Werders Top-4 Bilanz

Wie spielt Werder eigentlich gegen die Top-Mannschaften der Liga? Ich habe mir die Entwicklung unter Thomas Schaaf mal etwas genauer angeschaut. Um halbwegs objektiv zu bleiben, habe ich die Auswertung auf die Clubs beschränkt, die am Ende der Saison unter den Top-4 standen (sich nach heutigen Kriterien also für die Champions League qualifizieren). Um eine Vergleichbarkeit herzustellen, habe ich in den Jahren, in denen Werder selbst unter den Top-4 stand, jeweils den Tabellenfünften mit in die Betrachtung aufgenommen. Somit wurden immer die in der jeweiligen Saison vier stärksten Gegner in der Bundesliga erfasst.

Es zeigt sich folgende Entwicklung:

Werder Bremen Top 4 Bilanz

Werders Bilanz gegen die jeweiligen Top-4 der Bundesliga (1999-2013)

Die blaue Kurve stellt die gesammelten Punkte der jeweiligen Saison dar. Pro Saison sind maximal 24 Punkte aus 8 Spielen möglich. Für die laufende Saison fließen bislang nur sechs Ergebnisse in die Betrachtung ein, der Wert ist also nur bedingt vergleichbar. Für die Darstellung eines Trends reicht es dennoch aus (hier hätte bei einer derzeitigen Ausbeute von 0 Punkten auch ein relativer Vergleich der Punkte pro Spiel nichts geändert). Die rote Kurve zeigt das Torverhältnis aus den Spielen gegen die Top-4.

Es zeigt sich, dass Werder zu Beginn der Ära Schaaf eine stetige Verbesserung der Ergebnisse in den Topspielen vorzuweisen hatte. Der Höhepunkt lag in der Saison 2002/03 mit 18 gesammelten Punkten gegen Bayern, Stuttgart, Dortmund und den HSV. Trotz dieser guten Werte erreichte Werder am Saisonende jeweils Platzierungen zwischen 6 und 9 in der Tabelle (siehe Abbildung unten). Dies deckt sich mit dem Eindruck, dass Werder zu jener Zeite eine Art verhinderte Spitzenmannschaft war, die immer wieder Ausrufezeichen setzte, letztlich jedoch noch zu inkonstant war, um Top-Platzierungen zu erreichen. In den Jahren nach dem Double-Gewinn konnte Werder die Werte auf dem hohen Niveau halten. Mit Ausnahme eines kurzen Einbruchs in der Saison 2004/05 holte Werder zwischen 2000 und 2009 in jedem Jahr eine zweistellige Anzahl an Punkten gegen die vier stärksten Konkurrenten. Ab der Saison 2009/10 ist jedoch ein deutlicher Abwärtstrend zu erkennen, der bis heute anhält. Holte man in der Saison 2008/09 trotz eines enttäuschenden 10. Platzes noch 13 Punkte gegen die Top-4 der Liga, waren es in den knapp vier Jahren und 30 Spielen danach nur noch insgesamt 15 Punkte. Noch bitterer wird die Bilanz, wenn man nur die letzten beiden Jahre bzw. 14 Spiele betrachtet, in denen Werder lediglich einen einzigen Punkt holte.

Wenig überraschend verläuft die Kurve des Torverhältnisses weitgehend gleichförmig zur Punktekurve. Auffällig ist jedoch, dass Werder trotz guter Punktausbeute nur selten zu einem positiven Torverhältnis gegen die Top-4 gekommen ist. Lediglich in drei Saisons lag das Torverhältnis im positiven Bereich, im Double-Jahr 2003/04 immerhin bei 0. In den anderen 10 Jahren war das Torverhältnis negativ. Eine Erklärung hierfür findet man, wenn man die einzelnen Ergebnisse betrachtet: Es gab auch in den besten Jahren immer wieder hohe Niederlagen, während die Siege häufig eher knapp ausfielen. Beispiele hierfür sind etwa das 2:6 gegen Bayer Leverkusen (2003/04), das 1:4 in Stuttgart (2006/07), das 0:4 gegen Bayern (2007/08) und das 1:5 in Wolfsburg (2008/09). Insgesamt schwankte das Torverhältnis jedoch nur gering um den Nullpunkt. Dies änderte sich erst in der vergangenen Saison, als man ein Torverhältnis von -18 erreichte. In der laufenden Saison ist es mit aktuell -19 sogar noch schlechter.

Was sagen uns diese Zahlen nun? Man muss angesichts der relativ geringen Datenmenge (insgesamt 110 Spiele über einen Zeitraum von 14 Jahren) vorsichtig bei der Interpretation sein. Zufälle spielen bei den Schwankungen sicherlich eine gewisse Rolle. Unter Berücksichtigung der Gesamtsituation der jeweiligen Saison lassen sich die Werte jedoch häufig erklären. Der leichte Einbruch im Jahr 2004/05 fällt beispielsweise zusammen mit Werders erster Saison in der Champions League, in der sich die Prioritäten im Team vielleicht etwas verschoben haben. Dagegen gab es in der durchwachsenen Bundesligasaison 2008/09 den zweithöchsten Wert überhaupt. Angesichts der damaligen Ergebnisse im DFB-Pokal und UEFA-Cup dürften die hohen Siege gegen Bayern, Stuttgart und Hertha Ausdruck der auf Höhepunkte fixierten Saison gewesen sein, während man im Bundesligaalltag nur selten das Leistungsmaximum erreichte.

Wirklich auffällig und nicht mehr mit Zufällen zu erklären ist jedoch die Entwicklung ab der Saison 2009/10. Punktausbeute und Torverhältnis gingen erst langsam, dann rapide bergab. Den letzten Sieg über eine Mannschaft aus den Top-4 gab es im Mai 2011 gegen Borussia Dortmund. Der BVB stand damals schon als Meister fest, spielte also mehr für die Galerie, während Werder noch um den Klassenerhalt kämpfte (ob das Spiel in einem “richtigen” Wettkampf anders ausgegangen wäre, ist pure Spekulation). Der vorletzte Sieg gegen ein Top-4 Team liegt hingegen noch ein Jahr länger zurück und wurde auswärts bei Schalke 04 gefeiert. Insgesamt gab es seit dem Pokalgewinn 2009 nur zwei Bundesligasiege gegen Top-4 Mannschaften. Wenn man der Bilanz gegen die Spitzenmannschaften eine Relevanz bei der Beurteilung der Entwicklung einer Mannschaft zurechnet (und ich denke das sollte man), sind diese Zahlen alarmierend, erst recht wenn man sich die letzten beiden Jahre anschaut: Ein Unentschieden, 13 Niederlagen und im Schnitt 3,36 Gegentore pro Spiel.

Man mag einwenden, dass sich Werders Gewichtsklasse derzeit in anderen Gefilden der Tabelle herum treibt und die Bilanz gegen die Spitzenmannschaften unerheblich ist. Das halte ich auf einen längeren Zeitraum bezogen jedoch für falsch, denn eine Entwicklung verläuft selten linear sondern mit vielen kleineren und größeren Ausreißern. Man sieht dies gut am anderen Ende der Tabelle, wo Werder gegen die Mannschaften auf den hinteren Plätzen eben nicht alle Punkte holt. In den ersten vier Jahren unter Thomas Schaaf zeigte sich die gute Entwicklung der Mannschaft auch in den Spielen gegen die damaligen Schwergewichte der Liga. Als später die Konstanz auf jenem hohen Niveau hinzukam, folgten Titel und regelmäßige Champions League Teilnahmen. Wenn heute davon gesprochen wird, dass Werder “noch nicht konstant genug” sei, um vorne mitzuspielen, dann muss man das wohl korrigieren: Werder ist sehr konstant. Konstant chancenlos gegen die Topmannschaften der Bundesliga.

Immerhin könnte sich am kommenden Wochenende Werders Torverhältnis in dieser Statistik verbessern – nämlich dann wenn Schalke (Hinspiel 1:2) Frankfurt (Hinspiel 1:4) überholen und auf Platz 4 springen sollte.

Hier noch einmal die Bilanz im Tabellenformat (klicken für vergrößerte Ansicht):

Werder Top 4 Bilanz Tabelle

* Die gekennzeichneten Mannschaften waren in der jeweiligen Saison Fünfter und sind in die Betrachtung gerutscht, da Werder selbst unter den Top-4 platziert war.

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    Ein Gedanke zu „Werders Top-4 Bilanz

    1. Klasse. vielen dank für die mühen, war sicher nicht unaufwendig. genau diesen Gedankengang hatte ich vorletzte winterpause als man nach starkem Beginn von Gladbach Schalke Bayern (und Dortmund,Nein oder?) am Ende der hinrunde ziemlich verhauen wurde und damals auch von vielen gemeint wurde es fehle halt noch die Konstanz. gefolgt von einem Jahr 2012 in dem Bremen nicht nur gegen die großen schlecht aussah sondern lange Zeit das schlechteste Team in der buli war (welches ganz 2012 dort gespielt hat)

      da lassen sich sicher noch mehr “schöne” Statistiken

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