WM 2010: Deutschland – Australien

Deutschland – Australien 4:0

Ein bisschen verwundert habe ich mir schon die Augen gerieben. Ich hatte zwar damit gerechnet, dass Deutschland in der Offensive einen Gegner wie Australien ziemlich auseinander nehmen könnte, aber ich war schon überrascht, dass es gleich so ein überragender Auftakt wurde. Australien hat fünf Minuten lang mitgehalten, dann riss die deutsche Mannschaft erst die Ballkontrolle und wenig später das gesamte Spiel an sich. Das 4:0 war am Ende fast noch ein bisschen schmeichelhaft für die biederen Australier.

Genügend Sorgenkinder hatte es im Vorfeld des Spiels noch gegeben. Den in der Vorbereitung schwachen Klose, die Wundertüte Podolski und die unklare Besetzung des rechten Flügels. Die letztliche Startaufstellung hatte sich in der zweiten Halbzeit des Bosnien-Spiels herauskristallisiert. Wie erhofft konnten gestern tatsächlich alle Wackelkandidaten ein Ausrufezeichen setzen und ihre Nominierung rechtfertigen. Ein Sieg gegen Australien war im Vorfeld erwartet worden und alles andere wäre eine große Enttäuschung gewesen. Gegen solche Defensivbollwerke kann man sich aber auch ganz schön die Zähne ausbeißen und mir fallen spontan nicht viele Teams der deutschen WM-Geschichte ein, die Australien so spielend leicht zerlegt hätten.

Von den bisherigen WM-Teilnehmern hat keiner das 4-2-3-1 so variabel und offensiv eingesetzt, wie die deutsche Mannschaft. Klose ließ sich immer wieder fallen, um die Viererkette auseinander zu ziehen. Özil ging konsequent mit in die Spitze, spielte phasenweise vor Klose und die Flügelzange mit Podolski und Müller habe ich in dieser Form noch nie bei einer deutschen Nationalmannschaft gesehen. Beide mit grandiosen Leistungen, viel Zug zum Tor und darüber hinaus auch mit mehr als passablem Defensivpensum. Dazu kam noch ein Sami Khedira, der zwischendurch Sprints in die Sturmspitze einlegte und so die australische Defensive völlig überforderte. Es stimmte einfach alles. Auch das ruhige Aufbauspiel mit viel Ballgeschiebe innerhalb der Viererkette trug seinen Teil dazu bei, den Gegner zu verwirren, weil es sich mit Tempofußball im Angriffsdrittel abwechselte.

Die Defensivleistung mag man ob der australischen Ungefährlichkeit gar nicht richtig bewerten. Wie sicher ist die linke Seite mit Badstuber wirklich? Wie kommen Mertesacker und Friedrich mit technisch beschlagenen Stürmern klar? Wie sieht es um Podolskis taktische Disziplin gegen hoch aufrückende Außenverteidiger aus (um Müller mache ich mir da keine Sorgen)? Kann sich das zentrale Mittelfeld auch gegen Weltklasseteams behaupten? Die wirklichen Prüfungen werden noch kommen. Für den Moment freuen wir uns lieber über dieses Fußballfest und das Ausrufezeichen, dass die deutsche Mannschaft gesetzt hat.

Für Nebengeräusche sorgte ZDF-Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein, die in der Halbzeitpause davon sprach, dass Kloses Tor “ein innerer Reichsparteitag” für ihn gewesen sei. Ich habe davon nur über Twitter erfahren, da ich das Spiel bei Sky geschaut habe. Die Formulierung mag nicht sonderlich klug gewählt sein*, aber den Vorwurf der Nutzung von “Nazi-Jargon” finde ich dann doch übertrieben. Da sollte eine einfache Erklärung der Moderatorin ausreichen (falls sie das nicht sowieso schon getan hat). Wegen der Äußerung ihre Entlassung zu fordern ist way over the line.

* Allein die Tatsache, dass etwas eine “geläufige Redewendung” ist, macht es noch lange nicht zu gutem Stil. Mir fallen spontan 3-4 “Redewendungen” ein, die ich niemals nutzen würde, weil sie rassistisch sind.

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