Wir Gutmenschen

Wir gucken Fußball.
Wir schalten den Fernseher an und irgendwann wieder aus.
Bevor Waldis WM-Club anfängt.
Oder wir gehen ins Stadion.
Bratwurst und Bier in einem Becher mit Spieleraufdruck.
Behalten oder Pfand zurück?
Wir gehen nie vor Abpfiff nach Hause.
Und auch danach tun wir es nur, weil dort jemand auf uns wartet.
Und sei es nur Waldis WM-Club.

Wir arbeiten.
Mal mehr, mal weniger.
Wir kommen pünktlich, gehen rechtzeitig, weil bald das Spiel anfängt.
Wir müssen die Vorberichterstattung sehen, obwohl uns die Aufstellungen seit Tagen ins Hirn gebrannt sind.
Wir arbeiten den Stapel Papier auf unserem Schreibtisch ab.
Ein Blatt nach dem anderen.
Wir kritzeln unsere Wunschformation auf ein leeres Blatt Kopierpapier.
Wir malen Pfeile und bunte Kringel.
Das Blatt landet im Aktenvernichter.
Wir basteln uns aus 2-Cent-Münzen eine Viererkette.

Wir gehen in die Kirche.
Warum wissen wir nicht.
Wir zünden Kerzen an und spenden.
Wir spenden für die Opfer der letzten Naturkatastrophe in einem Land, das uns fremd ist.
Das Fernsehen zeigt die Bilder.
Es ist schrecklich.
Wir fühlen uns schuldig, weil es uns doch eigentlich so gut geht.
Das halbnackte Kind mit dem abgerissenen Arm begleitet uns vor dem inneren Auge.
Bis das Spiel losgeht.
Wieder sehen wir schmerzverzerrte Gesichter.
Schwalbe!

Wir schützen die Umwelt.
Im Rahmen unserer Möglichkeiten.
Windenergie.
Pakete werden nur noch CO2-neutral verschickt.
Wir kennen unseren Carbon Footprint.
Man kann viel Wasser sparen, wenn man beim Einseifen die Dusche ausmacht.
Wir lassen das Auto mal stehen.
Ins Stadion fahren wir mit den öffentlichen Verkehrsmitteln.
Einen Parkplatz bekommt man sowieso nicht und das Ticket gilt als Fahrkarte.
Die Straßenbahn ist in unserer Hand.
Wer nicht hüpft, der ist kein Bremer.

Wir machen uns Sorgen um die Zukunft.
Reicht das Geld im Alter?
Besser noch einen zweiten Rentenvertrag abschließen.
Oder doch lieber im Heute leben, weil morgen alles zu spät ist?
Alles wird teurer.
Eine kleine Tasse Kaffee für 2 Euro.
Wir kaufen ihn lieber im Fair Trade Laden und kochen ihn selbst.
170 Euro für die billigste Dauerkarte.
Begleitperson eines Rollstuhlfahrers müsste man sein.
Wer Spitzenfußball sehen will, muss Opfer bringen.

Wir kümmern uns um unsere Mitmenschen.
Wir haben eine Schwäche für die Schwachen.
You’ll never walk alone.
Wir sind sozial.
Großverdiener sind uns suspekt.
Und erst diese Banken!
Aber Sozialschmarotzer wollen wir auch nicht finanzieren.
Viele versuchen es ja gar nicht mehr, kleben nur noch vor der Glotze.
Schlafen unter Brücken oder in der Bahnhofsmission.
So geht Bank heute.

Wir fühlen uns schlecht, weil wir mehr tun könnten.
Wir könnten noch einen Euro mehr spenden.
Einen Liter Wasser mehr sparen.
Wir könnten noch öfter auf dem Wochenmarkt einkaufen, statt bei Aldi.
Obwohl wir nicht reich sind fehlt es uns an nichts.
Wir schämen uns, weil wir so undankbar sind.
Ein bisschen mehr Menschlichkeit für unsere Welt.
Seid fair zum 23. Mann.
Ich bremse auch für Bayernfans.

Wir machen uns Gedanken über die Probleme dieser Welt.
Und über den nächsten Gegner im Pokal.
Wir sind überall mit dabei, aber drehen uns um uns selbst.
Wir sind Fußballfans.
Wir können nichts dafür.

Artikel teilen

    5 Gedanken zu „Wir Gutmenschen

    1. Darf ich die Überschrift als kleine Replik zu Breitnigges Post vom WE verstehen?

      Grüße Lars

    2. @Lars: Nein, es hat nicht explizit damit zu tun. Breitnigge bezeichnet uns Bremer ja schon seit langer Zeit als Gutmenschen. Passt zwar in diesem Kontext ganz gut, aber es war aber nicht der Anlass für den Post (den ich schon vor dem letzten Wochenende geschrieben habe).

    Kommentare sind geschlossen.