Wohin mit der Leere?

Der Fußball als Katharsis. Durch das Ausleben der eigenen, auf die Fußballwelt projezierten Emotionen werden Konflikte, Gefühle und Aggressionsbereitschaft abgebaut. Keine ganz unumstrittene These, doch für mich persönlich ist etwas dran. Wo sonst als beim Fußball kann man seinen Gefühlen mal so richtig ungeniert freien Lauf lassen, ohne dass man Konsequenzen dafür befürchten muss? Sicher, auch hierbei gibt es Grenzen. Körperliche Gewalt zählt z.B. dazu. Diese Grenzen sind jedoch deutlich weiträumiger gefasst, als in unserem mehr oder weniger konventionellen, bürgerlichen Leben.

Je nach Gefühlslage kann man auf seinen Lieblingsverein wütend oder stolz sein. Man kann sich über ihn freuen oder ärgern, ihn lautstark beschimpfen oder feiern. Man kann seine Abneigung anderen Vereinen gegenüber unmissverständlich zum Ausdruck bringen und wird dafür nicht mit gesellschaftlicher Ächtung bestraft. Es ist eine einfache, primitive Form seine Gefühle auszuleben. Gerade deshalb ist der Fußball so beliebt und gerade deshalb eignet er sich zur Katharsis. Für eine Reihe von Fans mag auch das Gegenteil gelten. Bei ihnen verfestigen sich Vorurteile und Hass auch über den Fußball hinaus. Aggressionsauf- statt -abbau.

Lange Zeit dachte ich, meine Stimmung sei abhängig von Ergebnissen und Tabellenstand meiner Mannschaft. Wenn Werder verloren hatte, war schon mal ein Tag für mich gelaufen und es dauerte seine Zeit, bis ich wieder zu positiven Gefühlsregungen in der Lage war. Diese scheinbare Abhängigkeit störte mich und ich fragte mich, was wohl passiert, wenn Werder mal wieder eine richtig schlechte Saison spielt. Aus heutiger Sicht muss ich sagen: Es gab zwar diese Parallele zwischen meiner Laune und Werders Ergebnissen. Sie war jedoch die Ausnahme.

Wenn es mir wirklich schlecht geht, tröstet mich auch keine Auswärtssieg bei den Bayern. Wenn ich auf Wolke 7 schwebe, kann mich auch eine Heimniederlage gegen Arminia Bielefeld nicht wirklich runterziehen. Vielmehr half mir der Fußball dabei, über einen kurzen Zeitraum diesen einen Moment des puren Glücks oder der ausweglosen Verzweiflung zu spüren. Das Fußballspiel als Leben im Schnelldurchlauf.

Und nun hat mich die Parallelität von Werders Ergebnissen und eigener Stimmung doch wieder eingeholt. Nur: Es gibt keinerlei Zusammenhang. Mir geht es nicht schlecht, weil Werder schlecht spielt. Und erst recht spielt Werder nicht schlecht, weil es mir schlecht geht (diese abergläubische Denkweise ist aus der Sicht eines Fußballfans gar nicht so abwegig). Zum ersten Mal seit langer Zeit wird die Bedeutung des Fußballs in meinem Leben wieder in Relation gerückt. Auch wenn es gerade hier im Blog nicht den Anschein erweckt, lässt mich die Abwärtsentwicklung in Bremen gefühlsmäßig doch merkwürdig kalt. Würde Werder gerade gut und erfolgreich spielen, würde mich das im Umkehrschluss nicht völlig kalt lassen, denn es wäre dann wieder eine willkommene Möglichkeit, für einen Moment aus der aktuellen Gefühlswelt auszubrechen. Also doch wieder Katharsis.

Was tut man aber, wenn man wirklich mal neben die Spur gerät und der Fußball einem nichts als weiteren Kummer bringt? Man kann den Kummer in Ärger umwandeln und Frust abbauen, doch auch danach ist mir in diesen Tagen nicht. Es wird in der Rückrunde noch genügend Gelegenheiten geben, um mich über Werder zu ärgern. Momentan fühle ich eher eine Leere, wenn ich an meinen Verein denke.

Fußball ist das pure Leben, aber er ist nicht mein Leben.

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    2 Gedanken zu „Wohin mit der Leere?

    1. Auch wenn es mir nicht schlecht geht und ich normalerweise sehr emotional auf Werder reagiere, hat es die Mannschaft geschafft, dass sie mir ein stückweit egal ist – ich bin mittlerweile ziemlich emotionslos, wenn ich mir Spiele anschaue, irgendwas lese oder über Werder diskutiere. Einerseits ist es schön, zeigt es, dass es auch ein Leben ohne Werder geben kann, andererseits finde ich es schade, denn sie haben es geschafft, 30 Jahre Emotion innerhalb von 6 Monaten zu zerstören.

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