Werder in Südafrika

Nachdem sich Deutschland souverän für die WM 2010 qualifiziert hat und in Werders momentaner Startelf neun Deutsche stehen, lohnt ein Blick auf die Chancen der Spieler, in Südafrika dabei zu sein.

Die Arrivierten

Mit Tim Wiese, Per Mertesacker, Mesut Özil und Marko Marin verfügt Werder über vier aktuelle deutsche Nationalspieler. Während sich Mertesacker und Özil wohl keine Sorgen über ihren Platz im 23-köpfigen Kader machen müssen und Marin nur bei einem Leistungseinbruch aussortiert werde dürfte, ist die Situation bei Wiese nicht ganz leicht auszumachen. Die letzten Nominierungen lassen darauf schließen, dass der Bundestrainer ihn derzeit nur als vierten Torwart betrachtet. Da mit großer Sicherheit nur drei Torhüter berufen werden, könnte es für ihn eng werden. Eine wirkliche Bewährungsprobe hat Wiese bislang nicht bekommen. Für das Freundschaftsspiel gegen Chile hat Löw ihm einen Einsatz versprochen, doch um mehr als den dritten Platz im Kader dürfte es nicht gehen. Aus dem propagierten Vierkampf um die Nummer Eins ist ein Zweikampf zwischen Adler und Enke geworden, in dem der Leverkusener nach seiner starken Leistung gegen Russland die Nase vorn hat (auch wenn ich die Euphorie für etwas übertrieben halte).

Mertesacker ist in der Innenverteidigung seit der WM 2006 gesetzt. Die Frage ist wohl eher, wer in Südafrika neben ihm auf dem Platz stehen wird: Westermann, Tasci, Höwedes, Boateng oder doch wieder Metzelder? Ähnlich komfortabel ist die Situation von Özil. Er ist innerhalb kurzer Zeit zum Hoffnungsträger geworden. Christian Kamp schreibt heute in der FAZ: “Schneller als Özil hat sich lange kein Neuling in den Vordergrund gespielt.” Der einzige andere Spieler, der für die Position des Spielmachers ernsthaft in Frage kommt ist sein Vereinskamerad Marin (Ballack ist bei all seinen Qualitäten kein kreativer Spielgestalter), der trotz zuletzt guter Form in der Nationalelf noch etwas hinten an steht. Zudem spielt er im Verein auf der Position des zweiten Stürmers, die es so in Löws Formation nicht gibt. Es ist unwahrscheinlich, dass er Özil verdrängt, sowohl bei Werder als auch in der Nationalmannschaft, doch wenn beide im Verein gut harmonieren ist es für Löw sicher auch eine Option, beide spielen zu lassen.

Die Ehemaligen

Zu den aktuellen Nationalspielern kommen die drei ehemaligen Torsten Frings, Tim Borowski und Clemens Fritz. Frings wird von Löw seit Anfang des Jahres nicht mehr berücksichtigt und hat seinen Stand durch provokative Aussagen in den vergangenen 12 Monaten nicht verbessert. Aus Frings Sicht ist der Ärger verständlich, denn nicht bei jedem Spieler werden die selben Maßstäne angesetzt wie bei ihm. In der Nationalelf hat sich Frings nichts zu schulden kommen lassen. Die EM 2o08 war eine Enttäuschung, doch nach einer Saison, in der er 3/4 der Spiele wegen Verletzungen verpasst hatte, konnte man nicht erwarten, dass er ein überragendes Turnier spielt wie 2006. Die Formkrise im letzten Jahr schien Löw zu bestätigen. Zuletzt war Frings jedoch wieder in starker Form und könnte sich für den WM-Kader aufdrängen, insbesondere wenn Hitzlsperger nicht bald zurück in die Spur findet.

Borowski galt 2006 noch als Versprechen für die Zukunft, als neuer Ballack, doch ein paar Verletzungen und ein erfolgloses Intermezzo bei FC Bayern später steht er mit leeren Händen da. Bei Werder präsentierte er sich bislang ordentlich (ich fand ihn keineswegs so schlecht, wie er von einigen gemacht wird), doch für eine WM-Nominierung wird er sich gewaltig strecken müssen. Gleiches gilt für Fritz, dem ich kaum Chancen einräume. Mit Boateng, Beck und Friedrich gibt es gleich drei Spieler, die auf der Rechtsverteidigerposition vor ihm stehen. Sollte es auf links eine starke Alternative geben (Schäfer? Jansen?) könnte auch Lahm auf die rechte Seite wechseln. Fritz hat sein Seuchenjahr zwar hinter sich gelassen und ist zumindest wieder ein grundsolider Verteidiger geworden, doch der Elan, der ihn 2006 ins Team brachte, geht ihm noch etwas ab. War er im 4-4-2 auch eine Alternative fürs rechte Mittelfeld, dürfte er im aktuellen 4-2-3-1-System als Rechtsaußen kaum in Frage kommen.

Die Newcomer

Drei deutsche Spieler bleiben noch übrig, die bislang nicht für die A-Nationalmannschaft ran durften: Aaron Hunt, Sebastian Boenisch und Philipp Bargfrede. Hunt galt lange Zeit als eines der größten deutschen Talente. Bereits im Frühjahr 2005, im Alter von gerade mal 18 Jahren, spielte sich Hunt zum ersten Mal in den Mittelpunkt. Nach 1 1/2 Jahren als Joker schaffte er es im Herbst 2006 endlich in Werders Startelf, damals noch als Stürmer. Im Champions League Spiel gegen den FC Barcelona überraschte Schaaf mit seiner Aufstellung (auch damals standen neun Deutsche auf dem Platz). Hunt und Werder spielten stark und der Stammplatz war zunächst sicher. Etliche Verletzungen versperrten seitdem den Weg zum Leistungsträger. Im Winter 2007, nach neunmonatiger Pause und befürchteter Sportinvalidität kam Hunt zurück, wieder in der Champions League, wieder gegen einen starken Gegner. Gegen Real Madrid brachte Schaaf ihn als Spielmacher, die von Verletzungen geplagte Rumpfelf (Sanogo, Vranjes, Pasanen, Tosic, Vander) spielte überragend, siegte 3:2 und Hunt erzielte ein Tor. Danach wurde es jedoch schon wieder ruhiger um seine Person. Er hatte Probleme den Anschluss zu finden, brauchte bis zum Sommer 2008 um sich erneut einen Stammplatz zu erkämpfen, traf im Jahrhundertspiel gegen Hoffenheim per Fernschuss in den Knick, nur um sich dann wieder mit Verletzungen rumzuplagen.

In dieser Saison ein neuer Versuch. Hunt ist seit einiger Zeit verletzungsfrei, der Trainer baut auf ihn und muss sich Kritik dafür gefallen lassen. Dem als “ewiges Talent” (die schlimmste Beleidigung in der deutschen Fußballsprache) verschrienen Hunt trauen viele Fans den Durchbruch nicht mehr zu. In nur vier Wochen brachte Hunt sie zum Schweigen. Gute Leistungen und Tore gegen St. Pauli, Mainz, Bilbao und Stuttgart machten ihn endlich zu einem Leistungsträger. Nun muss er beweisen, dass er diese Form halten kann. Sollte er das schaffen, ist eine Nominierung für die Nationalmannschaft nur eine Frage der Zeit. Allerdings könnte ihm der Körper wieder einen Strich durch die Rechnung machen.

Spieler wie Sebastian Boenisch haben bei den Zuschauern generell einen schweren Stand. Wer mit dem Wort “Talent” nur technische Fähigkeiten meint, der wird es Boenisch wohl absprechen. Seine großen Stärken hat er im läuferischen Bereich und im Zweikampf (zuletzt Quoten um die 75% gegen Mainz und Leverkusen). Boenisch kann das Spiel auf seiner Seite antreiben, ein Flankengott ist er jedoch nicht. In der Defensive hapert es noch am Stellungsspiel, das er in den letzten 12 Monaten jedoch schon merklich verbessert hat. Von einer WM-Nominierung ist Boenisch noch ein ganzes Stück entfernt, doch seine Laufbahn in der U21, mir der er im Sommer Europameister wurde, deutet darauf hin, dass er es auch in die A-Nationalmannschaft schaffen kann – allerdings wohl kaum bis zum nächsten Sommer.

Bargfrede ist bislang die große Überraschung der Saison. Gleich in seinem ersten Profijahr ist er zum Stammspieler geworden und überzeugt durch beständige, spielerisch und kämpferisch starke Leistungen. Wäre er Stuttgarter Wäre die WM nicht im nächsten Jahr hätte Löw ihn vielleicht schon eingeladen. Für die WM hat er allenfalls Außenseiterchancen, selbst wenn er seine tolle Entwicklung so fortsetzen sollte.

Die Ausländer

Es soll nicht der Eindruck entstehen, es gäbe nur deutsche Werderspieler, die eine WM-Chance haben. Hugo Almeida, Daniel Jensen, Petri Pasanen, Sebastian Prödl, Markus Rosenberg, Naldo und Marcelo Moreno sind aktuelle Nationalspieler ihrer jeweiligen Heimatländer. Während Pasanen (Finnland), Prödl (Österreich) und Moreno (Bolivien) keine Chance mehr auf eine WM-Teilnahme haben, sind die Verbände von Jensen (Dänemark) und Naldo (Brasilien) schon sicher qualifiziert. Jensens Platz im Nationalteam ist trotz langer Verletzungspause gesichert. Naldo wurde nach langer Zeit wieder für die Selecao nominiert und hat noch einen weiten Weg vor sich, um 2010 dabei zu sein. Hugo Almeida (Portugal) und Markus Rosenberg (Schweden) sind nicht nur Konkurrenten um einen Platz in Werders Sturm, sondern auch um die WM-Qualifikation. Portugal braucht heute Abend unbedingt einen Sieg gegen Malta, um noch in einen Relegationsplatz zu erreichen. Almeida kann dabei wegen seiner Verletzung nur zuschauen. Sollten die Portugiesen patzen kann Schweden mit einem Sieg gegen Albanien noch vorbei ziehen und seinerseits auf den Relegationsplatz hoffen.

Artikel teilen

    4 Gedanken zu „Werder in Südafrika

    1. Eigentlich spielt Marin bei Werder eine ähnliche Rolle wie aktuell Podolski in der Nationalelf. Halb im Mittelfeld, halb im Sturm mit Druck und Tempo aus der Tiefe auf den Strafraum ziehen. Der eine wird offiziell zum Sturm, der andere zum Mittelfeld gezählt (wahrscheinlich weil das so interessanter ist, kommen sie doch aus dem jeweils anderen Berufsfeld).

    2. Stimmt, das sind schon ähnliche Rollen. Wobei Podolski schon etwas “linkslastiger” spielt als Marin und mehr Defensivaufgaben übernimmt, aber das sollte kein großes Hindernis für Marin sein.

    Kommentare sind geschlossen.