Das 4-2-4-0 – einmaliges Experiment oder echte Alternative?

Thomas Schaaf überraschte im Testspiel gegen Trabzonspor mit einem taktischen Experiment: Ohne echten Stürmer, aber dafür mit einem flexiblen Sechser-Mittelfeld trat Werder die Partie an. Marko Arnautovic blieb dabei außen vor, mit der Begründung, dass er im ersten Rückrundenspiel gegen Dortmund ohnehin gesperrt ist. Haben wir also die Formation gesehen, mit der Schaaf den Doublesieger bezwingen will? Könnte das 4-2-4-0 sogar als Alternative zum in der Hinrunde gespielten System werden?

Ohne Mittelstürmer – mit variabler Doppelsechs

Bislang spielte Werder in dieser Saison personell ein 4-3-3, welches meist als 4-1-4-1 ausgelegt wurde. Das neue System unterscheidet sich hauptsächlich dadurch, dass ein zusätzlicher Mittelfeldspieler im Zentrum eingesetzt wird und dafür die Sturmspitze wegfällt. Konkret bedeutete dies im Testspiel gegen Trabzonspor, dass Clemens Fritz im Zentrum neben Junuzovic spielte und Nils Petersen aus der Sturmspitze auf Arnautovics rechte Außenbahn versetzt wurde. Auf dem Papier ist dies also zunächst eine defensive Umstellung.

Im Spiel gegen den Ball war dies auch tatsächlich so zu beobachten: Die Außenstürmer spielten mannorientiert gegen die gegnerischen Außenverteidiger und rückten dadurch oft neben oder sogar hinter Fritz und Junuzovic. Hunt und De Bruyne pressten an vorderster Front, wodurch sich eine 4-4-2 Formation ergab. Interessant waren die Verschiebungen, mit denen Werder das System immer wieder veränderte. Nur einer der Sechser (meist Junuzovic) spielte fest vor der Abwehr, während sich der zweite immer wieder ins Angriffspressing einschaltete. Das Ergebnis war ein fluider Wechsel zwischen dem in der Hinrunde dominierenden 4-1-4-1 und besagtem 4-4-2 im Spiel gegen den Ball. Gegen Hoffenheim, als Ignjovski und Fritz für Hunt und Junuzovic ran mussten, hatte man bereits ähnlich agiert.

Falsche Neun oder falsche Zehn?

Damals hatte man jedoch eine klare Sturmspitze in den eigenen Reihen, die gegen Trabzonspor nicht vorhanden war. Interessanter war denn auch das Spiel in Ballbesitz und wie Werder versuchte, die Überzahl im Mittelfeld auszunutzen. Wie üblich unter Schaaf hatte jeder Mittelfeldspieler auch in der Offensive seine Aufgabe zu erfüllen. Einer der Sechser schob bei so ziemlich jedem Angriff mit vor, während der andere für die Absicherung sorgte. Die beiden im 4-1-4-1 als Achter bezeichneten Hunt und De Bruyne spielten hingegen so weiträumig in der Offensive, dass sie sich einer konkreten Bezeichnung fast entzogen. Meiner Meinung nach trifft hier weder die „falsche Neun“ noch die „falsche Zehn“ den Nagel auf den Kopf.

Häufig war De Bruyne der offensivere der beiden und besetzte sporadisch auch die Sturmspitze. Anders als bei einer „falschen Neun“ bestand seine Aufgabe jedoch nicht vor allem darin, die Innenverteidiger durch geschicktes Entgegenkommen aus der Viererkette zu ziehen. Vielmehr versuchte er, sich durch Läufe aus dem Sturmzentrum auf den Flügel Platz zu verschaffen, etwa so, wie es letzte Saison Markus Rosenberg getan hatte. Hunt agierte häufig ein paar Meter dahinter und stieß ebenfalls nur teilweise ins Sturmzentrum vor. Den gegnerischen Innenverteidigern sollte somit der Zugriff entzogen werden.

Werders 4-2-4-0-System

Werder im 4-2-4-0-System. In weiß sind die wichtigsten Offensiv-Varianten markiert, in schwarz die wichtigsten Defensivvarianten

Die Rolle von Nils Petersen

Hierfür gab es einen triftigen Grund: Die Rolle von Nils Petersen. Anders als Arnautovic ist er auf dem Flügel vieler seiner Stärken beraubt, während seine Schwächen noch mehr zum Vorschein kommen. Man müsste also von einer glatten Fehlbesetzung sprechen (was viele getan haben), wenn er seine Position an der Außenbahn strikt eingehalten hätte. Im gegnerischen Drittel wurde aus dem Rechtsaußen jedoch regelmäßig ein Mittelstürmer, der den direkten Weg vom Flügel in den Strafraum suchte. Das Ziel war es dabei, ihn im Rücken der Innenverteidiger in gefährliche Abschlusspositionen zu bringen und dann mit Hereingaben zu füttern. Diese Taktik funktionierte über das gesamte Spiel gesehen relativ gut, wobei Werder schon anzumerken war, dass es noch Abstimmungsbedarf bei Lauf- und Passwegen gibt. Leider vergab Petersen einige hochkarätige Gelegenheiten, doch Trabzonspors Hintermannschaft hatte große Probleme, sich auf Werders Spielweise einzustellen.

Durch Petersens häufiges Einrücken fehlte Werders Spiel auf der rechten Seite die Breite. Dadurch bekam das Offensivspiel von Rechtsverteidiger Gebre Selassie eine große Bedeutung. Er spielte ein gutes Stück höher als sein Gegenstück Schmitz auf der anderen Seite und schaltete sich häufiger in Werders Angriffe ein. Um das Risiko auf der rechten Seite nicht zu groß werden zu lassen, erwies sich der zusätzliche Mittelfeldspieler als wichtig, denn Fritz deckte häufig den Halbraum hinter Selassie ab, wenn dieser einen Vorstoß wagte. Dennoch besteht hier ein Risiko und einige Male wären Werder schlechte Abstimmungen fast zum Verhängnis geworden, als Trabzonspor in Selassies Rücken kontern konnte.

Hat das neue System Zukunft?

Wenn man das Spiel gegen Trabzonspor als Experiment betrachtet, wie soll man es bewerten? Zumindest in Teilen ist es geglückt. Der Gegner wurde überrascht und mit Hunt und De Bruyne hat man die Spielertypen im offensiven Mittelfeld, die man für ein stürmerloses Spiel braucht. Aus einer 4-4-2 Defensivformation kann offensiv durch situatives Verschieben schnell zwischen 4-2-4-0, 4-2-3-1 und 4-1-4-1 gewechselt werden.

Bei vier zentralen Mittelfeldspielern besteht jedoch auch die Gefahr, dass sie sich gegenseitig die Wege zustellen und das Offensivspiel vor dem Strafraum versandet. Teilweise wirkten die Bewegungen im Mittelfeld so unorthodox, dass es schwer fiel zu unterscheiden, was gewollte Rochaden und was schlecht abgestimmte Laufwege waren. Letztlich wird auch entscheidend sein, ob der Vorteil, den Werder durch Petersens Abtauchen auf dem Flügel und das folgende, überraschende Auftauchen im Strafraum hat, den Nachteile seiner Schwächen auf der Außenbahn und das Fehlen eines Mittelstürmers übertrifft.

Ob das neue System gegen Borussia Dortmund eine brauchbare Option ist, lässt sich nach einmaliger Ansicht schlecht beurteilen. In der Hinrunde überraschte man Dortmund schon einmal mit einem System ohne echten Mittelstürmer. Damals hielt De Bruyne jedoch meistens die Position vor dem Mittelfeld, während dies gegen Trabzonspor nicht der Fall war. Ich bin gespannt, ob Werder auch im nächsten Spiel gegen Wolfsburg das System weiter testet oder doch zur Ausgangsformation zurückkehrt. Ob das System auch nach Arnautovics Rückkehr weiterhin ein Thema ist, wird sich zeigen. Interessant ist es allemal, dass Schaaf den Verzicht auf einen (klassischen) Stürmer nicht völlig aus den Augen verloren hat.

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    3 Gedanken zu „Das 4-2-4-0 – einmaliges Experiment oder echte Alternative?

    1. Schöner Artikel. Ich hatte selber überlegt, mich dem taktischen Experiment Werders zu widmen, hab dafür gestern aber weder genau genug hingesehen, noch konnte ich mich dazu motivieren.
      Insofern erstmal: Danke!

      Zum Experiment selbst: Puh.
      Seltsam, interessant – und in meinen Augen suboptimal, zumindest gegen den BVB.

      Klar, es kann überraschen.
      Klar, man könnte durch die überraschende rechte Seite eventuell Schmelzers Defensivschwächen bzw. die etwas defensivschwächere Seite des BVB vor Probleme stellen.
      Andererseits hielte ich es für ein Himmelfahrtskommando, gegen Spieler wie Reus und Götze, die – insbesondere Ersterer – ein sehr gutes Gespür dafür haben, solche Räume zu erkennen und auszunutzen, ein solches Risiko einzugehen.

      Hinzu kommt, dass man mit Hummels und Subotic/Santana definitiv ein deutlich stärkeres IV-Duo vorfinden wird, als es gegen Trabzonspor der Fall war.
      Auch sind Kehl/Bender und Gündogan einerseits stärker darin, auch unter Druck gute Entscheidungen zu treffen und gute Pässe zu spielen (hier käme wieder das Defensivrisiko ins Spiel) und andererseits sind sie geschickter im Zustellen der Schnittstellen und würden es unserer Offensive deutlich schwerer machen, besagtes Spiel aufzuziehen.

      Insofern wäre ich der Meinung, dass ein solches System zwar durchaus interessant, gegen den BVB – vielleicht sogar gegen die meisten Bundesligateams – nicht oder nur sehr schwer durchsetzbar wäre.
      Ein 4-6-0 wie zu Saisonbeginn gegen Dortmund, mit Arnautovic in der “Petersen-Rolle” hielte ich da mittelfristig für interessanter, wobei dieser weder Petersens Pressingqualitäten noch dessen Strafrauminstinkt aufweist., dafür allerdings kombinationsstärker ist und sich auf dem Flügel wohler fühlt, und ihn folglich eventuell intelligenter besetzen würde.
      Schwierig, schwierig.

      PS: Bei einem solchen System würde ich mir auch einen pressingresistenteren und passsichereren Spieler als Fritz wünschen. Ignjovski, beispielsweise.

    2. Klar, es ist schwer Rückschlüsse aus dem Spiel auf das Dortmund-Spiel zu ziehen. Das System aus dem Auftaktspiel war ja im Prinzip nicht viel anders als in der restlichen Saison. De Bruyne hat da ja schon klar vor dem Mittelfeld gespielt, wenn auch sicher anders als ein echter Stürmer.

      Beim System aus dem Trabzon-Spiel könnte ich mir gut vorstellen, dass es gegen Dortmund zumindest im Zentrum funktionieren kann. Petersen auf der Außenbahn ist aber sicher ein Risiko, da habe ich gerade bei Reus die gleichen Befürchtungen wie du.

      Ganz ehrlich kann ich mir nicht vorstellen, dass Schaaf in der Rückrunde auf Arnautovic oder Petersen in der Startelf verzichtet. Wenn ich wetten müsste, würde ich sagen, dass Petersen gegen Dortmund wieder in der Spitze (eines 4-1-4-1) spielt.

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