Wiederauferstehung einer Pokalmannschaft?

Vor noch nicht allzu langer Zeit galt unsere Elf als eine typische Pokalmannschaft. Unter Otto Rehagel begann diese Entwicklung, die mit DFB-Pokal-Endspielteilnahmen 1989, 1990, 1991 und 1994 belohnt wurde. Auch international erspielte sich Werder den Ruf einer Pokalmannschaft, gewann 1992 den Europapokal der Pokalsieger und erschuf den heute inflationär beschworenen Kult vom Wunder von der Weser.

Thomas Schaaf gewann 1999 gleich in seinem fünften Spiel als Werdertrainer den DFB Pokal und scheiterte im Jahr darauf erst im Finale gegen die Bayern. Im Doublejahr 2004 gelang der letzte von insgesamt fünf DFB-Pokalsiegen – mehr schafften nur die Bayern. Seitdem hat sich Werder konstant wie noch nie in der Bundesliga unter den Top 3 etabliert. In den Pokalwettbewerben gab es allerdings nur noch wenig zu feiern. Je eine Halbfinaleteilnahme in DFB-Pokal (2005) und UEFA-Cup (2007) stehen zu Buche, dazu viele Enttäuschungen: Niederlagen gegen St. Pauli und Pirmasens, dazu international zuletzt dreimal in Folge in der Gruppenphase der Champions League ausgeschieden.

Doch dieses Jahr könnte es eine Wiedeauferstehung geben. Werder hinkt in der Liga den eigenen Ansprüchen meilenweit hinterher. Die Mannschaft kann nicht mehr über einen längeren Zeitraum beständig Leistung bringen. Trotzdem konnte man gegen die großen Gegner immer mithalten. Die als Topspiele gepriesenen Begegnungen gegen Dortmund im Pokal, Bayern in der Meisterschaft und natürlich vor allem Milan im UEFA-Cup ging Werder hoch motiviert an und legten überzeugende Auftritte hin. Pickt sich die Mannschaft nur die Rosinen heraus? Die Pokalwettbewerbe, wo Leistung auf den Punkt erbracht werden muss und das meist gegen gute bis sehr gute Mannschaften, scheinen Werder 2009 jedenfalls besser zu liegen, als die Meisterschaft, wo nach Gala-Auftritten gegen Milan Pleiten gegen Cottbus folgen.

Da trifft es sich gut, dass Werder heute im Pokal auf den VfL Wolfsburg trifft, der inzwischen Anschluss an die Spitzengruppe der Liga gefunden hat. Mit einem Sieg und dem Einzug ins Viertelfinale wäre man nur noch ein Spiel entfernt vom fast sicheren Erreichen des internationalen Geschäfts nächste Saison (wann ist das letzte mal ein unterlegener Pokalfinalist nicht in den UEFA-Cup gekommen?). Allerdings führt Wolfsburg auch vor Augen, was in dieser Rückrunde noch alles möglich gewesen wäre: Zur Winterpause standen die Wölfe noch hinter Werder auf Platz 9 – heute liegen sie vor Bayern auf Rang 4.

Noch eine Anmerkung am Rande an alle Zeitungs- und sonstigen Schreiberlinge: Werder gegen Wolfsburg ist KEIN "Nordduell" (und schon gar kein Derby!). Genauso wenig, wie Frankfurt gegen Stuttgart ein "Südgipfel" ist. Wolfsburg liegt irgendwo zwischen Polen und den Alpen und nicht in Norddeutschland!

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