WM 2010: Deutschland – Spanien

Deutschland – Spanien 0:1

Aus der Traum vom vierten Stern. Die Spanier waren gestern eine Nummer zu groß für diese junge Mannschaft. Sicher kein Grund so richtig enttäuscht zu sein, denn das deutsche Team hat eine tolle WM gespielt. Die Siege gegen Argentinien und England und die Art und Weise, wie sie herausgespielt wurden, werden noch lange nachhallen. In Südafrika wurde ein neues Fundament geschaffen, auf dem man für die nächsten 6 – 8 Jahre aufbauen kann.

Dank einer überraschenden taktischen Umstellung (Pedro statt Torres) konnten die Spanier ihr Kurzpassspiel wie gewohnt aufziehen und trotzdem für Gefahr über die Flügel sorgen. Defensiv kann man dem deutschen Team kaum einen Vorwurf machen, außer dass sie sich zu weit nach hinten drängen ließen. Das war schon 2008 das Problem. Spanien beherrscht es wie kein zweites Team bei dieser WM, seine Gegner hinten einzuschnüren. Man kann diese Spielweise mit scheinbar endlosen Ballstaffetten langweilig finden, weil sie gegen gute Gegner nicht zu einem allzu schnellen Spiel oder vielen Torchancen führt. Sie aber (wie Marcel Reif gestern abend) als schlecht zu bezeichnen, schießt deutlich am Ziel vorbei. Das Spiel war auf einem hohen Niveau und eines WM-Halbfinales absolut würdig. Mit Spanien hat es auch den verdienten Sieger gefunden.

Nach dem Spiel fühle ich mich ein bisschen bestätigt in meinen Aussagen bezüglich Spaniens Plan B. Die Taktik wurde für das Spiel leicht angepasst, aber die allgemeine Spielweise blieb über die gesamten 90 Minuten fast gleich. Als einzige Mannschaft schafften sie es, sowohl Özil aus dem Spiel zu nehmen (mein Man of the Match: Sergio Busquets) als auch die defensiven Mittelfeldspieler pausenlos unter Druck zu setzen. Nach dem Führungstor gaben die Spanier den Deutschen etwas mehr Ballbesitz, zogen sich jedoch nicht vollständig zurück, sondern störten den Spielaufbau weiterhin bevor er richtig gefährlich wurde. Eine wirkliche Ausgleichschance konnte sich die deutsche Mannschaft nicht erspielen. Wenn also eine Mannschaft einen Plan B benötigte, dann die Deutschen. Falls dieser Plan B die Einwechslung von Mario Gomez gewesen sein soll, dann ist sie kläglich gescheitert. Ein detaillierte taktische Aufarbeitung des Spiels gibt’s (wie immer) bei Zonal Marking. Dort steht eigentlich alles drin, was es dazu zu sagen gibt.

Gewurmt hat mich neben der passiven Herangehensweise, die man dieser jungen Mannschaft jedoch nicht vorwerfen sollte, die Entstehung des Führungstores. Wahrscheinlich hätte Spanien irgendwann auch aus dem Spiel heraus getroffen, zur Not in der Verlängerung. Trotzdem sollte man es dem Gegner nicht so leicht machen bei einer Standardsituation. Dieses Tor war kein Zufallsprodukt, sondern ein einstudierter Spielzug, den ich gestern nicht zum ersten Mal gesehen habe: Die Ecke wird auf Pique gespielt, der zum Kopfball hochsteigt, aber nicht zum Ball geht. Dadurch schirmt er den Ball vor den Verteidigern ab. Von hinten kommt dann ein anderer Spieler – in diesem Fall Puyol – und köpft den Ball rein. Das funktioniert natürlich nur gegen Mannschaften, die bei Standards Raumdeckung spielen. Ich kann mir kaum vorstellen, dass die deutschen Scouts das Team nicht auf diese Variante vorbereitet haben. Umso trauriger, dass Spanien auf so einfache Weise das Spiel entscheiden konnte.

Nun bin ich sehr gespannt, wie sich die Niederlande im Finale schlagen werden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie gegen Spanien von einem Rückstand zurückkommen können. Allerdings haben sie die Erfahrung und den Zynismus, die Spanier über 90 Minuten zu nerven und vielleicht einen entscheidenden Konter zu setzen. Ein schnelles Spiel sollte man auch hier nicht erwarten. Für Deutschland geht es gegen Uruguay zumindest um den dritten Platz, der zwar nur ein schwacher Trost, aber eine verdiente Belohnung für dieses tolle Turnier wäre. Löw hat sich die Spanier zum Vorbild genommen und seiner Mannschaft einen ähnlichen Stil beigebracht. Gestern hat sich das Original durchgesetzt. Spaniens goldene Generation hat ihren Zenit erreicht. Deutschlands goldene Generation steht noch am Anfang ihrer Entwicklung und ist dafür schon verdammt weit.

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    7 Gedanken zu „WM 2010: Deutschland – Spanien

    1. Schöner Artikel. Ich finde es erstaunlich, dass Merte ausgerechnet beim Gegentor irgendwo am 5m-Raum lungert und weit und breit kein Gegenspieler ist, den er decken könnte. Raumdeckung hin oder her, aber sollte das ein Spieler nicht auch sehen?

      Ehrlich gesagt, finde ich die Ballstaffetten nicht langweilig. Einem Team dabei zuzuschauen, wie es in annähernder Perfektion den Ball in den eigenen Reihen hält und zudem sich immer wieder aus brenzligen Situation befreit, hat nix mit Langeweile zu tun. Langweilig ist es nur, wenn man die Attraktivität des Spiels an den erzielten Toren misst. Man darf nicht vergessen, was dazugehört, um so zu spielen, immer den freien Mann zu finden und 50m-Flanken mal eben sauber zu stoppen und gleich ins Dribbling gehen zu können. Oder wie Spieler wie Xavi mit einer einzigen Körpertäuschung zwei Gegenspieler aussteigen lässt, um dann den öffnenden Pass zu servieren. Nicht umsonst hat Löw ja immer wieder die Spanier als Vorbild genannt. Das Reif als Opportunist vor dem Herren versucht, andere schlecht zu reden, ist doch alt bekannt.

      Noch schlimmer fand ich den Kommentator in der ARD, der nach 60 Minuten meinte: “Spanien spielt das hier in aller Ruhe weiter, obwohl sie genau wissen, dass ein Konter der Deutschen alles zunichte machen kann”. Habe mich gefragt, ob er jetzt eigentlich erwartet hatte, dass die Spanier sich hinten reinstellen und lieber das 0:0 halten.

      Hier noch eine Analyse von Jonathan Wilson vom Guardian. http://sportsillustrated.cnn.com/2010/soccer/world-cup-2010/writers/jonathan_wilson/07/07/germany.spain.analysis/index.html?eref=sihp

    2. @Stephen: Ich finde die Ballstaffetten auch nicht langweilig, ganz im Gegenteil. Für mich ist das die schönste Art Fußball zu spielen, immer am Ball und aktiv das Spiel zu gestalten. Was mich bei Reif wundert: Bei Bayern findet er die Ballstaffetten nicht langweilig, obwohl van Gaals Konzept ähnlich ausgelegt ist. Wenn es dort nicht Robben gäbe, wäre die Rückrunde möglicherweise so ähnlich verlaufen wie die Hinrunde und van Gaal wäre gar nicht mehr Trainer. Auf dem Niveau machen Kleinigkeiten den Unterschied zwischen “überragend” und “brotlos”. Das Entscheidende sollte aber das Gesamtkonzept sein und das stimmt bei Spanien/Barcelona noch mehr als bei den Bayern (verständlich, da dort erst seit kurzem praktiziert). Finde ich nach wie vor schade, dass ein Reif da nicht differenzieren kann. Den Kommentator der ARD habe ich zum Glück nicht gehört.

      Danke für den Link zum Wilson-Artikel!

    3. Was ich erstaunlich finde, ist die Tatsache, dass zumindest in meiner Timeline einige finden, man sollte mit Löw nicht verlängern und jemand Neues holen.

    4. Da ich mich schon beim Kollegen ausgeheult habe mag ich es hier nicht in Gänze wiederholen.
      http://werder-fussball-blog.net/

      Dein Bericht ist vom Prinzip her richtig und gut, aber wer hat bei Spanien den Zenit erreicht? Iniesta ist 16, Busquets (dein MOTM) ist 21, Pique 23… dazu spielen 50% der Mannschaft bei Barca und für die Titelverteidigung 2012 dürfte es noch locker reichen. Also Zenit finde ich übertrieben.

      Genauso wie ich mir bei dem deutschen Stern der aufgeht nicht zu 100% sicher bin. Erstens führend goldene Generationen nicht zwangsläufig zu erfolgen (Portugal), anderseits kann ich mich noch sehr gut dran erinnern, wie wir vor 4 Jahren auch gesagt haben, dass die WM letztlich etwas zu früh kam. Wer weiß ob wir nicht in 4 Jahren neue Himmelstürmer haben, weil sich andere Spieler nicht entscheidend weiterentwickelt haben. Wer von 2006 hat den einen wirklichen Schritt gemacht? Eigentlich nur Schweini und der auch erst in diesem Jahr. Lahm vielleicht noch, aber der war auch vorher schon gut.

      Nicht falsch verstehen, ich denke auch das dieser Mannschaft die Zukunft gehört. Aber wenn ich zurück denke, dass wir 2006 mit Lahm, Jansen, Merte, Metze, Schweini, Odonkor und Poldi auch gedacht haben “gebt den Jungs noch 4 Jahre…” die meisten sind auf ihrem (hohen) Niveau stehen geblieben.

      Und auch die Argentinier werden 2014 mit einem richtigen Trainer wieder angreifen.

      Jetzt hab ich doch wieder viel geschrieben ;-)

    5. @Conti: Iniesta ist 16? Dann will ich gar nicht wissen, wie der mit 21 spielt! ;-)

      Natürlich hat Spanien auch sehr gute Nachwuchsspieler, aber ich wage zumindest zu bezweifeln, dass sie ohne Cassilas, Puyol, Xavi, Xabi Alonso oder bei der EM 2008 Senna so abgebrüht spielen würden. Vielleicht überflügelt die neue Generation der Spanier die alte ja sogar, aber ich denke Europameisterschaft plus möglicher WM-Sieg in zwei Jahren wäre schon der Zenit, zumindest für die prägenden Spieler der letzten Jahre. Das lässt sich natürlich immer erst im Nachhinein wirklich sicher sagen, aber wie sollen sie das übertrumpfen?

      Und sicher ist auch bei der deutschen Mannschaft nicht gesagt, dass die Entwicklung so weitergeht, aber im Unterschied zu 2006 haben wir nun eine ganz junge Mannschaft, die schon die volle Verantwortung einer WM getragen hat. Es ist ja nicht nur Ballack ausgefallen, sondern mit Frings, Schneider, Lehmann, Kahn oder auch Neuville nach und nach viele Leistungsträger des letzten Jahrzehnts. Trotzdem hat das Team eine überzeugende WM gespielt.

      Deine Einwände sind alle verständlich und vernünftig, aber ich finde es ist gerade die richtige Zeit, um mal optimistisch in die Zukunft zu schauen. Auch wenn es fast so untypisch deutsch ist, wie die Mannschaft bei der WM.

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