Willkommen am Gipfel

Wir sind die Guten! Mit diesen Worten endet Arnd Zeiglers Werder-Chronik Lebenslang grün-weiß. In der Tat nahm Werder in den letzten Jahren in den Augen vieler "neutraler" Fußballfans die Rolle der Guten ein, die gegen die bösen Münchner aufbegehrten und der Liga wieder etwas Spannung brachten. Die Zuneigung, die dem Club entgegenschlug war schon fast unheimlich. Den Höhepunkt der Beweihräucherung durch Presse und Fans erlebte Werder in der Winterpause. Schöner konnte es kaum werden: Fast schon sicher Meister. Auf 100-Tore-Kurs. Auf Augenhöhe mit Barca und Chelsea.

Die Blase platzte schnell nach Beginn der Rückrunde und man durfte fortan je nach aktuellem Ergebnis übertrieben kritische oder übertrieben lobende Texte in den Gazetten Fußballdeutschlands lesen. Übertrieben waren sie vorallem, weil sie nur die letzten paar Spiele als Grundlage für ihre vermeintlich allumfassenden Analysen verwendeten. Es entstand daraus letztendlich ein widersprüchliches Gesamtbild, das trotzdem (oder gerade deshalb) sehr treffend die Saison des SV Werder zusammenfasst. Werder war alles, nur nicht egal. Eine Lotterie für die Neutralen. Eine Achterbahnfahrt der Emotionen für die Fans. Sobald man sich ein Bild vom Leistungsstand der Mannschaft gemacht hatte, musste man es schon wieder revidieren. Doch was ist nun Werders eigentliches Leistungsvermögen? Was spiegelt den Normalfall am besten wider? Spiele wie gegen Chelsea und Bayern in der Hinrunde? Oder Spiele wie gegen Espanyol und Frankfurt in der Rückrunde? Natürlich keines davon, da sie Extremfälle sind. Werders "Problem" liegt darin, dass diese Extremfälle so weit auseinander liegen, wie bei kaum einer anderen Mannschaft.

Im Gegensatz zu Bayern oder Schalke ist Bremen in Topform eben nicht
nur erfolgreich, sondern auch ästhetisch ein Genuss. Fußballromantiker
kommen voll auf ihre Kosten und geraten ins Schwärmen, ob des tollen
Kombinationsfußballs. Das verstärkt die Wirkung der oben beschriebenen
Leistungsunterschiede noch zusätzlich. Dadurch lässt sich die aktuelle
Werdermannschaft schlecht in irgendwelche Kategorien einordnen. Gegen
Ende der Saison führt das dazu, dass die Liebe gegenüber Werder
teilweise in blanken Hass umschlägt. Allerdings nicht – wie zu erwarten
wäre – hauptsächlich bei Neutralen und sogenannten Erfolgsfans, sondern
bei langjährigen, treuen Werderfans.

Welche Auswüchse dieser Hass annimmt, kann man (wie ich schon im
letzten Beitrag erwähnt habe) sehr gut im Werderforum nachvollziehen –
das heißt, das könnten man, wenn diese Seiten im Forum nicht momentan
aufgrund der anhaltenden Pöbeleien gegen die Mannschaft (allen voran
Miro Klose) geschlossen
wäre. Das wirft die Frage auf, ob es im Fall des Meisterschaftsgewinns
überhaupt einer Feier gegeben hätte und verdeutlicht, wie weit wir von
der puren Freude der Saison 2003/04 inzwischen weg sind. Von der
Mannschaft mit dem inzwischen (angeblich) besten Kader der Liga
erwartet man Titel – und damit ist nicht der Ligapokal gemeint. Ich
kann diese Einstellung auch gut nachvollziehen. Wie oft habe ich in
dieser Saison nach einer Niederlage gedacht: "Eigentlich sind wir doch
besser als die!" Man fühlte sich um einen schönen Traum betrogen, zu
deren Entstehung die Mannschaft in der Hinrunde entscheidend
beigetragen hat. Teil dieses Traums war auch die Überhöhung von
Spielern (die eigentlich eine Erniedrigung anderer Spieler ist): Dass
Diego besser ist als van der Vaart und Lincoln ist für einen Werderfan
klar. Ein Vergleich zwischen Frings und Ernst oder Pardo verbietet
sich. Und Klose spielt schon mal in einer ganz anderen Liga als Kuranyi
oder Gomez. Diese Einstellung wirkt aus heutiger Sicht arrogant und
wirklichkeitsfern, war vor einiger Zeit aber noch weit verbreitet unter
den Werderfans (wovon ich auch mich selbst nicht ganz ausnehmen möchte).

Ausgehend von dieser Sicht ergibt sich der Rest fast wie von selbst:
"Wir haben die besten Spieler, also müssen wir auch Meister werden!"
oder "Eigentlich könnte ich ja damit leben, nur Dritter zu sein, aber
mit dem Kader hätten wir Meister werden MÜSSEN!"

Da stellt sich schon die Frage: haben wir eigentlich schon wieder
alles vergessen, was wir in den letzten Jahren gelernt haben (sollten)?
Dass eben nicht immer die mit dem besten Kader (= Bayern) Meister
werden? Dass wir 2004 das Double geholt haben, obwohl unser Kader
schwächer war als heute und die Bayern stärker? Dass eine
Meistermannschaft aus ganz vielen unterschiedlichen Dingen besteht, die
alle passen müssen?

Es sollte uns zu denken geben, dass nun vermutlich die Mannschaft
Meister wird, die am konsequentesten ihren Weg gegangen ist und sich
von nichts und niemand verrückt machen lassen hat. Hat uns das sonst
nicht gerade stark gemacht? "Wir müssen Werder niedermachen", heißt
2007: "Stuttgart überholen wir am Ende sowieso!" Eine bessere Antwort
konnte es kaum geben (eben mit Ausnahme des Werdersiegs damals im Mai
2004).

Wenn sich der Rauch gelegt hat und man wieder etwas kühler
analysieren kann, wird man vielleicht folgendes feststellen: Der größte
Erfolg Werders unter Allofs / Schaaf ist nicht der Gewinn des Doubles
2004, sondern die Etablierung als Spitzenmannschaft in den letzten
Jahren. Das lässt sich nicht nur an Ergebnissen ablesen, sondern auch
an den Fans. Ein Kommentar aus dem Werderforum vom Wochenende lautete:
"Nur Platz 3. Wir sind die schlechteste der Spitzenmannschaften!" Wenn
nun also schon die Bayern nicht mehr zur selben Liga gezählt werden,
dann sind wir doch – wer hätt’s gedacht – ganz oben angekommen.

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