Vor dem Achtelfinale

Diese Weltmeisterschaft gilt bisher nicht als das Turnier der Europäer. Spanien, Italien, England und Portugal fahren bereits nach der Vorrunde nach Hause. Schaut man sich aber die Zahlen an, sieht das europäische Ergebnis gar nicht so schlecht aus. Sechs Teams stehen im Achtelfinale, davon die Niederlande, Frankreich, Deutschland und Belgien als Gruppensieger. Was gerne vergessen wird: Vor vier Jahr waren es ebenfalls nur sechs europäische Teams, die dann im Achtelfinale alle aufeinander trafen. Die drei Sieger belegten am Ende die ersten drei Plätze. Auch das südamerikanische Ergebnis ist nicht wirklich besser als vor vier Jahren. Damals wie heute erreichten fünf südamerikanische Teams das Achtelfinale. In diesem Jahre werden aber, dem Spielplan geschuldet, nicht vier Mannschaften des Kontinents das Viertelfinale erreichen können, wie es 2010 der Fall war.

Dennoch ist das Turnier nicht arm an Überraschungen. Damit sind gar nicht unbedingt die Favoriten gemeint, die schon in der Vorrunde ausgeschieden sind. Das passiert immer  wieder mal und macht den Charme einer WM mit aus. Auch dass sich der Weltmeister sang- und klanglos in der Gruppenphase verabschiedet, wird langsam zur Tradition. Im Gegensatz zu Italien (2010) und Frankreich (2002) hat Spanien dabei immerhin noch ein Spiel gewonnen und kann sich ein klein wenig damit trösten, gegen zwei der bislang besten Teams des Turniers ausgeschieden zu sein.

Die für mich größte Überraschung im negativen Sinne war die Leistungen der asiatischen Teams. Australien hatte das Pech, in die schwierigste Gruppe gelost zu werden und vom Iran konnte man nicht viel mehr erwarten als totale Defensive (was sie ziemlich gut gemacht haben). Japan und Südkorea hingegen waren von Anfang bis Ende enttäuschend. Beide Mannschaften konnten nicht annähernd die Qualität auf den Platz bringen, die ihre Spieler mitbringen. Südkorea war mit der einen oder anderen Slapstickeinlage in der Defensive nie ein Kandidat fürs Achtelfinale und Japan fand über 270 Minuten keinen Weg, aus den vorhandenen spielerischen Möglichkeiten eine funktionierende Offensivstrategie zu entwickeln. Gegen Griechenland wirkten sie dermaßen hilflos bei ihren Flankenversuchen, dass es beim Zuschauen wehtat – erst recht, wenn man weiß, zu was diese Spieler eigentlich fähig sind.

Sehr viel Spaß hat mir Costa Rica bislang gemacht. Eine Halbzeit lang sahen sie aus wie ein graues Mäuschen, das sich nach drei Spielen brav wieder in den Flieger setzen würde. Dann drehten sie auf. Taktisch ist das sehr hochwertig und auch wenn über die Paarung gelacht wird, ich freue mich sehr auf Costa Rica gegen Griechenland. Eine Kontermannschaft gegen ein reines Defensivbollwerk, da wird mindestens eine Mannschaft ihren Matchplan anpassen müssen. Oder mogeln sich die Griechen am Ende doch wieder durch, ohne auch nur einen Hauch in die Offensive zu investieren?

Ebenfalls begeistert hat mich Kolumbien, auch wenn das keine Überraschung war und sie nicht die stärksten Gegner hatten bislang. Die spielen das mit einer Souveränität und Selbstverständlichkeit, die beeindruckend ist für eine Mannschaft, die seit 16 Jahren nicht für eine WM qualifiziert war und erst einmal das Achtelfinale erreichte. Spielerisch wussten sie bislang mehr zu überzeugen als etwa Belgien, die zwar 9 Punkte holten, aber dabei einen eher pomadigen Eindruck hinterließen. Chiles Leistung war wie erwartet, deshalb löste sie weniger Euphorie bei mir aus, als sie es verdient hätte. Eine Mannschaft, bei der Mesut Özil der mit Abstand größte Feldspieler wäre, pflügt sich mit Kraft, Technik und gnadenlosem Pressing durch die Gegner und muss nur gegen das Umschaltmonster aus den Niederlanden eine Niederlage hinnehmen. Auch den Brasilianern werden sie damit große Probleme bereiten. Die konnten sich noch nicht entscheiden, ob sie bei ihrer Heim-WM die Hauptattraktion sein wollen oder sich mit einer Nebenrolle zufrieden geben. Überzeugt haben mich die Leistungen bislang nicht, taktisch liegt bei Brasilien einiges im argen und vom Niveau des Confed-Cups letztes Jahr sind sie noch ein Stück entfernt. Doch wie für alle Favoriten gilt: Die WM geht erst mit der K.O.-Phase richtig los, wenn sie da nicht schon vorbei ist. Eine Leistungssteigerung ist den Brasilianern ebenso zuzutrauen, wie der argentinischen One-Man-Show.

Wer aber sind die Favoriten? Geht man nach den bisher gezeigten Leistungen, sind hier die Niederlande und Frankreich ganz vorne. Die Franzosen spielen einen tollen Konterfußball, ähnlich wie Deutschland vor vier Jahren. Sie schalten gut um und haben in Benzema einen der Spieler des Turniers in ihren Reihen. Im Mittelfeld machen Pogba, Valbuena, Griezmann und Matuidi einfach Spaß. Noch bin ich allerdings skeptisch, ob das 4-1-4-1 auch defensiv hält, was es verspricht. Der unorthodoxe Stil der Nigerianer wird sicherlich nicht leicht zu bändigen sein. Der erste Gegner auf Augenhöhe kommt aber frühestens im Viertelfinale. Die Niederlande haben sich spätestens mit dem Sieg gegen Chile zum Turnierfavoriten aufgeschwungen. Van Gaal erweist sich als erstaunlich pragmatisch und prägt dabei quasi im Vorbeigehen einen ganz neuen Stil. Von Arjen Robben mag man halten, was man will. In der aktuellen Form ist er kaum zu stoppen und ganz sicher einer der besten Spieler der Welt.

Und dann wäre da noch Deutschland. Eine Vorrunde mit drei sehr unterschiedlichen Spielen ist eine gute Vorbereitung auf das, was in diesem Turnier noch kommen kann. Gegen Portugal kamen Matchglück, ein indisponierter Gegner und eine starke eigene Leistung zusammen. Gegen Ghana gab es in der zweiten Hälfte ein enorm offenes und am Ende auf dem Zahnfleisch absolviertes Spiel, bei dem man auch die eigenen Schwächen aufgezeigt bekam. Gegen die USA gab es ein taktisch geprägtes Spiel gegen eines der spielerisch schwächsten Teams des Turniers. Die Amerikaner überzeugen aber durch Team-Spirit, gute Physis und sehr diszipliniertes Defensivspiel und waren deshalb eine Prüfung, an der sich das deutsche Team lange die Zähne ausbeißen durfte.

Löws System gefällt mir. Das 4-3-3 bietet viele Möglichkeiten, die eigenen Stärken ins Spiel zu bringen und wird sehr flexibel ausgelegt. In allen drei Spielen dominierte man das Mittelfeld und hat mit Lahm, Kroos, Schweinsteiger und Özil eine Ballsicherheit, wie sie Spanien in diesem Turnier vergeblich gesucht hat. Endlich nutzt Löw auch die Stärke seiner Bank und bringt mit Klose, Khedira/Schweinsteiger, Schürrle oder Podolski neue Elemente ins Spiel.

Die Besetzung der Außenverteidigung sehe ich mit gemischten Gefühlen und es würde mich wundern, wenn man so das Turnier erfolgreich bis zu Ende spielen könnte. Boateng macht seine Sache auf rechts gut, ihm liegt diese Position viel eher, als Höwedes auf der anderen Seite. Von ihm kommen auch gefährliche Flanken und er nutzt die Lücken, die Özil und Müller auf dem rechten Flügel reißen. Dadurch ergibt sich jedoch eine Einseitigkeit im deutschen Spiel und man muss kein Taktikexperte sein, um die Anfälligkeit auf der linken Seite zu erkennen. Mit Podolski (ausgerechnet!) gab es dort gegen die USA schon etwas mehr Stabilität, da dieser sich weit mit zurückfallen ließ, um Johnsons Vorstöße zu entschärfen. Dennoch ist das Fehlen eines echten Linksverteidigers bedauerlich. Höwedes ist nach vorne (außer bei Standards) völlig ungefährlich, hinterläuft fast nie und beschränkt sich darauf, im zweiten Spielfelddrittel für Breite zu sorgen.

Aber das ist bald alles Makulatur, denn nun geht es endlich richtig los.

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