunft neu zu justieren. Die Dringlichkeit, mit der dann Änderungen von Nöten sein werden, wird auch von den verbleibenden Spielen der Hinrunde abhängen. Die Saison hat gezeigt, dass Schaafs System in der Bundesliga zunehmend schwieriger umzusetzen ist. Das liegt nach meinem Dafürhalten weniger an der Raute an sich, als an dem Anspruch, mit dieser Formation das Spiel aktiv bestimmen zu wollen. Der läuferische Aufwand wurde in dieser Saison erhöht und die Außenbahnen durch Neuverpflichtungen stabilisiert. Zu Saisonbeginn waren sehr vielversprechende Automatismen zu erkennen, gerade auch was das Spiel in den gegnerischen Strafraum angeht. Hätte man diese im Laufe der Saison weiter verfeinern können, wäre die Abhängigkeit von Claudio Pizarro weitaus geringer. Stattdessen verlagerten sich Werders Probleme immer mehr ins Mittelfeld, dem es trotz des hohen Aufwands immer weniger gelang, ein spielerisches Übergewicht zu entwickeln. Pizarros tiefe Rolle ist denn auch weniger als „falsche Neun“, denn als Aushilfszehner zu bezeichnen.

Thomas Schaaf muss sich entscheiden, ob er einen erneuten Versuch unternimmt, seiner Mannschaft das in der Bundesliga bevorzugte 4-2-3-1 beizubringen, oder ob er den Versuch fortsetzt, sein bevorzugtes System den Gegebenheiten anzupassen. Ich halte eine Abkehr von der Raute und einen Wechsel zu einem System mit Doppelsechs und nur einer Spitze keineswegs für unausweichlich und sehe das 4-2-3-1 auch nicht unbedingt als überlegenes Spielsystem. Außerhalb der Bundesliga gibt es mehrere Gegenbeispiele. Gerade in puncto Pressing und Flügelspiel wird Thomas Schaaf jedoch nicht umher kommen, sich etwas neues einfallen zu lassen (dazu demnächst mehr an dieser Stelle).

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    4 Gedanken zu „Krise oder Spitzengruppe?

    1. Ich bin gespannt. Ich halte es bekannter Maßen für keinen Zufall, dass in der Bundesliga-Spitze und der Champions-League eigentlich nur noch mit zwei Sechsern und einer Spitze gespielt wird.

      Trotzdem hat die Raute ja auch ihre Stärken und kann noch mithalten – man müsste sich nur auch auf die Gegner einstellen und nicht immer in allen Spielsituationen so hoch verteidigen. Um so verwunderlicher, als dass sich Schaaf ja schon von der Höhe der Viererkette der Jahre 2004 et al. verabschiedet hatte.

      Bin eigentlich optimistisch – wenn Wagner spielt, bringt das vorne hoffentlich wieder mehr Druck auf den Ball. Hoffe auch, dass Marin wieder in Form kommt – wer hätte das vor wenigen Monaten gedacht. Aber er bietet einfach mehr Möglichkeiten in der Spieleröffnung, weil er mit dem Rücken zum Tor im Zentrum eigentlich immer sehr gut anspielbar ist.

    2. Zum Thema Doppelsechs + 1 Stürmer in der CL: Barcelona spielt mit nur einem 6er, ist aber sicherlich ein Sonderfall, der sich schwer vergleichen lässt. Milan hat am Mittwoch mit einem 4-4-2 mit Raute gegen sie gespielt. Mourinho hat mit Inter im Jahr des CL-Sieges in der Hinrunde mit Raute gespielt. Neapel spielt ein 3-4-2-1, das zwar Doppelsechs und nur eine Spitze, aber durch die Dreierkette eben nicht den Extramann im zentralen Mittelfeld hat.

      Der Unterschied zwischen 4-3-3/4-5-1 und 4-4-2 verwischt zusehends, weil kaum ein Team noch mit zwei echten Stürmern spielt. Man kann auch in der Raute einen Stürmer im “Loch” spielen lassen, aber das Problem bleibt, wie man die offensiven Außen vernünftig besetzt. Naja, wem sag ich das ;-) Schreibe da gerade einen Blogeintrag zu, mal sehen wann der fertig wird. Bin auch sehr gespannt auf deine weiteren Ausführungen zur Raute.

    3. Zur Konferenz könnte man wahrscheinlich einen ganzen Blog füllen. Vorweg, ich kann sie auch nicht leiden. Ich sehe aber ihren Sinn, es würde sonst wahrscheinlich jeden Samstag in jeder Kneipe eine mittelgroße Schlägerei ausbrechen. Und für den Gastwirt lohnt es sich wohl auch sonst, da sicherlich viele Fans bleiben, obwohl sie eigentlich nicht wirklich wollen, weil sie doch noch einen Hauch ihrer Mannschaft erhaschen wollen. Schaltet man (ggf. nach Mehrheitsentscheidung) um, gehen alle deren Mannschaft nicht gezeigt wird.

      Inhaltlich ist es aber zum kotzen und kein Mensch der ernsthaft am Spiel interessiert ist kan nsich das antun. Es gibt natürlich auch viele die eigentlich eh nur Bier trinken wollen und dazu ein bisschen gedudel wollen, da ist dann natürlich in der Konferenz wesentlich mehr Aktion drin, bzw. selbige garantiert während du bei nem einzel Spiel ja Pech haben kannst. (Ich habe mal angefangen eine Liste zu erstellen, welche Spiele ich mir angucke und ob es sich hinter her gelohnt hat. Fazit: Du musst schon 5 Spiele gucken, um 1-2 dabei zu haben wo du hinterher sagst, gut das ich das nicht verpasst hab. Eigentlich ne sch… lechte Quote.)

      Zurück zu Werder: Das ärgerlich ist ja, dass Wiese am Sonntag in der FAZ behauptet, gegen Gladbach hätten alle einen rabenschwarzen Tag gehabt. Das mag man ihm schwerlich absprechen, aber die Einsicht zum taktischen Fehlverhalten ist einfach gleich null. Daher werden wir wohl auch gegen den FCB spielen wie immer, obwohl genug Mannschaften vorgemacht haben, wie es gehen könnte. Vom Umfeld her ist Bremen ähnlich ruhig, so dass man eigentlich ein “Konzept” a la Mainz oder Dortmund aufbauen könnte – aber es passiert einfach nichts. Zur Not hat man halt nen rabenschwarzen Tag und die Sache ist wieder gut. Das, was Johan täglich anprangert, man sieht einfach keine Entwicklung (mehr).

    4. Zur Konferenz: Gute Argumente. Ist schon ok, dass es die Konferenz gibt. Für mich persönlich ist sie aber eine Qual.

      Zu Werder: Auf Wieses Aussage würde ich nicht viel geben. Auf Schaafs Aussagen auch nicht, der hat seine Standardfloskeln, die er in der Öffentlichkeit runterbetet. Es geht ja auch nicht darum, nach dem Spiel vor der Kamera das Spiel taktisch zu analysieren. Dadurch wird Schaaf vielleicht nicht als guter Taktiker wahrgenommen, aber das halte ich für falsch.

      Fehlendes Konzept würde ich Werder auch nicht vorwerfen. Die Personalpolitik im Somme war gut und man hat sich meiner Meinung nach gut erneuert (was nicht nur Allofs zu verdanken ist). Die Systemwahl im Sommer fand ich ebenfalls nachvollziehbar. Ob Schaaf diesen Stiefel jetzt durchzieht, bis es nicht mehr geht, oder ob er sein System weiterentwickeln will, weiß ich nicht. Das macht es auch so schwer, diese Hinrunde richtig einzuordnen. We’ll see, wenn die Mannschaft auf allen Positionen funktioniert, traue ich Werder auch mit dem aktuellen System die CL-Plätze zu.

      Klopp ist ein sehr guter Trainer, bei Tuchel bin ich mir nicht ganz sicher. Klar, Mainz hat viel Qualität verloren im Sommer, aber das ist ein Problem, das Schaaf auf höherem Niveau seit Jahren hat und (zusammen mit Allofs) meistens gut kompensiert hat. Es ist ein anderer Ansatz, weniger auf den Gegner fokussiert, was es schwer macht, an alte Erfolge anzuknüpfen. Tuchel ist gut darin, sein Team auf den Gegner einzustellen, aber eine wirkliche (langfristige) Strategie erkenne ich nicht unbedingt, jedenfalls keine, die andere Vereine nicht auch hätten.

      Ernstgemeinte Frage: Warum hat Tuchel Werders Raute mit einer eigenen Raute gekontert und nicht in einem “überlegenen” 4-2-3-1 gegen Werder gespielt?

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